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Full text of "Die Franziskaner im Hl. Lande"

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FRANZISKANISCHE  STUDIEN 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

MITGLIEDERN  DES  FRANZISKANERORDENS 


4.  BEIHEFT 

DIE  FRANZISKANER  AUF  DEM  SION 


MÜNSTER  IN  WESTF.  igig 
ASCHENDORFFSCHE  VERLAGSBUCHHANDLUNG 


DIE  FRANZISKANER  1  HL.  LANDE 


1.  TEIL 

DIE  FRANZISKANER 
AUF  DEM  SION 

(1336—1551) 


VON 

DR.  P.  LEONHARD  LEMMENS  O.F.M. 


NEUE  AUSGABE. 


MÜNSTER  IN  WESTF.  1919 
ASCHENDORFFSCHE  VERLAGSBUCHHANDLUNG 


'Biüirrä^l^OTi^^^Doii^sS^^'iw^  MÜNSTER  i.  W. 


DIE  FKAIZISKAIER  IM  HEILIGE!  LAIDE 


Vorwort. 

Kaum  war  diese  Arbeit  im  Juni  1914  zu  Jerusalem  be- 
gonnen, als  die  Nachricht  in  die  heilige  Stadt  kam,  daß  in 
Europa  der  Krieg  erklärt  sei  und  die  Türkei  rüste.  Wenn 
auch  die  Ereignisse  der  nächsten  Zeit  manche  Szene  aus  alten 
Berichten  vor  mir  aulleben  ließen,  ihnen  Inhalt  und  Farben 
verliehen,  so  war  doch  die  Einbuße  größer.  Die  zum  Studium 
notwendige  Ruhe  und  Sammlung  wurde  gestört,  mehrere  Biblio- 
theken unzugänglich.  Zum  Glück  wurde  das  große  Archiv  der 
Franziskanerkustodie  im  Kloster  S.  Salvator  erst  geschlossen, 
nachdem  ich  die  wenigen  lateinischen  und  italienischen  Stücke 
desselben,  die  der  Zeit  der  ägyptischen  Sultane  angehören,  in 
aller  Ruhe  geprüft  hatte,  während  das  Archiv  der  Prokura, 
das  in  demselben  Kloster  bewahrt  wird  und  die  arabischen 
Urkunden  der  ägyptischen  Zeit  enthält,  geölfnet  und  zu  meiner 
unbeschränkten  Forschung  frei  blieb.  Damit  war  mir  der  Plan 
für  die  Kriegszeit  vorgezeichnet:  ich  mußte  mich  einstweilen 
auf  die  ersten  Jahrhunderte,  die  Zeit  der  ägyptischen  Herrscher, 
beschränken  und  die  Fortsetzung  besseren  Tagen  vorbehalten. 

Wie  jedoch  das  Titelblatt  sagt,  habe  ich  die  Zeit  der 
ägyptischen  Sultane  um  wenige  Jahre  überschritten,  um  die 
Geschichte  des  Klosters  auf  dem  Berge  Sion,  das  bald  nach 
der  Eroberung  des  Hl.  Landes  durch  die  Türken  unterdrückt 
wurde,  in  diesem  ersten  Bande  zu  Ende  zu  führen 

Nachdem  ich  diese  klare  und  genaue  Scheidung  vollzogen 
hatte,  legte  ich  wieder  mit  frischem  Mute  Hand  ans  Werk. 
Mit  Hilfe  der  mir  von  den  Oberen  zur  Verfügung  gestellten 
Dolmetscher  konnte  ich  die  80  arabischen  Urkunden  des  Pro- 
kuraarchives  sorgfältig  studieren.  Die  hervorragenden  Arabisten 
P.  Kamillus  Maroun  0.  F.  M.  und  P.  Janssen  O.  P.  hatten  die 
Güte,  meine  Feststellungen  zu  prüfen  und  die  entstandenen 
Zweifel  und  Bedenken  zu  lösen,  so  daß  ich  eine  sichere  Grund- 


VIII  Vorwort 

läge  für  meine  Arbeit  gewann,  manche  Fehler  früherer  Dar- 
stellungen  verbessern   und  neue   Daten   verzeichnen   konnte  ^). 

Schon  länger  hatte  ich  angefangen,  die  Pilgerschriften 
der  letzten  Jahrhunderte  des  Mittelalters  auszuschreiben  und 
ihre  Nachrichten  nach  den  Ereignissen  und  Heiligtümern  zu- 
sammenzustellen. Je  mehr  ich  hierin  voranschritt,  um  so  mehr 
sah  ich,  welch  wertvolles  Material  in  diesen  Reisebüchern  steckt. 
Sie  bilden  nach  den  arabischen  Urkunden  die  Hauptquelle  meiner 
Arbeit,  die  den  von  ihren  Vorgängern  eingeschlagenen  Weg 
verläßt  und  die  spätem  Darstellungen  selten  heranzieht. 

Wer  dieses  Buch  mit  den  früher  erschienenen  Schriften 
über  die  Franziskanermission  in  Palästina  zusammenhält,  wird 
einen  großen  Unterschied  in  dem  dargebotenen  Stoffe  wahr- 
nehmen. Verschiedene  Nachrichten  scheiden  ganz  aus,  während 
andere  Ergebnisse  neu  eingeführt  werden ;  ganz  neue  Zusammen- 
hänge werden  aufgezeigt  und  viele  größere  und  kleinere  Irr- 
tümer verbessert  oder  abgewiesen.  Ich  habe  darauf  verzichtet, 
die  einzelnen  Autoren  zu  berichtigen;  so  viel  möglich  genügte 
es  mir,  die  älteren,  denen  die  übrigen  ihre  Angaben  entnommen 
haben,  zu  nennen. 

Es  ist  nicht  ein  szenenreiches  und  wechselvolles  Bild,  das 
uns  die  folgenden  Blätter  bieten;  im  großen  und  ganzen  kehren 
stets  die  gleichen  Ereignisse,  dieselben  Arbeiten  und  Prüfungen 
wieder.  Die  eigentliche  Missionstätigkeit  fehlt  ganz.  Eines 
glänzt  aber  auf  allen  Blättern  durch:  die  heroische  Treue  der 
Brüder,  ihre  durch  nichts  zu  besiegende  Liebe  und  Sorgfalt  für 
die  heiligen  Stätten.  Sie  haben  den  ihnen  anvertrauten  Posten 
an  den  äußersten  Grenzen  der  Christenheit  mutig  und  siegreich 
behauptet;  das  Abendland  sah  sich  in  dem  ihnen  geschenkten 
Vertrauen  nicht  getäuscht  und  begleitete  ihr  Wirken  stets  mit 
großem  Wohlwollen  und  Interesse.  Daher  darf  auch  diese  erste 
geschichtliche  Darstellung  der  Opfer  und  Mühen  unserer 
Brüder  an  den  heiligen  Stätten  auf  freundliche  Aufnahme  hoffen. 

Bonn  1919.  p_  Leonhard  Lemmens. 


')  Die  meisten  der  arabischen  Kontral^te  und  Fermane  waren  bereits 
von  P.  Goliibovich  für  seine  wertvolle  Liste  der  Kustoden  benutzt  worden; 
wir  konnten  einige  andere  heranziehen  und  einzelne  Fehler  verbessern. 


Inhaltsverzeichnis. 

Vorwort Vit 

Verzeichnis  der  zitierten  Schriftsteller XI 

Einleitung 1 

I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  ß 
II.  Die    heiligen   Stätten  Palästinas    vor   dem    Einzug   der 

Franziskaner ■ 27 

III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  hl.  Stätten 39 

IV.  Erste    Geschicke   der  Brüder   auf  dem    Sion.     Statuten 
und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  .  60 

V.  P.  Gerhard  Calvetti.     Neue  Fortschritte  und  Prüfungen. 
P.  Johann  Belloro 7il 

VI.  Einführung  der  Observantenfarailie  in  Palästina.   P.  Gan- 

dolf  von  Sizilien 10r> 

VII.  Bauten    und    Restaurationen.     Herzog  Philipp.     Neue 

Leiden.     Eine  Zeit  der  Ruhe 117 

VIII.  Streit  mit  den  Georgiern  um  den  Kalvarienberg.  Neue 
Verfolgungen.  Die  von  den  Franziskanern  am  Ende  des 
Mittelalters  verwalteten  hl.  Stätten.  Die  anderen  christ- 
lichen Bekenntnisse  im  Hl.  Lande 131 

IX.  Arbeiten  der  Brüder.     Gottesdienst  an  den  hl.  Stätten. 

Sorge  für  die  Pilger.     Almosen 164 

X.  Die  Türken  erobern  Palästina.     Soliman   vertreibt  die 
Franziskaner  vom  Sion 196 

Verzeichnis  der  Abbildungen. 

Abb.  1.  Zönakulum.     Ansicht  der  Südwand 49 

Abb.  2.  Zönakulum.     Ansicht  der  Westwand      49 

Abb.  3.  Zönakulum.     Ansicht  der  Ostwand 50 

Abb.  4.  Grundriß  des  Zönakulums •  53 

Abb.  ').  Lageplan 76 

Abb.  6.  Grundriß  des  Sionklosters 147 

Abb.  7.  Inneres  des  Zönakulums 149 

Abb.  8.  Grundriß  der  Grabeskirche 158 

Abb.  9.  Wappen  der  Kustodie 190 


Verzeichnis  der  ölter  zitierten  Schriftsteller  XV 

Röhricht  R.,  Etiules  siir  les    derniers  temps  du  royaume  de  Jerusalem.     In: 
Archives  de  l'Orient  Latin  Bd.  II. 

—  Regesta  Regni  Hierosolymitani  (1097 — 12ill).  Innsbruck  1S9:}. 

—  II.  H.  Meisner,  Deutsche  Pilgerreisen  nach  dem  Hl.  Lande,  Berlin  1880, 
neue  Ausgabe  Berlin  1900. 

Saewult.  Iter  ad  Terram  Sanetam  et  descriptio  eins  annis  1102  et  1103,  hrsg. 

von  M.  d'Avezac.  In:  Recueil  de  voyages  et  de  memoires,  Bd.  IV,  Paris  1839. 
Sanutus  Marinas,  der  Ältere,  Historia  Hierosolymitana  oder  Secreta  fidelium 

crucis   super  Terrae    sanctae    recuperatione    et    conservatione,    hrsg.  von 

Bongars.    In:  Gesta  Dei. 
Sanuto  Marino,  der  Jüngere,  Diari,  hrsg.  von  der  Reale  deputazione  Veneta 

di  Storia  patria,  Venedig  1879  ff. 
Sauvaire  H.,  Histoire  de  «Jerusalem  et  de  Hebron.     Fragments    de    la  Chro- 

nique  de  Moudjir-ed-dyn,  Paris  1876. 
Schachten  Dietrich  von  (1483),  Beschreibung  der  Reise  ins  heilige  landt, 

welche  Herr  landgraff  Wilhelm,  der  ältere,  anno  1483  vorgenommen.    In: 

Rühricht-Meisner,  Deutsche  Pilgerreisen. 
Sc  he  f  er,  Chesneau  =  Chesneau. 
Schefer,  Thenaud  =  Thenaud. 
Schefer  Gh.,  Voyage  de  la  Saincte  Gyte  de  Hierusalem  fait  ISSO,  hrsg.  von 

Gh.  Schefer,  Paris  1882. 
Stephani  =  Bonifacius. 
Suriano  =  Golubovich,  Trattato. 
Symonis  Simeonis  et  Wilhelrai  de  Worcestre  O.F.]\I.,  Itineraria  (1322), 

hrsg.  von  J.  Nasmith,  Canterbury  1778. 

Thenaud  Johann  0.  F.  M.  (1512),  Voyage  d'Outremer.    Suivi  de  la  Relation 

de  l'Ambassade  de  Domenico  Trevisan  aupres  du  Soudan  d'Egypte  1512, 

hrsg.  von  Ch.  Schefer,  Paris  1884. 
Theodorich  (1172),  Libellus  de  locis  sanctis,  hrsg.  von  T.  Tobler,  St.  Gallen 

und  Paris  1865. 
Thetmar  (1217),  Iter  ad  Terram  Sanetam,  hrsg.  von  T.  Tobler,  St.  Gallen  1851, 

und  Laurent  in  der  2.  Auflage  der  Peregrinationes  Medii  Aevi  Quatuor,  1873. 
Tobler  Titus,    Descriptiones    Terrae    Sanctae    ex    saecnlis  VIIL,  IX.,  XII.  et 

XV.,  Leipzig  1874. 

—  Golgotha,  Seine  Kirchen  und  Klöster,  St.  Gallen  nnd  Bern  1851. 

—  Topographie  von  Jerusalem  und    seinen  Umgehungen,    Berlin  1853,  1854. 
Tucher  Johann  (1479  1480)  Pilgerfahrt,  hrsg.  von  Feyrabend.    In  Reyßbuch. 

Verniero   Petrus   0.  F.  M.,    Chronik,    Handschrift    des    17.  Jahrhunderts    im 

Kustodialarchiv  zu  S.  Salvator  in  Jerusalem. 
Vincent  und  Abel  0.  P.,  Bethleem,  Paris  1914. 
de  Vogue,  Les  Eglises  de  la  Terre  Sainte,  Paris  1860. 

Wadding  Lucas,  Annales  Minorum,  Bd.  I — XVI,  2.  Aufl.,  Rom  1731  ff. 
Walther  von  Gnglingen  O.F.M.(1482  1483),  Itinerarium  in  Terram  Sanetam 

et  ad  Sanetam  Catharinam,  hrsg.  von  M.  Solhveck.  Tübingen  1892. 
Wanckel  =  Nikolaus. 
Weil  Gustav,  Geschichte  des  Abbasidenchaiifats  in  Egypten.  Bd.  I,  Stuttgart 

1860,  Bd.  II,  Stuttgart  1862. 
Wilbrand  von  Oldenburg  (1212)  —  Laurent. 
Wilhelm  von  Boldensele  ^  Guilielnius. 
Wintert  hur  —  Johannes. 


XIV  Verzeichnis  der  öfter  zitierten  Schriftsteller 

Martoni  =  Nicolaus  von  Martoni. 

Meist  ermann  Barnabas  0.  F.  M..  Durchs  Heilige  Land,  übersetzt  von 
Engelbert  Huber,  Trier  und  München  1913. 

Mergenthal  H.  v.  (1476).  Gründliche  und  wahrhaftige  Beschreibung  der 
löblichen  und  Ritterlich  an  Reise  und  ]\Ieerfahrt  in  das  heilige  Land  des 
Herrn  Albrechten.  Hertzogen  zu  Sachssen.  hrsg.  von  H.  Weller,  Leipzig  1586. 

Moudjir-ed-dyn  ■=  Sauvaire. 

Xikolaus  von  Este  (1413),  Viaggio  a  Gerusalemrae  di  Xicolö  da  Este  de- 
scritto  da  Luchino  dal  Campo,  hrsg.  von  J.  Ghinass'.  Turin  1861. 

Nikolaus  von  Farnad  0.  F.  M.  (1517).  Compendiosa  quedam  nee  minus 
lectu  jocunda  descriptio  urbis  Hierusalem  atque  diligens  omnium  locorum 
terre  sancte  in  Hierosolymis  adnotatio  per  quendam  devotum  in  Christo 
fratrem  divi  Francisci  de  observantia.  nationis  vere  Hungarice,  Wien  o.  J. 

Nikolaus  von  Martoni  (1394).  Liber  peregrinationis  ad  Loca  Sancta.  hrsg. 
von  L.  Le  Grand.     In:  Revue  de  TOrient  Latin  III. 

Nikolaus  von  Poggibonzi  O.  F.  M.  (1345).  Libro  d'  Oltramare.  hrsg.  von 
Albert  Bacchi  della  Lega,  Bologna  1881. 

Nikolaus  Wanckel  O.  F.  M.,  Ein  kurtze  Vermerkung  der  heyligen  Stet  des 
heyligen  landts  in  und  umb  Jerusalem;  mit  verzeychnung  der  inercklich- 
sten  ding  in  den  selbigen  geschehen.  Auch  wie  nahent  unnd  verne  ein 
Stat  von  der  andern  sey,  Nürnberg  1517. 

Odoricus  von  Pordenone  (1320)  =  Laurent. 

Oliver,  Epistola  ad  Engelbertum  archiep.  Colon,  de  obsidione  Damiatae  et 
iis  quae  vidit  in  Oriente  annis  1218,  1219,  hrsg.  in  Bongars,  Gesta  Dei. 

I*atrem  Leo  0.  F.  M..  Tableau  synoptique  de  l'histoire  de  tout  l'ordre  sera- 

phique,  Paris  1879. 
Perinaldo  Fr.  Cassini  da.  O.  F.  .M.,  Storia  di  Gerusalerame,  Bd.  I,  Rom  1857, 

Bd.  n,  Rom  1857. 
Petrus  Martyr  =  Anglerius. 

Pez  B.,  Thesaurus  anecdotorum  novissimus,  Bd.  II,  Augsburg  1721. 
Philippe  de  Voisins  (1490),  Voyage  ä  Jerusalem,  hrsg.  von  Ph.  Tamizey  de 

Larroque.     In:  Archives  Historiques  de  Gascogne.  Paris  1883. 
Philippus  Brosserius  de  Savona  0.  F.  M..  Libellus  de  descriptione  Terrae 

Sanctae.     In:  Le  Mission!  Francescane  III. 
Poloner  J.  (1422),  Peregrinatio  ad  Terram  Sanctam.  hrsg.  von  T.  Tobler  in: 

Descriptiones  Terrae  Sanctae. 
Possot  Denis  (1532),  Voyage  de  la  Terre  Sainte.  hrsg.  von  Ch.  Schcfer.    In: 

Recueil  de  Voyages  et  de  Docuraents,  Bd.  XI,  Paris  1890. 

Quaresraius  F.  0.  F.  M.,  Elucidatio  Terrae  Sanctae  historica,  theologica  et 
moralis,  neu  hrsg.  von  P.  Cyprian  von  Treviso,  Bd.  I.  Venedig  1880.  Bd.  II, 
Venedig  1881. 

Razzöli  Roberto  0.  F.  M.,  I  Francescani  in  Oriente,  Jerusalem  1909. 
Recueil    des    historiens    des  Croisades,  hrsg.  von  der  Akademie  ..des 

Inscriptions  et  belies  iettres",  Paris  1869  ff. 
Reyßbuch  =  Feyrabend. 
Ricoldus  (1294)  =  Laurent. 
—  Lettres,  hrsg.  von  Röhricht.    In:    Archives  de  l'Orient  Latin,  Bd.  II,  Paris 

1884,  Documento  264  ff. 
Rochechouart  Louis  de  (1461),  Journal  de  Voyage.  hrsg.  von  C.  Conderc. 

In:  Revue  de  l'Orient  Latin  Bd.  I. 


Verzeichnis  der  öfter  zitierten  Schriftsteller  XIII 

Goliibovich  Hieronymus  O.  F.  M.,  Serie  cronologica  dei  R.  Superiori  di 
Terra  Santa.     Con  Dociinienti  e  Firmani  Arabi  inediti,  Jerusalem  1898. 

—  Trattato    di   Terra    Santa    e    dell'  Oriente  di  Frate    Francesco    Suriano, 
Mailand  1900. 

Grethenius  (um  1400)  ^  Khitrowo. 

Grünemberg  (1486),  Pilgerfahrt  ins  Heilige  Land,  hrsg.  von  J.  Goldfriedrich 
und  W.  Fränzel.     In:  Voigtländers  Quellenbücher,  Leipzig  o.  J. 

Guarmani  C,  Gl'  Italiani  in  Terra  Santa,  Bologna  1872. 

Gucci  G.  (1384),  Viaggio  in  Luoghi  Santi,  hrsg.  mit  der  Reisebeschreibung 
des  Frescobaldi  ==  Frescobaldi. 

Guglingen  =  Walther. 

Guilielmi  de  Boldensele  (1333),  Itinerarius  in  Terram  Sanctam.  In:  Bas- 
nage, Thesaurus  IV. 

Gumpenberger  St.  (1449),  Reisebericht.     In:  Feyrabend,  Reyßbuch. 

Harff  A.    von    (1496—1499),    Pilgerfahrt    von    Cöln    durch    Italien,    Syrien, 

Ägypten,  Palästina,  hrsg.  von  E.  von  Groote,  Cöln  1860. 
Haroldus  -=  Albert  von  Sartheano. 

Jakob  von  Verona  (1335),    Liber  Pcregrinationis,  hrsg.  von  Röhricht.    In: 

Revue  de  I'  Orient  Latin,  Bd.  III. 
Jakob  von  Vitry,  Historia  orientalis  seu  Hierosolymitana,  zum  Teil  hrsg.  von 

Bongars.  In:  Gesta  Dei.  Vgl.  Potthast,  Bibliotheca  historica  Medii  Aevi  I  634. 
Ignaz  von  Smolensk  (1389 — 1405)  =  Khitrowo. 

Jodokus  von  M eggen  (1542),  Peregrinatio  Hierosolymitana,  Dillingen  1580. 
Johannes    von  Winterthur    O.  F.  M.,    Chronicon,    hrsg.    von    G.    v.  Wyß, 

Zürich  1856. 
Johannes    von  Würzburg  (1165),  hrsg.  von  T.  Tobler.     In:    Descriptiones 

Terrae  Sanctae. 
Justinianus  von  Venedig  0.  F.  M.,  Gesta  Dei  per  Fratres  Minores  in  Terra 

Sancta.    In :  Zeitschrift  Le  Missioni  Francescane  II  ff. 

Khitrowo  B.,  Itinöraires  Busses.  In:  Societe  de  TOrient  latin,  Serie  geogr. V, 
Genf  1888. 

Ivaurent  J.  C.  M.,  Peregrinationes  Medii  Aevi  Quatuor  (Burkard,  Ricoldus, 
Odoricus,  Wilbrand),  Leipzig  1864. 

Lengherand  G.  (1486),  Voyage  ä  Venise,  Rome,  Jerusalem,  Mont  Sinai  et 
le  Kayre,  hrsg.  von  G.  Menilglaise,  Mons  1861. 

Libellus  descriptionis  Terrae  Sanctae  (1427).  In:  Le  Missioni  Fran- 
cescane IV. 

Ludolf  von  Siichem  (1336 — 1341),  Liber  de  Itinere  Terrae  Sanctae,  hrsg.  von 
F.  Deycks,  Stuttgart  1851.     Deutsch  in  Feyrabend,  Reyßbuch. 

Makrizi  Ahmed,  Histoire  des  Sultans  Mamlouks  de  l'figypte,  ins  franzö- 
sische übersetzt  von  M.  Quatremere,  4  Bde.,  Paris  1837  ff. 

Marcellinus  von  Civezza  0.  F.  M.,  Saggio  di  Bibliografia  Sanfrancescana, 
Prato  1879. 

—  Storia  universale  delle  Missioni  Francescane,  Rom,  Prato,  Florenz  1857-1895. 
Mariano  Morone   da  Maleo  O.  F.  M.,    Terra    Santa  nuovamente   illustrata, 

Piacenza  1669. 
Marian  von  Florenz  O.  F.  M.,  Compendium  Chronicorum  Fratrum  Minorum. 

In  AFH  Iff. 
Marian  von  Siena  (1431),  Viaggio    in    Terra    Santa,    hrsg.    von    D.  Moreni, 

Florenz  1822. 


XII  Verzeichnis  der  öfter  zitierten  Schriftsteller 

Canisius  =  Basnage. 

Casola  P.  (1494),  Viaggio  a  Gerusalerame,  hrsg.  von  G.  Porro,  Mailand  1855. 

de  Caumont  (1418).  Voyage  d'Oullremcr  cn  Jerusalem,  hrsg.  von  Marquis 
de  la  Orange,  Paris  1858. 

Chesneau  J.  (1547),  Le  Voyage  de  Monsieur  d'Aramon.  hrsg.  von  Ch.  Schefcr, 
Paris  1887. 

Christophorus  de  Varese  O.  F.  M.,  Libollus  de  privilegiis  Terrae  Sanctac, 
Handschrift  des  15.  Jahrhunderts  im  Kustodialarchiv  des  Franziskaner- 
klosters S.  Salvator  zu  Jerusalem. 

Civezza  =  Marcellino. 

Conrady  L.,  Vier  Rheinische  Pilgerfahrten  des  XIV.,  XV.  und  XVI.  Jahr- 
hunderts, Wiesbaden  1882. 

Contenson  L.  de,  Une  Lettre  du  P.  Gardien  de  Jerusalem  en  1542.  In: 
Revue  d'Histoire  Diplomatique.  Jahrg.  20,  Paris  1912. 

Courct  A.,  L'Ordre  du  Saint-Sepulcrc  de  Jerusalem.  In:  La  Terrc  Sainte, 
1885—1887. 

Oelaville   Le  Roule,    Cartulaire    general   de    lOrdre    des   Hospitalicrs    de 

S.  Jean  de  Jerusalem,  Bd.  I,  Paris  1894. 
Dcycks  =  Ludolf  von  Suchern. 
Diarium  Terrae  Sanctae,  Jerusalem  1908  ff.  (D  T  S). 

Eijan  Samuel  O.  P".  M.,  Fspana  cn  Tierra  Santa,  Barcelona  1910. 
Eubel  Conradus,  Bullarium  Franciscanum  Bd.  V — VII,  Rom  1898 — 1904. 
Eyb,    Die    Pilgerfahrt   Ludwigs    des    Jüngern    (1  J7i)),    hrsg.  von    Ch.  Geyer, 
Bayreuth  1902. 

Farn  ad  —  Nikolaus  von  Farnad. 

Felix  Fabri,  Evagatorium  in  Terrae  Sanctae,  Arabiae  et  Egypti  pcregrina- 
tionem  (1480  und  1483  1484),  hrsg.  von  C.  D.  Haßler.  In:  Bibliothek  des 
litter.  Vereins,  Stuttgart  1843—1849. 

Feyrabend  Sigmund.  ReyUbuch  des  heyligen  Landes,  Das  ist  Ein  gründt- 
liche  beschreibung  aller  und  jeder  Meer  und  Pilgerfahrten  zum  hl.  Lande, 
Frankfurt   1584. 

Frescobaldi  Leonardo  (1384).  Viaggio  in  Terra  Santa.  In:  Viaggi  in  Terra 
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Ghinassi  =  Nicolö  da  Este. 

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—  Ichnographiae  locorum  et  monumentorum  veterum  Terrae  Sanctae,  accurate 

delineatae  et  descriptae  a  P.  Elzeario  Hörn  O.F.M.  (1725—1744),  Rom  1902. 


Verzeichnis  der  öfter  zitierten  Schriftsteller  0. 

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Analecta  Franciscana  sive  Chronica  aliaque  varia  Documenta  ad  historiam 

Fratrum    Minorum    spectantia,    hrsg.   vom    Kolleg    der    Franziskaner    zu 

Quaracchi  bei  Florenz  (A  F). 

II  Chronica  Fr.  Nicolai  Glaßberger,  Quaracchi  1887. 

III  Chronica  XXIV  Generalium  Ordinis  Minorum,  1897. 

I\'  Bartholomaeus  de  Pisa,  Liber  de  Conformitate  vitae  beati  Fran- 
cisci  ad  vitam  Domini  Jesu  fructus  I — XII,  1906. 

Anglerius  Petrus  Martyr,  Legatio  Babylonica,  Basel  1538. 

d'Anglure,  Le  Saint  Voyage  de  Jherusalem  (1395),  hrsg.  von  Franz  Bon- 
nardot  und  August  Longnon,  Paris  1878. 

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dam 1725. 

Antonius  de  Reboldis  von  Creraona  0.  F.  M.  (1327),  Itinerarium  ad  Sepul- 
chrum  Domini,  hrsg.  von  H.  Golubovich.    In:  Le  Missioni  Francescane  VIII. 

Archivum  Franciscanum  Historicum,  Quaracchi  19081!.  (AFH). 

Baldensel  =  Guihelmi. 

Bas  nage  J.,  Thesaurus  Monumentorum  Ecclesiasticorum  et  Historicorum  sive 

Henrici  Canisii  Lectiones  Anliquae,  Amsterdam  1725. 
Baumgarten  Martini  a  (1507),  Peregrinatio  in  Aegyptum,  Arabiam,  Palae- 

stinam  et  Syriam,  hrsg.  von  M.  Chr.  Donaverus,  Nürnberg  1594. 
Bcrnardino  Amico  0.  F.  M.,    Trattato   delle    Plante    et   Immagini    dei    Sacri 

Edifizi  di  Terra  Santa,  disegnato  in  Jerusalemme  secondo  le  regole  della 

Prospettiva  et  vera  misura  della  lor  grandezza,  Florenz  1620. 
Bernhard  von  Breitenbach  (1483),  Peregrinationes,  1486  und  öfter. 
Bongars  J.,   Gesta  Dei  per  Francos  sive   orientalium    expeditionum  et  regni 

Francorum  Hierosolimitani  historia  a  variis  scriptoribus   litteris  commen- 

data,  Hannover  1611. 
Bonifatius  Stephani    (oder    Stephanus)    0.  F.  M.,    Liber    de    perenni    cultu 

Terrae  Sanctae,  neu  hrsg.  von  P.  Cyprian  von  Treviso,  Venedig  1875. 
Brosserius  =  Philippus  Brosserius. 

Burchardus  de  Monte  Sion  (1283).  Descriptio  Terrae  Sanctae  =  Laurent. 
Bzovius  A.,  Annales  Ecclesiastici,  Rom  1616  ff. 

Calahorra  J..  Historia  cronologica  deIla«Provincia  di  Syria  e  Terra  Santa, 
aus  dem  spanischen  übersetzt  ins  italienische  von  P.  Angelicus  von  Mai- 
land, Venedig  1694. 

1)  Die  hinter  den  Namen  der  Verfasser   eingeklammerten  Jahreszahlen 
geben  die  Zeit  ihrer  Pilgerreise  an. 


Einleitung. 

Am  18.  Mai  1291  wurde  Akri,  das  letzte  Bollwerk  der 
Kreuzfahrer  in  Palästina,  nach  tapferer  Gegenwehr  von  den 
Truppen  des  ägyptischen  Kalifen  Aschraf  Chalil  erstürmt.  Bald 
ergaben  sich  ihm  die  wenigen  Plätze,  die  an  der  Küste  in  den 
Händen  der  abendländischen  Christen  verblieben  waren,  und 
damit  waren  die  letzten  Erfolge  zweihundertjähriger  Kämpfe 
und  Opfer  im  Oriente  vernichtet,  über  ganz  Syrien  und  Palä- 
stina herrschte  aufs  neue  der  Halbmond.  Wie  die  erste  Erobe- 
rung des  Hl.  Landes  durch  die  Moslems,  so  brachte  auch  dieser 
zweite  Sieg  des  Islams  geringe  Änderungen  in  den  religiösen 
Verhältnissen  der  morgenländischen  Christen,  der  Griechen, 
Armenier,  Syrier  und  anderer.  Sie  behielten  ihren  Bestand,  ihre 
Kirchen  und  Rechte  und  durften  ungestört  im  Hl.  Lande  ver- 
bleiben. Wie  uns  die  Pilger  jener  Zeit  berichten,  zählten  damals 
die  morgenländischen  Christen  in  Palästina  nach  Tausenden  0; 
ganze  Orte,  wie  z.  B.  Bethlehem'-),  waren  ausschließlich  von 
Christen  bewohnt.  Alle  Länder  des  christlichen  Orientes  waren 
im  Hl.  Lande  vertreten.  Nur  die  abendländischen  Christen  hat- 
ten dasebst  keine  bleibende  Stätte;  ihre  Kirchen  und  Klöster 
waren  die  Beute  der  Sieger  geworden.  Die  Pilger,  die  bald 
aus. dem  Westen  in  großer  Zahl  herüberkamen,  waren  bei  ihren 
Andachten  auf  das  Wohlwollen  der  schismatischen  Geistlichen 
angewiesen. 


1)  Der  Dominikaner  Ricoldus.  der  1294  in  Palästina  weilte,  traf  anf 
Epiphanie  am  Jordan  „ultra  decem  millia"  Christen.     Laurent  109. 

■-)  Der  Dominikaner  Burkard  berichtet  1283  von  Bethlehem:  „Incolae 
hujus  viilac  omnes  sunt  Christiani."  Laurent  79.  Dasselbe  sagt  1333  Wil- 
helm von  l^oldcnsele:  „Ilabitatores  eins  sunt  communitor  Christiani,  quamvis 
Schismatici."     Bas  nage  IV  34ü. 

Franzi8k.  Stuilien,  Beiliprt  4:  Lemmens,  Die  Franziskaner  au!  dem  Siou.  1 


2  Einleitung 

Lange  sollte  jedoch  dieser  Zustand  nicht  dauern.  Nachdem 
das  Ende  der  Kämpfe  die  Reibungsflächen  zwischen  dem  Abend- 
lande und  dem  Oriente  beseitigt  hatte,  gewannen  bald  ruhigere 
Erwägungen  am  Hofe  des  Kalifen  die  Oberhand.  Der  Kalif 
Nassir  Muhammad,  Bruder  und  Nachfolger  des  Sultans  Aschraf 
Ohalil,  der  dem  Reiche  der  Kreuzfahrer  das  Ende  bereitet  hatte, 
einer  der  tüchtigsten  MameUickensultane,  war  ein  duldsamer 
und  weitherziger  Monarch,  der  von  Zeitgenossen  als  Freund 
der  Katholiken  gepriesen  wurde  ^).  Er  kannte,  wie  Johann  von 
Winterthur  sagt^),  die  Zerrissenheit  und  Streitigkeiten  der  Für- 
sten und  Völker  Europas  zu  gut,  als  daß  er  von  dort  Gefahren 
für  sein  Reich  gefürchtet  hätte.  Als  daher  König  Robert  von 
Neapel  mit  seiner  frommen  Gemahlin  Sanzia  an  den  Sultan  die 
Bitte  um  Zulassung  abendländischer  Ordensleute  in  Jerusalem 
richtete,  fand  dieselbe  Gehör,  zumal  sie  von  den  im  Oriente 
stets  wirksamen  Geschenken  begleitet  war.  Der  Sultan  über- 
ließ dem  Königspaar  das  Zönakulum  und  zwei  Kapellen  auf  dem 
Sion.  Eine  sizilianische  Dame,  namens  Margareta,  die  beim 
Sultan  „in  großen  Gnaden"  stand  und  den  Christen  viel  Gutes 
erwies^),  vermittelte  den  Ankauf  des  anstoßenden  Grundstückes; 
Königin  Sanzia  baute  auf  demselben  ein  Kloster  und  übergab 
es  den  Franziskanern,  die  dem  Könige  durch  seinen  Bruder,  den 
heiligen  Franziskaner  Ludwig  von  Anjou,  besonders  nahestanden; 
der  Sultan  ließ  die  Brüder  zum  Gottesdienste  in  der  Grabeskirche 
zu  und  räumte  ihnen  die  Kirche  über  der  Geburtsgrotte  zu 
Bethlehem  ein.  So  war  in  kurzer  Zeit  und  in  friedlicher  Arbeit 
das  hohe  Ziel  zum  Teil  und  in  anderer  Form  errreicht,  daß  sich 
das  christliche  Abendland  im  elften  Jahrhundert  gesteckt  und 
zweihundert  Jahre  hindurch  mit  unsäglichen  Opfern  und  Kämpfen 
stets  aufs  neue  aber  vergebens  erstrebt  hatte.  Mehrere "  der 
ehrwürdigsten  Heiligtümer  Palästinas  waren  Eigentum  des  Abend- 
landes und  katholischen  Ordensleuten  an^'ertraut  worden,  die 
sich  dieses  Vertrauens  würdig  erwiesen. 


1)  So  sagt  Johann  von  Winterthur  von  ihm:  ,.Hic  Soldanus,  ut  commu- 
niter  aperitur,  Christianos  diligens.  ipsos  benigne  et  reverenter,  cum  ad  partes 
ditlonis  suae  venerant,  tractavit."     Wyß  145. 

2)  Ebd.  146.  3)  Ludolf  von  Sudheim.    Vgl.  Reißbuch  Bl.  450 v. 


Einleitung  3 

Nicht  ohne  Recht  erinnern  die  Franziskanerchronisten  bei 
dieser  Wendung  der  Dinge  an  das  Wort,  das  der  Herr  durch 
den  Propheten  Sophonias^)  an  Jerusalem  richtete:  „Ich  will 
die  Großsprecher  aus  deiner  Mitte  nehmen  und  lasse  übrig  unter 
dir  ein  armes,  dürftiges  Volk,  das  vertraut  auf  den  Herrn." 
An  Stelle  der  stolzen  Kreuzritter  waren  die  armen  Söhne  des 
hl.  Franziskus  die  Wächter  der  Heiligtümer  geworden,  die  statt 
Panzer  und  Schwert  das  Gottvertrauen  zur  Rüstung  wählten 
und  im  Namen  des  Herrn  ihren  Feinden  trotzten.  Von  Wider- 
sachern umgeben,  von  Tod  und  Not  begleitet,  trotz  Seuchen  und 
Krankheiten,  unter  Erpressungen  und  Entbehrungen  aller  Art, 
in  Kerker  und  Banden  haben  sie  die  Fahne  des  Kreuzes  mutig 
verteidigt  und  ihren  an  der  äußersten  Front  gelegenen  Posten 
siegreich  behauptet.  Man  konnte  sie  töten,  ins  Gefängnis  werfen, 
ihre  Klöster  viele  Monate  vermauern;  stets  warteten  andere 
Brüder  sehnsüchtig  auf  die  Erlaubnis,  an  ihre  Stelle  zu  treten, 
die  Reihen  zu  schließen  und  das  Opferleben  fortzusetzen.  Das 
Blatt,  auf  dem  diese  älteste  der  heutigen  Missionen  beschrieben 
ist,  die  einzige,  die  aus  den  Zeiten  des  glaubensvollen  Mittel- 
alters bis  auf  unsere  Zeit  bestehen  blieb,  prangt  in  besonderer 
Farbenpracht. 

Die  Geschichte  dieser  Mission  umfaßt  zwei  Perioden:  die 
Zeit  der  ägyptischen  und  die  der  osmanischen  oder  tür- 
kischen Kalifen,  die  1516  Syrien  eroberten.  Beide  Zeiträume 
unterscheiden  sich  in  mannigfacher  Beziehung;  vor  allem  waren 
die  ägyptischen  Herrscher  unduldsamer  und  fanatischer,  während 
die  türkischen  Machthaber  schon  durch  politische  Rücksichten 
und  Verträge  zu  größerer  Duldsamkeit  genötigt  waren. 

So  kam  es,  daß  die  Mission,  die  unter  den  ägyptischen  Herr- 
schern auf  die  drei  gleich  zu  Anfang  gewährten  Klöster  be- 
schränkt blieb,  unter  den  türkischen  Kalifen  die  Zahl  ihrer  Nieder- 
lassungen stets  vermehren  konnte.  Damit  ergab  sich  aber  das 
Wachstum  der  seelsorglichen  Tätigkeit  der  Brüder,  die  zunächst 
nur  den  abendländischen  Pilgern  gegolten  hatte;  es  nahmen 
immer   mehr  Katholiken   aus  Europa   in  Syrien   und  Palästina 

>j  3.  1 1  r. 


4  Einleitung 

Wohnung,  und  mehrere  Male  näherten  sich  größere  Gruppen 
morgenländischer  Christen  der  römischen  Kirche.  Darin  waren 
sich  indes  beide  Zeiträume  gleich,  daß  jede  Predigt  unter  den 
Sarazenen  ausgeschlossen  blieb;  sie  war  bei  Todesstrafe  ver- 
boten, und  mehrere  Fälle  zeigen,  daß  diese  Strafe  auch  zur 
Ausführung  gelangte. 

Perinaldo,  ein  guter  Kenner  der  Geschichte  unserer  Mission, 
sagt  über  das  Verhalten  der  osmanischen  und  ägyptischen  Be- 
hörden^): „Erstere  waren  weniger  blutdürstig  als  jene,  aber 
je  weniger  Blut  sie  vergossen,  um  so  mehr  Galle  mußten  die 
Brüder  verkosten;  und  je  geringer  die  Auslagen  für  die  Wieder- 
herstellung der  verbrannten  Kirchen  waren,  um  so  größere 
Summen  mußten  sie  aufwenden,  um  ihre  Kirchen  vor  der 
Schließung  zu  bewahren  .  .  .  Die  Sarazenen  dürsteten  nach  Blut, 
die  Türken  nach  Gold.  Eine  Folge  dieses  Durstes  waren  die 
tausend  Streitfragen,  die  sie  immer  aufs  neue  aufleben  ließen 
und  unter  den  verschiedenen  christlichen  Genossenschaften,  die 
im  Schatten  derselben  Heiligtümer  lebten,  nährten.  Eine  Folge 
dieses  unersättlichen  Durstes  waren  die  tausend  Fermane,  die 
nach  Art  der  alten  delphischen  Orakelsprüche  lauteten  und  jeder- 
zeit bald  zugunsten  der  einen,  bald  der  andern  Gemeinde  ge- 
geben wurden.  Eine  Folge  dieses  Durstes  waren  endlich  die 
endlosen  Plackereien,  die  gewaltsamen  Erpressungen  und  die 
stets  wiederholten  Forderungen,  welche  die  Geschichte  der 
Franziskaner  Palästinas  füllen."  „Den  neuen  Machthabern  fiel 
es",  sagt  Tobler  von  den  Osmanen,  „nach  und  nach  ein,  sich 
als  Besitzer  der  heiligen  Stätten  zu  erklären  und  sie  nach  Lust 
oder  Laune  oder  vielmehr  auf  das  Mehrgebot  hin  zu  vergeben"^); 
daher  die  vielen  Streitigkeiten  der  christlichen  Konfessionen  in 
der  türkischen  Zeit,  während  unter  den  ägyptischen  Herrschern 
die  Besitztitel  an  den  Heiligtümern  meist  außer  Frage  blieben. 
Erst  als  gegen  Ende  die  Türkengefahr  immer  höher  stieg,  durf- 
ten die  Georgier,  die  als  Feinde  und  Nachbarn  der  Türken  den 
ägyptischen  Kalifen  willkommene  Bundesgenossen  waren,  im 
Vertrauen  auf  diese  Gunst  einen  freilich  vergeblichen  Vorstoß 


1)  Stoiia  di  Gerusalenme  II  187.  -)  Topographie  II  486. 


Einleitung  5 

gegen  die  Rechte  der  abendländischen  Christen  auf  einen  Teil 
des  Kalvarienberges  machen. 

Aus  diesen  Gründen  ist  die  Geschichte  der  Mission  in  der 
zweiten  Periode  weit  mannigfaltiger  und  bewegter  als  in  den 
ersten  zwei  Jahrhunderten,  in  denen  stets  dieselben  Ereignisse 
wiederkehren:  Sorge  der  Brüder  für  die  heiligen  Stätten,  Ar- 
beiten für  die  abendländischen  Pilger,  denen  sie  Gastgeber, 
Führer,  Berater  und  Dolmetscher  waren,  und  Verfolgungen 
von  selten  mohammedanischer  Behörden,  die  sich  an  unsern 
Brüdern  für  alle  Maßregeln  der  christlichen  Herrscher  gegen  die 
Sarazenen  rächten. 

Die  vorliegende  Schrift  erzählt  die  Geschicke  der  Franzis- 
kaner in  Palästina  unter  den  ägyptischen  Kalifen  und  greift 
ein  paar  Jahrzehnte  über  diesen  Zeitraum  hinaus,  um  die  Ge- 
schichte der  Niederlassung  auf  dem  Sion  zu  Ende  zu  führen. 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit 
der  Kreuzzüge. 

Seit  den  ersten  Zeiten  des  Ordenslebens  hielten  Einsiedler 
und  Mönche,  Lauren  und  Klöster  Einzug  in  Palästina;  die  hei- 
ligen Stätten  und  die  stimmungsvollen  Einöden  fesselten  stets 
aufs  neue  gottselige  Männer  und  fromme  Frauen,  die  für  ihren 
Erlöser  leben  und  sterben  wollten,  wo  er  gelebt  und  gelitten 
hat.  Trotz  der  verschiedenen  Geschicke  und  Schläge,  die  das 
Hl.  Land  wiederholt  seit  Beginn  des  Mittelalters  trafen,  ver- 
schwand das  Ordensleben  nicht  mehr  aus  Palästina.  Das  Heer 
des  Perserkönigs  Chosroes  setzte  mehrere  hundert  Kirchen,  Klö- 
ster und  Heiligtümer  in  Brand;  die  Mönche  blieben  im  Lande. 
Bald  nachher  kamen  die  Araber  und  pflanzten  für  viele  Jahr- 
hunderte den  Halbmond  an  die  Stelle  des  Kreuzes;  aber  das 
Ordensleben  behauptete  sich  weiter.  „Man  ist  wahrhaft  erstaunt", 
sagt  Tobler,  „in  einer  Zeit,  in  welcher  die  Christen  unter  der 
Botmäßigkeit  der  Mohammedaner  lebten,  nach  den  Verheerungen 
der  Perser  .  .  .  noch  so  viele  Kirchen  und  Klöster  zu  treffen. 
Es  ist  dies  nicht  nur  ein  Zeugnis  für  die  im  ganzen  milde  Re- 
gierung der  Kalifen,  sondern  auch  dafür,  daß  die  Christen  einen 
wichtigen  Faktor  der  Bevölkerung  ausmachten.  Das  tartarische 
Verfahren  der  Moslemin  und  das  Abschwächen  des  christlichen 
Bestandteiles  war  einer  spätem  Zeit  vorbehalten"  ^). 

Das  schwerste  Unheil  brachten  der  Kirche  des  Orientes  die 
vielen  Schismen  und  Ketzereien,   die  seit  dem  5.   Jahrhundert 


1)  Tobler,  Descriptiones  373.  Vgl.  auch  R.  Hartraann,  Palästina 
unter  den  Arabern,  Leipzig  1915,  17:  ..Die  Kirchen  und  Synagogen  verblieben 
im  großen  Ganzen  ungeschmälert  im  Besitz  der  Glaubensgemeinschaften." 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  7 

die  einzelnen  Völker  des  Morgenlandes  vom  Felsen  Petri  der 
Reihe  nach  losrissen.  Auch  aus  Palästina  verschwand  die  rö- 
misch-katholische Kirche,  um  den  verschiedenen  Konfessionen 
und  Riten  der  neuen  Sekten  den  Platz  zu  räumen.  Indes  blieben 
die  Klöster  auch  jetzt;  jedes  Christenvolk  des  Orientes  suchte  und 
fand  sein  Kloster  auf  heiligem  Boden;  man  hatte  nun  in  Palästina 
armenische  und  griechische,  koptische  und  andere  Mönche. 

Wiederholt  kehrten  auch  abendländische  Klöster  und  Or- 
densleute im  Morgenlande  ein.  So  hatte  bereits  der  Ruf  des  hl. 
Hieronymus  gottgeweihte  Männer  und  Frauen  aus  Italien  nach 
Bethlehem  gezogen.  Und  800  gründete  Karl  der  Große  gegen- 
über der  Grabeskirche  ein  Benediktinerkloster,  das  aber  nach 
200  Jahren  der  Zerstörungswut  des  Kalifen  Hakim  erlag.  Doch 
bildeten  naturgemäß  die  abendländischen  Klöster  im  Oriente 
eine  Ausnahme,  bis  die  Eroberung  des  Hl.  Landes  durch  die 
Kreuzfahrer  ein  vorübergehendes  Aufblühen  des  lateinischen 
Ordenslebens  in  Palästina  bewirkte.  Jetzt  erhielten  die  Regu- 
lierten Chorherrn  ihre  Stätte  an  den  großen  Heiligtümern;  Be- 
nediktiner und  Benediktinerinnen,  Zisterzienser  und  Prämon- 
stratenser  gründeten  .\bteien  auf  Berg  und  Tal;  daneben  ent- 
standen ganz  neue  Orden  auf  dem  fruchtbaren  Boden  Palästinas. 
Leider  war  allen  diesen  Gründungen  nur  kurze  Zeit  beschieden. 
Ehe  sich  ein  Jahrhundert  neigte,  mußte  das  Kreuz  ein  zweites 
Mal  in  der  Hl.  Stadt  dem  Halbmonde  weichen  und  das  König- 
reich Jerusalem  sich  auf  einen  schmalen  Meeressaum  beschrän- 
ken. Jerusalem,  Bethlehem  und  Nazareth  fielen  mit  dem  größ- 
ten Teile  des  Landes  in  die  Hände  Saladins.  Die  lateinischen 
Christen  mußten  abziehen;  ihre  Kirchen  und  Klöster  wurden 
Moscheen  oder  Schulen  und  sahen  nur  noch  einmal  auf  kurze 
Zeit  die  alten  Bewohner  wieder,  als  Kaiser  Friedrich  II.  mit 
Sultan  Melek-el-Kamel  Frieden  geschlossen  hatte,  und  Patriarch 
Geroldus  mit  seinem  Kapitel,  den  Regulierten  Chorherrn  und 
Mönchen  nach  Jerusalem  zurückkehrte. 

Jene  Friedenszeit  öffnete  zwei  Orden,  die  erst  seit  kurzer 
Zeit  entstanden  und  von  der  Kirche  bestätigt  waren,  die  Tore 
Jerusalems,  den  Franziskanern  und  Dominikanern.  Kaum  ge- 
gründet, hatten  sie  schon  Brüder  ins  Morgenland  gesandt.   Konn- 


8  I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

ten  diese  auch  nur  wenige  Jahrzehnte  in  Palästina  bleiben,  so 
sahen  die  weiten  Länder  des  Orientes  sie  noch  lange  als  die 
einzigen  Vertreter  und  Boten  der  abendländischen  Kirche.  Mit 
ihnen  beginnt  eine  neue  Blütezeit  der  Kirche  im  Abendlande 
und  eine  neue  Epoche  des  lateinischen  Ordenslebens  im  nahen 
und  fernen  Asien,  in  Armenien  und  Persien,  in  Indien  und  unter 
den  Tataren.  Dem  einen  derselben  sollte  es  sogar  vergönnt 
sein,  die  von  den  Kreuzfahrern  verlassene  Fahne  wieder  auf- 
zunehmen und  Jahrhunderte  hindurch  mit  Gut  und  Blut  en  den 
hl.  Stätten  zu  verteidigen. 

Über  den  ersten  Aufenthalt  der  Franziskaner  in  Palästina 
wird  wenig  berichtet.  Die  Brüder  werden  nur  gelegentlich  in 
Chroniken  oder  Urkunden  erwähnt.  Man  sieht  sogleich,  daß 
ihre  Geschicke  im  Hl,  Lande  mit  den  Geschicken  des  Königs- 
reiches Jerusalem  innigst  verknüpft  waren;  ihre  Niederlassun- 
gen beschränkten  sich  auf  seine  Grenzen  und  fanden  mit  dem- 
selben ihr  Ende. 

Wir  wissen  nicht,  wann  die  Brüder  zum  ersten  Male  in 
Palästina  erschienen,  und  wo  die  ersten  Niederlassungen  ent- 
standen. Die  älteste  Nachricht,  die  auf  einen  dauernden  Aufent- 
halt derselben  im  Hl.  Lande  schließen  läßt,  enthält  das  Schrei- 
ben, das  Gregor  IX.  am  1.  Februar  1230  an  die  Patriarchen 
von  Jerusalem  und  Antiochien  richtete.  Er  sagt  in  demselben: 
„Wenn  ihr  die  Minderbrüder  betrachtet,  so  wendet  ihr  wohl 
erkennen,  daß  sie  nicht  zeitliche  Güter  erstreben"  ') ;  diese 
Worte  setzen  voraus,  daß  jene  Kirchenfürsten  die  Gelegenheit 
hatten,  das  Wirken  der  Brüder  zu  betrachten. 

Wo  aber  die  Brüder  damals  verweilten,  wird  nicht  gesagt. 
Daß  im  13.  Jahrhundert  eine  Niederlassung  zu  Jerusalem 
bestand,  ist  außer  Zweifel,  da  sie  von  dem  Dominikaner  Ricol- 
dus,  der  1294  die  hl.  Stätten  besuchte,  ausdrücklich  erwähnt 
wird.     Bei  Beschreibung  des   Leidensweges   unsers   Herrn   be- 

1)  GB  I  160.  —  Bore  (Della  questione  dei  Luoghi  Santi,  Malta  1850, 
14  Anm.)  meint,  Gregor  IX.  hätte  1238  den  Franziskanern  die  Hut  der  hl. 
Stätten  anvertraut.  Wir  wüßten  nicht,  was  Gregor  1238  in  diesem  Sinne  ge- 
tan hätte.  Ob  Bore  die  zwei  Breven  „Pro  zelo  christianae  fidei"  vom  Jahre 
1238  im  Auge  hat,  die  den  Franziskanermissionären  des  Orientes  gewisse 
Vollmachten  geben? 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreiizzüge  9 

merkt  er  zur  5.  Station:  „Hierneben  ist  die  Stätte,  die  den 
Minderbrüdern  gehörte"  0.  Da  dies  die  einzige  aus  dem  13.  Jahr- 
liundert  stammende  Kunde  über  die  genannte  Niederlassung 
ist  und  die  Franziskaner  damals  nur  kurze  Zeit  in  der  Hl.  Stadt 
bleiben  konnten,  versteht  man,  daß  dieser  Aufenthalt  keine 
Spuren  in  Urkunden  und  Chroniken  hinterließ  und  in  volles 
Dunkel  gehüllt  wurde,  weshalb  unsichere  und  unbestimmte 
Meinungen  über  den  Bestand  und  allerlei  Vermutungen  über 
Ursprung  und  Dauer  des  Klosters  Platz  greifen  konnten.  So- 
gar die  Lage  desselben  wurde  verschieden  bestimmt,  seitdem 
jenes  Zeugnis  des  Br.  Ricoldus  über  den  Ort  der  Niederlassung 
ganz  in  Vergessenheit  geraten  war.  Was  den  Anfang  der- 
selben betrifft,  so  besteht  die  größte  Wahrscheinlichkeit  für  die 
von  dem  spanischen  Chronisten  Calahorra  und  andern  ver- 
tretene Meinung,  daß  die  Franziskaner  während  der  Dauer  des 
1229  abgeschlossenen  Friedens  in  die  Hl.  Stadt  einzogen^),  da 
man  annehmen  muß,  daß  sie  sich  daselbst  niederließen,  als  die 
Stadt  in  der  Gewalt  der  Christen  war.  Während  der  Kämpfe 
mit  den  Kreuzfahrern  dürften  die  Sultane  kaum  lateinischen 
Ordensleuten  dauernden  Aufenthalt  zu  Jerusalem  gestattet  noch 
diese  dort  den  Lebensunterhalt  gefunden  haben. 

Die  Frage  nach  dem  Orte  der  Franziskanerniederlassung 
in  Jerusalem  wäre  durch  das  Zeugnis  des  Ricoldus  gelöst  ge- 
wesen; da  es  aber  vergessen  war,  so  suchten  spätere  Geschichts- 
schreiber des  Ordens  die  erste  Niederlassung  der  Brüder  auf 
dem  Berge  Sion.  Harlan  von  Maleo  versetzte  sie  neben  das 
Zönakulum  und  meinte,  Franziskus  habe  selbst  bei  seiner  Orient- 
reise 1219  vom  Berge  Sion  Besitz  ergriffen  und  beim  Zöna- 
kulum   ein    Kloster   gegründet^).      Abgesehen    davon,    daß    für 


')  G  B  I  357.  Spätere  Pilger  erwähnen  nur  die  „in  bivio,  in  quo 
angariaverunt  Simonem"  erbaute  Kirche;  so  Fabri  I  JJoS:  „In  hoc  loco  quon- 
dam  stabat  ecclesia,  quae  nunc  est  tota  destrucla." 

-')  Cal.  B.  II  K.  6;  GB  I  159. 

•^)  P.  Mariano  Morone  da  Maleo,  Terra  Santa  nuovamente  illustrata, 
I,  Piazenza  1669,  17,  72,  187;  II,  ebd.  1670,  218,  378.  —  Wenn  P.  Golu- 
bovich,  Serie  191,  sagt:  „I  piü  de'  Cronisti  di  Terra  Santa  opinano  .  .  ., 
che  lo  stabilirsi  de'  Minori  sul  Monte  Sion  e  presse  il  S.  Cenacolo,  dati  dall 
arrivo  di  S.  Francesco  nelle  terre  d  Oriente"  (1219),  so  gilt  das  nur  von  den 


10  I.  Die  Franziskanei"  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

diese  Behauptung  kein  einziges  älteres  Zeugnis  geltend  gemacht 
werden  kann,  so  dürfte  sie  bereits  der  von  Calahorra  dagegen 
erhobene  Einwand  ausschließen,  der  mit  vollem  Rechte  darauf 
aufmerksam  macht,  daß  die  Regulierten  Chorherrn  sicher  1219 
ihr  Recht  auf  das  Sion-Heiligtum,  in  das  sie  zehn  Jahre  später 
wieder  einzogen,  noch  nicht  aufgegeben  hatten.  Es  ist  aber 
vollständig  ausgeschlossen,  daß  der  friedliebende  Stifter  in  die 
Rechte  anderer  eingedrungen  wäre.  Höchstens,  meint  Cala- 
horra, könne  man  annehmen,  daß  sich  die  Brüder  an  einer 
andern  Stelle  des  Sionberges  angesiedelt  hätten;  und  diese  An- 
nahme glaubt  der  genannte  Chronist  tatsächlich  durch  arabische 
Urkunden  des  13.  Jahrhunderts  stützen  zu  können,  aus  denen 
hervorgehen  soll,  daß  die  Franziskaner  in  jener  Zeit  auf  dem 
Sion  gewohnt  haben. 

Unseres  Wissens  ist  Calahorra  der  erste,  der  jene  ara- 
bischen Urkunden  des  Archivs  der  Prokura  der  Kustodie  heran- 
zieht. Die  vorausgehenden  Geschichtsschreiber  derselben,  wie 
Quaresmius  und  Verniero,  haben  sich  nirgends  auf  Urkunden 
aus  jenem  Jahrhundert  berufen.  Der  Kustos  P.  Paul  von  Lodi, 
der  1634  P.  Petrus  Verniero  den  Auftrag  gab,  die  Geschichte 
der  Kustodie  zu  schreiben,  hatte  zuvor  durch  den  in  der  ara- 
bischen Sprache  wohlbewanderten  P.  Vinzenz  von  Gallicano 
ein  vollständiges  Verzeichnis  aller  arabischen  und  türkischen 
Urkunden  des  Archivs  aufstellen   lassen,  wobei  ihm  ein  gebil- 


Chronisten  der  letzten  250  Jahre.  Von  den  Frühern  hat  niemand  diese  Mei- 
nung aufgestellt.  —  Spätere  Schriftsteller  haben  gern  an  die  p]rzählung  der 
Actus,  daß  Sultan  Melek-el-Kamel  dem  von  ihm  hochverehrten  Stifter  ein 
„signaculum"  übergeben  habe  (vgl.  GB  I  62),  angeknüpft  und  dies  dahin 
verstanden,  daß  der  Sultan  ihm  einen  Schutzbrief  ausstellte,  auf  Grund  dessen 
die  Niederlassungen  in  Palästina  entstanden  seien.  Auch  der  hochverdiente 
Graf  Riant  schließt  sich  in  einem  Briefe  an  Br.  Lievin  dieser  Ansicht  an  und 
schreibt,  „que  la  Province  Franciscaine  de  Terra  Sainte  remonte  ä  S.  Fran- 
Qois  lui-meme  qui  a  du  rapporter  de  son  voyage  un  Firman  general"  (vgl. 
G  B  a.  a.  0.  Anm.  1).  Wir  wollen  gewiß  nicht  leugnen,  daß  man  jene  Nach- 
richt der  Actus  von  einem  solchen  Schutzbriefe  verstehen  kann:  aber  diese 
Deutung  ist  durch  nichts  verbürgt  und  gestützt.  Es  geht  aber  für  den  Hi- 
storiker nicht  an,  eine  unsichere  Deutung  einer  spätem  Legende  zur  Grund- 
lage einer  geschichtlichen  Feststellung  zu  machen,  zumal  alle  andern  zeit- 
genössischen Nachrichten  versagen  oder  sich  direkt  ablehnend  verhalten. 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  11 

deter  Türke  für  die  türkischen  Urkunden  zur  Seite  ging  ^).  In 
diesem  Verzeichnis,  das  sich  im  4.  Buche  der  von  Verniero 
verfaßten  Chronik  findet^),  steht  keine  Urkunde  des  13.  Jahr- 
hunderts. Die  ersten  dieser  Art  erscheinen  mit  Calahorra; 
spätere  vermehrten  die  Zahl  derselben  und  glaubten  im  ge- 
nannten Archiv  sogar  Urkunden  des  11.  und  12.  Jahrhunderts 
zu  finden.  Doch  liegt  fast  bei  allen  ein  grobes  Versehen  vor. 
öfter  wurden  die  sehr  schwer  zu  lesenden  arabischen  Buch- 
staben falsch  gedeutet  ^),  andere  Male  nicht  datierte  Stücke  mit 
einem  Datum  versehen;  und  mehrere  Urkunden  des  13.  Jahr- 
hunderts, die  nichts  mit  den  Franziskanern  zu  tun  haben,  wurden 
zu  Unrecht  auf  diese  übertragen.  Wie  Verniero  selbst  zu  diesen 
Stücken  bemerkt  ■*),  ist  es  im  Morgenlande  Brauch,  daß  beim 
Verkaufe  eines  Hauses  oder  Grundstückes  die  früheren  dies- 
bezüglichen Kaufverträge  auf  den  neuen  Käufer  übergehen. 

In  den  wichtigsten  Fällen  war  es  nicht  schwer,  die  be- 
gangenen Fehler  zu  erklären  und  zu  verbessern.  So  sollte  ein 
Ferman  aus  dem  Jahre  1023  im  Archiv  sein,  der  die  fränkischen 
Ordensleute  in  Schutz  nimmt  ^).  Dieser  Schutzbrief  ist  von 
Sultan  Muzafer  ausgestellt,  der  vier  Jahrhunderte  später  (1421) 
regierte,  und  an  den  venezianischen  Konsul  zu  Damaskus  ge- 
richtet, an  den  sicher  niemand  im  Jahre  1023  dachte.  Ein  ins 
Jahr  1233  gesetzter  Ferman  soll  den  Franziskanern  die  Hälfte 
des  Kalvarienberges  zugesichert   haben.     Nun   war   aber   1233 


1)  Nach  dem  Briefe  des  genannten  P.  Kustos,  der  zu  Anfang  der  im 
Archiv  des  Sel^retariates  der  Kustodie  bewahrten  Chronili  steht.  Die  genannte 
Chronik  ist  noch  nicht  gedruckt. 

2)  S.  134—211.  Die  erste  Hälfte  ist  unter  dem  Titel  „Catalogus  Scriptu- 
rarum  Terrae  Sanctae"  abgedruckt  in  der  Zeitschrift  Diarium  Terrae  Sanc- 
tae  III  und  IV. 

'■*)  Der  hervorragende  Arabist  P.  Joussen  0.  P.,  der  auf  unsere  Bitte 
die  in  Frage  stehenden  Firraane  prüfte,  versicherte  uns,  daß  es  unmöglich 
sei,  einzelne  Buchstaben  und  so  ihren  Zahlenwert  mit  Bestimmtheit  zu  deuten ; 
höchstens  könne  man  aus  dem  Inhalte  und  den  Namen  die  Zeit  der  Firmane 
folgern.  Die  Fehler  der  frühern  Datierungen  führt  er  besonders  darauf  zu- 
rück, daß  man  den  unterschied  zwischen  der  syrischen  und  nordafrikanischen 
Schreibweise  der  Zaiiien  über.-ah;  jede  gibt  den  Buchstaben  einen  andern 
Zahlenwert.  +)  Chronik  166. 

•i)  Schublade  36  des  Archives.  Razzoli,  I  Francescani  22,  gibt  eine 
Photographie  der  Urkunde. 


12  I.  Ui<J  Fraiizlskanei-  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

Jerusalem  unter  der  Herrschaft  der  lateinischen  Könige  und 
daher  ein  Ferman  des  Sultans  in  keiner  Weise  maßgebend,  und 
die  Grabeskirche  von  den  Regulierten  Chorherrn  bedient.  Der 
Ferman  trägt  an  der  Spitze  den  Namen  des  Sultans  Qansu,  der 
im  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  regierte;  tatsächlich  fallen  in 
seine  Zeit  die  Kämpfe  der  Franziskaner  mit  den  Georgiern, 
die  den  Brüdern  ihren  Anteil  am  Kalvarienberge  entrissen 
hatten.  Ein  von  spätem  in  das  Jahr  662  der  Hedschra  ge- 
setzter Ferman  sagt  bereits  durch  seine  türkische  Sprache,  daß 
er  um  mehrere  Jahrhundert  jünger  ist  und  der  Zeit  der  Os- 
manen  angehört.  Außerdem  heißt  es  ausdrücklich  im  Ferman, 
daß  die  Brüder  vor  dem  Sultan  an  der  „Pforte  der  Glückselig- 
keit", d.  h.  in  Konstantinopel,  erschienen.  Nach  Calahorra  soll 
Sultan  Daher-Barkuk  1294  den  Brüdern  die  Erlaubnis  erteilt 
haben,  ihr  Kloster  auf  dem  Berge  Sion  zu  restaurieren  0.  Jener 
Sultan  regierte  100  Jahre  später  (1382 — 1399),  weshalb  der 
Ferman  um  100  Jahre  jünger  ist.  Andere  Fermane  scheiden 
aus,  weil  sie  nicht  die  Franziskaner  betreffen.  So  begegnet 
man  bei  vielen  Schriftstellern  der  Nachricht,  die  Franziskaner 
hätten  1295  oder  1296  zu  Ramleh  ein  Grundstück  erworben^). 
Tatsächlich  befindet  sich  im  Prokuraarchiv  ein  Kaufvertrag 
über  einen  Platz  in  Ramleh  aus  dem  Jahre  694  der  mohamme- 
danischen Zeitrechnung^);  derselbe  sagt  aber  nicht  ein  einziges 
Wort  von  Franziskanern  und  kam  erst  mit  einem  spätem  Kaufe 
in  ihre  Hände.  Auf  die  gleiche  Weise  wird  eine  andere  Ur- 
kunde, aus  dem  Jahre  1247,  ins  genannte  Archiv  gelangt  sein  *), 
die  von  einem  Streite  handelt,  den  fränkische  Ordensleute  mit 
einem  gewissen  Christen  Jakob  wegen  eines  auf  dem  Sion  ge- 
legenen Grundstückes  führten.  Jene  Brüder  machten  vor  Ge- 
richt geltend,  daß  sie  bereits  zur  Zeit  der  Eroberung  Palästinas 


1)  Chronik,  ß.  II  K.  6.  —  P.  Jugtinian  von  Venedig  übernalirn  diese 
Nachricht  in  seine  „Gesta  Dei  per  Fratres  Minores"  (vgl.  Le  Missioni  Fran- 
cescane  II  69:  „Suitanus  Daher  concedit  Fratribus  reparationem  Conventus 
Sacri  Montis  Syon"),  wodurch  er  zu  mehreren  andern  Irrtümern  kam. 

2)  Vgl.  Golubovich,  Serie  204.  ^)  Schublade  7. 

■*)  Schublade  25.  Es  ist  die  einzige  arabische  Urkunde  des  genannten 
Archivs  aus  dem  13.  Jahrhundert,  die  Golubovich,  freilich  mit  Bedenken,  auf- 
genommen hat. 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  13 

durch  Omar  im  Besitz  des  strittigen  Aclcers  waren,  woraus 
sich  sofort  ergibt,  daß  nur  morgenländische  Mönche  in  Frage 
kommen.  Dieser  Deutung  stehen  die  in  der  Urkunde  gebrauchten 
Worte  „die  fränkischen  Ordensleute  des  Sionklosters"  nicht 
entgegen,  da  sie  von  den  Brüdern  des  um  jene  Zeit  mit  Rom 
vereinigten  armenischen  Salvatorklosters  auf  dem  Sion  ver- 
standen werden  können,  zumal  die  Namen  der  in  der  Urkunde 
genannten  Ordensleute  auf  Armenier  hinweisen  ^).  Auf  keinen 
Fall  kommen  die  Franziskaner  bei  der  Streitfrage  und  Ur- 
kunde in  Frage. 

Daß  im  18.  Jahrhundert  den  Franziskanern  Fermane  aus- 
gestellt wurden,  ist  außer  Zweifel,  da  spätere  Fermane  ganz 
klar  Schutzbriefe  erwähnen,  die  von  den  Sultanen  Bibars  und 
Kalaun  den  Brüdern  verliehen  seien  ^).  Weil  jedoch  der  Wort- 
laut nicht  vorliegt,  können  wir  über  ihren  Inhalt  nichts  fest- 
stellen. Unter  den  Urkunden  und  Fermanen,  die  noch  heute 
in  St.  Salvator  zur  Verfügung  stehen,  ist  nur  ein  auf  den  Sion 
bezügliches  Stück  aus  dem  13.  Jahrhundert,  das  aber  nicht  die 
Franziskaner  betrifft.  Daher  fallen  alle  Beweise,  die  Calahorra 
und  andere  für  ein  Kloster  der  Minderbrüder  anführen,  daß  in 
jener  Zeit  auf  dem  Berge  Sion  bestanden  habe. 

In  neuerer  Zeit  suchte  man  die  erste  Niederlassung  der 
Franziskaner  zu  Jerusalem  an  der  Grabeskirche;  sie  hätten 
sich  daselbst  bereits  um  1240  niedergelassen.  Diese  Ansicht 
beruht  auf  einem  der  köstlichsten  Mißverständnisse,  dem  man 
in  historischen  Arbeiten  begegnet.  Ein  Chronist  jener  Zeit  soll 
melden,  daß  „diio  fratres  minores"  die  Hut  des  Hl.  Grabes  wahr- 
nehmen. Tatsächlich  heißt  es  so  in  der  Beschreibung  des  Hl. 
Landes,  die  der  Patriarch  von  Jerusalem  an  Papst  Innozenz  III. 
sandte.  Aber  jeder,  der  den  ganzen  Wortlaut  liest,  sieht  sofort, 
daß  nicht  von  zwei  Minderbrüdern  die  Rede  ist,  sondern  von 
„zwei  Jüngern  Brüdern  unter  den  8  Söhnen  des  Sultans  Saffedin, 
die  täglich  vor  ihrem  CJotte  Mohammed  weilen"  ''). 

')  So  heißt  der  zweite  „K'iir,  Sohn  des  Agob" ;  bei  G  o  1  u  b  n  v  i  c  li ,  Serie  4, 
und  Bibiioteca  I  219,  .irrig:  „Gregorio,  figlio  di  Giacomo." 

••2)  Vgl.  Golubovich,  Serie  1(58  und  178. 

=<)  Die  fragliche  Stelle  lautet:  „Octo  filii  Sephadini  .  .  .;  duo  alii  fratres 
minore;  sunt  quotidie  in  eonspectu    dei    sui    Machoineth ;"    GB  I  187.     Jenes 


j^4  I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

Während  so  die  bisher  vorgebrachten  Zeugnisse  des  13. 
Jahrhunderts  und  die  verschiedenen  Ansichten  über  andere 
Klöster  der  Franzisl^aner  in  Jerusalem  preisgegeben  w^erden 
müssen,  bleibt  nur  die  von  Br.  Ricoldus  überlieferte  Nachricht 
über  eine  Niederlassung  derselben  in  der  Nähe  der  5.  Kreuz- 
wegstation übrig.  Da  aber  seine  wenigen  Worte  alles  enthalten, 
was  bisher  über  dieses  Kloster  in  Erfahrung  gebracht  werden 
konnte,  sind  Anfang,  Geschicke  und  Ende  desselben  in  Dunkel 
gehüllt.  Doch  besteht  alle  Wahrscheinlichkeit  für  die  Annahme, 
daß  es  nach  wenigen  Jahren  bei  der  Eroberung  der  Hl.  Stadt 
durch  die  Charesmier  mit  den  übrigen  lateinischen  Anstalten 
sein  Ende  fand. 

Über  das  Franziskanerkloster,  das  im  13.  Jahrhundert  in 
Bethlehem  bestanden  haben  soll,  wissen  wir  nicht  einmal  so 
viel.  Bisher  wurde  weder  eine  Urkunde  noch  eine  Chronik 
jener  Zeit  gefunden,  die  von  dieser  Niederlassung  der  Brüder 
in  der  Geburtsstadt  des  Heilandes  Nachricht  gibt,  weshalb  wir 
auch  hier  auf  die  Vermutung  beschränkt  sind,  daß  die  Söhne 
des  hl.  Franziskus  während  des  von  Kaiser  Friedrich  II.  er- 
wirkten Friedens  in  Bethlehem  einzogen,  um  bald  an  der 
Krippe  des  Erlösers  zu  weilen  0-  Die  öfter  aus  Marinus  Sanutus 
wiederholte  Nachricht,  daß  die  dortigen  Brüder  im  April  1263 
als  Märtyrer  gestorben  seien,  ist  zum  wenigsten  sehr  unsicher; 
Sanutus  spricht   nur   von   „Monasterium  Bethlehemitanum"   im 


Mißverständnis  findet  sich  zum  ersten  Male  in  Le  Mission!  Francescane,  1894, 
159;  hieraus  wurde  es  von  P.  Golubovich  in  seiner  Serie,  S.  XVII,  herüberge- 
nommen, von  ihm  selbst  aber,  Biblioteca  1 187.  gründlich  aufgeklärt.  —  Meiste r- 
mann-Huber,  Durchs  Hl.  Land,  Trier-München  1913,  159,  nahm  den  Irrtum 
trotzdem  wieder  auf  und  beruft  sich  auf  die  von  Golubovich  richtig  gestellte  Flo- 
renUner  Handschrift.  —  Ebd.  159  wird  gesagt:  „Aus  einem  Breve  Alexanders  IV. 
vom  19.  März  an  den  Provinzial  von  Syrien  scheint  hervorzugehen,  daß  1244 
die  in  Jerusalem  wohnenden  Mönche  von  den  Charesmiern  ermordet"  wurden. 
Auch  wir  glauben,  daß  die  Worte  des  angezogenen  Breves  von  jener  Zeit 
sprechen  (vgl.  G  B  II  391),  machen  aber  geltend,  daß  daselbst  weder  Ort  noch 
Zeit  genannt  werden.  —  Calahorra  ließ  Quaresmius  aus  jenem  Breve  folgern, 
daß  unsere  Brüder  schon  1257  in  der  Hl.  Stadt  wohnten  (B.  11  K.  6);  doch 
sagt  Quaresmius  an  der  von  Calahorra  angezogenen  Stelle  nur,  daß  „Minoritae 
habitabant  in  Syria  et  Terra  Sancta",  ohne  Jerusalem  zu  erwähnen. 
1)  Vgl.  GB  II  546. 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  15 

allgemeinen,  ohne  die  Franziskaner  zu  nennen  0.  Sollte  seine 
Nachricht  überhaupt  von  Bethlehem  zutreffen,  so  wird  man 
sie  von  dem  großen  an  der  Geburtsgrotte  errichteten  Kloster 
der  Regulierten  Chorherrn  verstehen  müssen.  Wahrscheinlicher 
aber  erscheint  uns,  daß  Sanutus  hier  Bethlehem  mit  Nazareth 
verwechselt  hat  und  jene  Zerstörung  von  letzterem  Orte  gilt, 
der  durch  den  vom  hl.  König  Ludwig  mit  dem  ägyptischen 
Sultan  geschlossenen  Frieden  den  Lateinern  überlassen  war. 
Daß  Bibars  hier  1263  im  April  große  Verwüstungen  anrichten 
ließ,  wird  tatsächlich  von  arabischen  Chronisten  gemeldet,  wäh- 
rend sie  nichts  von  einem  Zuge  berichten,  den  Bibars  damals 
gegen  das  ihm  längst  unterworfene  Judäa  unternommen  habe. 
Zudem  dürfte  das  Kloster  zu  Bethlehem  im  13.  Jahrhundert 
seit  dem  Einfall  der  Charesmier  und  dem  letzten  Abzug  der 
lateinischen  Geistlichkeit  kaum  wiederhergestellt  sein. 

Von  einem  Franziskanerkloster  zu  Nazareth  scheint  zum 
ersten  Male  bei  Bartholomäus  von  Pisa  die  Rede  zu  sein,  der 
um  1390  schreibt,  daß  die  Niederlassung  der  Brüder  in  Nazareth 
zurzeit  „wegen  der  Schlechtigkeit  der  Sarazenen"  verlassen 
sei^);  leider  verrät  er  mit  keinem  Worte,  wann  dies  geschah. 
Daß  die  Sarazenen  Galiläas  gegen  die  Christen  feindselig  waren, 
melden  mehrere  Pilger;  so  fand  Ludolf  von  Suchern  um  1340 
in  Nazareth  „sehr  böse  Sarazenen"  ^);  das  gleiche  erzählt  etwas 
früher   von   Naim  und   Kapharnaum   Br.   Jakob  von  Verona  ■*). 


1)  So  sagt  z.  B.  Pcrinaldo,  Storia  dl  Gerusalemme  11  177:  „Leg- 
giamo  in  Marino  Sanuti  che  nel  1263  i  Saraceni  distrussero  il  convento  di 
I^etlemme,  facendovi  strage  di  tutti  quei  Francescani."  In  Wirklichkeit  sagt 
Sanutus  (221)  nur:  „Kodein  quoque  mense  Saraceni  destruxerunt  monasterium 
Hethlehemitanum." 

-)  Analecta  Franci.-cana  IV  538 :  „In  Nazareth  fuit  etiam  locus,  etsi 
modo  ob  pravitatem  saracenorum  sit  dimissus."  Golubovich  knüpft  liieran 
die  Bemerkung,  das  Kloster  sei  „abbandonato  ai  tempi  del  Pisano,  poichö 
dice  «modo  dimissus»".  (G  B  II  269  Anm.  4.)  Das  „modo"  braucht  durcli- 
aus  nicht  im  Sinne  von  „kürzlich"  verstanden  zu  werden ;  es  kann  ebensogut 
„zurzeit"  heißen.  Pisanus  sagt  an  der  angezogenen  Stelle  weiter:  „In  Terra 
Sancta  .  .  .  passi  sunt  31  martyres  de  ordine  nostro",  was  Röhricht  irrig  auf 
Nazareth  bezieht  (fitudes  374  Anm.  33),  als  ob  jene  Brüder  alle  zu  Nazareth 
gestorben  seien. 

•■*)  Deycks  95:  „Degunt  in  Nazareth  Sarraceni  pessimi  nequam." 

*)  Liber  peregrinationis  275  und  279:  „Pessimi  Saraceni." 


16  1.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

Diese  Bestätigung  des  von  Bartholomäus  angegebenen  Grundes 
durch  jene  beiden  Pilger  flößt  uns  Vertrauen  auf  sein  Zeugnis 
ein  und  gibt  zugleich  einen  Fingerzeig,  um  die  Zeit  der  Grün- 
dung wenigstens  annähernd  zu  bestimmen.  Bei  jener  Gesinnung 
der  umwohnenden  Mohammedaner  darf  man  ohne  weiteres  an- 
nehmen, daß  es  unsern  Brüdern  nicht  möglich  war,  sich  in 
Nazareth  zu  einer  Zeit  niederzulassen,  in  der  dieselben  die  Herren 
des  Landes  waren.  Wir  müssen  vielmehr  ins  13.  Jahrhundert  und 
in  die  Zeit  zurückgehen,  in  der  die  Lateiner  daselbst  herrsch- 
ten, was  wiederholt  der  Fall  war.  Zunächst  kam  Nazareth  1229 
durch  den  vom  Kaiser  Friedrich  II.  geschlossenen  Vergleich 
an  die  Christen,  und  aufs  neue  1250,  als  der  hl.  König  Ludwig 
mit  dem  ägyptischen  Herrscher  Frieden  schloß  ^).  Sodann  finden 
wir,  daß  Sultan  Kalaun  1283  den  Franken  vier  Häuser  überließ, 
die  früher  der  Verkündigungskirche  gehört  hatten  ^).  Bei  einem 
dieser  Anlässe  wird  das  Franziskanerkloster  entstanden  sein. 
Wegen  der  großen  Liebe,  die  der  hl.  Ludwig  für  den  Orden 
hegte,  scheint  es  uns  besonders  wahrscheinlich,  daß  sich  die 
Brüder  in  Nazareth  dank  seiner  Vermittlung  ansiedeln  konnten. 

Bei  den  übrigen  Klöstern,  die  von  den  Franziskanern  in 
Palästina  während  des  13.  Jahrhunderts  gegründet  wurden, 
haben  wir  festern  Boden  unter  den  Füßen;  sie  lagen  an  Orten, 
die  längere  Zeit  im  Besitze  der  Kreuzfahrer  blieben,  so  daß 
auch  ihnen  ein  längerer  Bestand  beschieden  war,  mehrere 
begegnen  uns  daher  in  Urkunden   oder  Chroniken  jener  Zeit. 

Das  Kloster  zu  Jaffa  verdankt  seine  Entstehung  dem  hl. 
König  Ludwig  IX.,  der  hier  mit  großen  Kosten  1252  Kirche 
und  Kloster  erbauen  ließ  ^).  Um  dieselbe  Zeit  wird  das  Kloster 
zu  Akri  erwähnt;  daselbst  wohnte  der  bekannte  Missionar 
P.  Wilhelm  von  Ruysbroek,  bevor  er  1253  seine  große  Reise  zu 
den  Tataren  antraf*).     Wie  uns  sein  Reisebericht  sagt,    hatten 


')  G  B  II  388 ;  daselbst  auch  der  Beweis,  daß  die  Stadt  damals  einige 
Zeit  in  der  Hand  der  Kreuzfahrer  blieb. 

2)  GB  II  431.  3)  GB  I  298,  II  514. 

■*)  G  B  I  230 :  „Diffinivit  minister,  quod  legerem  Achon."  —  Ob  auch 
in  der  Feste  Safet  eine  dauernde  Niederlassung  der  Franziskaner  war,  wie 
Golubovich  (II  .564)  aus  der  Tatsache  folgern  möchte,  daß  einige  Brüder 
daselbst  1266  zur  Zeit  der  Belagerung  weilten,  lassen  wir  dahingestellt. 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  17 

die  Franziskaner  hier  ein  Studium,  was  auf  eine  größere  Be- 
deutung dieses  Kloster  schließen  läßt. 

In  dem  nördlich  anstoßenden  Phönizien  hatten  unsere 
Brüder  Niederlassungen  zu  Sidon  und  Tyrus.  Jenes  wird  in 
einer  Schenkungsurkunde  aus  dem  Jahre  1253  und  dieses  zwei 
Jahre  später  von  Alexander  IV.  in  einem  Breve  genannt  0- 

Die  Klöster  Palästinas  bildeten  mit  den  in  Syrien  gele- 
genen Niederlassungen  die  Kustodie  Syrien,  die  zur  Provinz 
des  Hl.  Landes  gehörte.  Diese  umfaßte  zunächst  ganz  West- 
asien und  die  Balkanhalbinsel,  bis  1263  auf  letzterer  die 
Provinz  Griechenland  gebildet  wurde.  In  der  Folge  hatte  die 
Provinz  des  Hl.  Landes  außer  der  Kustodie  Syrien  die  Kustodie 
Zypern  mit  den  auf  dieser  Insel  gelegenen  Klöstern  und  die 
Kustodie  Tarsus  in  dem  am  Südrande  Kleinasiens  gegründeten 
Königreiche  Armenien. 

Eine  Darstellung  der  Arbeiten,  die  von  den  Franziskanern 
während  des  13.  Jahrhunderts  in  Palästina  vollbracht  wurden, 
ist  nicht  möglich,  da  nur  gelegentliche  Nachrichten  über  die- 
selben berichten.  Es  liegt  nahe,  daß  ihre  Sorge  zunächst  den 
Kreuzfahrern  galt.  Eine  Nachricht,  die  Alexander  IV.  in  seinem 
Breve  vom  19.  März  1257  gibt,  bestätigt  dies  ausdrücklich.  Der 
Papst  sagt,  daß  er  aus  dem  Munde  glaubwürdiger  Zeugen 
erfahren  habe,  wie  die  Franziskaner  den  gegen  die  Sarazenen 
kämpfenden  Christen  als  Seelsorger,  mit  Predigten  und  heil- 
samen Ermahnungen  beistehen;  einige  der  Brüder  seien  von 
den  Ungläubigen  bei  diesen  Arbeiten  um  des  Namens  Christi 
willen  getötet  worden  ^).  Das  Breve  gibt  weder  Zeit  noch  Ort 
ihres  Martertodes  an.  Da  kaum  andere  Verfolgungen  der  Fran- 
ziskaner vor  1257  stattgefunden  haben,  nimmt  man  an,  daß 
jene  Brüder   1244    durch   die  Charesmier  hingemordet  wurden. 

Die  Sultane  jener  Zeit  scheinen  nach  verschiedenen  Tat- 
sachen und  Zeugnissen  der  ersten  Jahrzehnte  den  Brüdern 
gewogen  gewesen  zu  sein.  Vielleicht  wirkte  die  Erinnerung 
an  den    hl.   Franziskus  nach.     Auch   werden   die  Beziehungen, 


1)  GB  I  230  und  234. 

ii)  GB    II    391.    —    Calahorra    bezielit    (B.   II    K.    19)    das    Breve    auf 
Brüder,  die  1288  oder  1290  starben! 

Fmiizisk.  Studien,  Beiheft  4:  Lern  mens,  Die  Ffanziskaner  auf  ilein  Sien  2 


18  I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreiizzüge 

in  die  verschiedene  Franziskaner  zu  den  Sultanen  als  Abge- 
sandte des  Papstes  traten,  eingewirkt  liaben  ^).  Wie  schon 
Sultan  Melek-el-Kamel  dem  hl.  Stifter  einen  Schutzbrief  aus- 
stellte, so  sicherte  Sultan  Melek-el-Mansur  von  Homs  (Emesa) 
1245  den  Brüdern,  die  „zur  Besserung  der  Christen  und  zur 
Predigt"  in  sein  Reich  kamen,  den  kaiserlichen  Schutz  zu  ^). 
Jakob  von  Vitry  aber  erzählt  uns  als  Augenzeuge,  daß  das 
sarazenische  Volk  den  Franziskanern  gewogen  sei;  „sie  bewun- 
dern ihre  Demut,  geben  ihnen  gern  das  Notwendige  und  nehmen 
sie  mit  Freuden  auf"  ^).  So  waren  sie  besonders  für  den  damals 
von  den  Päpsten  wiederholt  erteilten  Auftrag  geeignet,  in  die 
Städte  der  Sarazenen  zu  gehen  und  dort  den  gefangenen  Christen 
geistlichen  Beistand  zu  leisten  ^).  Leider  dauerten  diese  Zeiten 
und  Verhältnisse  nicht  lange. 

Während  Palästina  in  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahr- 
hunderts meist  ruhigere  Tage  sah,  trat  seit  1260  ein  furchtbarer 
Wechsel  ein.  Am  24.  Oktober  dieses  Jahres  bestieg  der  Emir 
Daher-Bibars,  nachdem  er  den  Sultan  Ägyptens  aus  dem  Wege 
geräumt  hatte,  den  Thron  der  Kalifen.  Er  war  einer  der  furcht- 
barsten Gegner  der  Franken,  die  „Säule  der  mohammedanischen 
Religion,  der  Vater  der  Siege",  der  das  Ende  der  christlichen 
Herrschaft  in  Syrien  einleiten  sollte.  Seine  siebzehnjährige 
Regierung  ist  ausgefüllt  mit  Kriegsvorbereitungen  und  Feld- 
zügen in  Palästina,  Syrien,  Armenien  und  gegen  die  Tataren,  die 
mit  den  Franken  gemeinsame  Sache  gegen  die  Kalifen  Ägyptens 
machten.  1261  fiel  Bibars  ungeachtet  des  Waffenstillstandes, 
den  die  Sultane  von  Damaskus  und  Ägypten  1256  auf  zehn  Jahre 
mit  den  Christen  geschlossen  hatten,  ins  Fürstentum  Antiochien 
ein.  Im  Februar  1263  unternahm  er  einen  zweiten  Zug  gegen 
die  Lateiner,  ließ  den  Tabor  besetzen,  die  dort  erbaute  Kirche 
zerstören  und  sandte  seine  Truppen  gegen  Nazareth,  die  den 
Tempel  der  Gottesmutter  dem  Erdboden  gleich  machten.  1265 
nahm  er  Cäsarea,   zerstörte  Festungswerke   und  Stadt   und  er- 


1)  GB  II  327  ff.  2)  GB  11  338. 

^)  G  B  I  9 :  „Etiam  Saraceni  et  obtenebrati  homines  eoruni  humilitatem 
et  pertectionem  admirantes  .  .  .  grato  animo  necessaria  providentes  libenter 
eos  recipiunt."  ^)  G  B  I  181  und  276. 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  19 

schien  am  21.  März  vor  Arsuf,  das  sich  nach  43  Tagen  ergab. 
Im  folgenden  Jahre  führte  er  ein  mächtiges  Heer  gegen  die 
starke  Festung  Safed,  die  das  obere  Galiläa  schützte  und  auf 
Rat  des  Franziskanerbischofs  Benedikt  von  Alignano  1240  wieder 
hergestellt  war^).  Wiederholt  schlugen  die  tapfern  Streiter  der 
Festung  den  Sturm  der  Sarazenen  ab,  bis  ihre  Kraft  erlahmte, 
und  sie  Verhandlungen  anknüpften.  Bibars  sicherte  ihnen  freien 
Abzug  zu,  brach  aber  sein  Wort.  Die  arabischen  Chronisten 
stimmen  in  Erzählung  und  Erklärung  dieses  Treubruches  nicht 
überein  ^).  Nach  Makrizi  hätten  die  Christen  gegen  die  ein- 
gegangenen Bedingungen  Waffen  und  Silber  mit  hinausgetra- 
gen ^).  Sicher  ist,  daß  die  gefangenen  Christen,  deren  Zahl 
verschieden  angegeben  wird,  sämtlich  bis  auf  einen,  der  den 
Franken  Kunde  überbringen  sollte,  niedergemacht  wurden. 
Er.  Fidentius  von  Padua,  der  damals  Vikar  der  Franziskaner 
im  Hl.  Lande  war  und  auf  Bitten  des  Meisters  der  Templer 
vor  Beginn  der  Belagerung  zwei  Brüder  in  die  Feste  entsandt 
hatte,  hat  uns  einen  längern  Bericht  über  den  Tod  der  christ- 
lichen Helden  hinterlassen  "*).  „Da  die  Christen  sahen,  daß  sie 
den  Sarazenen  am  Ende  nicht  widerstehen  könnten,  weil  sich 
ihre  Zahl  täglich  verminderte  und  keine  Hilfe  zu  erwarten  war, 
während  das  Heer  der  Feinde  täglich  stärker  wurde,  unterhan- 
delten sie  mit  dem  Sultan  wegen  des  Friedens.  Dieser  ging  gern 
darauf  ein  und  vereinbarte  mit  den  Christen,  daß  diese  ihm  die 
Feste  übergeben  sollten,  wogegen  er  alle  Christen  mit  ihrer 
Habe,  die  sie  tragen  könnten,  nach  Akri  zu  geleiten  versprach. 
Nachdem  dieser  Vertrag  abgeschlossen  und  durch  Eidschwur 
bekräftigt  war,  zogen  die  Christen  aus  der  Festung  und  sam- 
melten sich  draußen  auf  dem  Platze.  Der  Sultan  aber  brach 
sein  Wort  und  hielt  den  Schwur  nicht.  Denn  als  die  Sonne 
untergegangen  war,   sandte  er   einen  Beamten,   man   sagt,   mit 


1)  GB  I  236  ff.  •i)  Vgl.  Röhricht,  fitudes  383;  GB  I  259. 

3)  Makrizi,  B.  I  T.  II  30.  Zwei  entgingen  nach  Makrizi  dem  Blutbade; 
einer  hatte  gleich  den  Islam  angenommen,  den  andern  sandte  Bibars  zu  den 
Christen,  um  ihnen  die  Kunde  von  der  Eroberung  der  Stadt  zu  bringen. 

*)  GB  II  24.  Marin  US  Sanutus  scheint  diesen  Bericht  benützt  zu 
haben;  vgl  GBl  261.  Mit  ihm  stimmt  wörtlich  Br.  Paulinus  Puteolanus 
übe. ein;  vgl.  G  B  I  261.     Die  andern  Berichte  weichen  in  einzelnen  Punkten  ab. 


20  I-  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

entblößtem  Schwerte,  und  ließ  den  Christen  erklären:  >Mein 
Herr  sendet  mich  zu  euch  und  ladet  euch  ein  und  fordert  euch 
auf,  Sarazenen  zu  werden.  Erfüllt  ihr  seinen  Willen,  so  wird 
er  euch  Pferde  und  Waffen  und  Frauen  und  Reichtümer  geben; 
er  wird  euch  erhöhen  und  groß  machen.  Erfüllt  ihr  aber  seinen 
Willen  nicht,  so  werdet  ihr  alle  morgen  enthauptet  werden.  < 
Die  Christen  erwiderten:  Möge  der  Sultan  den  mit  uns  geschlos- 
senen Bund  halten.  Wir  wollen  nicht  Sarazenen  werden;  und 
dem  Sultan  ziemt  es  nicht,  seinen  Eid  zu  brechen.«  Nach  Weg- 
gang des  vom  Sultan  entsandten  Boten  ermahnten  die  Minder- 
brüder während  der  ganzen  Nacht  die  Christen,  standhaft  im 
Glauben  zu  bleiben,  da  sie  ohne  Zweifel  die  Marterkrone  emp- 
fangen würden.  Die  durch  die  guten  Reden  der  Brüder  ge- 
stärkten Christen  beschlossen,  auf  keine  Weise  und  unter  keiner 
Bedingung  den  christlichen  Glauben  zu  verlassen.  Als  es  nun 
Tag  geworden,  kam  der  Bote  zurück  und  fragte  die  Christen, 
ob  sie  dem  Willen  des  Sultans  entsprechen  wollten.  Aber  ^le 
erklärten  einmütig,  sie  würden  um  keinen  Preis  dem  christ- 
lichen Glauben  untreu  werden.  Darauf  ließ  der  Sultan  alle 
Christen  mit  Ausnahme  der  beiden  Minderbrüder  und  des  Priors 
der  Templer  an  den  Ort  des  Martyriums  am  Abhang  des  Hügels 
führen  und  alle  daselbst  enthaupten;  kein  einziger  von  ihnen 
verleugnete  den  Glauben  Christi.  Das  Blut  der  enthaupteten 
Christen  floß  wie  ein  Wasserstrahl  den  Berg  herunter.  Ihre 
Zahl  soll  mehr  als  500  Männer  betragen  haben.  Nach  der  Ent- 
hauptung dieser  Männer  wurden  die  beiden  Minderbrüder,  von 
denen  einer  Fr.  Jakob  von  Puy  ^  und  der  andere  Fr.  Jere- 
raias  von  Genua  hieß,  nebst  dem  Prior  der  Templer,  Fr.  Hugo, 
vor  den  Gerichtshof  auf  dem  Platze  vor  der  Feste  geführt,  wo 
der  Richter  ihnen  sagte:     Ihr  habt  die  andern  verführt,  die  un- 


^)  Ob  dieser  Fi".  Jakob  von  Puy  nicht  dieselbe  Person  ist  mit  Fr.  Phi- 
lippus  von  Puy  (oder  Anisio),  dessen  Martyrium  die  Chronik  der  24  Generäle 
in  Azotus  geschehen  läßt  (vgl.  AF  III  134  und  416)?  Nicht  nur  stimmt  die 
Heimat  überein,  sondern  auch  verschiedene  in  den  einzelnen  Chroniken  be- 
richtete Einzelheiten;  so  gleichen  sich  die  Todesqualen;  auch  heißt  es  von 
beiden  Orten,  daß  die  Feste  durch  Verrat  genommen  wurde;  dies  sagt  die 
Chronik  von  Limoges  über  Safed  (G  B  1  260),  und  die  Chronik  der  24  Generäle 
von  Azotus. 


I.  Die  Franziskane"  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  21 

sere  Lehre  angenommen  hätten;  bekehrt  euch  und  werdet  Sa- 
razenen; sonst  werden  euch  harte  Strafen  treffen.  Die  Brüder 
antworteten:  >Wir  fürchten  deine  Strafen  nicht  und  sind  aus 
Liebe  zu  unserm  Herrn  Jesus  Christus  und  zum  christlichen 
Glauben  bereit,  alle  Leiden  zu  erdulden.«  Da  der  Richter  sah, 
daß  er  ihren  Willen  nicht  umstimmen  konnte,  befahl  er,  sie  mit 
einer  dreifachen  Marter  zu  peinigen.  Zunächst  ließ  er  ihnen 
die  Haut  vom  lebendigen  Leibe  reißen,  sie  dann  auf  das  hef- 
tigste über  das  von  der  Haut  entblößte  Fleisch  peitschen  und 
schließlich  an  den  Ort  führen,  an  dem  die  übrigen  Christen 
gemartert  waren,  und  daselbst  enthaupten.  Alle  Leiber  der  ge- 
töteten Christen  wurden  an  einen  Ort  zusammengetragen  und 
ringsum  ein  Steinhaufen  aufgeschichtet,  der  bis  heute  daselbst 
steht.  Die  Christen  erzählten  öffentlich,  daß  nachts  ...  ein  helles 
Licht  über  den  Leibern  der  Märtyrer  erstrahlte,  das  von  allen 
Sarazenen  gesehen  wurde." 

Jener  Steinhaufen,  von  dem  Fidentius  spricht,  beschützte 
bis  in  die  letzten  Jahre  die  Leiber  der  Märtyrer,  die  in 
einer  mit  Steinen  verschlossenen  Grotte  unweit  Safed  beigesetzt 
waren.  Als  vor  wenigen  Jahrzehnten  ein  Teil  der  Steine  zum 
Bau  einer  Mauer  entfernt  wurde,  kam  die  Grotte  zum  Vorschein  0- 

Furchtbare  Leiden  und  Verluste  brachte  das  Jahr  1268 
den  Christen.  Am  7.  März  erschien  Bibars  vor  Jaffa  und  nahm 
es  in  weniger  als  12  Stunden.  Nachdem  er  den  Bewohnern 
freien  Abzug  gegen  Akri  gestattet  hatte,  ließ  er  die  Stadt,  um 
den  Christen  jeden  Stützpunkt  zu  nehmen,  vollständig  zerstören; 
nur  Ruinen  blieben  für  Jahrhunderte  an  der  Stelle.  Holz  und 
Marmor  der  Kirchen  wurden  in  die  Dahermoschee  nach  Kairo 
gebracht  -')•  Im  Mai  zog  Bibars  vor  Antiochien.  Da  die  Ver- 
handlungen wegen  Übergabe  der  Stadt  erfolglos  blieben,  begann 
der  Sturm,  der  am  18.  Mai  die  große  Stadt  mit  mehr  als  100  000 
Einwohnern  in  die  Hände  des  Sultans  gab.  Wer  nicht  dem 
Schwerte  zum  Opfer  fiel,  wurde  als  Sklave  verkauft.    Die  Zahl 


1)  Vgl.  P.  Aegidius  Geissier,  Das  Martyrergrab  in  Saffed.    In  Zeit- 
schrift: „Das  Heilige  Land",  Jahrg.  25  (Köln  1881)  121—126. 

2)  Röhricht,  ßtudes  389.  —  Einige  Einzelheiten  ergänzt  Br.  Fidentius: 
vgl.  BGH  25. 


22  I-  Di^  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  de-  Kreuzzüge 

der  Opfer  wird  verschieden  aügegeben.  Wie  Bibars  selbst  in 
dem  Schreiben,  durch  das  er  König  Boemund  die  Nachricht 
vom  Falle  der  Stadt  gab  0.  sagt,  wurden  die  Kirchen  zerstört, 
die  Gräber  verwüstet,  die  Heiligtümer  geschändet,  die  Mönche, 
Priester  und  Diakonen  auf  den  Altären  geopfert.  „Wer  könnte", 
sagt  Fidentius,  „all'  das  Leid  im  einzelnen  berichten,  das  die 
Sarazenen  über  Antiochien  und  seine  Bürger  gebracht?  Man 
glaubt,  daß  außer  denen,  die  getötet  wurden  oder  entflohen, 
an  40  000  gefangen  wurden,  die  man  über  alle  Länder  der  Sara- 
zenen, besonders  über  Syrien  und  Ägypten,  verteilte"  ^). 

Die  folgenden  Jahre  brachten  weitere  Kriegszüge  des  Sul- 
tans und  neue  Leiden  der  Christen.  Ein  Chronist  jener  Zeit 
berichtet  zum  Jahre  1269,  daß  „in  der  Provinz  Syrien  sieben 
Minderbrüder  vom  Sultan  Babyloniens  um  des  katholischen 
Glaubens  willen  getötet  wurden  . . .  Einer  derselben,  ein  Priester, 
namens  Conradus  de  Hallis,  wurde  enthauptet  und  von  den  Un- 
gläubigen ins  Meer  geworfen.  Und  siehe,  es  erschienen  über  ihm 
vor  den  Augen  aller,  der  Christen  wie  der  Sarazenen,  zwei 
helle  Lichter,  ein  Licht  über  seinem  Haupte  und  eines  über 
seinem  Leibe,  drei  Tage  lang  .  .  .  Dieses  Zeichen  erschreckte 
die  Sarazenen  so,  daß  alle  mit  dem  Rufe:  Der  Gott  der  Christen 
streitet  für  die  Christen <  davon  liefen"  ^).  Wie  uns  derselbe 
Gewährsmann  weiter  erzählt,  wurde  in  einem  Kloster  der  Guar- 
dian nebst  zehn  Brüdern  gefangen  genommen  und  zum  Ver- 
kauf ausgeboten;  ein  Benediktiner  zahlte  den  Kaufpreis  und 
befreite  sie  aus  den  Fesseln. 


1)  Vgl.  Makrizi,  Bd.  I  T.  II  193:  „Si  tu  avais  vu  les  eglises  d6molies, 
les  croix  sciees  les  livres  de  leurs  faux  evangiles  etales  au  jour,  les  tom- 
beaux  des  patrices  ecroulcs:  si  tu  avais  vu  ton  ennemi  le  musulman  fonder  le 
sanctuaire;  le  moine,  le  pretre,  le  diacre  immoles  sur  l'autel,  les  patrices 
livres  au  malheur,  les  princes  de  la  faraille  royale  reduits  au  rang  d'esclaves." 

2)  G  B  II  26.  —  tJber  das  Geschick  der  Franziskaner  wird  nichts  im 
besondern  berichtet.  Br.  Johannes  Elemosina  hat  die  allgemeine  Nach- 
richt: „Plurimi  captivi  ducti  monachi  et  religiosi  fratres  et  religiöse  incluse 
in  dispersionem  et  occisionem  et  captivitatem  inciderunt"  (G  B  II  125). 

^)  So  der  Chronista  Erphordensis.  Vgl.  die  Auszüge  aus  seiner  Chronik 
in  G  B  I  264.  —  Jener  Conradus  de  Hallis  dürfte  ein  deutscher  Franziskaner 
gewesen  sein.  —  Die  Zahl  „sieben"  ruft  den  Gedanken  wach,  ob  diese  sieben 
Brüder  nicht  identisch  mit  jenen  sieben  Märtyrern  sind,  die  Elemosina  1289  zu 
Tripolis  sterben  läßt  (G  B  II  108). 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zu-  Zeit  der  Kreuzzüge  23 

Das  Jahr  1272  brachte  eine  Wendung,  da  verschiedene  Um- 
stände, besonders  die  Fortschritte  der  Tataren,  Sultan  Bibars  be- 
stimmten, mit  den  Christen  auf  zehn  Jahre  Frieden  zu  schließen  0. 
Hiermit  begann  für  Palästina  und  Syrien  eine  ruhigere  Zeit, 
die  den  lateinischen  Christen  erlaubte,  die  Wallfahrten  zu  den 
heiligen  Stätten  wieder  aufzunehmen.  Um  diese  Zeit  bestanden 
noch  Franziskanerklöster  zu  Tripolis,  Akri,  Tyrus  und  Sidon; 
an  den  beiden  ersten  Orten  weilten  auch  Dominikaner. 

Am  1.  Juli  1277  starb  Sultan  Bibars  zu  Damaskus.  Ihm 
folgten  zunächst  für  kurze  Zeit  zwei  seiner  Söhne,  bis  am 
26.  November  1279  Sultan  Kalaun  die  Regierung  antrat,  die 
er  11  Jahre  lang  führte.  Im  April  1282  schloß  er  mit  dem 
Meister  der  Templer  einen  Frieden  auf  zehn  Jahre  und  am 
3.  Juni  1283  mit  den  Fürsten  von  Akri,  Sidon  und  Athlith  ^), 
was  ihn  aber  nicht  abhielt,  wiederholt  Streifzüge  ins  Gebiet 
der  Christen  zu  unternehmen.  Leider  wußten  diese  auch  jetzt 
noch  nicht,  sich  auf  den  Endkampf  zu  rüsten  und  die  gegen- 
seitigen Streitereien  zu  beenden.  So  hätte  1286  nicht  viel  ge- 
fehlt, und  Akri,  das  wichtigste  Bollwerk  der  Christen,  wäre  von 
christlichen  Schiffen  angegriffen  worden.  Als  der  genuesische 
Admiral  Thomas  Spinola  mit  der  Flotte  an  der  kleinasiatischen 
Küste  erschien,  um  die  Venetianer  und  Pisaner  zu  verjagen, 
kamen  einige  dieser  Schiffe  vor  Akri  und  verlangten  die  Aus- 
treibung der  Feinde.  Die  Stadt  entsandte  aber  an  den  Befehls- 
haber der  Schiffe  zwei  Franziskaner,  die  einen  gütlichen  Aus- 
gleich erwirkten  ^). 

Bald  nachher  glaubte  Sultan  Kalaun  den  Zeitpunkt  ge- 
kommen, um  die  letzten  Reste  des  fränkischen  Reiches  zu  ver- 
nichten. 1289  zog  er  gegen  Tripolis  und  nahm  nach  einem 
Monat,  am  26.  April,  die  Stadt.  Die  meisten  Männer  wurden 
getötet,  die  Frauen  und  Kinder  verkauft  und  die  Stadt  zerstört. 
Die  Chronik  von  Lanercost  erzählt  uns  einen  schönen  Zug  vom 
Mute,  den  ein  englischer  Franziskaner,  der  früher  Guardian  zu 
Oxford  gewesen  war,  während  der  Belagerung  zeigte.   Während 


1)  Vgl.  GB  I  280. 

2)  Röhricht,  Regesta  regni  Jorosolimitani  Nr.  1447  und  1450. 
•^)  GB  II  443. 


24  I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

die  Christen  bereits  entmutigt  an  die  Übergabe  dachten,  suchte 
jener  Bruder  sie  zu  weiterem  Kampfe  zu  begeistern.  Als  dann 
die  Nachricht  kam,  der  Feind  habe  die  Mauern  erbrochen  und 
dringe  in  die  Stadt,  nahm  der  Bruder  ein  Kreuz  auf  seine 
Schulter,  zog  zur  Bresche  und  forderte  das  Volk  auf,  ihm  zu 
folgen.  Kaum  war  er  aber  in  die  Nähe  der  Feinde  gekommen, 
so  trennte  ihm  ein  Schwerthieb  den  Arm  vom  Rumpfe.  Sofort 
nahm  er  das  Kreuz  auf  die  andere  Schulter ;  ein  zweiter  Streich 
schlug  auch  diese  ab,  und  der  mutige  Kreuzträger  kam  unter 
die  Hufe  der  Pferde,  die  ihn  vollständig  zerstampften  ^).  Sieben 
Brüder,  die  den  bei  Einnahme  der  Stadt  gefangenen  Christen 
Mut  zusprachen,  wurden  von  den  Sarazenen  „durch  ein  hartes 
Martyrium  getötet"  ^). 

Der  Tod  hinderte  Kalaun,  sein  Werk  zu  vollenden  und 
das  letzte  Bollwerk  der  Christen  zu  vernichten.  Sterbend  (27.  No- 
vember 1290)  übergab  er  seinem  Sohne  und  Nachfolger  Aschraf 
den  Auftrag,  gegen  Akri  zu  ziehen,  und  dieser  zögerte  nicht, 
dem  Willen  des  Vaters  zu  entsprechen.  Er  erschien  im  Früh- 
ling 1291  mit  einem  gewaltigen  Heere  vor  der  Stadt  und  er- 
oberte sie  nach  40  Tagen,  am  18.  Mai.  Die  Kirchen  wurden 
zerstört,  die  Stadt  verbrannt  ^).  Furchtbar  war  das  Blutbad, 
das  die  Sarazenen  unter  den  zurückgebliebenen  Christen  an- 
richteten. Die  im  Hafen  liegenden  Schiffe  hatten  nicht  genügt, 
alle  Einwohner  wegzuführen;  nur  ein  Teil,  unter  ihnen  der 
Guardian  der  Franziskaner  und  mehrere  Brüder,  hatten  sich 
nach  Zypern  retten  können.  Die  zurückgebliebenen  vierzehn 
Brüder  wurden  mit  vielen  Priestern,  Ordensleuten  und  Laien 
der  Marterkrone  teilhaft  ^). 

Ein  ergreifender  Brief  des  Dominikaners  Ricoldus,  der  um 
jene  Zeit  als  Missionar  in  Bagdad  weilte,  berichtet  einige  Ein- 
zelheiten über  ihren  Tod.    „Welchen  Kummer  und  Schmerz  ich 


1)  GB  II  454.  Vgl.  daselbst  455  ein  Beispiel  seines  Vertrauens  und 
454  den  Tod  der  Äbtissin  Lucia  von  Tripolis. 

-)  Elemosina  meldet:  „Septem  Fratres  Minores,  dura  ipsi  constantes  in 
fide  Christi  alios  confortarent,  a  sarracenis  duro  martyrio  trucidati  fuerunt" 
(GB  11  108).  ■^)  Vgl.  Makrizi,  Bd.  II  T.  I  126. 

*)  Der  Bericht  des  Elemosina  in  GB  II  109. 


I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  25 

bei  der  Einnahme  von  Akri  empfand,  liönnt  ihr  leicht  erraten. 
Ihr  habt  Ähnliches  erfahren.  Bis  in  den  tiefen  Orient,  nach 
Bagdad,  wo  ich  damals  weilte,  kam  nicht  nur  die  Kunde,  son- 
dern auch  die  den  Christen  genommene  Beute.  Als  man  die 
Bücher  und  Paramente,  die  Kleinen  und  Frauen  öffentlich  zum 
Schimpfe  der  Christen  durch  die  Stadt  führte  und  die  Nonnen 
und  Gott  geweihten  Jungfrauen  als  Geschenk  den  Königen  und 
Großen  der  Sarazenen  sandte,  da  suchte  ich  sorgfältig  voll 
Kummer  und  Trauer,  ob  ich  jemand  von  meinen  Brüdern  träfe, 
den  ich  loskaufen  oder  dem  ich  dienen  könnte.  Ich  verwunderte 
mich  sehr,  da  ich  die  Paramente  und  Kleider,  Bücher  und 
Breviere,  aber  keine  Brüder  fand . . .  Nachher  sagte  man  mir, 
daß  kein  Mitbruder  am  Leben  geblieben  sei.  Ich  erfuhr,  daß 
man  euch  getötet  habe,  damit  ihr  nicht  den  übrigen  Gefangenen 
eine  Stütze  des  Glaubens  seiet ...  O  glückliche  Prozession,  von 
der  auch  die  Minderbrüder  nicht  ausgeschlossen  waren!  Ich 
hörte,  daß  um  die  Stunde  eures  Todes  einige  der  lieben  Minder- 
brüder, ich  weiß  nicht,  wer  es  war,  mit  euch  in  eurem  Hause 
vereinigt  waren  und  mit  euch  getötet  wurden.  Auch  erfuhr  ich, 
daß  ihr  an  einem  Freitage  um  die  dritte  Stunde  starbet,  daß 
ihr  am  Morgen  die  hl.  Messe  feiertet  und  die  hl.  Kommunion 
empfinget,  während  eine  große  Schar  von  Männern  und  Frauen 
und  Kindern  bei  euch  versammelt  war.  Eine  fromme  und  glaub- 
würdige Frau,  die  bei  eurem  Tode  zugegen  war  und  von  den 
Sarazenen  gefangen  wurde,  erzählte  mir,  daß  ihr  beim  Ein- 
dringen der  Sarazenen  mit  lauter  Stimme  Komm,  Schöpfer 
Geist  <  sänget  und  während  dieses  Gesanges  ermordet  wurdet .  .  . 
Sei  gegrüßt,  o  Mutter  Kirche,  die  du  so  viele  und  solche  Söhne 
geboren  hast"  ^). 

Besonders  rühmen  die  Chronisten  den  Glaubens-  und  Todes- 
mut der  Klarissen;  ihre  Berichte,  die  sich  auf  den  ersten  Blick 
zu  widersprechen  scheinen,  lassen  sich  miteinander  ver- 
einigen. Johannes  von  Winterthur  erzählt,  daß  die  Äbtissin 
durch  inständige  Bitten  von  den  eindringenden  Sarazenen  die 
Erlaubnis  erwirkte,  dem  Herrn  zunächst  ein  Loblied  zu  singen. 

»)  GB  I  352. 


26  I.  Die  Franziskaner  in  Palästina  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

Die  Schwestern  sangen  nun  andächtig  das  „Salve  Regina", 
knieten  nieder,  reichten  ihren  Naclten  dar  und  empfingen  die 
Palme  des  Martyriums  0-  Die  Chronik  der  24  Generäle  ergänzt 
diesen  Bericht  und  erzählt  das,  was  voraufging.  Sobald  die 
Kunde  gekommen  war,  daß  die  Stadt  genommen  sei,  versammelte 
die  Äbtissin  die  Schwestern  im  Kapitel  und  ermunterte  sie  mit 
begeisterten  Worten  zum  Martyrium.  „Meine  Töchter  und 
Schwestern,  verachten  wir  dieses  elende  Leben,  auf  daß  wir 
uns  ohne  Makel  an  Leib  und  Seele  und  stark  im  Glauben 
unserm  Herrn  Jesus  Christus  opfern  können  und  um  den  Preis 
des  eigenen  Blutes  das  ewige  Leben  erwerben.  Tuet  alle  das, 
was  ihr  mich  tun  sehet."  Darauf  nahm  die  männliche  Frau 
ein  Messer,  verstümmelte  ihre  Nase  und  rötete  das  ganze  Ge- 
sicht mit  dem  strömenden  Blute.  Alle  Schwestern  folgten,  von 
der  gleichen  Liebe  zum  Glauben  und  zur  Keuschheit  beseelt, 
ihrem  Beispiele,  entstellten  auf  verschiedene  Weise  ihr  Antlitz 
und  färbten  es  mit  ihrem  jungfräulichen  Blute,  so  daß  ihr  An- 
blick einem  jeden  Entsetzen  verursachte.  Sogar  die  Sarazenen 
schauderten  und  machten  alle  mit  ihren  Schwertern  in  grau- 
samer Weise  nieder  ^). 

Mit  dem  Falle  von  Akri  war  das  Los  der  wenigen  Be- 
sitzungen, die  sich  noch  in  den  Händen  der  Christen  befanden, 
entschieden.  Bald  wurden  Tyrus  und  Sidon  erobert;  die  Be- 
wohner erhielten  freien  Abzug,  und  damit  verschwanden  die 
letzten  Niederlassungen  und  Franziskaner  aus  dem  Hl.  Lande. 
Wir  finden  in  den  nächsten  40  Jahren  wohl  mehrere  Brüder 
als  Pilger  an  den  hl.  Stätten,  aber  nirgends  in  Palästina  ein 
Kloster  lateinischer  Ordensleute. 


1)  GB  I  351;  II  144. 

2)  GB  I  351.  —  Der  Dominikaner  Felix  Fabri  erzählt  das  gleiche,  ein 
Jahrhundert  später,  von  den  Benediktinerinnen  bei  St.  Anna  in  Jerusalem,  fügt 
aber  hinzu:  „Quamvis  quidam  referant  alii  factum  fuisse  in  quodam  monasterio 
S.  Glarae"  (Evagatorium  II  132).  Bzovius  berichtet  den  Vorgang  zweimal:  bei 
der  Einnahme  von  Antiochien  (zu  1268  Nr.  12)  und  von  Tripolis  (zu  1289  Nr.  2). 


II.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner      27 


IL  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug 
der  Franziskaner. 

Kaum  war  Saladin  am  2.  Oktober  1187  in  das  eroberte 
Jerusalem  eingezogen,  als  eine  große  Umwandlung  der  von  den 
Kreuzfahrern  gegründeten  Kirchen  und  Anstalten  begann.  Die 
am  Felsendom  auf  dem  Tempelplatze  entstandenen  Bauten 
wurden  entfernt,  und  dieser  wieder  das  Heiligtum  der  Moham- 
medaner, nachdem  er  von  innen  und  außen  mit  Rosenwasser 
abgewaschen  und  das  auf  seiner  Kuppel  strahlende  Kreuz  unter 
dem  Jubel  der  Moslems  hinuntergestürzt  war  ^).  Sarazenische 
Schulen  und  Hospitäler  zogen  in  Kirchen  und  Klöster  ein.  Im 
Palaste  des  Großmeisters  der  Johanniter  nahm  Saladin  Wohnung. 
Der  Palast  des  lateinischen  Patriarchen  wurde  Hospiz  der 
Schafiten  und  das  Kloster  der  Benediktinerinnen  bei  St.  Anna 
die  Hochschule  derselben  ^).  Die  Abtei  der  Benediktiner  im  Tale 
Josaphat  wurde  niedergerissen  und  die  Steine  zur  Befestigung 
der  Stadt  gebraucht.  In  der  Basilika  des  hl.  Stephanus,  die 
an  der  Stätte  seines  Todes  erbaut  war,  sah  Wilbrand  bald  nach- 
her die  Esel  des  Sultans  ^).  Selbst  die  Grabeskirche  kam  in 
Gefahr.  Aus  dem  Gefolge  des  Siegers  wurde  der  Rat  laut,  sie 
zu  zerstören;  andere  jedoch  widersprachen  und  verwiesen  auf 
das  Beispiel  des  Kalifen  Omar,  der  sie  geschont  habe.  Saladin 
begnügte  sich  damit,  sie  den  lateinischen  Christen  zu  schließen*). 


1)  Vgl.  u.  a.  den  Brief  des  Johannitermeisters  Terricius  an  König  Hein- 
rich II.  von  England  (Januar  1188):  „Capta  autem  Jerosolima,  Saladinus  cru- 
cem  de  Templo  Domini  deponl  et  eam  per  duos  dies  per  civitatem  in  osten- 
tum  fiistigando  portari  fecit;  deinde  fecit  templum  Domini  aqua  rosata  intus 
et  exterius,  sursum  et  deorsum  lavari",  Delaville  Bd.  I  Nr.  847. 

2)  Vgl.  die  von  Max  van  Berchem  über  dem  Portal  der  St.  Annakirche 
gefundene  Inschrift  aus  dem  Jahre  1192;  Hl.  Land,  (1914)  165. 

3)  Die  Belege  sind  zusammengestellt  bei  Cour  et,  L'Ordre  de  Saint- 
Sepulcre  851.  Vgl.  auch  den  Bericht  des  arabischen  Chronisten  Moudjir-ed-djTi 
bei  Sauvaire  73  ff.  —  Wilbrand  185. 

*)  Der  Sekretär  Saladins  Imad-ed-din  (Recueil  des  Historiens  des 
Croisades,  Hist.  Orientaux,  IV  H40)  meldet:  „Le  sultan  fit  fermer  l'eglise 
de  Komaraah  et  defendit  aux  chretiens  de  s'y  rendre  en  pelerinage  et  meme 


28       n.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner 

Den  Franken  wurde  der  Aufenthalt  in  Jerusalem  untersagt; 
nur  zehn  Johanniter  durften  für  ein  Jahr  in  ihrem  Hospital  zur 
Pflege  der  Kranken  zurückbleiben').  „Die  Christen,  die  nicht 
von  der  Zahl  der  Franken  waren,  baten  Saladin  um  die  Er- 
laubnis, in  ihren  Häusern  zu  verbleiben;  der  Sultan  gewährte 
es  ihnen,  und  sie  kauften  einen  Teil  der  Besitzungen  der  Fran- 
ken" ^).  Sie  mußten  eine  hohe  Abgabe  zahlen  ^),  genossen  aber 
Ruhe  und  Sicherheit.  Vier  ihrer  Priester  durften  zur  Obhut  des 
Hl.  Grabes  in  der  Grabesbasilika  weilen  ^). 

Das  beste  Los  hatten  dank  der  Verehrung  der  Sarazenen 
für  die  „Mutter  Ischas"  die  Kirchen  der  Gottesmutter.  Ihr 
Heiligtum  auf  dem  Berge  Sion  nebst  dem  anstoßenden  Kloster 
und  die  über  ihrem  Grabe  erbaute  Basilika  wurden  von  ein- 
geborenen Christen  in  Verwaltung  genommen,  wie  uns  Wilbrand 
erzählt,  der  an  beiden  Orten  die  Surianer  traf^).  Besonderer 
Sorgfalt  erfreute  sich  ihre  Basilika  zu  Bethlehem;  der  Domini- 
kaner Burkard,  der  1283  durch  Palästina  pilgerte,  sagt  von  ihr: 
„Die  Sarazenen  verehren  zwar  alle  Kirchen  der  seligen  Jung- 


de  s'en  approcher."  Daß  dies  Verbot  nur  den  lateinischen  Christen  galt,  er- 
gibt sich  aus  andern  Zeugnissen. 

1)  Terricius  a.a.O.:  „IpseSaladinus  in  domoHospitalis  permisitremanere 
decem  de  fratribus  Hospitalis  ad  custodiendum  infirmos  usque  in  unum  annura." 

'-)  Kamel-Altevarykh.  In  Recueil  des  Historiens  des  Croisades,  Hist. 
Orientaux,  I  706.  —  Imad-ed-din,  a.  a.  0.  340  sagt,  daß  mehrere  Tausend 
morgejiländische  Christen  zurückblieben. 

3)  Jakob  von  Verona  sagt  (217):  „In  tota . . .  Terra  Sancta  sunt  multi 
Christiani  sub  potentia  soldani  subjugatj,  solventes  annuale  Iributum  soldano 
multa  et  multa  milia." 

*)  Imad-ed-din  a.  a.  0.  340:  „On  permit  aussi  ä  quatre  desservants 
de  l'öglise  Komamah,  parmi  les  pretres  chretiens,  d'y  resider  en  jouissant  de 
toutes  les  immunites  et  exemplions  d'impöt."  —  Nach  dem  Klageliede  des 
armenischen  Patriarchen  Gregorius  hätten  die  Sarazenen  in  der  Grabeskirche 
große  Verheerungen  angerichtet  (Recueil  des  Historiens  des  Croisades,  Hist. 
Armeniens,  I  280:  „filegie  sur  la  prise  de  Jerusalem",  Vers  426  und  427. 
Dagegen  versichert  Wilbrand  von  Oldenburg,  der  1212  die  Hl.  Stadt  besuchte, 
daß  alles  unversehrt  geblieben  sei  (I  86:  „Omnia  Sarraceni  reliquerunt  illesa"). 
Sogar  die  Gräber  der  lateinischen  Könige  blieben  verschont;  der  Pilger  Lu- 
dolf  von  Suchern  (Reyßbuch  844)  wunderte  sich,  „daß  die  Sarazenen  ihre 
Grabstätte  und  abgestorbenen  Leiber  nicht  beschädigen,  sondern  unversehrt 
ruhen  lassen,  so  sie  doch  ihnen  so  großen  Schaden  zugefügt". 

s)  S.  187  und  188:  „Suriani  sacerdotes  Sarracenis  tributarii." 


II.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner       29 

frau,  diese  aber  insbesondere"  ^).  Auch  die  anstoßende  Abtei 
blieb  erhalten;  1217  fand  Thetmar  am  Eingang  sarazenische 
Hüter,  die  von  den  Eintretenden  eine  Abgabe  erhoben  ^). 

Schon  nach  wenigen  Jahren  wurde  die  erste  Strenge  ge- 
mildert. Das  Waffenglück  der  Lateiner,  die  am  11.  Juni  1191 
Akri  eroberten  und  am  7.  September  das  Heer  des  Sultans  bei 
Assur  schlugen,  brachte  einen  Waffenstillstand,  der  am  1.  Sep- 
tember 1192  in  Kraft  trat  und  den  lateinischen  Christen  den 
Besuch  der  hl.  Stätten  freigab  ^).  Bischof  Walter  von  Salisbury 
erwirkte  sogar  von  Saladin,  daß  an  der  Grabeskirche,  zu  Beth- 
lehem und  Nazareth  „je  zwei  lateinische  Priester  und  ebenso 
viele  Diakone  zur  Feier  des  Gottesdienstes  zugelassen  würden, 
die  wie  die  Surianer  von  den  Opfern  der  Pilger  erhalten  werden 
sollten""*).  Die  Zahl  scheint  bald  vermehrt  zu  sein;  die  „Be- 
schreibung des  Hl.  Landes",  die  kurz  nachher  der  Patriarch 
von  Jerusalem  an  Papst  Innozenz  III.  sandte,  sagt,  daß  fünf 
Lateiner  nebst  zwei  Söhnen  des  Sultans  das  Grab  des  Herrn 
bewachen '").  Doch  dürften  die  Lateiner  nicht  lange  an  der 
Grabeskirche  geblieben  sein;  wenigstens  erwähnt  sie  Wilbrand 
1212  nicht  mehr  und  auch  niemand  von  den  nachfolgenden 
Pilgern  des  13.  Jahrhunderts.  Ersterer  spricht  nur  von  den 
vier  surianischen  Priestern,  die  er  im  Innern  der  Basilika  fand  ^), 


1)  S.  79:  „Sarraceni  quidem  omnes  ecclesias  beate  virginis  honorant, 
sed  precipue  istam."  Es  wird  wiederholt  von  Sanutus,  Liber  Secretorum  fi- 
delium,  Bd.  III  Teil  XIV  K.  11. 

2)  S.  21:  „Sunt  tarnen  quidam  sarraceni  custodes  ad  liraina  monasterii 
deputati  a  peregriuis  et  introeuntibus  pedagium  accipientes,  qui  tarnen  residen- 
ciam  ibi  non  faciunt."  Er  lügt  aber  hinzu:  ..Sarraceni  sepe  destruxissent  hoc 
monasterium,  nisi  sollicitudo  christianorum  multa  pecunia  precavisset." 

3)  Sauvaire  81. 

*)  Vgl.  Couret  858  und  PP.  Vincent  et  Abel  O.P.,  BeUeem,  Paris 
1914,  184,  die  (für  Bethlehem)  meinen,  daß  es  sich  um  Augustiner-Chorherrn 
gehandelt  habe. 

5)  Der  Bericht  fügt  hinzu,  daß  die  beiden  Prinzen  die  Opfer  der  Pilger, 
die  manchmal  20  000  Sarazenaten  betragen,  unter  sich  teilen:  Bongars.  Gesta 
Dei  1126.  —  Vgl.  über  jenen  Bericht  Röhricht,  Bibliotheca  Geographica 
Palästinae  43  (unter  Heymarus  Monachus)  und  GBl  186. 

6)  S.  186:  „Ipsa  ecclesia  et  sanctum  sepulcrum  et  omnia,  que  intus 
sunt  contenta,  a  quatuor  sacerdotibus  surianis,  qui  exire  non  permittuntur,  in 
bona  devotione  custodiuntur." 


30       11-  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner 

sowie  von  dem  Beamten  des  Sultans,  der  die  Abgaben  von  den 
Pilgern  an  der  äußern  Pforte  erhob;  „nachdem  wir  beim  Ein- 
tritt in  die  Stadt  wie  Schafe  abgezählt  waren,  wurden  wir  mit 
gesenktem  Haupte  durch  einen  Boten  des  Sultans  vor  die  Pforte 
der  hl.  Grabeskirche  geleitei,  .  .  .  durften  sie  aber  erst  betreten, 
nachdem  wir   acht  und  eine  halbe  Drachme  gezahlt  hatten"  ^). 

Verschieden,  je  nach  dem  Eindrucke,  den  die  Pilger  emp- 
fingen, wird  von  ihnen  die  Sorgfalt  und  Arbeit  jener  Grabes- 
hüter beurteilt.  Während  Wilbrand  „die  Kirche  und  das  Hl.  Grab 
und  alles,  was  sich  dort  findet,  von  den  surianischen  Priestern 
in  guter  Andacht  behütet"  fand,  verzeichnet  w^enige  Jahre  später 
Magister  Thetmar  in  seinem  Reisebericht,  daß  „die  Kirche  des 
Grabes  des  Herrn  und  die  Stätte  seines  Leidens  ohne  Licht, 
ohne  Ehre  und  Verehrung"  gehalten  w^erde  ^). 

Bald  nachher  soll  der  Grabeskirche,  wie  der  Scholastiker  Oli- 
ver schreibt,  nochmals  eine  große  Gefahr  gedroht  haben.  Als 
während  der  Belagerung  Damiettes  durch  die  Kreuzfahrer  (1219) 
der  Sultan  von  Damaskus  Melek-el-Moaddem  aus  Furcht  vor 
einem  Überfall  Jerusalems  durch  die  Franken  die  Mauern  und 
Befestigungen  der  Hl.  Stadt  schleifen  ließ,  soll  man  nach  Oliver 
auch  bereits  die  Zerstörung  der  Grabeskirche  erwogen  haben, 
um  so  den  Christen  das  Interesse  an  Jerusalem  zu  nehmen; 
doch  habe  niemand  es  gewagt,  Hand  an  dieses  Werk  zu  legen. 
Ebenso  blieb  der  Tempel  und  der  Turm  Davids  verschont^); 
aber  die  außer  der  Stadt  auf  dem  Sion  gelegene  Kirche  der 
Gottesmutter  mußte,  da  sie  nach  Theodorich  (1172)  mit  Mauern, 
Türmen   und  Bollwerken  wohl  befestigt   war  "*),   nebst  der  an- 


1)  S.  185. 

2)  S.  18:  „Ecclesia  dominici  sepulchri  et  locus  passionis  sine  luminari- 
bus,  sine  honore,  sine  reverentia  semper  clausa  existit,  nisi  forte  gratia  obla- 
tionum  peregrinis  aperiatur." 

3)  Bongars,  Gesta  1188  (Oliver)  und  1137  (Jakob  von  Vitry) :  „Muri 
enim  cum  turribus  redacti  sunt  in  acervos  lapidum  praeter  Templum  Domini 
et  turrim  David.  De  Sepulchro  glorioso  destruendo  habuerunt  Sarraceni  con- 
silium,  sed  huic  temeritati  nemo  nianus  apponere  praesumpsit  propter  loci 
reverentiam." 

^)  S.  55:  „Sion  ergo  mons,  ad  meridiem  extra  muros  civitatis  ex  maxima 
parte  constitutus,  ecclesiam  dominae  nostrae  sanctae  Mariae  articulatam,  muris, 
turribus,  propugnaculis  adversus  gentilium    insidias  valde   munitam   continet." 


II.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner       31 

stoßenden  Abtei  fallen.     Die  folgenden  Pilger  sahen  auf  dem 
Berge  nur  Steinhaufen  und  einige  Gewölbe  ^). 

Furchtbar  hausten  1244  die  Charesmier  in  der  Grabes- 
kirche, als  diese  vom  Sultan  Ejjub  von  Ägypten  gegen  die  Sul- 
tane von  Kerak  und  Damaskus  und  gegen  die  mit  ihnen  ver- 
bündeten Franken  herbeigerufen  waren.  Sultan  Ejjub  ent- 
schuldigte sich  1246  bei  Papst  Innozenz  IV.,  es  sei  ohne  sein 
Vorwissen  und  in  seiner  Abwesenheit  geschehen;  er  habe  die 
Übeltäter  nach  seiner  Ankunft  in  Jerusalem  scharf  getadelt  und 
ihnen  verboten,  sich  der  Grabeskirche  zu  nähern,  auch  habe 
er  gesucht,  die  Kirche  wieder  herzustellen  und  zu  schmücken, 
sowie  befohlen,  die  Tore  der  Kirche  zu  schließen  und  die 
Schlüssel  einigen  Gläubigen  (Sarazenen)  mit  dem  Befehl  ge- 
geben, die  Basilika  nur  den  Pilgern  zu  öffnen  ^). 

Diese  Türhüter  blieben  an  der  Pforte  der  Grabesbasilika, 
und  das  von  ihnen  erhobene  Eintrittsgeld  war  eine  Goldgrube 
für  den  Sultan;  mehr  als  einmal  hat  die  Rücksicht  auf  dieses 
die  Kalifen  bestimmt,  die  Basilika  zu  erhalten,  die  Christen  zu 
schützen  und  einige  Vorsorge  für  die  Pilger  zu  treffen  ^).  Wie 
wir  von  Br.  Fidentius  hören,  mußten  auch  die  morgenländischen 
Christen  das  Eintrittsgeld  bezahlen.  „Jeder  Christ",  schreibt 
er  „zahlt  für  seine  Person  an  36  oder  40  silberne  turonische 
Groschen.  Und  nicht  nur  die  sogenannten  lateinischen  Christen, 
nämlich  die  Italiener,  Franzosen,  Spanier,  Engländer  und  Deut- 
schen gehen  nach  Jerusalem,  sondern  auch  die  ultramarinen 
Christen,  die  Griechen,  Georgier,  Armenier  und  viele  andere, 
von  denen  der  Sultan  einen  großen  Tribut  erhält"  *). 

Daß   die   Zahl  der  morgenländischen  Jerusalempilger   um 


1)  Die  Bauart  und  Lage  der  Klrciie  und  des  Klosters  brachte  ihre  Zer- 
störung durch  Sultan  Moaddem  mit  sich.  Da  die  bestimmten  Zeugnisse  über 
ihre  Zerstörung  fehlen,  so  sind  die  Ansichten  über  die  Zeit  derselben  geteilt. 
Tobler,  Topographie  II  115  Anra.  5,  meint,  die  Zerstörung  sei  entweder  1219 
oder  1244  erfolgt,  und  Vogue,  Les  eglises  de  la Terre  Sainte  327,  sagt  von  den 
Bauten  auf  dem  Sion :  „Dans  le  courant  du  XIII  siecle  ils  s'ecroulerent." 

2)  G  B  II  345:  „conatus  est  reaedificare  ipsam  et  ornare." 

3)  Über  die  Höhe  der  Abgabe  hat  Tobler  einige  Abgaben  zusammen- 
gestellt; vgl.  Golgotha  410. 

*)  G  B  II  27:  „Turonenses  grossos  argenteos." 


32       n.  Die  helligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner 

diese  Zeit  groß  war,  hören  wir  von  dem  Dominikaner  Burkard. 
„Wer  könnte  erzählen",  sagt  er  1283,  „wie  viele  Mönche,  wie 
viele  Nonnen  aus  Georgien,  aus  Groß-  und  Kleinarmenien,  Chal- 
däa,  Syrien,  Medien,  Persien,  Indien,  Äthiopien  und  Nubien  .  .  ., 
Maroniten,  Jakobiten,  Nestorianer,  Griechen,  Syrer  und  aus 
andern  Nationen  scharenweise^zu  hundert  und  zweihundert,  in 
größerer  und  geringerer  Zahl,  die  einzelnen  Stätten  aufsuchen 
und  in  flammender  Andacht  die  Erde  küssen  und  die  Orte  ver- 
ehren, an  denen  Jesus  geweilt  oder  ein  Werk  vollbracht  hat"  ^)\ 
Doch  wuchs  allmählich  auch  die  Zahl  der  lateinischen  Pilger, 
seitdem  ihnen  die  wiederholt  in  den  voraufgehenden  Jahrhun- 
derten geschlossenen  Friedensverträge  den  Besuch  der  hl.  Stätten 
erleichtert  hatten,  und  noch  mehr,  als  mit  der  Eroberung  Akris 
die  Kämpfe  der  Sarazenen  und  Franken  aufhörten  und  sich 
unter  ihnen  ein  besseres  Verhältnis  anbahnte. 

Mehrere  dieser  Pilger  haben  uns  Reiseberichte  überliefert, 
die  wertvolle  Nachrichten  über  die  hl.  Stätten  verzeichnen,  so 
in  den  letzten  Jahrzehnten  des  13.  Jahrhunderts  die  beiden 
Dominikaner  Burkard  und  Ricoldus  in  Palästina;  manche  ihrer 
Beobachtungen  wurden  hier  bereits  verwertet^).  Die  nächsten 
Jahre  führen  wiederholt  Franziskaner  teils  als  Pilger  teils  auf 
Missionsreisen  ins  Hl.  Land.  Unter  ihnen  haben  der  selige 
Odoricus  (1320),  die  irischen  Brüder  Simon  und  Hugo  (1322) 
und  P.  Antonius  von  Cremona  (1327)  Notizen  über  ihre  Reise 
hinterlassen  ^). 


1)  S.  20. 

2)  Der  Dominikaner  Franz  Pipin  von  Bologna,  der  1320  im  Hl.  Lande 
vi^ar,  hinterließ  ein  kurzes  Verzeichnis  der  hl.  Orte. 

3)  Vgl.  Röhricht,  Blbliotheca  Nr.  183,  187,  191;  außerdem  Nr.  185  und 
190.  —  P.  Anton  zelebrierte  in  Nazareth,  Bethlehem,  am  Grabe  der  Gottes- 
mutter und  auf  dem  Kalvarienberge.  Von  dem  letzteren  Gottesdienste  sagt 
er:  „Nullus  intravit  nobiscum  ecclesiam  sepulcri  nisi  soll  Latini,  ita  quod 
potui  cantare  alta  voce  in  monte  Calvariae  et  Sepulcro,  nemine  prohi- 
bente,  ita  quod  benedicantur  illi  VII  floreni,"  die  er  beim  Eintritte  erlegen 
mußte;  Le  Missioni  Francescane  VIII  345.  —  Br.  Hugo  Illuminator  starb  am 
22.  Oktober  zu  Kairo;  Itinerarium  53.  Leider  ist  das  Itinerarium  des  Br.  Simon 
unvollständig.  —  Um  dieselbe  Zeit  waren  auch  in  Palästina  die  Franziskaner, 
die  nach  ihrer  Heimkehr  bei  König  Jakob  II.  von  Aragonien  Klage  führten 
über  die  ungeziemende  Instandhaltung  der  Grabeskirche,  weshalb  der  König 
am  20.  August  1327  den  Sultan    um  Abhülfe    bat;    zugleich    ersuchte    er,    die 


II.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner       33 

Sehr  ausführlich  ist  der  Reisebericht  des  Augustiners 
Br.  Jaliobus  von  Verona,  der  am  5.  August  1335  in  Jerusalem 
ankam  ^).  Besondern  Wert  haben  seine  Nachrichten  über  die  ver- 
schiedenen Riten  und  Konfessionen  der  orientalischen  Christen, 
die  er  an  den  einzelnen  Stätten  Palästinas  antraf.  Sie  bestä- 
tigen noch  einmal  mit  voller  Klarheit,  daß  während  der  ganzen 
Zeit  nur  orientalische  Geistliche  an  den  hl.  Orten  verweilten, 
die  aber  den  lateinischen  Pilgern,  ihrem  Gottesdienste  und  ihren 
Andachtsübungen  keinerlei  Hindernisse  in  den  Weg  legten. 

Der  Dominikaner  Burkard  fand  in  der  Grabeskirche  „viele 
und  geziemend  geschmückte  Altäre"  ^)  und  sagt,  daß  er  auf  dem 
Kalvarienberge  die  hl.  Messe  feierte,  ein  Zeichen,  daß  die 
morgenländischen  Hüter  der  Basilika  den  Fanatismus  anderer 
Orientalen  gegen  den  lateinischen  Ritus  nicht  teilten.  Ebenso 
fand  er  gütige  Aufnahme  bei  den  Sarazenen;  er  rühmt  sie  als 
„gastfreundlich,  höflich  und  mildtätig"  ^). 

Die  gleichen  Erfahrungen  machte  sein  Mitbruder  Ricoldus. 
Nachdem  er  seine  ersten  Gebete  in  der  Grabeskirche  verrichtet 
hatte,  konnte  er  die  Christen,  die  sich  gerade  in  derselben  be- 
fanden und  mehr  als  hundert  waren,  sammeln  und  mit  ihnen 
eine  Prozession  zu  den  einzelnen  hl.  Orten  der  Kirche  veranstalten. 
„Wir  zelebrierten  in  der  Grabeskirche,  predigten  mehrere  Male, 
gaben  dem  Volke  die  hl.  Kommunion  und  ruhten  dort  Tag  und 
Nacht".  Auch  am  Grabe  der  Gottesmutter,  das  er  mit  vielen 
Lichtern  geschmückt  und  von  den  Sarazenen  ehrfurchtsvoll  be- 
hütet fand,  sowie  in  Bethlehem  und  Nazareth  konnte  er  unge- 
stört und  ungehindert  singen  und  zelebrieren,  predigen  und  dem 
Volke  die  hl.  Kommunion  spenden.  In  Kana  und  Bethsaida,  in 
Kapharnaum  und  am  See  Genesareth,  am  Grabe  des  Lazarus 
in  Bethanien  und  in  der  Wüste,  die  der  Herr  durch  sein  Fasten 
geheiligt  hat,  predigte  er  dem  Volke.     Am  Jordan  fand  er  auf 


Franziskaner  frei  und  ohne  Abgaben  durch  sein  Reich  ziehen  zu  lassen,  so- 
wie sie  und  die  Christen  in  Schutz  zu  nehmen.  H.  Finke,  Acta  Aragonensia 
H,  Berlin  1908,  759. 

1)  Herausgegeben  von   R.    Röhricht.    In:   Revue  de  l'Orient  Latin  III, 
Paris  1895,  163—302,   Über  Peregrinationis. 

2)  S.  71:  „Multa  altaria  et  decenter  ornata." 

3)  S.  112. 

Franzisk.  Studien,  Beiheft  4:  Lemniens,  Die  Franziskaner  auf  dem  Sion.  3 


34       11.  Di9  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner 

Dreikönigen  „mehr  als  10  000  aus  jedem  Volke  und  jeder  Na- 
tion". „Wir  bauten  daselbst  am  Flusse  einen  Altar,  auf  dem 
wir  zelebrierten,  und  predigten  und  tauften  unter  Freuden  und 
Tränen"  ^). 

Überall  gewinnt  man  den  Eindruck,  daß  er  sich  frei  be- 
wegen konnte  und  freundliche  Aufnahme  beim  morgenländischen 
Klerus  fand,  so  lange  er  nicht  die  strittigen  Punkte  berührte^); 
friedliches  Einverständnis  mit  den  andern  Riten,  Religionen  und 
Nationen  schimmert  allenthalben  durch  ^).  So  lange  die  abend- 
ländischen Christen  keine  eigene  Stätte  hatten  und  nur  als 
Pilger  und  Gäste  nach  Palästina  kamen,  scheinen  daselbst  über- 
all gute  Beziehungen  zu  den  morgenländischen  Mönchen  und 
Geistlichen  bestanden  zu  haben. 

Auch  die  Sarazenen  kamen  Br.  Ricoldus  freundlich  ent- 
gegen; sie  hätten  ihn  „aufgenommen  als  einen  Engel"  "*).  Wieder- 
holt spricht  er  mit  hohen  Lobsprüchen  von  ihren  Tugenden, 
ihrer  Andacht  und  Mildtätigkeit '").  Nur  auf  dem  Sion  zelebrierte 
und  predigte  er  „unter  Seufzern  und  Tränen  und  großer  Furcht, 
von  den  Sarazenen  getötet  zu  werden"  ^);  diese  hatten  nämlich 
in  dem  noch  erhaltenen  Teile  eine  Moschee  errichtet  und  ver- 
kündigten, sagt  Ricoldus,  das  Gesetz  des  Mohammed  da.  wo  die 
Apostel  den  Hl.  Geist  empfangen  hatten  ^). 

1)  S.  109. 

^)  Als  er  in  Bagdad  gegen  die  Irrlehre  des  Nestorius  gepredigt  hatte, 
jagte  man  ihn  zur  Kirche  hinaus  (S.  130). 

3)  Bei  andern  Pilgern  jener  Zeit  finden  wir  dasselbe;  so  sagt  Wilhelm 
von  Boldensele,  der  1333  in  Jerusalem  weilte,  von  den  Georgianern:  „Me 
receperunt  plurimum  gratiose;"  Basnage  IV  552. 

*)  S.  134:  „Nos  recipiebant  ut  angelos." 

'")  S.  131:  „Quis  enim  non  obstupescat,  si  diligeuter  consideret,  quanta 
est  ipsis  Sarracenis  sollicitudo  ad  Studium,  devocio  in  oracione,  misericordia 
ad  pauperes,  reverencia  ad  nomen  Del  et  prophetae  et  loca  sancta,  gratuitas 
in  moribus,  affabilitas  ad  extraneos,  concordia  et  amor  ad  suos."  —  Von  ihrem 
Gesetze  sagt  er  hingegen  S.  135:  „Lex  Sarracenoruni  est  larga,  confusa,  oc- 
culta,  mendacissima,  irracionabilis  et  violenta."  **)  S.  108. 

')  Ricoldus,  Epistola  ad  beatam  Reginam  Mariara:  „Ecce  totus  locus 
desertus  gemit  absque  habitatore,  nisi  quod  Saraceni  dimiserunt  edificiuni 
valde  altum  super  loco  illo,  ubi  apostoli  tui  sanctissimi  filii  receperunt  Spiri- 
tum  Sanctum  et  in  eodem  loco  faciunt  proclamari  legem,  ymmo  perfidiam 
Machometi  die  ac  nocte,  videlicet  alchoranum,"  Archives  de  lOrient  Latin 
II,  Teil  2,  274. 


II.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner       35 

Bestätigung  sowohl  als  vielfache  Ergänzung  erhalten  diese 
Berichte  durch  Br.  Jakobus  von  Verona.  In  der  Grabeskirche 
fand  er  als  Hüter  des  Hl.  Grabes  drei  greise  griechische 
Mönche  0,  die  daselbst  bei  Tag  und  Nacht  blieben  und  niemals 
hinausgingen.  Vor  der  Kirche  neben  dem  Turme  sah  er  die 
große,  schöne  Kapelle  der  Griechen,  an  der  ein  Patriarch,  viele 
Mönche  und  fromme  Frauen  weilten,  gegenüber  unter  der  Treppe 
eine  kleine  Kapelle,  in  der  die  nubischen  Mönche  Gottesdienst 
hielten;  es  sind  „sehr  geistige  Männer  aus  dem  Volke  des  Priesters 
Johannes,  der  einer  der  größten  Fürsten  der  Welt  ist".  Diese 
Nubier  haben  nach  Br.  Jakobus  große  Freiheit  im  Lande  des  Sul- 
tans, zahlen  in  seinem  Reiche  keine  Abgaben  und  können  unent- 
geltlich die  Grabeskirche  betreten.  Den  Grund  sieht  er  darin, 
daß  der  „Priester  Johannes,  Herr  von  Nubien  und  Äthiopien  ^), 
in  seinem  Lande  Gewalt  hat,  den  Nil  zu  sperren",  wodurch  das 
Reich  des  Sultans,  Ägypten,  eine  Wüste  würde  ^).  Neben  der 
Kapelle  der  Nubier  ist  eine  Kapelle  der  Georgier;  „die  Georgier 
tragen  schwarzen  Turban  (melmam  nigram)  und  feiern  das 
Offizium  der  Griechen.  Ihre  Heimat  Georgien  ist  eine  Provinz 
neben  den  Tataren;  sie  haben  einen  König,  sind  starke  Leute 
und  treue  Christen."  Neben  ihrer  Kapelle  ist  die  Kapelle  der 
Armenier.  Diese  „beten  das  Offizium  nach  unserer  Weise,  aber 
auf  armenisch;  ihre  Kapelle  heißt  Kapelle  des  hl.  Johannes, 
weil  er  dort  stand,  als  Christus  am  Kreuze  hing."  „Sie  gehor- 
chen in  allem  der  römischen  Kirche  .  .  .  und  sind  wahre  und 
andächtige  Christen,  müssen  aber  von  den  Sarazenen  vieles 
erdulden"  % 


1)  S.  186:  „Tres  senes  calogeri,  id  est  fratres  greci,  de  die  et  de  nocte." 
Der  Franzisicaner  Br.  Simon  nennt  1322  nur  zwei;  „Lampas  semper  accen- 
ditur  per  unum  cologerum  sive  monachum  cumanum,  qui  semper  cum  uno 
socio  moratur" ;  Itinerarium  70. 

2)  Seit  Otto  von  Freising  hieß  jeder  orientalische  Herrscher,  der  den 
Muhammedancrn  entgegentrat,  „Presbyter  Johannes".  Die  Legende  wanderte 
mit  dem  14.  Jahrhundert  von  Asien  nach  Alrilca.  Vgl.  die  Untersuchungen 
von  Zarncke.  In:  Abhandkmgen  der  k.  sächsischen  Gesellschaft  der  Wissen- 
schaften, Bd.  XVII  Nr.  VIII  und  Bd.  XIX  Nr.  I. 

3)  S.  190  und  217.     Dieser  Gedanke  kehrt    bei    vielen    mittelalterlichen 

Schriftstellern  wieder;  vgl.  unten  Kap.  6. 

*)  S.  190  und  218. 

3* 


36       n.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner 

Am  Grabe  der  Gottesmutter  beging  er  das  Fest  ihrer 
Himmelfahrt.  Alle  Generationen  der  Christen  feierten  in  der 
Kirche  festlich  ihr  Offizium  und  sangen  ihre  Messen,  „zunächst 
wir,  die  wahren  Christen,  die  Franken  genannt  werden,  an 
zweiter  Stelle  die  Griechen,  an  dritter  die  Nubier,  an  vierter 
die  Abyssinier",  und  weiter  die  Nestorianer,  Maroniten,  Jako- 
biten  und  Georgier '),  eine  Mannigfaltigkeit,  wie  man  sie  nur 
im  Oriente  findet. 

Auf  dem  Sion  sah  er  eine  Kapelle  der  Armenier  im 
Hause  des  Kaiphas,  an  der  vier  armenische  Mönche  weilten, 
und  außerdem  nichts  als  „Weinberge,  Steinhaufen,  zerbrochene 
Mauern  und  fromme  Erinnerungen"  ^).  Das  Zönakulum,  in  dem 
er  zelebrierte,  beschreibt  er  als  Gebäude  mit  unterem  und  oberem 
Gewölbe;  „daneben  war  einst  eine  schöne  Kirche,  die  aber 
vollständig  zerstört  ist"  ^}.  Auch  an  der  Kirche  des  hl.  Jakobus, 
zwischen  dem  Sion  und  dem  Turme  Davids,  sowie  in  St.  Johann, 
der  Heimat  des  hl.  Vorläufers,  traf  er  die  armenischen  Mönche. 
Am  häufigsten  begegnete  er  aber  den  griechischen  Mönchen, 
„die  zu  Jerusalem  und  im  Hl.  Lande  viele  Klöster  hatten"  •*) 
und  ihm  überall  freundlich  entgegenkamen. 

Nirgends  erwähnt  er  ein  lateinisches  Kloster,  noch  fand 
er  irgendwo  lateinische  Ordensleute  mit  einem  dauernden  Wohn- 
sitze oder  als  Hüter  eines  Heiligtumes. 

In  Bethlehem  feierte  er  mit  vielen  Gläubigen  aller  Länder 
ein  Fest  am  13.  August.  „0  Gott,  welche  Freude  war  es,  so 
viele  Lobgesänge  zu  hören,  die  Gott  und  die  glorreiche  Jung- 
frau priesen!  Die  Kirche  war  voll  Volk",  darunter  mehr  als 
100  lateinische  Christen,  mehrere  Priester  und  Kleriker,  zwei 
Dominikaner  und  zwei  Franziskaner.    Ein  Altar  der  Kirche  ^)  war 


1)  S.  197. 

2)  S.  193:  „Omnia  autem  editicia  montis  Syon  et  intra  et  circumcirca 
sunt  dirupta  et  non  habitantur,  sed  sunt  vinee  et  aggeres  lapidura  et  muri 
fracti  et  devociones." 

3)  „lUud  cenaculum  est  domus.  que  habet  voltas  duplicatas  sive  inferius 
et  superius,  et  fuit  uua  valde  pulcra  ecclesia . . .,  sed  est  totaliter  dirupta,"  S.  194. 

*)  S.  217. 

^)  S.  209:  „Altare  inferius,  iuxta  presepium,  est  Francorum  christiano- 
ram."     Üass3lbe  bei  Ludolf,  Revßbuch  Bl.  i48\ 


II.  Die  heiligen  Stätten  Paläslinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner       37 

den  Franken  reserviert.  Wie  die  übrigen  Pilger  rühmt  er  die 
Pracht  der  Basilika;  besondern  Eindruck  machten  auf  ihn  die 
schönen  und  andächtigen  Mosaikbilder  ^). 

Zum  Schluß  begab  sich  Br.  Jakobus  nach  Galiläa.  In  Na- 
zareth  sah  er  an  der  Stelle  der  Verkündigung  nur  Trümmer; 
die  Kapelle  des  hl.  Gabriel  fand  er  zerstört,  und  an  der  Kirche, 
die  man  aus  der  alten  Synagoge  gemacht  hatte,  griechische 
Mönche. 

Zur  Zeit  der  Pilgerreise  des  Br.  Jakobus  herrschte  über 
Palästina  Sultan  Nassir  Muhammad.  Der  Bevormundung  durch 
einige  herrschsüchtige  Emire  überdrüssig,  hatte  der  junge  Fürst 
1309  Ägypten  freiwillig  verlassen  und  sich  in  das  Fürstentum 
Kerak  zurückgezogen.  Nach  wenigen  Monaten  führten  ihn  jedoch 
die  Ereignisse  wieder  auf  den  Thron,  den  er  bis  zu  seinem 
Tode,  am  7.  Juni  1341,  behauptete.  Nassir  war  ein  tüchtiger 
und  selbständiger  Herrscher,  sein  eigener  Vezier,  der  die  wich- 
tigeren Staatsgeschäfte  selbst  besorgte  und  dem  Inhaber  des 
Kalifentitels  jede  Bedeutung  nahm.  Seitdem  der  Kalife  unter 
dem  ersten  Mameluckensultan  seine  Wohnung  in  Kairo  genom- 
men, sank  die  Bedeutung  des  „Nachfolgers  des  Propheten"  im- 
mer tiefer;  er  war  nur  „ein  Sklave  des  Sultans"  ^),  der  den 
Aufträgen  desselben  die  geistliche  Weihe  erteilen  mußte.  Es 
war  daher  kaum  eine  Änderung,  als  sich  die  osmanischen  Sul- 
tane nach  Eroberung  Ägyptens  neben  der  weltlichen  Ober- 
herrschaft über  die  Völker  des  Islams  auch  das  Imamat  oder 
Kalifat,  die  höchste  geistliche  Würde,  zusprachen. 

Sultan  Nassir  wird  von  christlichen  Zeitgenossen  als  Freund 
und  Gönner  der  Christen  gepriesen^).  Ob  er  ihnen  innerlich 
gewogen  war,   oder   sie   nur,   wie   andere   meinen,   als   kluger 


1)  Br.  Burkard  meint,  niemand  habe  schon  auf  der  ganzen  Welt 
eine  so  schöne  Kirche  gefunden;  man  könne  über  ihre  Kunst  Unglaubliches 
schreiben,  S.  79. 

2)  Weil  I  28.  Doch  hatten  die  Maraeluckensultane  den  Titel  des  Ka- 
lifen nicht;  wenn  ihnen  derselbe  von  Geschichtsschreibern  gegeben  wird,  so 
ist  das  soweit  berechtigt,  als  sie  die  tatsächlichen  Kalifen  waren  und  dem  In- 
haber des  Titeis  nur  den  Schatten  der  Würde  gelassen  hatten. 

•'')  Johann  von  Winterthur  sagt:  „Ut  communitcr  asseritur,  Christianos 
diligens,"  GB  II  145,  „Katholicos  amans",  S.  147. 


38       n.  Die  heiligen  Stätten  Palästinas  vor  dem  Einzug  der  Franziskaner 

Herrscher  aus  guten  Gründen  heranzog  und  begünstigte,  sicher 
ist,  daß  sich  unter  ihm  die  Lage  der  Christen  besserte.  Wäh- 
rend seiner  frühern  Herrschaft  hatten  die  Emire  Bibars  und 
Sallar  die  Verordnung  getroffen:  „Die  Christen  sollen  fortan, 
um  beim  ersten  Anblick  von  den  Muselmännern  unterschieden 
werden  zu  können,  blaue  Turbane  tragen  und  die  Juden  gelbe. 
Jüdinnen  und  Christinnen  sollen  ein  besonderes  Kennzeichen 
an  der  Brust  haben.  Es  ist  ihnen  verboten,  Waffen  zu  tragen 
und  auf  Pferden  zu  reiten;  selbst  auf  Eseln  sollen  sie  nur  seit- 
wärts sitzend  und  mit  schmuck-  und  wertlosen  Sätteln  reiten. 
Sie  sollen  den  Muselmännern  ausweichen  und  ihnen  die  Mitte 
der  Straße  überlassen.  Bei  größern  Versammlungen  sollen  sie 
vor  den  Muselmännern  sich  erheben  und  nicht  lauter  sprechen 
als  diese.  Auch  sollen  ihre  Häuser  nicht  höher  sein  als  die 
der  Muselmänner.  Sie  sollen  das  Palmenfest  nicht  öffentlich 
feiern,  keine  Glocken  läuten  lassen  und  keinen  Muselmann  zu 
ihrem  Glauben  zu  bekehren  suchen.  Ebenso  ist  es  ihnen  ver- 
boten, muselmännische  Sklaven  zu  halten,  Gefangene  oder  was 
sonst  Muselmännern  als  Beute  zugefallen,  zu  erwerben.  Be- 
suchen Juden  oder  Christen  ein  öffentliches  Bad,  so  sollen  sie 
sich  durch  eine  Glocke  am  Halse  kenntlich  machen.  Auf  ihrem 
Siegelring  sollen  sie  keine  arabische  Schrift  haben  und  ihre 
Kinder  nicht  den  Koran  lernen  lassen.  Sie  dürfen  keinen  Musel- 
mann zu  schwerer  Arbeit  gebrauchen"  und  nicht  in  den  Kanz- 
leien des  Sultans  und  seiner  Emire  angestellt  werden  0, 

Sultan  Nassir  begann  bald  nach  seiner  Rückkehr  auf  den 
Thron  mit  der  Aufhebung  dieser  Verordnungen.  Allem  Wider- 
spruche zum  Trotz  wurden  Christen  wichtige  Ämter  in  den 
höchsten  Kanzleien  übertragen  und  diplomatische  Beziehungen 
zu  abendländischen  Fürsten  gepflegt.  Wiederholt  sah  Kairo 
unter  seiner  Herrschaft  Abgesandte  christlicher  Könige.  Jakob  II. 
von  Aragonien  empfahl  ihm  die  Christen  seines  Reiches  und 
bat,  die  Obhut  des  Hl.  Grabes  katholischen  Ordensleuten  zu 
übertragen.  Papst  Johann  XXII.  ersuchte  Nassir,  die  christ- 
lichen Untertanen  gütig  zu  behandeln,  und  versprach,  dahin  zu 

1)  Weil  I  270. 


m.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  39 

wirken,  daß  die  Moliammedaner  in  den  Ländern  der  Christen 
vor  jeder  Unbilde  bewahrt  blieben  ^).  Philipp  VI.  von  Frank- 
reich soll  sogar  die  Abtretung  von  Jerusalem  und  einem  Teile 
der  Küste  Palästinas  verlangt  haben  ^),  ein  Verlangen,  das  von 
Nassir  zurückgewiesen  wurde.  Weniger  erbat  König  Robert 
von  Sizilien;  seine  Bitte  sollte  erhört  werden  und  die  abend- 
ländischen Christen  wieder  in  die  Verwaltung  und  Obhut  der 
heiligen  Stätten  mit  eintreten. 

III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  hl.  Stätten. 

Br.  Jakobus  von  Verona  ist  der  letzte  Pilger,  der  in  seinem 
Reiseberichte  (1335)  nur  morgenländische  Priester  als  Hüter 
der  hl.  Stätten  erwähnt  und  nur  von  morgenländischen  Klöstern 
in  Palästina  weiß.  Wie  die  andern  Pilger,  auch  die  Franzis- 
kaner, sah  er  nirgends  im  Hl.  Lande  ein  Kloster  abendländischer 
Ordensleute;  und  niemand  sagt  ein  Wort  von  Franziskanern, 
die  er  als  Hüter  des  Hl.  Grabes  oder  auf  dem  Sion  getroffen  hätte. 
Manche  ihrer  Bemerkungen  schließen  sogar  direkt  und  aus- 
drücklich das  Verweilen  lateinischer  Priester  oder  lateinische 
Kirchen  in  Palästina  aus.  So  sagt  Wilhelm  von  Boldensele, 
der  am  5.  Mai  1333  in  Jerusalem  eintraf,  von  der  armenischen 
Jakobskirche,  sie  sei  die  einzige  nennenswerte  Kirche  in  Jeru- 
salem, die  „zum  Glauben  der  römischen  Kirche  gehört,  während 
dort  viele  Kirchen  der  schismatischen  Christen  seien"  ^). 

Auf  dem  Berge  Sion  waren  schon  lange  weder  Heiligtum 
noch  Hüter.  Die  Pilger  fanden  daselbst  eine  zerstörte  Kirche  ■*) 
und  eine  verlassene,  unbewohnte  Stätte;  „der  ganze  Ort  ist 
verlassen  und  trauert,  sagt  1294  Br.  Ricoldus  ^),   weil  niemand 


1)  Raynaldus,  Annales  1328  Nr.  LXXXV;  Weil  I  353. 

2)  Raynaldus  1331  Nr.  XXX;  Weil  I  354. 

3)  „Haec  sola  Ecclesia  est  notabilis  ad  fidem  Romanae  Ecclesiae  spec- 
tans.  cum  tarnen  Hierosolymis  sint  multae  Ecclesiae  Christianorum  schismati- 
corum  Sumrao  Pontifici  non  obedientium:"  Basnage  IV  348. 

*)  Vgl.  Itineraires  ä  Jerusalem  et  Descriptions  de  la  Terre  Sainte  rediges 
en  franQais  aux  XI,  XII  et  XIII  sidcles,  publies  par  Henri  Michelant  et  Gaston 
Raynaud.  Genf  1882,  S.  184  und  195  („grant  eglise  abatue"). 

•■>)  Vgl.  oben  S.  34  Anm.  7. 


40  III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

dort  wohnt."  Br.  Jakobus  von  Verona  sah  oben  außer  den 
Gewölben  des  Zönakulums  nur  Ruinen  und  Äcker  ^) ;  es  ist  ge- 
nau jenes  Bild,  das  uns  ein  Kaufvertrag  aus  dem  Jahre  1335 
zeichnet^).  Ebenso  bestimmte  Zeugnisse  schließen  den  dauern- 
den Aufenthalt  lateinischer  Ordensleute  am  Hl.  Grabe  während 
jener  Jahre  aus.  So  ließ  König  Jakob  II.  von  Aragonien  (1291 — 
1327)  im  September  1322  den  Sultan  von  Ägypten  bitten,  aus 
besonderer  Gunst  aragonensischen  Dominikanern  die  Hut  und 
Administration  des  Hl.  Grabes  für  alle  Zeiten  zu  übertragen  ^); 
Sicher  hätte  der  König  diese  Bitte  nicht  gestellt,  wenn  dieser 
Auftrag  bereits  andern  Ordensleuten  verliehen  gewesen  wäre. 
Alle  alten  Nachrichten  und  Zeugnisse  weisen  den  Einzug 


1)  S.  193. 

2)  Golubovich,  Serie  136,  Dokument  B.  —  Alle  diese  Nachrichten 
machen  es  unmöglich,  das  von  Golubovich  daselbst  veröffentlichte  Dokument  A 
als  echt  zu  betrachten;  wenigstens  ist  das  von  ihm  gebotene  Datum  (11.  Juli 
1309)  unrichtig.  Die  von  ihm  benützte  Vorlage  (in  Schublade  18  des  Archivs 
der  Prokura)  ist  eine  Abschrift  des  17.  Jahrhunderts.  Wir  vermuten,  daß  der 
Abschreiber  das  arabische  Datum  falsch  gedeutet  hat,  da  es  bei  älteren 
Stücken  sehr  schwer  ist,  die  Zeichen  für  7  und  9  zu  unterscheiden.  Daß 
jenes  Datum  nicht  zutreffen  kann,  ergibt  sich  aus  allen  echten  zeitgenössischen 
Nachrichten,  die  wir  über  die  hl.  Stätten  und  ihre  Hüter  in  jener  Zeit  be- 
sitzen. Die  fragliche  Urkunde  spricht  von  Franziskanern  auf  dem  Berge  Sion, 
am  Hl.  Grabe  und  zu  Bethlehem  und  setzt  sich  so  mit  allen  Pilgern  in  Wider- 
spruch, von  denen  keiner  unsere  Brüder  an  diesen  Stätten  vor  1336  traf. 
Der  Ferman  nennt  nicht  den  Namen  des  Sultans;  Golubovich  nimmt  den  Namen 
desjenigen,  der  1309  regierte,  El  Muzaffar  Bibars.  Doch  kommt  dieser  nicht 
in  der  Reihe  der  Sultane  vor,  die  den  Brüdern  Schutzbriefe  ausgestellt  haben ; 
vgl.  Golubovich,  Serie  168  und  178.  —  In  dem  1633  aufgestellten  Ka- 
taloge der  Fermane  sind  sieben  des  gleichen  Inhaltes  wie  der  in  Frage  ste- 
hende verzeichnet  („che  in  Terra  Santa  non  possino  dimorare  altri  Religiosi 
franchi  fuorche  li  nostri");  der  älteste  derselben  ist  von  1387;  vgl.  Ver- 
niero  174. 

ä)  Finke,  Acta  Aragonensia  II  Nr.  470.  Als  Wohnung  wünscht  der 
König  für  die  Dominikaner  die  Häuser  des  Patriarchen  in  der  Hl.  Stadt.  — 
Hiermit  ist  auch  die  Nachricht  erledigt,  daß  Papst  Nicolaus  IV.  nach  dem 
Falle  von  Akri  den  Sultan  gebeten  habe,  „quatenus  in  Jerusalem  habitare 
permitteret  aliquos  latinos  clericos  pro  custodia  sepulchri  Christi",  welche 
Bitte  der  Sultan  gewährt  habe;  der  Papst  habe  darauf  die  Franziskaner  aus- 
gewählt und  nach  Jerusalem  gesandt  (Fabri,  Evagatorium  II  318;  I  353  sagt 
er  richtig:  „Stetit  autem  civitas  sancta  multis  annis  sine  latinis  Christianis, 
quousque  Robertus  rex  Siciliae  multo  auro  comparavit  a  Soldano  loca  sancta 
aliqua,  et  ea  Iratribus  miuoribus  dedit"). 


III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  41 

der  Franziskaner  in  das  folgende  Jahrzehnt.  Der  erste  Pilger, 
der  uns  seit  dem  letzten  Abziige  der  Lateiner  aus  Judäa  wieder 
abendländische  Ordensbrüder  an  den  hl.  Orten  und  die  Fran- 
ziskaner als  Hüter  des  Heiligturaes  auf  dem  Berge  Sion  zeigt, 
ist  der  westfälische  Pfarrer  Ludolf  von  Suchem,  der  von  1336 
bis  1341  im  Morgenlande  weilte  ')•  Die  Kaufurkunden,  durch 
die  unsere  Brüder  die  ersten  Grundstücke  auf  dem  Sion  erwar- 
ben, fallen  in  die  Jahre  1335  bis  1337^).  Die  älteste  Ordens- 
chronik, die  des  Einzuges  der  Brüder  in  die  hl.  Stätten  gedenkt, 
versetzt  denselben  in  eben  dieselben  Jahre  ^).  Und  die  päpst- 
liche Bulle^  die  das  bereits  seit  einigen  Jahren  fertige  Kloster 
auf  dem  Sion  bestätigt,  wurde  1342  erlassen  ^).  Daher  ist  außer 
allem  Zweifel,  daß  die  Franziskaner  um  diese  Zeit  wieder  in 
Jerusalem  einzogen,  sich  auf  dem  Sion  niederließen  und  den 
Gottesdienst  an  der  Grabeskirche  neben  den  andern  Riten  und 
Konfessionen,  die  seit  langem  daselbst  weilten,  übernahmen. 

Um  diese  Zeugnisse  der  Reihe  nach  vorzuführen,  so 
erzählt  die  bald  nach  der  Mitte  des  XIV.  Jahrhunderts 
niedergeschriebene  „Chronik  der  24  Generäle"  des  Franzis- 
kanerordens ^),  daß  der  armenische  Erzbischof  Zacharias^)  den 
Ordensgeneral  Geraldus  um  Missionäre  für  Großarmenien  bat. 
Der  General  schickte  1332  und  1333  viele  Brüder  dorthin, 
unter  ihnen  den  der  aquitanischen  Provinz  angehörenden 
P.  Rogerius  Garini,  der  mit  seiner  Missionsreise  eine  Pilger- 
fahrt ins  Hl.  Land  vereinigte.  Wohin  P.  Roger  diese  Reise 
ausdehnte,  wo  er  mit  Sultan  Nassir  Muhammad  zusammentraf, 
welche  Vermittler    er    am    kaiserlichen    Hofe    hatte,    das    sind 


1)  Reißbuch  des  Hl.  Landes,  Bl.  449^,  vom  Berge  Sion:  ,Jn  diesem  Kloster 
leben  jetzundt  Barfüßer  Mönch,  welchen  zu  meinen  Zeiten  die  Königin  Sancia, 
ein  Gemahl  des  Königs  Roberti,  alles,  was  sie  bedurften,  dargereicht  hat." 

•■^)  Golubovich,  Serie  131  ff.  ••')  AF  III  506. 

*)  Bulle  „Gratias  agimus"  vom  21.  November  1342. 

•^)  AF  III  506.  Glaßberger,  AF  II  160,  wiederholt  den  Bericht;  er 
setzt  die  Sendung  der  Brüder  ins  Jahr  1334. 

^)  Er  hatte  viele  Beziehungen  zu  dem  gelehrten  Franziskaner  P.  Daniel 
de  Thaurisio,  der  die  ausführliche  „Responsio  ad  errores  impositos  Hermenis" 
schrieb;  vgl.  Recueil  des  Historiens  des  Croisades,  Docunicnts  Armeniens, 
II,  Paris  1906,  559—650. 


42  ni-  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

alles  Fragen,  auf  die  jene  Chronik  nicht  eingeht.  Sie  berichtet 
nur,  daß  P.  Roger  vom  Sultan  von  Ägypten  den  heiligen  Berg 
Sion  nebst  dem  Zönakulum  und  dem  Saale  erhielt,  in  dem  der 
Hl.  Geist  auf  die  Apostel  herniederkam,  und  dort  ein  Kloster 
baute.  „Seitdem",  fügt  er  hinzu,  „wohnen  da  und  am  Hl.  Grabe 
bis  auf  den  heutigen  Tag  unsere  Brüder"  ^). 

Eine  sehr  willkommene  Ergänzung  zur  Nachricht  der  ge- 
nannten Chronik  liefert  uns  die  Bulle  des  Papstes  Klemens  VI.^) 


1)  „Et  ex  tunc  ibi  et  in  sancto  sepulchro  fratres  nostri  habitaverunt 
usque  in  hodiernum  diem." 

'■^)  Christophorus  von  Varese  schrieb  die  Bulle  Klemens  V.  zu  (Li- 
bellus  de  Privilegiis  Bl.  16^)  und  leitete  damit  die  Verwirrung  ein,  die  sich 
bei  den  nächsten  Geschichtsschreibern  bis  auf  Wadding  über  die  Zeit  findet, 
in  der  die  Franziskaner  einzogen.  Der  erste,  der  diesen  Fehler  übernahm, 
scheint  Marian  von  Florenz  zu  sein;  in  seinem  „Compendium  Chronicorum 
Fratrum  Minorum"  sagt  er,  daß  Klemens  V.  die  Niederlassung  zu  Jerusalem 
im  ersten  Jahre  seines  Pontifikates  bestätigt  habe,  und  setzt  dementsprechend 
den  Anfang  zwischen  1304  und  1306  („per  hec  quoque  tempora");  vgl.  AFH 
II  628.  Aus  Marian  übernahm  den  Irrtum  Br.  Markus  von  Lissabon,  der  zum 
Jahre  1304  die  Worte  desselben  wiederholt;  Teil  II  Buch  VI  Kap.  26.  —  Ber- 
nardin  Amico  trifft  merkwürdiger  Weise  das  richtige  Jahr  (1336),  obgleich 
auch  er  die  Bulle  Klemens  V.  zuschreibt  (Prefazione).  Dasselbe  tut  Quares- 
mius  und  kommt  daher  in  einer  längeren  Untersuchung  nicht  zum  richtigen 
Resultate;  er  vermehrt  sogar  die  Zahl  der  Meinungen  durch  eine  neue,  in- 
dem er  den  Anfang  der  Niederlassung  in  das  Jahr  1313  setzt,  da  dieses  das 
erste  Jahr  des  Pontifikates  Klemens  V.  gewesen  sei  („quia  hie  fuit  primus 
annus  pontificatus  Clementis,  in  quo  dedit  praemissam  bullam" ;  Elucidatio 
II  132).  Erst  Wadding  hat  in  seinen  Annales  Minorum  zum  Jahre  1342 
diesen  Irrtum  verbessert  und  die  Bulle  Klemens  VI.  zugeschrieben.  Ebenso 
Verniero  in  seiner  Chronik  S.  248. 

Andere  Schriftsteller  haben  die  Bulle  und  die  einschlägigen  Nachrichten 
der  Chronik  falsch  gedeutet.  Der  schon  genannte  Verfasser  der  „Gesta  Dei 
per  Fratres  Minores"  läßt  sich  mit  Calahorra  durch  den  irrig  von  1294  da- 
tierten Ferman  des  Sultans  Daher  verwirren  (69  ff.);  Calahorra  meint  (B.  III 
K.  3),  die  Franziskaner  hätten  in  einer  Verfolgung  die  hl.  Stätten  verloren 
und  sie  jetzt  wieder  erlangt.  Wir  haben  bereits  gesagt,  daß  jener  Ferman 
100  Jahre  jünger  ist,  und  das  für  die  erstere  Annahme  nicht  ein  einziges 
historisches  Zeugnis  vorliegt. 

Golubovich,  Serie  XIX,  meint,  es  sei  jetzt  nur  der  „acquisto  giuridico" 
der  hl.  Stätten  erfolgt,  während  tatsächlich  die  Franziskaner  schon  „un  buon  se- 
colo  prima"  beim  Zönakulum  gewesen  seien.  Aus  dem  im  ersten  Kapitel  ge- 
sagten ersieht  man.  daß  für  diese  Ansicht  jede  Grundlage  fehlt.  Sodann  er- 
hielten die  Brüder  jetzt  nicht  den  rechtlichen  Besitz  des  Zönakulums,  der  vom 
Sultan  dem  sizilianischen  Königspaare  verliehen  wurde,  sondern  das  Recht, 
sich  neben  demselben  niederzulassen. 


III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  43 

vom  21.  November  1342  an  den  Ordensgeneral  und  den  Pro- 
vinzial  von  Neapel,  die  ihnen  mitteilt,  daß  König  Robert  von 
Sizilien  (1309 — 1343)  und  seine  Gemahlin  Sanzia  neulich  (nuper) 
mit  großen  Kosten  und  vielen  Mühen  beim  Sultan,  der  das 
Grab  des  Herrn  und  andere  hl.  Stätten  jenseits  des  Meeres 
besitzt,  erreicht  haben,  daß  die  Brüder  des  Franziskanerordens 
stets  in  der  Grabesbasilika  verweilen  und  daselbst  zelebrieren 
sowie  feierlich  das  göttliche  Offizium  halten  können;  ferner 
habe  derselbe  dem  Könige  und  der  Königin  das  Zönakulum,  die 
Kapelle  der  Herabkunft  des  Hl.  Geistes  und  jene  Stätte  geschenkt, 
an  der  unser  Herr  nach  seiner  Auferstehung  in  Gegenwart  des 
hl.  Thoraas  den  Aposteln  erschien.  Die  Brüder  seien  bereits 
in  der  Grabeskirche,  und  die  Königin  habe  für  sie  auf  dem 
Sion  vor  geraumer  Zeit  (jam  est  diu)  ein  Kloster  gebaut,  in 
dem  sie  stets  zwölf  Brüder  für  den  Dienst  am  Hl.  Grabe  und 
an  den  andern  hl.  Stätten  unterhalten  wolle  0- 

Der  Umstand,  daß  die  Chronik  der  24  Generäle  nichts 
von  dem  sizilianischen  Königspaare  und  die  päpstliche  Bulle 
nichts  von  P.  Roger  und  seinen  Bemühungen  sagt,  hat  öfter 
Geschichtsschreiber  befremdet  und  sogar  bestimmt,  mit  Markus 
von  Lissabon  einen  Widerspruch  zwischen  beiden  Zeugnissen 
zu  sehen  2).     Wadding  betont  hiergegen  mit  allem  Rechte,  daß 


Einige  Schriftsteiler  der  altern  Zeit  nennen  nicht  die  Zeit,  sondern  nur 
den  König  Robert  als  den  Vermittler;  so  Thenaud  94:  „Les  freres  Mineurs 
lä  furent  premiörement  mis  par  le  Roy  de  Naples,  Robert,  frere  de  Sainct 
Loys,  qui  leur  achepta  la  place  du  Souldan." 

Merkwürdig  ist,  daß  Felix  Fabri  (Evagatorium  II  319)  und  P.  Walther 
von  Guglingen  (Itinerariura  271)  die  Franziskaner  erst  1401  auf  den  Sion  ein- 
ziehen lassen.  Der  Herausgeber  des  letztern,  Solhveck,  bemerkt  in  der  Anmer- 
kung: „Wie  Walther  zu  der  hier  gegebenen  Jahrzahl . . .  kam,  ist  unerklärlich."  Da 
beide  zugleich  in  Palästina  weilten,  geht  wohl  die  irrige  Nachricht  auf  dieselbe 
Quelle  zurück.  —  Weil  die  päpsUiche  Bulle  1342  erlassen  wurde,  wird  manch- 
mal (vgl.  Contenson  320)  die  Übergabe  des  Zönakulums  an  die  Franziskaner 
in  dieses  Jahr  gesetzt. 

1)  Bulle  „Gratias  agimus",  Eubel,  BF  VI  Nr.  159,  und  Diarium  Terrae 
Sanctae  II  13.  Vgl.  die  in  der  Hauptsache  gleichlautende  Bulle  „Nuper  cha- 
rissimae"  an  das  sizilianische  Königspaar  von  demselben  Datum,  Eubel 
a.  a.  O.  Nr.  160,  Diarium  II  70;  der  Papst  gibt  den  Monarchen  die  Erlaubnis, 
drei  weltliche  Personen  für  den  Dienst  der  Brüder  hinüberzusenden. 

2)  Delle  Croniche  de  Frati  Minori  (ital.  t)bersetzung  von  Hör.  Diola), 
Teil  II,  Bd.  VIII  469,  wo  er  zunächst  den  Bericht  der  Chronik  der  24  Generäle 


44  ni.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

sich  diese  auf  keinen  Fall  widersprechen,  vielmehr  in  will- 
kommener Weise  ergänzen  ^).  Das  fromme  Königspaar  und 
P.  Roger  haben  beide  gemeinsam  das  schwere  Ziel  erstrebt 
und  den  herrlichen  Erfolg  errungen.  Wir  können  freilich  nicht 
erraten,  wie  sie  zusammenwirkten,  von  wem  die  Initiative  aus- 
ging, ob  beide  von  Anfang  an  und  in  gemeinsamem  Einver- 
ständnis handelten,  P.  Roger  also  der  Geschäftsträger  der 
frommen  Monarchen  am  Hofe  des  Sultans  war,  oder  ob  er 
sich  erst  nach  einem  mißlungenen  Versuch  an  den  König  Robert, 
Bruder  des  hl.  Franziskaners  Ludwig  von  Anjou  und  großen 
Freund  der  Franziskaner,  wandte. 

Da  nach  Ricoldus  beim  Zönakulum  eine  Moschee  einge- 
richtet war,  so  begreift  man,  daß  die  Erfüllung  ihrer  Bitte  mit 
vielen  Schwierigkeiten  verknüpft  war,  und  König  Robert  eine 
große  Summe  aufwenden  mußte.  Wie  hoch  sich  diese  belief,  wird 
im  XIV.  Jahrhundert  nicht  gemeldet;  der  erste,  der  eine  Zahl 
angibt,  ist  ein  ungenannter  Franziskaner,  der  1427  einen  Pilger- 
führer durchs  Hl.  Land  verfaßte;  er  läßt  in  demselben  den 
König  Robert  20  000  Golddukaten  zahlen;  Felix  Fabri  spricht 
60  Jahre  später  schon  von  32  000  ^).  Sein  Zeitgenosse  P.  Walther 
von  Guglingen  weiß,  daß  die  Franziskaner  jährlich  dem  Sultan 
14  Dukaten  zahlen  mußten^). 


fast  wörtlich  wiederholt  und  dann  fortfährt:  „Ma  la  veritä  e  che  il  divotissimo 
Roberto  Re  di  Sicilia  ..." 

1)  Annales  Minorum,  zum  Jahre  1342  Nr.  XX:  „Bene  ergo  conveniunt 
narratio  bullarum  Apostolicarum  et  historia  Chronicorum  antiquorum." 

2)  Die  Schrift  des  Franziskaners  erschien  unter  dem  Titel  „Libellus 
descriptionis  Terrae  Sanctae  et  peregrinationum  ipsius".  In:  Le  Missioni 
Francescane  IV  und  V,  Rom  1894  und  1895.  Daselbst  IV  643  vom  Hl. 
Grabe:  „Post  Canonicos  Reguläres  habuerunt  eam  Georgiani,  et- eins  claves 
tenebant,  modo  autem  tenent  eam  Fratres  Minores  ad  requestam  Reginae 
Sanciae  Aragonum,  que  a  Soldano  suis  expensis  viginti  millibus  redemit." 
Golubovich,  Hörn  64,  bezeichnet  dies  als  die  erste  Angabe  einer  Kauf- 
summe. —  Fabri,  Evagatorium  I  280:  „Dedit  pro  his  in  prompto  auro  tri- 
ginta  duo  milia  ducatorum  probati  ponderis."  Bei  den  spätem  Schriftstellern 
wuchs  die  Summe  noch  mehr,  bis  sie  bei  Perinaldo,  Storia  di  Gerusalemme 
II  175,  auf  17  Millionen  Dukaten  stieg. 

^)  Itinerarium  271 :  „Prenominati  quoque  fratres,  viri  religiosi,  possident 
sanctissimum  locum  montis  Syon  tamquam  peregrini  et  advene,  exspectantes 
quasi  omni  hora  recipere  expulsum,  maxime    quando    non    solverent   soldano 


in.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  45 

Während  jene  päpstliche  Bulle  schon  den  ersten  Anhalts- 
punkt für  die  Bestimmung  der  Zeit  gibt,  in  der  die  Schenkung 
der  hl.  Stätten  erfolgte  und  der  Bau  auf  dem  Sionberge  be- 
gonnen wurde,  können  wir  an  der  Hand  der  Kauf  urkunden,  durch 
die  unsere  Brüder  die  aus  Zönakulum  angrenzenden  Grundstücke 
erwarben,  die  Zeit  genau  bestimmen,  und  mit  ihrer  Hilfe  sogar  die 
ersten  Stufen  der  Gründung  sowie  den  Bau  des  Klosters  ver- 
folgen. Den  ersten  Schritt  zeigt  der  Kaufvertrag  vom  15.  Mai 
1335  0,  durch  den  die  fränkische  Christin  Margareta  und  die 
beiden  Priester  Roger  und  Johann  ein  Grundstück  vom  Staats- 
schatze erwerben,  das  nach  der  Urkunde  als  Grenze  gegen 
Norden  „die  Mauern  der  Gewölbe  hat,  auf  denen  sich  die 
unter  dem  Namen  Elliat  Sahiun  bekannte  Kammer  erhebt". 
Elliat  Sahiun  hieß  und  heißt  noch  bei  den  Arabern  das  Zöna- 
kulum; jener  Priester  Roger  aber  ist  ohne  Frage  derselbe,  den 
wir  schon  als  Missionar  und  Franziskaner  kennen  lernten, 
und  die  Christin  Margareta  wird  uns  von  Ludolf  von  Suchem 
als  Sizilianerin  und  Schwester  eines  Chorherrn  vom  Hl.  Grabe  ^) 
vorgeführt,  „die  den  Christen  sehr  nützlich  war  und  für  sie 
viel  Leid  und  Trübsal  erduldete  sowie  beim  Sultan  wegen 
ihrer  Treue  stets  in  besonderer  Gunst  stand"  ^).  Sie  war  also 
die  beste  Vermittlerin  bei  diesem  Geschäfte. 

Zwei  Umstände  und  Angaben  jener  Kaufurkunde  haben 
für  uns  besonderen  Wert.  Vom  Zönakulum  heißt  es,  daß  es 
nicht  in  den  Kauf  einbegriffen  werde,  vielmehr  dem  Staats- 
schatze   verbleibe;    damit    erfahren    wir,    daß    die    Schenkung 


XIV  ducatos  pro  tributo  preter  alias  instantias,  quas  patiuntur  quotidie."  Und 
der  Karthäuser  Prior  Georg  hat  noch  von  einer  viel  größern  Summe  gehört. 
Er  sagt:  „Domino  Hierosolymae  annua  munera  offerunt  et  Soldano  etiam  ipsi 
mille,  ut  audivi,  ducatos  pendunt"  (Sp.  550);  das  gleiche  meldet  sein  Begleiter 
Baumgarten:  „Soldano  etiam  ipsi,  ut  relatum  nobis,  mille  ducatus  pendunt"  (89). 

1)  Golubovich,  Serie  131  Dokument  B. 

2)  Die  Chorherrn  vom  Hl.  Grabe  (Sepulchriner)  waren  1291  nach  Italien 
gegangen  und  hatten  hier  wie  in  andern  Ländern   mehrere   Niederlassungen. 

3)  In  der  lateinischen  Ausgabe  seiner  Reisebeschreibung  heißt  es 
(Deycks  81):  „Haec  Margareta  Christianis  ibidem  multum  fuit  utilis  et  pro- 
ficua  et,  ut  mihi  constat,  multas  tribulationes  et  angustias  amore  Christiano- 
rum  ibi  est  perpessa,  et  semper  propter  fidelitatem  eins  in  speciali  fuit  gra- 
tia  Soldani." 


46  ni.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

desselben  noch  nicht  erfolgt  war,  und  erhalten  also  eine  feste 
Grenze,  über  die  nicht  hinaus  gegangen  werden  darf:  Am 
15.  Mai  1335  war  das  Zönakulum  noch  in  den  Händen  der 
sarazenischen  Regierung.  Sodann  erscheinen  die  Brüder  Roger 
und  Johannes  nicht  als  Franziskaner,  sondern  als  fränkische 
Priester;  sie  hielten  ihre  Absicht  noch  geheim,  wohl  deshalb, 
weil  sie  noch  nicht  die  Erlaubnis,  sich  daselbst  niederzulassen, 
erhalten  hatten.  Damit  erklärt  sich  auch,  daß  der  Augustiner 
Br.  Jakobus  von  Verona,  der  bald  nachher  in  Jerusalem  weilte, 
nichts  von  ihrem  Plane  meldet. 

Einen  Fortschritt  verrät  der  Kaufvertrag  vom  1.  Februar 
1337  0-  Die  Brüder  erwerben  in  demselben  ein  an  jenes  erste 
Grundstück  stoßendes  Gelände;  auch  dieses  Mal  wird  wieder 
als  Grenze  das  Zönakulum  (Elliat  Sahiun)  genannt;  es  fehlt 
aber  jetzt  bei  demselben  der  bei  den  andern  Grenzen  aus- 
drücklich gemachte  Zusatz,  daß  es  dem  Staatsschatze  gehöre. 
Mittlerweile  wird  es  also  von  diesem  an  König  Robert  über- 
gegangen sein.  Einen  weiteren  Fortschritt  lernen  wir  aus 
zwei  bald  nachher  ausgestellten  Urkunden.  Am  24.  Februar 
und  6.  März  1337  erklären  die  Käufer  jener  beiden  Grund- 
stücke vor  den  Behörden,  daß  sie  die  von  ihnen  gekauften 
Äcker  den  Franziskanern,  die  nun  zum  ersten  Male  aus- 
drücklich genannt  werden,  überlassen  ^) ;  diese  haben  mithin 
unterdessen,  die  Erlaubnis  sich  niederzulassen,  erhalten,  können 
daher  ihr  Inkognito  aufgeben  und  den  Bau  beginnen.  Daß 
dies  bald  geschah,  erfahren  wir  aus  einer  Kaufurkunde  vom 
5.  Juli  desselben  Jahres,  in  der  als  Grenze  eines  Ackers 
bereits  das  Franziskanerkloster  genannt  wird^);  zum  wenigsten 
muß  der  Bau  also  damals  schon  begonnen  gewesen  sein,  übri- 
gens wissen  wir,  daß  der  erste  Bau  geringe  Zeit  erforderte  und 
mit  großer  Eile  ausgeführt  wurde,  da  er  schon  nach  25  Jahren 


1)  Golubovich,  Serie  143  Dokument  D.  —  Daß  der  an  erster  Stelle 
genannte  Käufer  Frer-Gial  wirklich  P.  Rogerius  ist,  wie  Golubovich,  145  Anm.  2, 
vermutet,  ergibt  sich  daraus,  daß  er  hier  als  der  Besitzer  des  angrenzenden 
Grundstückes  erscheint. 

-)  Golubovich,  Serie  147  ff.  Die  Franziskaner  erscheinen  hier  wie 
später  häufig  unter  dem  Namen  „Fratres  de  Corda". 

ä)  Golubovich,  Serie  151. 


III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  47 

baufällig  war;  1362  sagt  Urban  V.,  daß  der  Niederlassung  auf 
dem  Sion  der  Einsturz  drohe  ^). 

So  liegen  sämtliche  Stufen  der  Entwicklung  der  neuen 
Gründung  in  der  Zeit  zwischen  dem  15.  Mai  1335,  an  dem 
das  erste  Grundstück  erworben  wurde,  und  dem  5.  Juli  1337, 
an  dem  uns  das  Kloster  zum  ersten  Male  begegnet. 

Was  wir  sonst  an  Daten  und  Nachrichten  bei  zeitgenös- 
sischen Schriftstellern  finden,  deckt  sich  genau  mit  dieser 
Berechnung.  Nach  1334  schrieb  der  1344  bereits  verstorbene 
Br.  Paulinus  von  Venedig,  Bischof  von  Pozzuoli,  das  wert- 
volle Provinziale,  ein  genaues  Verzeichnis  der  Franziskaner- 
klöster seiner  Zeit,  das  in  der  Provinz  des  Hl.  Landes  außer 
den  vier  auf  Zypern  gelegenen  Klöstern  ein  Kloster  in  Arme- 
nien und  das  „Zönakulum  auf  dem  Berge  Sion"  nennt  ^).  Bald 
nachher  erzählt  Br.  Johann  von  Winterthur,  daß  die  1343  in 
Marseille  zum  Generalkapitel  versammelten  Brüder  offizielle 
Mitteilung  von  dem  Geschenke  des  Sultans  und  der  neuen 
Niederlassung  der  Brüder  in  Jerusalem  erhielten  ^).  Daß  diese 
Gründung  aber  bereits  einige  Jahre  zurücklag,  zeigt  klar 
die  Weise,  wie  der  Pilger  Ludolf  von  Suchern  in  seinem 
Reiseberichte  von  den  Franziskanern  Jerusalems  spricht,  die 
er,  wie  gesagt,  als  erster  Pilger  erwähnt.  Er  nennt  sie  „starke 
und  vermögliche  Männer",  „die  von  den  Kaufleuten  und  Sara- 
zenen gelobt  werden,  weil  sie  ihnen  viel  Gutes  tun"  ■*) ;  dies 
setzt  voraus,  daß  man  bereits  Gelegenheit  hatte,  das  Wirken 
derselben  zu  beobachten,  daß  ihre  Ankunft  in  der  Hl.  Stadt 
also  einige  Zeit  vor  der  Abreise  Ludolfs  (1341)  angesetzt 
werden  muß.  Während  die  früheren  Pilger  mit  keinem 
Worte  die  Anwesenheit  von  Franziskanern  in  Jerusalem  ver- 
raten, schweigt  seit  Ludolf  kaum  einer  über  sie,  und  fast  alle 


1)  Breve  ..Rationi  congruit",  Eubel,  BF  VI  \r.  830;  Diarium  T.  S. 
il  75  („pro  maiori  parte  ruinam  minatur"). 

■-)  Vgl.  GB  II  268.  —  Daß  Br.  Paulinus  sein  Provinciale  nach  1334 
schrieb,  ergibt  sich  daraus,  daß  er  Fr.  Hugo  als  „episcopus  nunc  Suessanus" 
einführt,  dieser  aber  in  genanntem  Jahre  den  bischöflichen  Stuhl  bestieg. 
Golubovich  möchte  die  von  ihm  benützte  Handschrift  „qualche  anno  prima  del 
1339"  beendet  glauben  (lOlJ. 

^)  GB  II  147.  *)  Reyßbuch  Bl.  449 \ 


48  in.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

gedenken  ihrer  mit  warmen  Worten  des  Lobes.  1343  traf 
sie  daselbst  der  Graf  von  Holland  ^),  1345  Br.  Nikolaus  von 
Poggibonzi,  1346  die  deutschen  Barone  von  Bodman  und  von 
Hohenfels,  die  nach  Johann  von  Winterthur  überall  das  Lob 
der  Brüder  von  Jerusalem  verkündeten;  es  seien  vollkommene, 
heilige  Männer,  treue  Beobachter  der  höchsten  Armut  ^). 

Jene  Kaufurkunden  lassen  auch  die  Lage  des  Klosters 
genau  bestimmen.  Während  das  Zönakulum  in  der  großen 
Basilika,  die  sich  vor  1219  auf  dem  Sion  erhoben  hatte,  an  das 
rechte,  nach  Süden  gelegene  Schiff  stieß,  wurde  das  Franzis- 
kanerkloster auf  der  entgegengesetzten  Seite  angebaut,  da  die 
erworbenen  Grundstücke  das  Zönakulum  im  Norden  hatten. 
Die  Brüder  fanden  beim  Obergeschoß  außer  der  Nordwand, 
die  deutlich  die  Spuren  der  Kreuzfahrerarbeit  zeigt,  nur 
Ruinen  und  Reste  vor.  Es  war  ihre  Sache,  die  fehlenden 
Mauern  zu  ergänzen  und  das  Gewölbe  zu  bauen.  Wie  die 
verschiedenartigen  Säulenbasen  und  Kapitelle  verraten,  nahmen 
und  benützten  sie,  was  sie  vorfanden.  Die  drei  Fenster  auf 
der  Südseite  und  die  gotischen  Gewölbe  sind  so  einfach,  daß 
man  wenig  über  den  Baumeister  erraten  kann.  Renard  „stellte 
fest,  daß  der  Obersaal  hauptsächlich  ein  von  französischer  Kunst 
beeinflußtes  Werk,  wenn  nicht  die  Arbeit  eines  französischen 
Architekten  sein  muß"  ^).  Die  Türe  auf  der  Ostseite  führte  in 
die  einige  Stufen  höher  gelegene  Kapelle  der  Herabkunft  des 
Hl.  Geistes,  die,  wenigstens  später,  auf  Pfingsten  auch  von  den 
verschiedenen  christlichen  Sekten  besucht  wurde.  Lochner, 
der  1435  mit  den  Markgrafen  Johann  und  Albrecht  von  Bran- 
denburg in  Jerusalem  weilte,  erzählt  uns,  daß  Pfingsten  die 
übrigen  Christen  auf  den  Sion  kamen  und  „die  andern  Sekten 


1)  GB  II  148. 

2)  GB  II  150:  „Hü  in  reversione  sua  longe  lateque  ditfamarunt  homi- 
nibus:  fratres  Ordinis  Sancti  Francisci  illic  degentes  sanctissimae  et  perfec- 
tissimae  vitae  fore,  .  .  .  altissimae  paupertatis  perlectissimos  sectatores."  — 
Daß  so  von  nun  an  fast  Jahr  für  Jahr  die  Anwesenheit  der  Brüder  in  Jeru- 
salem belegt  werden  kann,  während  vor  1336  niemand  von  ihnen  redet,  kann 
nur  dadurch  erklärt  werden,  daß  sie  vorher  nicht  in  der  Hl.  Stadt  waren. 

3)  H.  Renard,  Vom  Bau  der  St.  Marienkirche  auf  dem  Sion  in  Jeru- 
salem, Berlin  1910,  3. 


III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 


49 


eine  nach  der  andern  nach  ihren  Sitten  sangen"  *).  Ob  wegen 
dieser  Besucher  später  die  Treppe  angelegt  wurde,  die  nach 
Fabri  und  Anselm  von  Krakau  außerhalb  des  Zönakulums  zur 


H.  Ronanl. 


Hl.  r.aiKl  -14,  1. 


Abb.  1.    Zünakiilum.    Ansicht  der  Südwand. 


genannten  Kapelle  führte,  oder  ob  sie  die  ältere  und  der  Zu- 
gang innerhalb  des  Abendmahlssaales  Jüngern  Ursprunges  ist, 
wissen  wir  nicht.     Und  ebenso  unbekannt  ist,  ob  und  wie  weit 


H.  Uonard.  Hl.  Land  U,  ü. 

Abb.  2.    Zönakulum.    Ansicht  der  Westwand. 


das  genannte  Heiligtum  des  Hl.  Geistes  noch  erhalten  war,  als 
die  Franziskaner  einzogen.  Da  die  Schenkung  des  Sultans 
Nassir  nach  der  Bulle  Klemens'  VI.  auch   die  Kapellen  des  Hl. 


1)  Vgl.  Geisheim  248. 
Franzisk.  Studien,  Beil)cft  1:  Lonirnens,  Die  Franziskaner  auf  dem  Sion. 


50 


III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 


Geistes  und  des  hl.  Thomas  umfaßte,  dürfte  man  annehmen, 
daß  noch  etwas  von  ihnen  vorhanden  war;  damit  wäre  zugleich 
erklärt,  warum  gerade  die  Ostwand  des  Zönakulums,  an  die 
jene  Kapelle  grenzt,  besser  erhalten  blieb  ^).  Eine  andere  Treppe 
führt  in  der  Südwestecke  des  Abendmahlssaales  in  den  Raum, 
in  dem  die  Kreuzfahrer  die  Stätte  der  Fußwaschung  verehrt 
hatten ")  und  die  Brüder  eine  Kapelle  des  hl.  Franziskus  ein- 
richteten ^).     Es  fehlen  Nachrichten  über  die  Zeit,  in  der  diese 


H.  Renard.  Hl.  Land  14,  5. 

Abb.  3.    Zönakiilum.    Ansicht  der  Ostwand. 

Arbeit  ausgeführt  wurde.  Südwärts  lehnten  sich  an  das  Zöna- 
kulum  die  drei  Flügel  des  Klosters,  die  einen  kleinen  Hof  um- 
schlossen, an;    sie  sind  bis  heute  erhalten^). 

Von  Ludolf  von  Suchem  erfahren  v/ir,  daß  unsere  Brüder 
auf  dem  Sion  öffentlichen  Gottesdienst  halten  durften,  daß  es 
ihnen  aber  verboten  war,  vor  den  Sarazenen  zu  predigen 
und   ohne   Erlaubnis   der   Behörden   ihre   Verstorbenen   zu  be- 


1)  Die  Ostwand,  nicht,  wie  durch  Versehen  aui  der  vorletzten  Seite 
Z.  13  gesagt  wird,  die  Nord  wand  des  ZünakuUims,  zeigt  „die  Ornamentik 
der  Kreuzfahrerzeit";  vgl.  H.  Renard,  Die  Marienkirchen  auf  dem  Berge 
Sion  in  ihrem  Zusammenhang  mit  dem  Abendmahlssaale.  In:  Das  heilige 
Land,  44.  Jahrgang,  Cöln  1900,  S.  10. 

2)  Vgl.  Johann  von  Wiirzburg  (Tobler,  Descriptiones  Terrae  Sanctae 
13(i)  und  Theodorich  (Tobler,  Theoderici  libellus  55). 

^)  „Unter  dem  altar  des  abent  essen  ist  sant  Francisco  capel",  Eyb  33. 
Dasselbe  bei  Anselm  von  Krakau  789. 

•*)  Fabri,  Evagatorium  I  244:  „Non  enim  habet  ambitus  nisi  tres  partes, 
et  quarta  pars  est  ecclesiae  muriis." 


I 


ni.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  51 

graben  0-  Viel  Raum  bot  der  Saal,  der  nach  Anselm  von 
Krakau  20  Fuß  lang  und  13  Fuß  breit  war-),  den  Gläubigen 
nicht,  weshalb  die  Annahme  nahe  liegt,  daß  unsere  Brüder 
von  Anfang  an  die  Absicht  hegten,  eine  größere  Kirche  auf 
dem  Sion  zu  bauen.  Renard  glaubt  aus  der  von  den  Franzis- 
kanern am  Zönakulum  ausgeführten  Arbeit  nicht  nur  diese  Ab- 
sicht, sondern  auch  den  Bauplan  der  Brüder  folgern  zu  können. 
„Die  beiden  vermauerten  Öffnungen  an  der  Nordseite",  sagt  er, 
„der  provisorische  Abschluß  an  der  Westseite  drängen  selbst- 
verständlich zu  der  Frage:  Was  haben  die  Franziskaner  ge- 
wollt?» Meiner  Ansicht  nach  sollte  das  zweischiffige  System 
des  Abendmahlsaales  nach  Westen  hin  fortgesetzt  und  durch 
Anfügung  eines  Mittel-  und  eines  zweiten  Seitenschiffes  eine 
Emporenkirche  geschaffen  werden."  Die  Ausführung  des  Planes 
kam  nicht  zustande;  der  Abendmahlssaal  is^  seit  dem  Einzüge 
der  Franziskaner  kaum  verändert  worden. 

Die  oben  genannte  Bulle  des  Papstes  Klemens  VI.  meldet 
uns  auch  die  zweite  große  Gunst,  die  das  fromme  Königspaar 
den  Brüdern  beim  Sultan  erwirkte:  Diese  erhielten  von  ihm 
die  Vollmacht,  feierlichen  Gottesdienst  in  der  Grabeskirche 
zu  halten  ^).     Mit  keinem   Worte   bestätigt  die  Bulle   die  land- 


»)  Reyßbucli  Bl.  4  49^.  —  Wenn  Joliann  von  Winterthur  sagt,  daß  die 
Brüder  die  Erlaubnis  hatten  „libere  ac  publice  praedicandi"  (G  B  II  147),  so 
gilt  dies  nur  von  der  Predigt  vor  den  Christen;  die  Predigt  vor  den  Sara- 
zenen war  strengstens  verboten. 

2)  A.  a.  O.  789.  Renard,  Marienkirchen  7,  gibt  eine  Länge  von 
15,40  Meter  und  eine  Breite  von  9,45  Meter  an. 

■^)  In  der  Bulle  „Gratias  agimus"  und  in  der  andern  über  denselben 
Gegenstand  „Nuper  Charissimae"  heißt  es  übereinstimmend:  „Quod  Fratres 
Ordinis  Minorum  infra  Ecclesiam  dicti  Sepulchri  possint  continue  commorari 
et  ibidem  Missarum  solemnia  et  alia  divina  officia  solemniter  celebrare."  — 
Die  durch  Johann  von  Winterthur  (G  B  II  148)  von  unsern  Brüdern  gebrauchten 
Worte  „ipsum  custodientes"  und  ähnliche  sind  zu  allgemein  und  vieldeutig, 
als  daß  sie  andern  bestimmten  Zeugnissen  entgegengestellt  werden  könnten.  — 
Nirgends  begegnet  uns  im  14.  Jahrhundert  die  klare  und  bestimmte  Beschrei- 
bung der  Rechte  der  Brüder,  die  uns  100  Jahre  später  Fabri  und  Surian 
geben.  Ersterer  sagt:  „Claves  dulcissimi  Doniini  Jesu  sepulchri  et  speluncae 
ipsi  habent,  ipsumque  aperiunt  et  claudunt,  cui  volunt,  et  in  eo  Missas  cele- 
brant,  quundo  placet.  Nee  audent  sacerdotes  aliarum  sectarum  in  eo  cele- 
brare,   nisi    de    Latinorum    expressa    requisitione    ot    licentia;"    Evagatorium 

4* 


52  in.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

läufige  Ansicht,  daß  die  Franziskaner  jetzt  die  ganze  Grabes- 
kirche  erhalten  hätten,  oder  daß  sie  zu  Hütern  des  Hl. 
Grabes  bestellt  seien  und  die  unter  der  Kuppel  gelegene 
Grabeskapelle  selbst  ihrer  Obhut  anvertraut  wurde.  Die  nächst- 
folgenden Pilger  zeigen  uns  die  Brüder  in  der  Basilika,  aber 
neben  den  schon  früher  daselbst  weilenden  Riten  und  Kon- 
fessionen, und  sagen  nichts,  was  auf  eine  Änderung  des 
in  der  hl.  Kapelle  vor  ihrem  Einzüge  bestehenden  Zustandes 
schließen  oder  die  Franziskaner  als  die  eigentlichen  Hüter 
des  Hl.  Grabes  erscheinen  ließe.  Dieses  Amt  verblieb  nach 
Fabri  noch  lange  den  früheren  Wächtern,  den  Georgiern  0; 
Ludolf,  der  als  erster  die  Franziskaner  in  der  Grabeskirche 
antraf,  bemerkt  ausdrücklich,  daß  die  Georgier  den  Schlüssel 
zum  Hl.  Grabe  hatten '-). 

Was  die  älteren  Pilgerberichte  und  Urkunden  über  die 
Rechte  der  Franziskaner  in  der  Grabeskirche  sagen,  ist  dieses: 
Sie  hatten  eine  Kapelle  der  Basilika  zu  ihrem  ausschließlichen 
Gebrauche,  konnten  in  der  Grabeskapelle  und  auf  dem  Kal- 
varienberge  das  hl.  Meßopfer  darbringen  ^)  und  mit  den  Pilgern 
des  Abendlandes  feierliche  Prozessionen  zu  den  einzelnen 
hl.  Stätten  der  Kirche  veranstalten  ^). 


I  348.  Und  Suriaa  sagt:  ,.Ne  nulla  altra  natione  de  riligiosi  po  dir  la  messe 
in  questo  Sepolchro,  senza  nostra  particolar  licentia,  per  esser  quello  in 
nostra  custodia  et  guardia.     Del  quäl  etiam  tenimo   le  chiave;"    Trattato  31. 

1)  Evagatorium  I  349. 

-)  Reyßbuch  Bl.  450 ■":  ..In  der  Kirchen  des  heyligen  Grabes  sind  die 
Georgianer,  die  den  alten  Schlüssel  zu  dem  Grab  haben,  welchen  durch  ein 
klein  Fenster,  das  da  ist  an  der  Kirchentür  gegen  Mittag,  Allmusen,  Liechter . . . 
geben  wirt;"  es  werden  die  „senes  calogeri"  sein,  von  denen  Br.  Jakobus  von 
Verona  spricht.  Ludolf  klagt,  daß  die  Georgier  das  Hl.  Grab  vernachlässigen 
und  ganz  ..ohne  Ehre  und  Ehrfurcht"  lassen.  —  Nach  Br.  Nikolaus  von 
Poggibonzi,  Libro  d'Ollramare  68,  hatten  1345  auch  die  Sarazenen  einen 
Schlüssel;  er  sagt  von  einem  derselben:  „Er  öffnet  die  Kapelle  des  Hl.  Grabes, 
läßt  die  Person  für  die  Zeit  von  drei  Vaterunser  hinein,  jagt  sie  hinaus  und 
schließt  wieder  zu."  Diese  Weise  entspricht  dem,  was  Ludolf  sagt:  „Nam 
Sarraceni  tantum  venerantur  sepulchrum  Christi,  quantum  Christiani  synago- 
gam  Judaeorum" ;  Deycks  SO. 

^)  Vgl.  den  Ferman  des  Sultans  Barsabai  bei  Golubovich,  Serie  170. 

*)  Frescobaldi,  Viaggi  120:  „Quando  vi  vengono  pellegrini,  i  sacer- 
doti  di  quella  generazione  s'accorsano  e  ricevono  i  pellegrini,  e  tutti  con 
torchietti  e  candeli  in  mano  fanno  la  processione." 


III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 


53 


Die  ersten  Pilger,  die  nach  1336  die  Grabeskirche  be- 
suchten, weisen  sämtlich  den  Brüdern  eine  bestimmte  Kapelle 
derselben  als  Stätte  für  ihren  Gottesdienst  zu,  scheinen  sich 
jedoch    hierbei    zu    widersprechen.      Nach    LudoH    hatten    bei 


Hl.  Land  44,  7. 

Abb.  4.    Grundriß  des  Zönakulums.  ') 

seinem  Aufenthalte  in  der  Hl.  Stadt  die  Lateiner  in  der  Basi- 
lika den  Ort  inne,   an  dem   Christus  der  hl.  Maria  Magdalena 


1)  .,I)ie  glatte  Ostwand  sowie  das  letzte  östliche  Drittel  der  Nordwand" 
stammen  aus  dem  12.  Jahrhundert.  Das  Zönakuhim  hat  zwei  freistehende 
und  eine  sich  an  die  Westseite  anlehnende  Säule.     Im  Osten   „löst   sich  das 


54  ni.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

in  Gestalt  des  Gärtners  erschien  ^).  Br.  Nikolaus  von  Poggi- 
bonzi  scheint  einige  Jahre  später  diese  Nachricht  zu  bestätigen, 
da  er  sagt:  „Am  Altare  der  hl.  Maria  Magdalena  zelebrieren 
die  Lateiner,  d.  h.  die  Minderbrüder,"  bereitet  aber  sofort  eine 
Schwierigkeit  durch  die  Worte:  „An  dem  andern  Altar,  wo 
Christus  der  hl.  Maria  Magdalena  erschien,  zelebrieren  die 
Georgier"  ^).  Waren  in  der  Basilika  zwei  Altäre,  die  beide  der 
Erscheinung  geweiht  waren,  deren  sich  Magdalena  erfreute, 
und  von  denen  der  eine  den  Lateinern  und  der  andere  den 
Georgiern  gehörte,  oder  muß  man  eine  Verwechslung,  deren 
sich  die  beiden  Pilger  schuldig  machten,  annehmen  und  zwei 
Altäre  nach  zwei  Erscheinungen  unterscheiden,  derjenigen,  die 
der  Herr  seiner  hl.  Mutter  gewährte,  und  der  andern,  deren 
Magdalena  teilhaftig  wurde?  In  dieser  Weise  stellen  alle 
Pilgerführer  seit  Frescobaldi  und  Gucci  die  Sache  dar  ^). 
Ersterer  nennt  zunächst  die  dem  Hl.  Grabe  am  nächsten 
gelegene  Stätte  und  Kapelle,  bei  der  Christus  Maria  Magdalena 
als  Gärtner  erschien,  und  fügt  sofort  hinzu:  „Daneben  ist  eine 
andere  Kapelle,  wo  Christus  unserer  Herrin  erschien;  sie  wird 
von  den  Brüdern  des  Berges  Sion  aus  dem  Orden  des  hl. 
Franziskus   bedient"  "*).      Sein  Reisegefährte   Gucci    sagt    das- 


zweischiiüge  Gewölbesystem  in  ein  großes  rippenloses  Gewölbe  mit  großem 
Schildbogen"  auf;  Renard,  Marienkirchen  7,  und  „die  beiden  Eckdienste  au 
der  Ostwand  besitzen  gänzlich  andere  Kapitälhöhen" ;  ebd.  10. 

1)  „Latini  habent  locum,  quo  Christus  Mariae  Magdalenae  apparuit  in 
specie  hortulani";  Deycks  81.  —  Ohne  Grund  folgert  Gonrady,  Vier  rhei- 
nische Palästina-Pilgerhandschriften  8,  aus  dem  hier  von  Ludolf  gebrauchten 
Worte  „Latini",  daß  die  Franziskaner  noch  nicht  an  der  Grabeskirche  waren, 
und  Tobler,  Golgatha  365,  möchte  aus  dem  Schweigen  Ludolfs  über  unsere 
Marienkapelle  ableiten,  daß  sie  damals  noch  nicht  bestand. 

-)  Libro  d'  Oltramare  94 :  „All  altare  di  santa  Maria  Madalena  ufiziano 
i  Latini,  cioe  frati  minori  .  .  .  All  altro  altare,  ove  Cristo  apparve  a  santa 
Maria  Madalena,  ufiziano  i  Giorgiani". 

^)  Beide  kamen  1384  in  Jerusalem  an.  Ihre  Beschreibungen  sind  ver- 
öffentlicht in  Viaggi  in  Terra  Santa  di  Lionardo  Frescobaldi  ed  altri  del  se- 
colo  XIV,  Florenz  1862. 

*)  S.  189:  „Ivi  apresso  si  e  una  Cappella,  nel  quäle  luogo  apparve 
Cristo  a  S.  Maria  Maddalena  a  modo  do  ortolano.  Ancora  e  ivi  appresso  un 
altra  cappella  dove  Cristo  apparve  alla  nostra  Donna,  e  ufficiasi  pe  frati  del 
Monte  Sion  dell  Ordine  di  san  Francesco,  e  trovamovi  un  frate  da  Bibbiena." 


rn.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  lieiligen  Stätten  55 

selbe  ')  und  gibt  zugleich  eine  Beschreibung  der  Kapelle  der  Er- 
scheinung Mariens,  die  sich  genau  mit  jener  deckt,  die  Poggibonzi 
von  der  Kapelle  der  hl.  Maria  Magdalena  bietet,  so  daß  man 
alsbald  erkennt,  daß  dieser  mit  den  andern  in  der  Sache  über- 
einstimmt und  nur  die  den  Franziskanern  zugewiesene  Marien- 
kapelle mit  einem  falschen  Namen  belegt.  Man  entschuldigt 
die  Verwechslung,  da  beide  Stätten  dicht  nebeneinander  liegen^). 
Diese  Marienkapelle,  die  bis  heute  im  Besitze  der  Franzis- 
kaner verblieben  ist,  stammt  aus  der  den  Kreuzzügen  vorauf- 
gehenden Zeit.  Um  1100  schreibt  von  ihr  Säwulf:  „Zu  den 
Seiten  der  Kirche  selbst  liegen  hüben  und  drüben  zwei  hoch- 
berühmte Kapellen  (von  denen  eine  der  hl.  Maria,  die  andere 
dem  hl.  Johannes  geweiht  ist),  ebenso  wie  beide  zu  beiden 
Seiten  Teilnehmer  des  Leidens  des  Herrn  waren"  ^).  Die 
Griechen,  die  früher  die  Kapelle  bedienten,  bewahrten  daselbst 
eine    kostbare    Partikel    des    hl.   Kreuzes  *),    und    seit   Jahr- 


1)  S.  37ti:  „In  detta  chiesa  e  una  Cappella  .  .  .,  dove  Cristo  risuscitato 
appari  a  Maddalena  .  .  .  Pol  .  .  .  e  una  cappella  divota  e  bella,  dove  Cristo 
appari  alla  sua  madro,  e  chiainasi  la  cappella  di  Nostra  Donna;  e  in  detta 
capella  ha  una  finestra  quadra  con  una  graticola  di  ferro  innanzi;  ed  e  in 
detta  finestra  uno  pezzo  della  colonna,  dove  Christo  fu  battuto."  Vgl.  damit 
Poggibonzi  70:  „X  passi  dallo  Sepolcro  si  ä  un  cappella  .  .  .,  che  si 
chiaraa  santa  Maria  Magdalena  .  .  .  e  ivi  si  ä  un  altare ;  dalla  parte  ritta  dell 
altare  della  tribuna  si  ä  una  finestra,  alta  da  terra  tre  piedi;  e  in  quella  fi- 
nestra si  c  una  parte  della  colonna,  alla  quäle  il  nostro  Signore  Jesii  Cristo 
fu  legato." 

-)  Die  früher  der  hl.  Maria  Magdalena  geweihte  Stätte  war  eine  kleine 
Absis,  die  um  1720  der  Türe  zur  neuen  Sakristei  der  Franziskaner  weichen 
mußte.  Quaresmius  sagt,  II  429,  von  derselben:  „Juxta  ostium  sacelli 
S.  Mariae  de  apparitione  est  capellula  ad  honorem  S.  Mariae  Magdalenae 
aedificata,  quae  nc  impedimento  esset,  ibi,  et  non  in  loco,  ubi  ipsa  et  Christus 
stetit,  quando  ei  apparuit,  fiiit  constructa."  Vgl.  Golubovich,  Hörn  58 
Anm.  1:  „Superioribus  annis  fuit  Capellula  ad  honorem  S.  Poenitenlis  ex- 
tructa,  nunc  in  sacristiam  conversa  est,"  und  P.  Vincent  O.  P.,  Jerusalem  II  270. 

•'')  „In  lateribus  ipsius  ccclesiae  duae  capellae  sibi  adhaerent  praecla- 
rissimae  hinc  indc  (sanctae  Mariae  scilicet  sanctique  Johannis  in  honore),  si- 
cut  ipsi  participes  Dominicae  Passionis  sibi  in  lateribus  constiterunt  hinc 
inde";  D'Avezac,  Relation  des  Voyages  de  Saewulf  ä  Jerusalem  et  en  Terre- 
Sainte.     Pendant  les  annees  1102  et  1103,  Paris  1839,  30. 

■*)  Mariano  da  Siena,  Del  Viaggio  in  Terra  Santa,  Florenz  1882,  71ff., 
gibt  eine  Beschreibung  der  Kapelle;  u.  a.  sagt  er  vom  Altar,  der  links  vom 
Hauptaltar  steht:  „All  altro  ste  un  longo  terapo   la   metä   della   Santa  Croce, 


56  in.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  lieiligen  Stätten 

hunderten  verehrt  man  in  derselben  auf  dem  neben  dem  Ein- 
gang gelegenen  Altare  ein  Stück  der  Säule,  an  die  der  Herr 
bei  der  Geißelung  gebunden  wurde  '). 

Über  die  Art,  wie  die  Altäre  der  Basilika  in  der  ersten 
Zeit  nach  dem  Einzüge  der  Franziskaner  unter  die  verschiedenen 
Konfessionen  verteilt  waren,  gibt  uns  Br.  Nikolaus  von  Poggi- 
bonzi  eine  interessante  Übersicht,  die  zugleich  die  bündigste 
Widerlegung  der  300  Jahre  später  auftretenden  Meinung  bietet, 
als  hätten  die  Franziskaner  1336  durch  Vermittlung  des  Königs 
Robert  die  ganze  Basilika  erhalten  und  seien  erst  allmählich 
von  den  andern  Konfessionen  zurückgedrängt  worden^).  Die 
bereits  angeführten  Zeugnisse  der  Pilger  und  alle  Berichte  der 
folgenden  Zeiten  bezeugen  klar,  deutlich  und  bestimmt,  daß 
diese  Meinung  nicht  zutrifft  und  vielmehr  die  entgegengesetzte 
Entwicklung  stattfand.  Br.  Nikolaus  schreibt^):  „Am  Haupt- 
altar zelebriert  der  Patriarch  der  Griechen,  auf  dem  Kalvarien- 
berg  die  Armenier,  unter  Golgatha  die  Jakobiner,  an  dem 
Altare,  der  auf  der  Rückseite  des  Hl.  Grabes  steht,  die  Indianer 
und  Äthiopier,  die  ganz  schwarz,  schwärzer  als  Tinte  sind, 
und  neben  ihnen  die  Nubier,  am  Altare  der  hl.  Maria  Magda- 
lena^) die  Lateiner,  d.h.  die  Minderbrüder...,  an  dem  andern 
Altar,  wo  Christus  der  hl.  Maria  Magdalena  erschien,  die  Geor- 
gier, im  Gefängnis  Christi  die  Gürtelchristen  und  am  Altare 
hinter  der  Tribüne  (dem  Chore)  die  Nestorianer"  '").  Mit  der 
Zeit  verschoben  sich  zum  Teil  die  Konfessionen;  einzelne 
schieden  ganz  aus,  während  es  den  Griechen  und  Franzis- 
kanern gelang,  andere  Stätten  und  Altäre  zu  dem  von  Poggi- 
bonzi   genannten   Besitz   zu    erwerben.      So    wurde   noch    vor 


che  quando  Santa  Elena  la  ritrovö,  la  fece  segare  per  mezzo,  e  la  metä  ne 
lassö  in  questo  luogo,  e  1'  altra  metä  ne  portö  seco."  Eine  kleinere  Partikel 
wurde  dort  noch  später  verehrt;  Fabri  I  288. 

1)  Vgl.  S.  55  Anm.  1,  Mariano  da  Siena  72  und  andere. 

-)  So  sagt  Verniero,  Chronik  246:  „Credesi  nondimeno  probabil- 
mente  che  gli  frati  in  quel  principio  furono  posti  in  possesso  di  tutta  la  detta 
chiesa."  Sonst  könne  man,  meint  er,  nicht  die  Fortschritte  der  Brüder  begreifen. 

^)  Libro  d'Oltramare  94. 

^)  Nach  dem  oben  gesagten  ist  es  der  Altar  der  Erscheinung  Mariens. 

5)  Vgl.  über  diese  Riten  und  Konfessionen  unten  Kap.  8. 


III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  57 

Ende  des  XIV.  Jahrhunderts  den  Brüdern  durch  einen  Ferman 
das  schon  erwähnte  Recht  zugesichert,  in  der  Grabeskapelle 
und  auf  dem  Kalvarienberge  zu  zelebrieren  '). 

Es  entspricht  der  Gepflogenheit  des  Volkes,  große  Werke 
in  der  Tradition  zu  erweitern,  weshalb  wir  uns  nicht  wundern, 
daß  auch  die  erhabene  Tat  des  frommen  Königspaares  mit  der 
Zeit  über  den  ersten  und  wirklichen  Bestand  ausgedehnt  wurde. 
Ein  Pilgerführer  des  Jahres  1427  läßt  den  König  noch  die 
Kirche  von  Bethlehem  beim  Sultan  erwerben^);  etwas  später 
fügt  Surian  das  Hl.  Grab  und  das  Hospital  auf  dem  Sion  hinzu  ^), 
während  nach  Fabri  und  Marian  von  Florenz  ^)  Robert  und 
Sanzia  außer  dem  Zönakulum  die  Kirche  von  Bethlehem  und 
das  Grab  der  Gottesmutter  im  Tale  von  Josaphat  erwirkten. 
Vielleicht  liegt  diesen  Nachrichten,  wenigstens  soweit  sie  das 
tatsächlich  den  Brüdern  um  jene  Zeit  verliehene  Heiligtum 
von  Bethlehem  betreffen,  die  Bemühung  des  Königspaares  zu- 
grunde, während  für  das  Grab  der  Gottesmutter  und  jenes 
Hospital  eine  Verwechslung  der  Königin  Sanzia  mit  ihrer 
Nachfolgerin,    Königin   Johanna   (1342—1382),    unterlaufen   ist. 

Für  den  Einzug  der  Franziskaner  in  Bethlehem-^)  sind 


1)  Sultan  Barsabai  sagt  1427  in  einem  Ferman,  daK  dieses  Recht  den 
Brüdern  seit  vielen  Jahren  gemäß  den  gewährten  Fermanen  zusteht;  Golu- 
bovich,  Serie  170. 

'-)  Der  Libellus  descriptionis;    vgl.  Le  Missioni    Francescane  IV  510. 

■i)  Trattato  112. 

■•)  Fabri,  Evagatorium  1  280:  „Emit  a  Soldano  locum  illum  montis 
Syon  et  capellam  b.  Virginis  in  valle  Josaphat,  et  ecclesiam  Bethleemitanam 
cum  monasterio;"  11  ;520  fügt  er  hinzu  „capellam  beatae.  Mariae  Virginis"  in 
der  Grabeskirehe,  „dominici  sepulchri  tugurium",  „specum  dominicae  nativi- 
tatis."  Marianus,  Compendium  (AFH  II  028):  „In  sacro  monte  Syon  et 
in  Bethlem,  ubi  Christus  natus  est,  et  in  Sepulchro  Beate  Marie  in  valle 
Josaphat." 

■')  Verniero,  Chronik  92  und  245,  stellte  schon  fest,  daß  im  Archiv 
die  Dokumente  über  den  Erwerb  des  Heiligturas  von  Bethlehem  fehlen.  Er 
sagt:  „Non  si  trova  sciittura  autentica  in  che  maniera  e  quando  gli  frati 
havessero  per  loro  uso  e  Custodia  il  Convento  e  Chiesa  di  Bettelemme."  Das- 
selbe sagt  Calahorra,  B.  11  K.  9;  doch  möchte  er  die  Schenkung  des  Klosters 
bereits  durch  den  Sohn  des  Sultans  Melek-el-Kamel  erfolgt  sein  lassen  und 
beruft  sich  auf  „einige  alte  Schriften"  des  Archives,  die  er  nicht  näher  be- 
stimmte. Ausdrücklich  nennt  er  eine  1806  vom  Kadi  zu  Jerusalem  erteilte 
Erlaubnis,  die  Kirche  zu  Bethlehem  zu  restaurieren.     Zur   Zeit   sind   mehrere 


58  III.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten 

wir  auf  die  Nachriebt  beschränkt,  die  Br.  Nikolaus  von  Poggi- 
bonzi  1345  überliefert:  „Die  Kirche  von  Bethlehem  haben 
heute  die  Minderbrüder  des  hl.  Franziskus;  Medephar,  Sultan 
von  Babylonien,  gab  sie  uns,  und  die  Brüder  zogen  in  die- 
selbe ein,  als  ich  in  Jerusalem  war"  ^).  Vergebens  späht  man 
bei  den  alten  Chronisten  und  in  den  Urkunden  nach  Nach- 
richten oder  Fingerzeigen  aus,  die  uns  über  die  Vermittler 
Aufschluß  gäben  oder  die  Zeit  des  Geschenkes  genauer  be- 
stimmen ließen.  Golubovich  möchte  in  jenem  von  Poggibonzi 
genannten  Sultan  Medephar  den  Kalifen  Modhaff  er  Rokneddin 
sehen,  der  von  1309 — 1310  regierte.  Wir  können  nicht  an- 
nehmen, daß  unsere  Brüder  35  Jahre  gewartet  hätten,  bis  sie 
von  der  großen  Gunst  Gebrauch  machten  und  das  Heiligtum 
übernahmen.  Sodann  fehlt  der  Name  jenes  Sultans  unter  den 
Gönnern  der  Franziskaner,  wie  sie  in  mehreren  Fermanen 
späterer  Sultane  genannt  werden  ^). 

Einige  Nachrichten  über  die  den  Franziskanern  von  Beth- 
lehem verliehenen  Rechte  und  Stätten  erhalten  wir  durch  die 
Pilger  der  nächsten  Jahrzehnte.  Nach  Frescobaldi  hielten  sie 
den  Gottesdienst  in  der  altehrwürdigen  Basilika,  während  den 
andern  Konfessionen,  den  Griechen,  Gürtelchristen  und  Jako- 
biten  bestimmte  Kapellen  zugeteilt  waren  ^).  „Auch  ist  dort", 
ergänzt  er,  „eine  große  Menge  Sarazenen,  die  daselbst  aus  Ver- 
ehrung für  unsere  Herrin  Tag  und  Nacht  zahlreiche  Lampen 
brennen  lassen  und  für  den  Lebensunterhalt  der  Brüder  sowie 
für  die   Kirche   beisteuern."     Der  russische  Diakon  Ignaz  von 


solcher  Vollmachten'  und  nicht  datierte  Gutachten  über  Restaurationen  an  der 
Kirche  von  Bethlehem  im  Archiv  der  Prokura;  keine  derselben  liegt  sicher 
vor  1345,  und  kein  Pilger  erwähnt  vor  diesem  Jahre  ein  Franziskanorkloster 
in  Bethlehem. 

1)  Libro  d'Oltramare  I  236:  „La  chiesa  di  Bctlilehera  .  .  .  tengono  oggi 
i  frati  minori  di  santo  Francesco,  che  cc  la  donö  Medephar,  soltano  di  Ba- 
billonia;  e  frati  c'entrarono,  quando  io  era  in  Jerusalem."  Da  die  mittelalter- 
lichen Pilger  beim  Schreiben  der  arabischen  Eigennamen  die  willkürlichsten 
und  merkwürdigsten  Variationen  fertig  bringen,  ist  es  sehr  schwer,  die  von 
ihnen  gemeinten  Personen  zu  erraten. 

2)  Golubovich,  Serie  199  Anm.  3. 

•'')  S.  102 :  „La  chiesa  s'  ufficia  pe'  Cristiani  Franchi  .  .  .  i  quali  sono 
sotto  il  guardiano  di  Monte  Sion  ...  Ha  nella  detta  chiesa  certe  cappelle 
d'altri  Christiani,  cioe  Cristiani  di  cintura,  Cristiani  giacopini  e  Cristiani  greci." 


fll.  Einzug  der  Franziskaner  in  die  heiligen  Stätten  59 

Sniolensk  0  und  der  russische  Archimandrit  Grethenius  ^),  die 
einige  Jahre  später  nach  Bethlehem  kamen,  bestätigen,  daß 
die  „Franken"  den  Gottesdienst  in  der  Basilika  hatten;  ersterer 
fügt  hinzu,  daß  dieselben  das  Kloster  inne  haben  und  „über  der 
Krippe"  zelebrieren,  während  die  Griechen  über  „der  Geburts- 
höhle" Gottesdienst  halten.  1427  zeigt  bereits  ein  Pilgerbuch 
die  Franziskaner  im  Besitze  der  ganzen  Geburtsgrotte  ^). 

Das  Kloster  zu  Bethlehem  war  das  dritte  und  letzte,  das 
die  Franziskaner  während  des  Mittelalters  in  Palästina  gründen 
konnten.  Es  gelang  ihnen  wohl  in  Jerusalem  und  Umgebung, 
noch  einzelne  Heiligtümer  ganz  oder  zum  Teil  zu  erwerben; 
aber  die  Gründung  eines  weitern  Klosters  kam  trotz  höchster 
Vermittlung  nicht  zustande  ^).  Die  Schriftsteller  und  Chronisten 
des  Ordens  versäumten  nicht  darauf  hinzuweisen  und  in  jener 
Dreizahl  eine  Beziehung  zu  den  drei  Orden  des  hl.  Franziskus 
zu  sehen.  So  sagt  Br.  Christophorus  von  Varese:  „Unser 
Heiland,  der  in  größter  Armut  zu  Bethlehem  geboren  wurde, 
der  auf  dem  Berge  Sion  ein  ganz  armes  Abendmahl  feierte 
und  nackt  auf  dem  Kalvarienberge  am  Kreuze  sterben  wollte, 


1)  Vgl.  B.  Khitrovo,  Itineraires  Russes,  Genf  1888,  128—1(51:  Le 
Pelerinage  d'Ignace  de  Sinolensk  (1389  —  1405).  S.  154  sagt  er  über  Beth- 
lehem: „Les  Francs  officient  au-dessus  de  la  creche  et  les  Grecs  au-dcssus 
de  la  cavite;  ä  Bethleem,  ä  gauche,  sc  trouve  le  couvent  franc,  et  11  y  a  lä 
TEglisc  de  la  Nativite  du  Christ  oü  officient  les  Francs." 

■-)  Sein  Reisebericht  ist  in  der  gleichen  Sammlung  veröffentlicht;  vgl. 
Khitrovo  167—191.  Daselbst  182  von  Bethlehem:  „Les  Francs  ont  cette 
eglise  sons  leur  dependance." 

•')  Libellus  descrintionis:  „Soli  Christian!  catholici  predictam  capellam 
tencnt.  Et  illa  die  in  ea  divina  peragunt  officia.  Et  porte  eins  a  Saracenis 
custodiuntur,  ne  in  suis  missis  ab  aliis  turbentur" ;  Lc  Missioni  Francescane 
V  322.  Dasselbe  sagt  Fabri  I  479:  „Specum  autem  nativitatis  Domini  ha- 
bent  Latini." 

')  Wenn  Papst  Kalixt  III.  in  der  Bulle  „Licet  pro  nostra"  (1453)  die 
„fratres  ordinis  Bcati  Francisci  de  Observantia  nuncupati  locoruni  Montis 
Sion,  Sancti  Sepulchri,  Bethlehem,  Vallis  Josaphat,  Montis  Oliveti  et  Sancti 
Salvatoris  de  Baruto",  Diarium  T.  S.  IV  153,  nennt,  so  soll  damit  nicht  gesagt 
sein,  daß  an  den  einzelnen  Orten  eigentliche  Niederlassungen  bestanden.  — 
Die  Hospizien  oder  Pilgerhäuser  der  Franziskaner  kommen  an  dieser  Stelle 
nicht  in  Betracht.  —  Daß  zu  Abu  ühosch  nicht  ein  Franziskanerkloster  bestand, 
wie  meistens  behauptet  wird,  wird  unten  gezeigt. 


60  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 

berief  unter  allen  katholischen  Christen  die  arme  Familie  zur 
Obhut  dieser  hochheiligen  Stätten,  um  zu  zeigen,  wie  sehr 
ihm  das  Gelübde  der  höchsten  Armut  gefall l  ...  Es  lag  im 
Plane  der  göttlichen  Vorsehung,  sie  nur  diese  drei  Stätten  be- 
wohnen zu  lassen,  .  .  .  obgleich  sie  noch  an  andern  Orten, 
nämlich  im  Tale  Josaphat,  Wohnung  nehmen  wollten  0,  und 
das  um  der  Ähnlichkeit  mit  den  drei  von  Franziskus  gestifteten 
Orden  willen"  ^J. 

IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion. 

Statuten  und  Organisation 

der  Franziskanermission  Palästinas. 

Die  Geschichte  der  Franziskaner  Palästinas  bietet  im  Mittel- 
alter wenig  Wechsel;  überall  kehren  die  gleichen  Nachrichten 
und  Angaben  wieder.  Die  Urkunden  melden  von  kleineren 
Käufen,  durch  die  besonders  das  Gebiet  auf  dem  Sion  allmählich 
erweitert  wurde,  von  der  Erlaubnis,  die  Klostergebäude  wieder- 
herzustellen, und  von  den  Bemühungen  der  Sultane,  die  Brüder 
gegen  allerlei  Unbilden  und  Verfolgungen  in  Schutz  zu  nehmen. 
Die  Reiseberichte  der  Pilger  ergänzen  den  feierlichen  Gottes- 
dienst der  Brüder  an  den  hl.  Stätten  und  ihre  treue  Sorge  für 
die  Pilger.  Den  breitesten  Raum  nehmen  in  der  Geschichte 
unserer  Mission  die  mannigfachen  Bedrängnisse  der  Brüder  ein; 
fast  Blatt  für  Blatt  wissen  die  alten  Chronisten  von  ihnen  zu 
erzählen,  wenn  auch  von  einer  eigentlichen  Christenvorfolgung 
nicht  die  Rede  sein  kann.  Den  ägyptischen  Sultanen  fehlte  es 
selten  an  Gründen  zu  allerlei  Maßregeln.  Kam  die  Kunde  von 
neuen  Kreuzzugsplänen  des  Abendlandes  in  den  Orient,  so 
waren  unsere  Brüder  die  ersten  Opfer;  wurde  irgendwo  in  der 
Welt  den  Sarazenen  ein  Leid  von  Christen  zugefügt,  siegte  ein 
christlicher  Herrscher  über  die  Streiter  des  Halbmondes,  nahm 


1)  Surian  ergänzt,  Trattato  65,  wo  er  die  Worte  des  Br.  Christo- 
phoriis  wiederholt,  an  dieser  Stelle:  „Monte  Oliveti  cum  altri  assai;"  ähnlich 
sagt  Verniero,  Chronik  256. 

-)  Libellus  de  privilegiis,  Bl.  17r. 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  61 

ein  abendländischer  Korsar  ein  Schiff  der  Moslems  weg,  so 
mußten  es  die  Brüder,  die  in  der  Gewalt  des  Sultans  waren, 
büßen.  Die  Niederlagen  der  Sultane  im  Kampfe  mit  den  Christen 
sind  Marksteine  in  der  Franziskanergeschichte  Palästinas;  auf 
ihren  Blättern  findet  man,  welchen  Widerhall  jene  Ereignisse 
im  Morgenlande  hatten.  Und  das  Beispiel  der  Machthaber  fand 
Nachahmung  bei  den  niedern  Beamten.  Was  diese  an  Gründen 
zu  immer  neuen  Forderungen  ersannen,  erscheint  dem  Abend- 
länder unglaublich.  Verniero  stellt  in  seiner  Chronik  eine  lange 
Liste  von  Erpressungen  zusammen,  die  von  den  Paschas  und 
Niedern  in  ein  festes  System  gebracht  waren,  und  von  den  Geldern, 
die  unter  allen  möglichen  Titeln  gezahlt  werden  mußten.  Es 
war  mehr  Sucht,  zu  rauben  und  auf  bequeme  Weise  etwas  zu 
gewinnen  als  Haß  gegen  die  Fremden  und  Christen.  Das  Volk 
blieb  aber  nicht  zurück  und  fand  eine  Menge  Wege,  um  von  den 
Brüdern  durch  List  und  Gewalt  Gaben  und  Gelder  zu  erzwingen. 
Kaum  war  der  Herrscher,  der  den  Franziskanern  das 
Wohnrecht  in  der  Hl.  Stadt  verliehen  hatte,  gestorben,  als  schon 
die  Bedrängnisse  begannen.  Am  28.  März  1346  klagte  Papst 
Klemens  VL,  er  habe  gehört,  daß  der  Sultan  von  Ägypten  das 
Kloster  der  Brüder  zu  Jerusalem  und  die  ihnen  übergebenen 
Stätten  zu  zerstören  und  zu  schädigen  trachte  ').  Man  wollte 
wahrscheinlich  neue  Gelder  erpressen  oder  sogar  den  Franzis- 
kanern den  Aufenthalt  in  Jerusalem  verleiden,  wie  man  es 
tatsächlich  um  jene  Zeit  bei  den  Dominikanern  erreichte,  die 
um  1340  2)  das  Grundstück  Hakeldama  erworben  und  auf  dem- 


1)  In  der  Bulle  „Sincerae  devotionis"  heißt  es:  „Percepimus,  quod 
.  .  .  soldanus  Babyloniae  conventum  dictorum  fratrum  necnon  locura  et  aedi- 
ficia  eorundem  aliaque  oratoria  ac  loca  sancta  in  civitate  Jerosolymitana  con- 
sistentia,  eorum  custodiae  deputata,  quorum  tu,  lili  Antoni,  ut  asseris,  vicarius 
existis,  de  die  in  diem  destruere  ac  damnificare  molitur."  Der  Papst  erlaubt 
daher  dem  genannten  fr.  Antonius  de  Alexandria  und  dem  fr.  Adam  Ronato, 
das  Material  für  die  Restauration  aus  dem  Abendlande  nach  Palästina  zu  be- 
fördern; Eubel.  BF  VI  Nr.  353. 

■-)  Ludolf  von  Suchern  sagt  vom  Acker  Hakeldama:  „Juxta  hunc 
agrum  est  locus  valde  delectabiiis  et  arboribus  pulchcrrimus,  quem  fratres 
praedicatores  in  recessu  meo  emerunt"  (1341);  Deycks  85.  Meister- 
mann-Huber  läßt  S.  219  zu  Unrecht  das  Dominikanerkloster  auf  Hakel- 
dama schon  1281  entstehen. 


62  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 

selben  ein  Kloster  gegründet  hatten;  sie  wurden  von  den  Sara- 
zenen mit  so  vielen  Plünderungen  und  Feindseligkeiten  heimge- 
sucht, daß  sie  die  Stätte  wieder  verließen.  Daß  dieses  Ziel  bei  den 
Franziskanern  nicht  erreicht  wurde,  führt  Fabri  auf  den  Um- 
stand zurück,  daß  diese  in  der  Stadt  wohnten,  eine  bessere 
Lage  sowie  ein  mit  hohen  Mauern  und  eisernen  Toren  wohl 
behütetes  Kloster  hatten  ^). 

Die  Absicht  der  Sarazenen,  die  Franziskaner  wieder  aus 
den  hl.  Stätten  zu  verdrängen,  leuchtet  aus  dem  Briefe  hervor, 
den  Königin  Johannall.  von  Neapel  am  22.  Mai  1363  an  den 
Sultan  von  Ägypten  schrieb,  in  dem  sie  diesen  bittet,  er  möge 
den  Franziskanern  die  Erlaubnis,  „auf  dem  Berge  Sion  und  am 
Hl.  Grabe  zu  verweilen,  erneuern  und  von  neuem  gewähren". 
Der  Brief  verrät  uns  noch  allerlei  Schikanen  und  Quälereien, 
denen  die  Brüder  preisgegeben  waren.  So  bittet  die  Königin, 
man  möge  dieselben  in  Ruhe  sterben  lassen  und  nicht,  während 
sie  krank  darniederlägen,  in  ihre  Wohnung  eindringen  und 
das,  was  im  Gebrauche  der  Kranken  sei,  aufschreiben,  um  es 
alsbald  als  herrenloses  Gut  in  Besitz  zu  nehmen.  Sodann 
möge  es  den  Brüdern  gestattet  sein,  Speise  und  Trank  im 
Hause  aufzubewahren  und  alles  das  zu  genießen,  was  den 
Christen  von  ihrem  Gesetze  erlaubt  werde.  Wie  man  aus  andern 
Schreiben  ersieht,  galt  dieses  besonders  vom  Weine,  betreffs 
dessen  die  Moslems  den  Brüdern  die  Vorschriften  des  Korans 
aufbürden  wollten.     Die  Königin  bittet   auch,  die  Franziskaner 


1)  Fabri,  Evagatorium  I  424:  „Dum  rex  Hubertus  Siciliac  fratribus 
Minoribus  montem  Sion  et  alia  .  .  .  a  Soldano  multo  auro  comparasset,  invo- 
caverunt  fratres  Praedicatores  pios  homines,  et  congregata  pecunia  a  Soldano 
agrum  Acheldama  emerunt  .  .  .  Accipientes  autem  locum  ad  tempus  posse- 
derunt,  sed  propter  invasiones  Maurorum  et  infidelium  invastationes  locum 
deserere  fuerunt  coacti.  Fratres  enim  Minores,  quantum  ad  hoc,  sunt  bene 
provisi  in  monte  Syon,  habentes  quietum  (locum)  in  civitate  et  bene  munitum 
altis  muris  et  ferreis  ostiis.  His  tarnen  non  obstantibus  persaepe  sunt  in 
magnis  periculis  propter  importunas  . infidelium  invasiones,  etiam  noctuino 
tempore.  Et  nisi  essent  viri  fortes,  dudum  montem  Syon  dereliquissent  propter 
periculosas  invasiones  illorum  canum."  —  1348  beschlossen  die  Dominikaner 
den  Bau  eines  Klosters  zu  Bethlehem;  vgl.  Tobler,  Bethlehem  217  Anm.  4_ 
—  Vgl.  auch  Fabri,  Evagatorium  I  412  und  II  320  über  ein  Kloster  „in 
specu  S.  Jacobi  Apostoii"  im  Tale  Josaphat,  das  die  Dominikaner  verließen 
„propter  infidelium  insultus  et  frequentes  depraedationes  et  invasiones". 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  63 

gegen  die  Geldi'orderungen  niederer  Beamten ')  in  Schutz  zu 
nehmen  und  diesen  streng  zu  verbieten,  von  denselben  irgend 
etwas  zu  fordern  ^). 

In  dem  gleichen  Jahre  schrieben  zwei  andere  Herrscher 
in  demselben  Sinne  an  den  Sultan,  wohl  ein  Zeichen,  daß  die  Be- 
drängnisse der  Brüder  unerträglich  geworden  waren,  und  diese 
keinen  andern  Ausweg  mehr  sahen  als  den  Schutz  der  Fürsten. 
König  Peter  IV.  von  Aragonien  bat  am  26.  Dezember  den  Sultan, 
er  möge  seinen  Beamten  und  Untertanen  jede  Bedrückung  der 
Franziskaner  verbieten  und  diese  tunlichst  beschützen;  der  König 
versprach,  mit  gleicher  und  noch  größerer  Rücksicht  gegen  die 
Untertanen  des  Sultans  zu  verfahren  ^).  Der  Doge  Lorenzo  Celsi 
von  Venedig  kommt  in  seinem  Schreiben  vom  31.  Oktober  1363 
auf  den  Scluitz  der  sterbenden  Brüder  und  Pilger  gegen  die 
Raubgier  der  Sarazenen,  die  sogleich  alles  plünderten  und  an 
sich  rissen,  zurück;  die  Güter  der  im  Hl.  Lande  verscheiden- 
den Pilger  und  Brüder  müßten  den  Christen  verbleiben.  Außer- 
dem empfiehlt  er  seinem  Vertreter  zu  Alexandrien,  dem  Konsul 
Contarini,    beim   Sultan   die   Bitte   zu   stellen,    daß   stets   einige 


1)  „Nee  teneantur  ad  solvendum  aliquod  cursoribus;"  vgl.  über  diese 
„cursores"  Golubovich,  Serie  108  Anm.  25. 

2)  Brief  bei  Wadding,  Annales,  zum  Jahre  i:5fi3  Nr.  21,  und  Cozza, 
De  Graecorum  Schismate  III,  Rom  1720,  Teil  V  Kap.  17  S.  248:  „Quod  de 
caetero  non  scribantur  nee  petantur  bona,  quae  ipsi  fratres  et  etiam  peregrini 
habent,  dum  infirmantur,  nee  eis,  specialiter  dictis  Fratribus,  Hat  talis  op- 
pressio  sive  offensa,  quinimmo  de  bonis  suis  libere  disponere  sine  impedl- 
mento  vel  obstaculo  quocumque  possint.  Similiter  Fratres  ipsi  in  eorum  do- 
mibus  libere  teuere  victum  et  potum  et  eis  uti  ad  libitum  prout  faciunt  Mer- 
eatores  Christiani  in  Alexandria,  et  prout  a  lege  Christianorum  est  permissum. 
Et  si  per  aliquem  casum  contingat,  domos  ipsorum  Fratrum  perscrutari  et 
victum  vel  potum  secundum  Christianorum  ibi  invenlri,  quod  nulla  eis  prop- 
terea  injuria  inferatur  nee  eis  ad  culpam  aliquam  imputetur.  Nee  etiam  ipsi 
Fratres  teneantur  ad  solvendum  aliquod  cursoribus,  quinimo  prohibeatur  eis, 
ne  aliquid  petant  seu  cxigant  ex  ipsis  Fratribus,  cum  non  habeant,  undc 
vivant." 

3)  B  ief  bei  Cozza,  a.a.O.  248.  Es  heißt  daselbst:  „Intime  depre- 
camur,  quod  honoris  nostri  intuitu  injungatis  omnibus  officialibus  et  subditis 
vestris  ut  non  inlerant  damna  vel  injurias  nee  inl'erre  pcrmittatis  Fratribus  su- 
pradictis,  quinimo  eos  ab  ofrensis  praeservent,  cum  fuerit  opportunum.  Nam 
in  hoc  summe  complacebitis  votis  nostris,  offerentes  nos  in  nostro  dominio 
vestrae  Serenitatis  respoctu  pro  vestris  subditis  similia  lacere  et  maiora." 


64  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 

Brüder  am  Grabe  der  Gottesmutter  weilen  können  ^).  Die  gleiche 
Bitte  hatte  bereits  König  Peter  von  Aragonien  an  Papst  Inno- 
zenz VI.  -)  und  Königin  Johanna  von  Neapel  an  den  Sultan  ge- 
richtet; letztere  bat  auch,  daß  den  Franziskanern  erlaubt  werde, 
einige  Wohnräume  neben  der  über  dem  Grabe  der  Gottesmutter 
erbauten  Kirche  einzurichten  ^).  Innozenz  VI.  hatte  seinerseits 
am  9.  November  1361  die  Erlaubnis  dazu  erteilt^)  und  sein 
Nachfolger  Urban  V.  dieselbe  ein  Jahr  später  erneuert  ^) ;  die 
päpstlichen  Breven  sagen,  daß  die  Brüder  zugleich  in  der  nahen 
Todesangstgrotte  Gottesdienst  halten  wollten.  Eine  Antwort 
des  Sultans  auf  jene  Bitte  ist  nicht  bekannt;  sicher  ist,  daß  die 
gewünschte  Niederlassung  nicht  zustande  kam,  und  daß  es  den 
Brüdern  jetzt  nur  gelang,  zur  Feier  des  Gottesdienstes  in  der 
Marienkirche  zugelassen  zu  werden. 

Das  folgende  Jahr  schenkte  der  neuen  Franziskanerkustodie 
Palästinas  den  ersten  Märtyrer.  Wie  uns  die  Chronik  der  24  Ge- 
neräle des  Ordens  erzählt,  predigte  Br.  Wilhelm  von  Castellamare 
1364  den  christlichen  Glauben  vor  dem  Könige  zu  Gaza.  Der 
König  gab   sich   alle   Mühe,    ihn   für   den   Islam   zu   gewinnen. 


1)  Brief  bei  Cozza,  a.  a.  0.  249.  Er  hat  nur  das  Datum:  „die  ultimo 
mensis  Octobris  p  imae  indictionis;"  da  Celsi  von  lo61  bis  1365  regierte,  so 
ist  dies  der  31.  Oktober  1363.  Der  Doge  schreibt  dem  genannten  Konsul: 
„Volumus,  quod  si  contingat  vos  ire  vel  mittere  ad  Soldanum,  procurare  vel 
procurari  facere  debeatis  apud  eum,  quod  .  .  .  quia  dicitur  quod,  quando  ali- 
quis  peregrinus  Christianus  in  partibus  illis  moritur  seu  aliquis  ex  Fratribus, 
Sarraceni  deripiunt  et  occupant  sibi  statim  omnia  bona  eorum  .  .  .,  imposte- 
rura  cesset  huiusmodi  novitas,  sed  quod  bona  Christianorum  et  specialiter 
Fratrum  ibi  morientium  remaneant  Christianis  vel  locis  Christianorum,  sicut 
justum  est." 

2)  Vgl.  Eubel,  BF  VI  Nr.  815. 

^)  A.  a.  0.:  „Item  possint  construere  domunculas  aliquas,  quas  viderint 
pro  maiori  habilitate  habitationis  ipsorura,  in  cava,  quae  est  ad  latus  Eccle- 
siae  Sepulchri  Beatae  Virginis,  adiungendo,  quod  in  ipsa  Ecclesia  Sepulchri 
possint  intrare  libere  ad  orandum  et  lampades  accendendum  ad  eorum  bene- 
placitum,  sicut  faciunt  in  Bethlehem." 

•*)  „Ad  ea  quae  in  laudem" ;  Eubel,  BF  VI  Nr.  815  (wo  irrig  „cana" 
statt  „cava"),  und  Diarium  T.  S.  II  75. 

5)  „Rationi  congruit";  Eubel,  a.a.O.  Nr.  830;  Diarium  77.  Dieses 
Breve  ist  „Andreae  Chesham  et  Joanni  Ponher,  Ordinis  Fratrum  Minorum  pro- 
fessoribus",  gegeben.  Letzterer  wurde  am  26.  Oktober  1366  zum  Erzbischof 
von  Tarsus  ernannt;  Eubel  Nr.  990». 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  65 

Da  aber  alle  Versprechungen  und  Drohungen  umsonst  waren, 
verurteilte  er  ihn  zum  Tode;  Br.  Wilhelm  wurde  in  zwei  Stücke 
geschnitten,  und  sein  Leib  nebst  dem  Breviere  verbrannt  ^). 
Er.  Bartholomäus  von  Pisa  nennt  unter  den  Märtyrern  Palästi- 
nas keinen  namens  Wilhelm,  berichtet  aber  ein  ähnliches  Marty- 
rium aus  Gaza  von  einem  andern  neapolitanischen  Bruder,  namens 
Johannes,  weshalb  wir  vermuten,  daß  ein  Irrtum  im  Namen 
vorliegt  und  es  sich  bei  beiden  Schriftstellern  um  denselben 
Blutzeugen  handelt  -).  Marian  von  Florenz  hat  den  Bericht  beider 
nebeneinander  aufgenommen  und  so  zwei  Fransiskanermärtyrer 
von  Gaza  in  die  Geschichte  des  Ordens  eingeführt,  eine  Unter- 
scheidung, die  von  den  spätem  Schriftstellern  ohne  Prüfung  der 
Nachrichten  wiederholt  wurde  ^). 

Außergewöhnliche  Leiden  brachte  das  nächste  Jahr  den 
in  den  drei  Niederlassungen  Palästinas  weilenden  Brüdern. 
König  Peter  L  von  Zypern  unternahm  1365  mit  einer  mäch- 
tigen Flotte  einen  Zug  gegen  Ägypten.  Die  Stadt  Alexandrien 
wurde  am  4.  Oktober  genommen,  mehrere  Tage  geplündert 
und  in  Brand  gesteckt.  Dann  wandte  sich  die  Flotte  gegen 
die  syrische  Küste  und  verwüstete  die  Städte  Tripolis,  Tortosa 
und  Laodizea  *).  Der  Zorn  des  Sultans  war  unbeschreiblich 
und  nicht  minder  die  Wut  der  Sarazenen.  Da  der  Herrscher 
wegen  Mangels  einer  Flotte  dem  Könige  von  Zypern  selbst 
nicht  vergelten  konnte,  entlud  sich  sein  Grimm  über  die  Christen, 
die  in  seinem  Reiche  wohnten,  besonders  über  die  Franziskaner 
Palästinas.    Wie  uns  ein  Zeitgenosse,  der  Verfasser  der  Chronik 


1)  AF  III  560;  er  heißt  liier  „Gulielraus  de  Castromaris  Provinciae 
Terrae  Laboris". 

'^)  AF  IV  305:  „Frater  Joannes  de  Neapoii,  diaconus,  cum  regi  Gazzae 
Christum  praedicaret  ac  vellet  euin  ad  fidem  convertore,  ab  eodem  captus  et 
in  frusta  est  concisus." 

3)  In  seinem  Corapendium  Chronicarura  berichtet  Marianus  zum  Jahre 
1364  das  Martyrium  des  Br.  Wilhelm  („per  medium  corpus  scctus")  nach  der 
Chronik  der  24  Generäle;  vgl.  AFH  III  305,  und  bald  nachher  das  des  Br.  Jo- 
hann („in  frusta  concisus")  nach  Pisanus  a.  a.  0.  306.  —  Das  Martyrologium 
Terrae  Sanctae  setzt  den  Todestag  des  ersten  auf  den  8.  August  1353  und 
des  andern  auf  den  12.  Juli  1370;  vgl.  Diarium  Terrae  Sanctae  II  22  u.  18. 

*)  Vgl.  Raynaldus,  Annales  Ecclesiastici,  zum  Jahre  1365  Nr.  19  und 
Michaud,  Histoire  des  Croisades,  Buch  XIX. 

Franzisk.  Studien,  Beiheft  4:  Lemraens,  Die  Franziskaner  auf  dem  Sion.  5 


66  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sioii 

der  24  Generäle,  erzählt,  „wurden  die  zwölf  Brüder,  die  damals 
auf  dem  Berge  Sion  weilten,  nebst  vielen  andern  Christen  von 
den  Sarazenen  gefangen  genommen.  Weil  die  Brüder  im  Be- 
kenntnis des  wahren  Glaubens  verharrten  und  auf  keine  Weise 
von  demselben  abfallen  wollten,  wurden  elf  aus  ihnen  durch 
schweren  Kerker,  Hunger  und  Schläge  getötet;  der  zwölfte 
aber",  setzt  der  Chronist  hinzu,  „lebt  noch  heute  im  Jahre  1370 
in  harter  Gefangenschaft"  *).  Br.  Bartholomäus  von  Pisa  gibt 
einige  Jahre  später  die  Zahl  der  in  ganz  Palästina  verhafteten 
Brüder  auf  16  an  und  ergänzt  den  Ort  ihres  Martyriums,  in- 
dem er  sie  nach  Damaskus  geschleppt  und  daselbst  fünf  Jahre 
eingekerkert  werden  läßt  ^). 


1)  AF  III  564:  „Huius  generalis  temporibiis  XII  fratres,  qui  tunc  mora- 
bantur  in  sacro  loco  montis  Sion,  fuerunt  capti  per  Saracenos  cum  multis 
aliis  Christianis.  Et  cum  praedicti  fratres  in  confessione  verae  fidel  persi- 
sterent  et  nullo  modo  ab  ea  declinare  vellent,  XI  ex  illis  rigore  carceris,  fame 
et  verberibus  fuerunt  crudeliter  interfecti;  duodecimus  vero  adhuc,  ut  intel- 
leximus,  vivebat  anno  MCCCLXX,  duro  tamen  carceri  mancipatus.  Occasio 
autem  dictae  captionis  fuisse  dicitur,  quia  rex  Cypri  ceperat  Alexandriam." 

2)  AF  IV  305:  „Fratres  nostri  alii  sedecim,  qui  erant  in  terra  promis- 
sionis,  tempore,  quo  rex  Cypri  Petrus  Alexandriam  cepit,  capti  positi  sunt  in 
carceribus  in  Damasco;  per  quinque  annos  stantes  in  ferris  et  sine  indumentis 
et  ieiuniis  virtute  fidei  probati  gloriosa  morte  confessiouis  perseverantia 
obierunt."  Die  gleiche  Zahl  gibt  der  um  1385  von  einem  dalmatinischen  Fran- 
ziskaner zusammengestellte  Katalog  der  heiligen  Franziskaner  an;  vgl.  Lem- 
mens,  Catalogus  Sanc'.orum  Fratrum  Minorum  26;  G  B  II  62.  Der  Unter- 
schied zwischen  den  beiden  Zahlen  XII  imd  XVI  dürfte  darin  seinen  Grund 
haben,  daß  der  erste  Bericht  nur  die  Brüder  des  Klosters  auf  dem  Sion,  der 
andere  auch  die  übrige.i  berücksichtigt,  oder  auch  durch  einen  Schreibfehler 
in  der  zweiten  Ziffer  erklärt  werden.  —  Jene  Verschiedenheit  der  Zahl  war 
die  Ursache,  daß  die  spätera  Chronisten  zwei  verschiedene  Gruppen  von 
Märt>Tern  annahmen.  Den  Anfang  machte  Br.  Harlan  von  Florenz,  der  in 
seinem  Compendium  (AFH  III  305)  zunächst  die  Chronik  der  24  Generäle 
exzerpiert  und  mit  ihr  von  12  MärtjTern  redet,  dann  aber  mit  Bartholomäus 
von  16  Brüdern,  die  um  des  Glaubens  willen  leiden  mußten,  spricht.  Andere 
haben  die  Verschiedenheit  noch  verstärkt,  indem  sie  bei  der  Gruppe  der 
12  Brüder  als  Ort  des  Martyriums  Jerusalem  ergänzten:  vgl.  Fabri,  Evagato- 
rium  II  320,  und  das  Martyrologium  Terrae  Sanctae.  In:  Diarium  T.  S.  II  88  zum 
1.  Oktober:  „In  Judaea,  apud  Montem  Sion,  passio  Beatorum  duodecim  Fra- 
trum", und  I  83  zum  16.  Februar:  „Damasci,  Beatorum  sexdecim  Fratrum 
Martyrum."  Sicher  darf  man  nicht  zwei  Gruppen  von  Märtyrern  unterscheiden, 
wie  sich  schon  daraus  ergibt,  daß  damals  ohne  Zweifel  nicht  28  Brüder  in 
Palästina  waren. 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  67 

Ob  ZU  dieser  Märtyrerscliar  die  beiden  spanischen  Brüder 
P.  Johannes  und  Br.  Gundisalvus,  deren  Tod  von  den  Chronisten 
in  dieselbe  Zeit  gesetzt  wird,  gehören?  Wie  uns  Br.  Bartholo- 
mäus von  Pisa  berichtet,  wurden  sie  auf  der  Pilgerreise  nach 
Jerusalem  von  den  Häschern  des  Sultans  ergriffen  und  in  den 
Kerker  geworfen  0-  Nachdem  Br.  Gundisalvus  den  Qualen 
des  schauerlichen  Gefängnisses  erlegen  war,  verlor  P.  Johannes 
den  Mut  und  verleugnete  seinen  Glauben.  Drei  Jahre  lebte 
er  nun  als  Sarazene,  ohne  jedoch  eine  Ehe  zu  schließen,  bis 
ihn  die  Gnade  Gottes  traf  und  zur  Rückkehr  bestimmte.  Er 
bat  die  auf  Zypern  wohnenden  Mitbrüder,  ihm  zwei  Brüder 
nach  Kairo  zu  schicken,  die  ihn  mit  Gott  und  der  Kirche  aus- 
söhnen könnten.  Sobald  er  sein  Gewissen  gereinigt  hatte, 
drängte  es  ihn,  das  gegebene  Ärgernis  wieder  gut  zu  machen 
und  seinen  katholischen  Glauben  offen  zu  bekennen.  Kaum 
hatte  er  das  mutig  getan,  so  wurde  er  von  den  Sarazenen 
ergriffen  und,  da  er  standhaft  blieb,  zum  Tode  verurteilt.  Man 
zerfleischte  zuerst  seinen  Leib  durch  furchtbare  Geißelhiebe 
und  schlug  ihn  darauf  mit  sechs  Nägeln  ans  Kreuz;  zwei 
wurden  durch  die  Hände,  zwei  durch  die  Ellenbogen  und 
die  zwei  letzten  durch  die  Füße  getrieben.  Zum  Staunen 
aller  Zuschauer  wurde  sein  zunächst  vor  Schmerz  blasses  und 
bleiches  Antlitz  bald  rot  und  fröhlich;  und  der  Blutzeuge  ver- 
harrte in  fortgesetztem  Bekenntnis  des  Glaubens  an  seinem 
Kreuze,  bis  er  den  Geist  aufgab. 

>)  AF  IV  304.  Pisanus  nennt  weder  den  Ort  des  Gefängnisses  noch 
die  Zeit  ihres  Todes.  Das  oben  genannte  Verzeichnis  des  dalmatinischen 
Franziskaners  läßt  P.  Johann  „generalante  fratre  Marco"  (1359  —  1366)  sterben; 
vgl.  Lern  mens,  Cat.  S.  Fratrum  Minorum  46.  Marian  von  Florenz  bemerkt 
nichts  über  die  nähern  l imstande  des  Todes,  a.  a.  O.  306.  —  Die  spätem  Ge- 
schichtsschreiber des  Ordens  lassen  um  dieselbe  Zeit  die  Brüder  Antonius  de 
Rosate  und  Franziskus  de  Marchia  als  Märtyrer  sterben.  Br.  Antonius  wird 
zum  ersten  Male  in  jenem  dalmatinischen  Kataloge  genannt  mit  den  Worten : 
„Frater  Antonius  de  Rosatis  inter  Saracenos  martyrizatus  translatione  ibidem 
quiescit."  Auch  Pisanus  (302  und  526)  und  Marianus  (306)  schweigen  über 
den  Ort  und  die  Zeit  seines  Martertodes  („inter  duos  asseres  secatus  per 
medium").  Jener  Br.  Franciscus  de  Spoleto  (de  Marchia)  aber  (Civezza  nennt 
ihn,  Storia  delle  Missioni  Francescane  IV  49:  „fratre  Pietro  da  Crista  della 
Marca  Anconitana")  starb  bereits  im  Jahre  1288  zu  Damiette,  wie  uns  die 
Chronik  der  24  Generäle  erzählt;  vgl.  AF  III  418  und  GB  I  323. 

5* 


68  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 

Endlich  kam  nach  verschiedenen  erfolglosen  Bemühungen 
im  Herbst  1370  ein  Friede  zwischen  dem  Könige  von  Zypern 
und  t'em  Sultan  von  Ägypten  zustande.  Die  Kerker  öffneten 
sich,  die  überlebenden  Christen  wurden  in  Freiheit  gesetzt  ^), 
und  der  vor  der  Eroberung  Alexandriens  bestehende  Zustand 
wieder  hergestellt^);  neue  Brüder  eilten  aus  dem  Abendlande 
herbei  und  nahmen  mit  frischem  Eifer  den  Dienst  an  den 
heiligen  Stätten  wieder  auf  ^). 

Spätere  Schriftsteller  glauben,  daß  die  Armenier  und 
Griechen  während  jener  Abwesenheit  der  Franziskaner  von 
den  Heiligtümern  allerlei  Rechte  derselben  an  sich  rissen;  be- 
sonders sei  diesen  damals  ein  Teil  des  Kalvarienberges  ge- 
nommen worden  ^).  Letzteres  trifft  schon  aus  dem  Grunde 
nicht  zu,  weil  die  Franziskaner  nie  im  XIV.  Jahrhundert  den 
Kalvarienberg  besaßen,  sondern  nur  das  Recht  hatten,  auf  dem- 
selben zu  zelebrieren,  ein  Recht,  das  wir  in  den  folgenden 
Jahrzehnten  unverkürzt  sehen.  Auch  waren  jene  Orientalen 
kaum  in  der  Lage,  mittlerweile  Veränderungen  der  Besitzrechte 
in  der  Grabesbasilika  auszuführen,  da  diese,  wie  der  ara- 
bische Chronist  Makrizi  berichtet,  vom  Sultan  geschlossen 
war    und    erst    nach    dem    Friedensschlüsse    wieder    geöffnet 


1)  Bei  Mas  Latrie.  Histoire  de  l'Isle  de  Chypre  II,  Paris  1852,  347, 
ein  Zitat  aus  Strambaldi,  Cronica  di  Cipro:  „Et  cavorono  li  Christiani  dalle 
preggioni  tutti  quelli  che  havevano  in  Suria." 

2)  Vgl.  den  1403  zwischen  dem  Sultan  und  den  Rittern  von  Rhodus  ge- 
schlossenen Frieden,  in  dem  es  ausdrücivlich  heißt,  daß  die  nach  der  Ein- 
nahme Alexandriens  vereinbarten  Bedingungen  in  Kraft  bleiben  sollen.  Diese 
stellen  aber  den  frühern  Zustand  wieder  her;  Sebastian o  Pauli,  Codice  Di- 
plomatico  del  Sacro  Militare  Ordine  Gerosolimitano,  oggi  di  Malta,  Lucca  1737, 
S.  108  Nr.  86. 

3)  Daß  1372  die  Brüder  wieder  in  Jerusalem  weilten,  ergibt  sich  schon 
daraus,  daß  in  diesem  Jahre  zwei  Obere  derselben  in  Jerusalem  genannt 
werden;  vgl.  Golubovich,  Serie  15. 

^)  So  Civezza,  Storia  delle  Missioni  Francescane  IV  46;  Leo  Pa- 
trem,  La  Custodie  Franciscaine  de  Terre-Sainte,  Paris  1879,  14  (dieser  läßt 
auch  damals  einen  Derwisch  den  Brüdern  das  Grab  der  Gottesmutter  weg- 
nehmen, das  sie  sicher  nicht  besessen  hatten);  Razzoli,  1  Francescani  in 
Oriente  53.  --  Nach  Perinaldo,  Storia  di  Gerusalemme  II  411,  und  Ci- 
vezza, a.  a.  0.  43,  hätten  die  Brüder  bei  dieser  Gelegenheit  Nazareth  ver- 
lassen; es  fehlt  jedes  Zeugnis  dafür,  daß  diese  damals  dort  weilten. 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  69 

wurde  ^).  Weder  eine  ältere  Chronik,  noch  ein  Pilger  sagt  etwas 
von  einem  solchen  in  jener  Zeit  verübten  Raube;  der  letzte  Pilger, 
der  vor  der  Gefangenschaft  der  Brüder  seine  Reise  beschrieb, 
sagt  genau  das  gleiche,  was  der  erste  nach  ihrer  Rückkehr 
geschriebene  Reisebericht  über  die  von  den  Franziskanern  in 
der  Basilika  verwalteten  Stätten  sagt.  Wie  Poggibonzi  ihnen 
1345  die  Kapelle  der  Gottesmutter  zuwies,  so  tut  dasselbe 
1384  Frescobaldi;  seine  Beschreibung  bestätigt  für  die  heiligen 
Stätten  durchaus  den  die  Friedensverhandlungen  beseelenden 
Gedanken,  den  vor  dem  Kriege  bestehenden  Zustand  wieder 
herzustellen. 

Jener  spätem  Meldung  über  eine  um  diese  Zeit  erfolgte 
Verkürzung  der  Franziskanerrechte  liegt  entweder  eine  Ver- 
wechslung mit  dem  Raube  zugrunde,  den  die  Georgier  wäh- 
rend der  von  1510  —  1512  dauernden  Gefangenschaft  der  Brüder 
tatsächlich  auf  dem  Kalvarienberge  ausführten,  oder  man  hat 
den  Raub  konstruiert,  da  man  von  der  Voraussetzung  ausging, 
die  Franziskaner  hätten  1336  die  ganze  Basilika  erhalten. 
Da  aber  die  Pilger  des  XV.  Jahrhunderts  die  meisten  Heilig- 
tümer derselben  den  andern  Konfessionen  zuweisen,  fand  man 
die  Erklärung  hierfür  nur  in  der  Annahme,  die  Brüder  seien 
während  dieser  Gefangenschaft  um  einen  großen  Teil  der 
hl.  Stätten  beraubt  worden.  Daß  jene  Voraussetzung  in  keiner 
Weise  zutrifft  und  sowohl  den  alten  Nachrichten  wie  den 
Bullen  des  Papstes  Klemens  VI.  widerspricht,  die  den  Brüdern 
nur  beschränkte  Rechte  in  der  Grabeskirche  zuweisen,  wurde 
schon  oben  betont. 

Die  Franziskaner  haben  nicht  nur  nichts  an  Rechten  und 
Stätten  während  des  XIV.  Jahrhunderts  verloren;  am  Ende 
desselben  zeigt  uns  sogar  der  Archimandrit  Grethenius  einen 
wichtigen  Fortschritt.  Er  sah  um  1400  ein  von  ihnen  an  der 
Grabeskapelle  angebrachtes  Bild,  das  den  Heiland  auf  dem 
Throne  mit  zum  Himmel  erhobener  Rechten  und  vor  ihm   den 


1)  Nach  Makrizi  waren  am  25.  August  1370  die  fränkischen  Gesandten 
beim  Sultan,  der  ihren  Eid  entgegennahm,  daß  sie  den  Frieden  halten  würden. 
Dann  wurde  der  Friede  vom  Sultan  beschworen  und  „die  Kirche  der  Auf- 
erstehung zu  Jerusalem  wieder  geöffnet";  vgl.  Mas  Latrie  a.  a.  0.  347. 


70  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 

hl.  Franziskus  darstellte  0-  Nach  den  Gepflogenheiten  des 
Morgenlandes  bedeutet  dieses  ein  Recht  auf  die  Kapelle  und 
einen  ersten  Schritt  zu  jenem  Verhältnisse,  das  uns  die  Pilger 
hundert  Jahre  später  zeigen,  und  das  die  Herrschaft  der  Franzis- 
kaner über  die  hl.  Kapelle  enthielt  -). 

Einen  Anstoß  zu  den  dahin  zielenden  Bestrebungen  gab 
die  erste  Visitation  der  Franziskanerklöster  Palästinas  durch 
P,  Bartholomäus  von  Alverno  und  die  Verordnungen,  die  er 
am  1,  August  1377  zu  Jerusalem  traf.  „Auf  jede  Weise",  be- 
stimmt er,  „soll  man  vom  Sultan  die  Erlaubnis  erwirken,  einige 
Brüder  als  Hüter  beim  Heiligen  Grabe  anzustellen"  ^).  Es  kann 
sich  hier  nicht  um  Brüder  handeln,  die  überhaupt  und  irgend- 
wo in  der  Basilika  Gottesdienst  halten  könnten;  dieses  Recht 
hatten  die  Brüder  bereits  seit  40  Jahren,  und  ebenso  lange 
wohnten  die  Brüder  neben  der  Kirche  ^).  Noch  weniger  läßt 
sich  der  Wortlaut  des  Statutes  mit  der  Deutung  vereinigen, 
die  Calahorra  demselben  unterlegt,  daß  nämlich  die  Zahl  der 
an  der  Grabeskirche  weilenden  Brüder  vermehrt  werden  solle  ^), 
ganz  abgesehen  davon,  daß  dazu  die  Erlaubnis  des  Sultans 
nicht  erfordert  wurde,     P.  Bartholomäus  wollte  die  schon  von 


1)  Khitrovo  171:  „II  y  a  lä  iine  Image  peinte  sur  toile  par  les 
Francs,  representaat  le  Sauveur  sur  un  tröne,  la  main  droite  levee  vers  le 
ciel;  devant  lui  se  tient  Frangois  et  ä  cöte,  dorment  les  gardes." 

2)  Vgl.  die  oben  (S.  51  Anm.  3)  mitgeteilten  Zeugnisse  des  Surian 
und  Fabri. 

3)  Die  Statuten  sind  veröffentliclit  in  Diarium  Terrae  Sanctae  II  162. 
Im  dritten  Artilcel  derselben  lieißt  es:  „A  Sultano,  quibus  possit  modis,  ob- 
tineatur  facultas  Fratres  aliquot  ad  Sepulchrum  Christi  excubitores  adhibendi." 
—  Vgl.  oben  S.  52  Anm.  2  die  Klage  des  Ludolf  von  Suchem,  daß  die  geor- 
gischen Hüter  des  Hl.  Grabes  dasselbe  vernachlässigten. 

'')  Daß  unsere  Brüder  alsbald  eine  kleine  Niederlassung  bei  der  Grabes- 
kirche für  jene  hatten,  die  an  derselben  den  Dienst  versahen,  wird  von  ver- 
schiedenen gemeldet.  So  sagt  Johann  von  Winterthur  in  seiner  Chronik 
zum  Jahre  1343:  „Continue  IV  secundum  vicissitudinem  ordinatam  ex  indultu 
Soldani  [in  monasterio  sacri  tumuli  Christi]  habitabant;  G  B  II  148.  —  Um  1390 
nennt  Br.  Bartholomäus  unter  den  Klöstern  des  Hl.  Landes  den  „locus  Sepul- 
chri  Domini";  AF  IV  533.  —  Die  Niederlassung  war  sehr  klein;  14()1  sagt 
Bischof  Rochechouart  (254)  von  ihr:  „Habent  duas  vel  tres  cameras." 
Harff  schreibt  (174):  „Hynder  deser  cappellen  [Marienkapelle]  hauen  die 
tzweyn  broeder  yere  w^onynge,  dae  sy  essen,  drjmcken  ind  slaeffen." 

5)  Chronik,  B.  III  K.  17. 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  71 

Ludolf  beklagte  Vernachlässigung  der  hl.  Stätte  heben  und  dem 
Grabe  des  Erlösers  seinen  gebührenden  Glanz  und  Schmuck 
sichern. 

Jene  Verordnungen  des  P.  Bartholomäus  geben  uns  wert- 
volle Aufschlüsse  über  die  innern  Verhältnisse  der  Kustodie; 
besonders  erfahren  wir  durch  sie  das  erste  über  die  Organi- 
sation der  Franziskanerklöster  Palästinas.  Während  Papst 
Klemens  VI.  dieselben  1342  dem  auf  Zypern  residierenden 
Provinzial  der  alten  Provinz  des  Hl.  Landes  unterstellte  0, 
wird  jetzt  der  Guardian  des  Klosters  auf  dem  Berge  Sion  zum 
Obern  aller  Klöster  in  Palästina  ernannt,  dem  alle  Brüder  ge- 
horchen müssen.  Damit  scheidet  die  Kustodie  tatsächlich  aus 
dem  Verbände  jener  Provinz  aus;  der  Guardian  des  Sionklosters 
wird  unmittelbar  dem  Ordensgeneral  unterstellt.  Die  Geneh- 
migung dieses  Statutes  durch  den  Hl.  Stuhl  ergibt  sich  aus 
den  Breven  desselben.  Während  diese  bisher  an  den  „Pro- 
vinzial und  die  Brüder  des  Hl.  Landes"  gerichtet  waren  ^), 
lautet  von  jetzt  an  die  Aufschrift  der  päpstlichen  Schreiben: 
„Dem  Guardian  und  den  Brüdern  vom  Berge  Sion  sowie  den 
übrigen  Brüdern,  die  zu  Bethlehem  und  am  Grabe  des  Herrn 
in  Jerusalem  weilen"  ^). 


1)  Es  lieißt  in  der  öfter  genannten  Bulle  „Gratias  agimus"  vom  21.  No- 
vember 1342  zum  Schluß:  „Volentes,  ut  ipsi  Fratres  sint  .  .  .  sub  obedientia 
et  regimine  Guardian!  Fratrum  dicti  Ordinis  Montis  Sion  ...  et  Ministri  Pro- 
vinciae  Terrae  Sanctae." 

2)  Die  Bulle  „Ad  ea  quae  in  laudem"  vom  9.  November  1361  ist  „Mi- 
nistro  Provinciali  et  Fratribus  Ordinis  Minorum  Terrae  Sanctae"  adressiert; 
Diarium  T.  S.  II  75.  Die  Bulle  „De  religiosa  discretione"  vom  25.  November 
1375  hat  die  Aufschrift  „Ministro,  Custodi,  Guardiano";  a.  a.  0.  83. 

3)  Die  Bulle  „Ad  ea  quae  piorum"  vom  11.  Juni  1385  hat  die  Aufschrift 
„Guardiano  et  Fratribus  domus  Fratrum  Ordinis  Minorum  de  Monte  Sion"; 
Diarium  T.  S.  II  163.  Eine  Ausnahme  machte  der  Pseudopapst  Johann  XXIII. 
in  seinem  Schreiben  „Cum  a  nobis  petitur";  er  sagt  „Ministro  Terrae  Sanc- 
tae" usw.;  a.  a.  O.  165.  Die  folgenden  Päpste  sagen  entweder  „Guardiano  et 
Conventui  Fratrum  Ordinis  Minorum  Montis  Sion,  necnon  caeteris  in  Bethlehem 
ac  Sepulchro  Domini  in  Hierusalem  degentibus  ipsius  Ordinis  Fratribus"  (vgl. 
mehrere  Schreiben  im  Bullarium  Terrae  Sanctae,  Diarium  T.  S.  II  166  ff.),  oder 
sie  unterlassen  die  Aufzählung  der  Häuser.  —  Vgl.  Golubovich,  Serie  S.  XXI. 
Daselbst  wird  S.  XXIl  eine  scheinbare  Ausnahme  besprochen.  Es  ist  das  In- 
strument, in  dem  der  Guardian  P.  Gerhard  Calvetti  am  30.  März  1392  die 
Besitzergreifung  des  Grabes  der  Gottesmutter  bezeugt,  und  in  dem  es  heißt: 


72  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 

Über  die  Wahl  des  Obern  im  Sionkloster  und  die  Voll- 
machten desselben  setzte  P.  Bartholomäus  nichts  fest.  Hierüber 
verfügte  der  Ordensgeneral  P.  Antonius  von  Pireto  Näheres 
auf  dem  Generalkapitel  zu  Lausanne  im  Jahre  1414  ^).  Sein 
Erlaß  vervollständigt  jene  Statuten  und  bestimmt,  daß  für  den 
Fall  des  Todes  oder  der  Abdankung  des  Guardians  des  Sion- 
klosters  alle  Professen  dort  zusammenkommen  und  einen  neuen 
wählen  sollen;  ist  der  Provinzial  der  Provinz  des  Hl.  Landes 
gerade  in  Jerusalem,  so  soll  er  die  Wahl  kraft  Gewalt  des 
Generals  bestätigen;  ist  er  aber  nicht  da,  so  hat  die  Wahl 
ohne  weiteres  ihre  Gültigkeit.  Ist  der  Guardian  krank,  so  daß 
er  sein  Amt  nicht  wahrnehmen  kann,  dann  soll  er  „mit  eini- 
gen einsichtigen"  Brüdern  (una  cum  aliquibus  discretis)  einen 
Vikar  ernennen.  Sollte  ein  Guardian  des  Sionklosters  sein 
Amt  schlecht  verwalten,  so  müssen  die  Brüder  dem  P.  Pro- 
vinzial Mitteilung  machen.  Dieser  muß  selbst  oder  durch 
einen  Vertreter  die  Sache  an  Ort  und  Stelle  prüfen,  den  Guardian, 
wenn  die  Klagen  berechtigt  sind,  absetzen  und  bis  zur  Wahl 
des  neuen  Guardians  einen  Vikar  ernennen.  Weilt  jedoch 
der  Provinzial  nicht  in  der  Provinz,  so  sollen  die  Brüder  den 
General  um  einen  Visitator  bitten.  Hier  wird  zwar  der  Pro- 
vinzial wieder  in  die  Verwaltung  der  Klöster  Palästinas  ein- 
geführt, aber  nur  für  diesen  einen  Fall  (in  isto  casu),  und 
auch  hier  geht  er  nicht  kraft  eigener  Gewalt,  sondern  „kraft 
der  Autorität  des  Generalministers"  (auctoritate  generalis  mi- 
nistri)  vor.  Daß  die  Klöster  des  Hl.  Landes  und  ihre  Oberen 
unmittelbar  dem  General  unterstehen  sollen,  bringt  der  Erlaß 
klar  zum  Ausdruck,  da  es  daselbst  heißt,  daß  nur  der  Ordens- 
general und  kein  Provinzial  oder  Vikar   ohne  besondere  Voll- 


„Vice  et  nomine  Ministri  Provincialis  et  F'ratrum  Minorum  Provinciae  Terrae 
Sanctae."  Unseres  Eraclitens  liegt  für  diese  Erwähnung  des  Provinzials  der 
Grund  in  dem  päpstlichen  Schreiben,  das  den  Brüdern  1361  gestattete,  sich 
an  jener  Stätte  niederzulassen.  Da  dieses  vor  1377  gegeben  wurde,  war  es 
an  den  „Provinzialrainister  und  die  Brüder  der  Provinz  des  Hl.  Landes  ge- 
richtet (Diarium  T.  S.  11  75  und  77),  und  diese  Formel  nahm  P.  Calvetti  richtig 
in  seine  Erklärung  auf. 

1)  Vgl.  Wadding,    zum  Jahre    1414  Nr.  VI,    und    Quaresmius,    Elu- 
cidatio  I  378. 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  73 

macht  des  ersteren  den  Guardian  des  Sionklosters  von  seinem 
Amte  entbinden  kann  ^). 

Was  die  Amtsdauer  der  Guardiane  des  Sionklosters  be- 
trifft, so  erfahren  wir  aus  einem  Breve  des  Papstes  Eugen  IV. 
vom  14.  März  1438,  daß  „seit  langem  die  Gewohnheit  bestand", 
sie  für  drei  Jahre  zu  wählen  ^). 

Der  Obere  des  Sionklosters  hatte  über  die  Klöster  Palä- 
stinas dieselben  Vollmachten  wie  der  Provinzial  über  die  Häuser 
seiner  Provinz.  Jenes  im  Jahre  1414  erlassene  Dekret  erklärt, 
daß  er  der  Obere  aller  Niederlassungen  der  Franziskaner  im 
Hl.  Lande  ist  und  ihre  Oberen  mit  Zustimmung  erfahrener  Brü- 
der (discretorum  antiquorum)  ein-  und  absetzen  kann.  Ebenso 
hatte  er  die  Vollmacht,  Kleriker  und  Laien  in  den  Orden  oder 
zur  Profeß  aufzunehmen,  Kleriker  den  Bischöfen  für  die 
hl.  Weihen  zu  präsentieren  und  seine  Untergebenen  zum 
Ordensgeneral  und  in  alle  Länder  der  Welt  zu  schicken.  Bald 
wurden  diese  Vollmachten,  besonders  durch  Kalixt  III.,  noch 
erweitert  und  näher  umschrieben. 

An  zweiter  Stelle  vorordnen  die  Statuten  des  P.  Bartholo- 
mäus, daß  nur  zwanzig  Brüder  in  den  Klöstern  Palästinas  wohnen 
sollen.  Würden  Brüder  vom  Papste  oder  vom  Ordensgeneral 
ins  Hl.  Land  gesandt,  so  sollen  andere  zurückkehren  ^).  Fresco- 
baldi  gibt  uns  bald  nachher  ungefähr  an,  wie  diese  Zahl  über 
die  drei  Klöster  verteilt  war;  nach  ihm  waren  „acht  oder  mehr 
Brüder"  auf  dem  Sion,  „etwa  sechs"  in  Bethlehem  und  zwei 
am  Hl.  Grabe  %  während  sein  Begleiter  Gucci  „an  zwölf  Brüder" 


1)  „Ipsumque  nullus  inferior  generali  ministro.  sive  sit  minister  sive 
vicarius,  quovis  modo  possit  absolvere  ab  officio,  sine  licentia  speciali  a  ge- 
nerali ministro  obtenta";  a.  a.  O. 

-)  Eugen  IV.  sagt  in  dem  Breve  „Exigunt  religionis  zelus"  vom  14.  März 
1438:  „Cum  itaque  in  loco  Montis  Sion  Ordinis  Minorum  dudum  consueverint 
guardiani  de  triennio  in  triennium  deputari":   Diarium  T.  S.  III  114. 

3)  Art.  2:  ..In  locis  istis  ultra  viginti  fratres  non  habitent.  Si  qui  ad- 
venerint  a  PonUfice  vel  Ministro  Generali  amandati,  cedant  alii;  habeatur  ta- 
men  ratio  eorum.  quorum  infirmitas  possit  esse  itineris  impedimento,  vel  ex- 
plorata  virtus  aliorum  famulari  profectui." 

^)  Viaggi  in  Terra  Santa  113:  ,.I1  guardiano  tiene  ivi  [auf  dem  Sion] 
continuo  otto  frati  o  piü,  e  tiene  nella  chiesa  del  Santo  Sepolcro  due  frati, 
e  nella  chiesa,  dove  nacque  Cristo  in  Betelera,  ne  tiena  sei  o  circa." 


74  IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 

auf  dem  Sion  zählte  ^).  Doch  wurde  bald  jene  Festsetzung  für 
den  Sion  selbst  aufgehoben  und  dem  Guardian  1414  anheim- 
gegeben, daselbst  eine  beliebige  Anzahl  von  Brüdern  aufzu- 
nehmen, soweit  es  die  Mittel  gestatteten^).  In  der  Folge  sehen  wir 
die  Zahl  der  Brüder  in  Bethlehem  unverändert;  auch  Dom.herr 
Breitenbach  aus  Mainz  traf  dort  1483  sechs  Brüder^).  Am 
Hl.  Grabe  zeigen  uns  die  meisten  Pilger  zwei  oder  drei,  die 
monatlich  gewechselt  wurden  •*),  und  auf  dem  Sion  gegen  Ende 
des  XV.  Jahrhunderts  vierundzwanzig  Franziskaner^). 

Gleichzeitig  setzte  P.  Bartholomäus  fest,  wie  viele  Frauen 
in  den  beiden  Frauenhospitälern  Aufnahme  finden  könnten:  das 
Marienhospital  auf  dem  Sion  dürfe  zehn  und  das  zu  Bethlehem 
vier  Frauen  aufnehmen,  aber  nur  ernste  und  erprobte  Personen, 


1)  Viaggi   371:    ,,A   monte    Sion  .  .  .  stanno  circa    di   XII  frati  minori." 

2)  Der  P.  General  dispensiert  in  den  Statuten  des  P.  Bartholomäus 
„super  numero  fratrum  taxato  quoad  conventum  praeiictum  .  .  .  ita  quod  ipse 
guardianus  quando  sibi  videbitur  expediens  et  rationi  consonum.  possit  ultra 
numerura  taxatum  .  .  .  Tratres  .  .  .  recipere  et  de  sua  familia  facere.  dum  tarnen 
ad  tot  victualia  necessaria  sufliciaut."' 

3)  „Ipsi  fratres  .  .  .  habent  in  monte  Syon  .  .  .  ut  communiter  viginti 
quatuor  fratres,  ...  in  Betleem  habent  conventum  .  .  .  cum  sex  fratribus  ...  at- 
que  in  templo  dominici  sepulchri  gloriosi  duos  habent  semper  fratres."  Der 
Karthäuserprior  Georg  sagt  vom  Sion:  ..frequenter  viginti  fratres"  und  von 
Bethlehem:  „sex  aut  septera";  Pez  II  T.  3  Sp.  550;  ähnlich  Baumgarten  88. 

^)  So  sprechen  Marian  von  Siena  (1431)  und  Bischof  Ludwig  von 
Rochechouart  (1461)  von  drei  oder  vier,  Breitenb  ach  von  zwei.  Tucher 
(1480)  von  zwei  oder  drei,  Fabri  (14S3)  von  drei  Brüdern  im  Hl.  Grabe. 
Surian.  Trattato  S.  67  Anm.,  sagt  hingegen:  „In  lo  S.  Sepulcro  continuamente 
stano  doi  frati,  un  prete  et  uno  layco  per  celebrare  et  per  havere  cura  si 
del  loco,  come  de  dodece  lampade  che  continuamente  ardono  in  piü  loclii  della 
Chiesia.  Ma  quando  e  qualche  solenitä  tuti  li  frati  vanno  a  sollenizare  in 
quella  chiesia  gloriosa."  Auch  Guglingen  spricht  S.  291  nur  von  zwei: 
„Ibi  morantur  duo  fratres  ordinis  sancti  Francisci  de  observantia.  et  sunt  con- 
tiuue  inclusi,  donec  mutantur  per  gardianum."  Der  Karthäuserprior  Georg 
sagt  1507  noch  genauer:  „Habent  in  templo  Sepulchri  Domini  duos  Fratres, 
unum  sacerdotem  et  alterum  laicum.  qui  spatio  unius  mensis  ibi  constituuntur, 
et  mutantur  juxta  ordinem  vicis  suae":  Pez  II  T.  3  Sp.  550;  dasselbe  bei 
Baumgarten  88. 

^)  Vgl.  außer  dem  bereits  gegebenen  Zeugnisse  des  Domherrn  Breiten- 
bach Fabri,  Evagatorium  I  348:  „Fratres  Minores  conventum  habent  in  monte 
Syon  multorum  fratrum.  scilicet  XXIV."  --  Tuch  er  sagt  1480,  daß  in  allen 
Klöstern,  Beirut  eingeschlossen,  „bei  viertzig  Personen"  seien;  Reyßbuch  Bl. 
353^".   Wanckel,  Bl.  Eij^,  gibt  1517  ihre  Zahl  auf  „bei  fünfzig"  an. 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  75 

die   mindestens  fünfzig  Jahre  alt  seien  und  sich  verpflichteten, 
nach  einem  Jahre  abzuziehen  ^). 

über  das  Hospital  zu  Bethlehem  fanden  wir  keine  andere 
Kunde,  während  für  die  Geschichte  des  Hospitals  auf  dem  Sion, 
besonders  für  seine  Anfänge,  mehrere  Kaufverträge  und  päpst- 
liche Breven  zur  Verfügung  stehen.  Zum  ersten  Male  hören 
wir  von  demselben  in  einem  Vertrage  vom  17.  März  1353,  durch 
den  zwei  fränkische  Frauen  Sophia  und  Albira  für  1700 
Drachmen  Silbers  ein  Haus  auf  dem  Sion  kaufen,  das  „viele 
Zimmer"  hatte,  und  einen  Garten  nebst  Zisterne ").  Als  Grenzen 
des  gekauften  Stückes  werden  nach  Westen  der  Weg  genannt, 
der  nach  Sion  führt,  im  Norden  ein  Acker,  im  Osten  ein  Haus 
des  Scheiks  Omar;  im  Süden  grenzte  es  an  das  Haus  der  Brü- 
der^). Sophia,  die  in  der  Urkunde  als  „Frau  aus  Florenz" 
vorgestellt  wird,  w^ar  die  Seele  des  ganzen  Unternehmens.  Sie 
erwirkte  am  14.  Oktober  1354  von  Papst  Innozenz  VI.  die  Be- 
stätigung ihres  Werkes  und  einige  zu  seiner  Vollendung  not- 
wendige Vollmachten.  Die  päpstlichen  Schreiben  sagen  uns,  daß 
Sophia  mehrere  leerstehende  Häuser  erworben  und  mit  dem 
Bau  des  Hospitales  begonnen  hatte  *).  In  einem  derselben  wird 
das   Haus   „Hospital   für   die   Armen"    genannt^),   während   die 


1)  Art.  &:  .Jn  hospitali  feminarum  Montis  Sion  ultra  decem  mulieres 
non  recipiantur,  in  Bethlohemilano  quatuor  dumtaxat."  Guglingen  (309) 
fand  1482  auf  dem  Sion  fünf  Schwestern,  und  der  Karthäuserprior  Georg 
spricht  1507  von  „5  oder  6";  Sp.  550;  das  gleiche  bei  Bauragarten  88. 

2)  Urkunde  im  Archiv  der  Prokura,  Schublade  12.  Sophia  heißt  daselbst 
„Tochter  des  Philipp  Angelus"  und  Albira  „Tocliter  des  Asis  Martin";  crstere 
wird  in  den  päpstlichen  Schreiben  „Sophia  Philippi  de  Archangelis,  muiier 
florentina"  genannt;  vgl.  Diarium  T.  S.  II  72  ff. 

■'')  Vgl.  damit  die  Angabe  Surians,  Trattato  110:  „Appresso  alla 
quäle  6  lo  Monastero  dellc  donne  luntano  cinquanta  cubiti",  und  Fabri, 
Evagatorium  I  259  („domus  Martharum"). 

•*)  In  dem  2.,  3.  und  4.  der  hierauf  bezüglichen  Breven  heißt  es:  „Cum  .  .  . 
de  bonis  tibi  a  Deo  coUatis  et  tibi  etiam  per  eleemosinam  erogatis  emeris 
quasdam  domos  inhabitatas,  sitas  in  Monte  Sion  juxta  locum  Fratrum  Ordinis 
Minorum  in  dicto  monte  consistentem  cum  claustro  et  territorio  ipsis  domibus 
contiguo  et  in  eis  unura  hospitale,  in  quo  Chritifideles  ad  visitandum  Sepul- 
chrum  Dominicum  peregre  proficiscentes  valeant  receptari,  fundaveris  et  aedi- 
ficare  coeperis";  a.  a.  0.  73  und  74. 

^)  In  dem  1.  Breve  wird  das  Haus  „hospitale  pauperum"  genannt;  S.  72. 


76 


IV.  Erste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sion 


Abb.  5.    Lageplan. 

A   Zönakulum. 

B   und  E  Gebäude  auf  der  rechten  Seite  der  Straße,  die 
zum  armenischen  Kloster  führt. 

B  ehemaUgcs  Franziskanerkloster. 

E  Stelle  des  Schwesternhauses. 
D   Von  den  Franziskanern  1479  gekaufter  Garten. 
F   Armenisches  Kloster. 
G  Von  Kaiser  Wilhelm  1898  erworbenes  Grundstück. 


Statuten  und  Organisation  der  Franziskanermission  Palästinas  77 

andern  allgemein  von  einem  Hospital  reden,  „in  dem  die  zum 
Grabe  des  Herrn  pilgernden  Gläubigen  Aufnahme  linden  kön- 
nen" 0-  Tm  folgenden  Jahre  verfügte  Innozenz  VI.  auf  Bitten 
Sophias,  daß  die  Brüder  des  Sionklosters  die  Verwaltung  des 
Hospitals  übernehmen  sollten,  falls  Sophia  sterbe,  fortgehe  oder 
sich  aus  irgendeinem  Grunde  zurückziehe  ^).  Auch  diese  An- 
stalt mußte  den  Groll  des  Sultans  wegen  der  Einnahme  und 
Plünderung  Alexandriens  erfahren;  sie  wurde  eingezogen  und 
erst  im  Jahre  1372  auf  Vermittlung  der  Königin  Johanna  von 
Neapel  zurückgegeben  ^). 

Ein  schönes  Denkmal  setzte  sich  P.  Bartholomäus  durch 
die  klaren  und  entschiedenen  Bestimmungen,  die  er  über  die 
Beobachtung  der  Armut  hinterließ.  Das  Verbot,  Geld  in  eigener 
Person  anzunehmen,  wird  strenge  eingeschärft  und  seine  Über- 
tretung mit  schweren  Strafen  belegt.  Da  die  Brüder  unter  den 
Sarazenen  weder  ohne  Geld  leben  noch  die  Heiligtümer  be- 
wahren können,  sollen  sie  einen  oder  zwei  treue,  zuverlässige 
Männer  beauftragen,  die  Geldalmosen  in  Empfang  zu  nehmen 
und  nach  dem  Bedürfnis  auszugeben.  Diese  brauchen  aber  den 
Brüdern  nicht  Rechenschaft  von  ihrer  Verwaltung  abzulegen, 
und  die  Brüder  dürfen  weder  von  ihnen  Rechenschaft  fordern, 
noch  selbst  die  eingehenden  und  ausgegebenen  Almosen  ver- 
zeichnen. Auch  dürfen  sie  nicht  den  Schlüssel  der  Geldkasse 
bewahren,  noch  Opfer  bei  den  hl.  Messen  sammeln.  So  lange 
jene  Verwalter  keinen  Anlaß  zum  Mißtrauen  geben,  soll  man 
ihnen  trauen;  wenn  sie  sich  aber  als  untreu  erweisen,  soll  sie 
der  Guardian  nach  dem  Rate  der  Diskreten  absetzen.  P.  Bar- 
tholomäus schließt  diesen  Teil  seiner  Vorschriften  mit  dem  eine 


1)  Vgl.  S.  76  Anm.  4. 

2)  S.  75:  „Ipsius  Sophiae  in  liac  parte  supplicationibus  inclinati,  Apo- 
stolica  auctoritate  statuimus  et  etiani  ordinamus,  ut  dicta  Sophia  cedente  vel 
decedente,  aut  regimen  dicti  hospitalis  quomodolibet  dimittente,  hospitale  ip- 
sum  per  Guardianum  S3U  Fratres  dicti  loci  de  Monte  Sion  .  .  .  regi  debeat  et 
possit  etiam  gubernari." 

•')  Die  l Urkunde  aus  dem  Jahre  1372  (774)  im  Archiv  der  Prokura, 
Schublade  26.  Auf  der  Rückseite  hat  der  damalige  Obere  vermerkt:  „Ista 
est  carta,  quomodo  hospitale  restitutum  fuit  domine  Regine  Napulitane  et  mihi 
fratri  Cantutio  de  .Marchia  Vicario  conventus  in  vicem  domine  regine."  — 
Calahorra,  B.  111  K.  ü  und   üolubovich,  Serie   15  nennen  ihn  „Canucius". 


7g  IV.  Ei'ste  Geschicke  der  Brüder  auf  dem  Sioii 

hohe  Auffassung  der  gelobten  Armut  bezeugenden  Rate:  „Die 
Brüder  müssen  mehr  fürchten,  ihr  Gewissen  zu  beschweren 
als  Geld  zu  verlieren"  0. 

Ein  weiteres  Statut  will  einen  übelstand  treffen,  dem  wir 
in  verschiedenen  Pilgerschriften  begegnen  -).  Mit  schwerer  Strafe 
soll  jeder  Bruder  und  Pilger  belegt  werden,  der  etwas  im  Hl. 
Grabe  oder  den  übrigen  Heiligtümern  abschlägt  oder  auf  irgend- 
eine Weise  entfernt,  weil  hierdurch  der  Zorn  der  Sarazenen 
hervorgerufen  werden  könnte  ^). 

Zahlreiche  Abstinenztage  werden  von  P.  Bartholomäus  außer 
den  in  der  Regel  vorgeschriebenen  Fasten  verordnet.  Während 
der  vierzig  auf  Dreikönigen  folgenden  Tage  sollen  sich  die 
Brüder  Montags,  Mittwochs,  Freitags  und  Samstags  der  Fleisch- 
speisen enthalten,  desgleichen  von  Christi  Himmelfahrt  bis  Pfing- 
sten und  vom  1.  August  bis  zum  Tage  der  Himmelfahrt  Mariens. 
Jedoch  können  sie  an  Abstinenztagen  wegen  der  Schwierigkeit, 
Fische  zu  beschaffen,  Milchspeisen  genießen'*). 

Zum  Schlüsse  setzt  P.  Bartholomäus  einige  Gebete  fest. 
Jeden  Tag  sollen  die  Brüder  nach  der  Komplet  in  Prozession 
zur  Stätte  ziehen,  wo  der  Hl.  Geist  auf  die  Jünger  herabkam, 
und  dort  eine  fromme  Lesung  über  die  daselbst  vollbrachten  Ge- 
heimnisse halten.  Jeden  Sonntag  soll  eine  hl.  Messe  in  der  ans 
Zönakulum  angrenzenden  Kapelle  des  hl.  Thomas  und  jeden 
Samstag  in  der  Grabeskirche  der  Gottesmutter  im  Tale  Josaphat 
gelesen  werden.  Letzteres  ist  die  älteste  Nachricht,  die  wir 
über  den  Dienst  der  Brüder  an  genanntem  Heiligtum  haben  ^). 
Wollte  es  den  Brüdern  auch  nicht  gelingen,  eine  Niederlassung 
neben  demselben  zu  gründen,  so  sehen  wir  sie  noch  lange  da- 


1)  Art.  4—7.  In  Art.  7:  „Plus  timeant  fratres  conscientiae  gravamen 
quam  pecuniae  detrimentum."    Vgl.  Fabri,  Evagatorium  I  249. 

-)  Ludolf  sagt:  „Nam  si  sepulchrum  Christi  per  grana  et  arenas  posset 
deportari,  jam  ultra  longa  tempora,  etiamsi  maximus  mons  esset,  fuisset  de- 
portatum"  ;  Deycks  80. 

3)  Art.  11.  ')  Art.   12. 

5)  Art.  14:  „Quolibet  sabbato  celebretur  una  Missa  de  B.  Virgine  in  Valle 
Josaphat."  Daß  dieses  Statut  in  Kraft  blieb,  bestätigt  um  1483  Fabri,  Eva- 
gatorium II  142,  und  1508  Br.  Anselm  von  Krakau;  vgl.  Canisius-Bas- 
nage,  Lectioues  antiquae  IV  786. 


V.    P.  Gerhard  Calvetti.     Neue  Fortschritte  79 

selbst  neben  den  Griechen,  Armeniern  und  anderen  ihre  An- 
dachten verrichten  0-  Später  begingen  sie  nach  Br.  Christo- 
phorus  von  Varese  au  dieser  Kirche  der  Gottesmutter  auch  die 
Feste  derselben  ^). 

Die  Intentionen,  die  P.  Bartholomäus  für  die  hl.  Messen 
vorschrieb,  gelten  fast  alle  noch  heutzutage.  Montags  soll. eine 
hl.  Messe  für  die  Wohltäter,  besonders  für  die  Seelen  des  Kö- 
nigs Robert  und  seiner  Gemahlin  Sanzia,  „deren  Munifizenz  wir 
diese  Stätten  verdanken",  Donnerstags  die  Messe  vom  Hl.  Geiste 
oder  vom  allerheiligsten  Sakramente  für  die  glückliche  Reise 
der  Pilger  und  die  Wohltäter,  Samstags  eine  Messe  von  der 
allerseligsten  Jungfrau  für  den  Papst  gelesen  werden  ^). 

Durch  diese  Statuten  war  das  Fundament  vollendet,  auf 
dem  sich  das  Kloster  auf  dem  Sion  mit  seinen  beiden  Filialen 
weiter  entwickeln  konnte  und  sollte. 

V.    P.  Gerhard  Calvetti.    Neue  Fortschritte  und 
Prüfungen.    P.  Johann  Belloro. 

Der  erste  Chronist  der  Kustodie  P.  Petrus  Verniero  bekennt 
in  seiner  Chronik,  daß  es  ihm  unmöglich  sei,  eine  vollständige 
Liste  ihrer  Oberen  zu  geben  ■*),  da  die  ersten  Guardiane  nur  gele- 
gentlich, meist  in  den  arabischen  Kaufurkunden,  genannt  wer- 
den. Die  spätem  Geschichtsschreiber  haben  die  von  ihm  zu- 
sammengestellte Reihe  für  das  14.  Jahrhundert  kaum  ergänzen 


1)  Der  Archimandrit  Grethenlus  sah  dort  um  1400  die  Griechen,  Ibeiier 
(Georgier),  Armenier,  Jakobiten  und  Abyssinier;  Khitrowo  178;  desgleichen 
1422  Johann  Poloner;  er  sagt,  Tobler,  Descriptiones  233:  „Primum  (altare) 
a  latere  sepulchri  est  Armenorum,  secuudum  sub  umbrosa  testudine  est  Georgi- 
corum,  tertium  sub  fenestra  versus  orientem  est  Graecorum,  quartum  versus 
aquilonem  est  Fratru.u  Minorum,  qulntum  juxta  primum  gradum  ascensionis 
a  sinistris  est  lacobitarum.  Sciendum,  in  eodem  latere  ascensionis  est  (altare) 
Indianorum."  Heinahe  dieselben  Worte  bringt  Fabri,  Evagatoriura  1  375, 
nur  läßt   er   die  Jakobiten   fort  und  am  fünften  Altare  die  Inder  zelebrieren. 

-j  Libellus  de  privilegüs  Bl.  18  r;  „Solent  fratres  in  festis  beate  Virginis 
ibidem  missas  et  divinum  officium  celebrare." 

3)  Art.  14.  —  Der  Herausgeber  bemerkt :  „In  hisce  statutis  nota  dignum 
est  quod  praecipua  exercitia  pietatis  quae  describuntur,  post  tot  saecula  ad- 
huc  vigent" ;  Diarium  Terrae  Sanctae  II  163.  ^)  S.  1. 


80  V.    P.  Gerhard  Calvetti.    Neue  Fortschritte 

können  0;  und  noch  weniger  war  es  ihnen  möglich,  etwas  über 
den  Lebensgang  der  einzelnen,  über  ihre  Arbeiten  und  Verdienste 
zu  sagen,  da  die  Orte,  an  denen  ihre  Namen  genannt  werden, 
nicht  die  geringste  Ausbeute  für  die  Kenntnis  ihres  Lebens  und 
Wirkens  liefern. 

Die  Reihe  der  Oberen  eröffnet  der  verdiente  P.  Roger  Ga- 
rini aus  Aquitanien,  der  uns  seit  1335  in  den  Kaufverträgen 
und  ebenso  in  der  Chronik  der  24  Generäle  als  Käufer  der 
ersten  Grundstücke  und  eigentlicher  Mittler  bei  den  Verhand- 
lungen, die  mit  dem  Sultan  wegen  der  Übergabe  der  hl.  Stätten 
gepflogen  wurden,  begegnet.  Wenn  er  auch  nirgends  unter  dem 
Namen  eines  Oberen  auftritt,  so  gestattet  schon  die  Weise,  in 
der  er  die  Verhandlungen  mit  den  Behörden  zu  Jerusalem 
führte,  ihn  als  den  Oberen  oder  Vorsteher  der  wenigen  Brüder 
zu  betrachten,  die  während  des  Anfanges  in  Jerusalem  weilten. 
Zum  letztenmal  wird  er  in  einer  Erklärung  vom  6.  März  1337 
genannt  ^). 

Der  erste,  der  ausdrücklich  in  den  bisher  bekannten  Nach- 
richten als  „Oberer  der  Franken  in  Jerusalem"  eingeführt  wird, 
ist  Br.  Nikolaus,  der  als  solcher  auf  dem  Sion  ein  Grundstück 
erwarb  ^).  Vorübergehend  wird  er  noch  einmal  1348  in  der 
Erklärung  eines  Muselmannes  erwähnt^). 

Aus  den  nächstfolgenden  dreißig  Jahren  läßt  sich  nicht 
ein   einziger  Guardian  des  Sionklosters  mit  Bestimmtheit  nach- 


1)  Das  beste  und  vollständigste  Verzeichnis  der  Oberen  der  Kustodie 
hat  P.  Golubovich  in  seiner  Serie  Cronologica  dei  Reverendissimi  Superiori 
di  Terra  Santa,  Jerusalem  1898,  zusammengestellt.  Unbegreiflicher  Weise 
hat  Razzoli  S.  226  diese  Arbeit  ignoriert  und  alte,  längst  korrigierte  Fehler 
wiederholt.  —  Golubovich  nahm  auch  die  Provinziale  der  Provincia  Terrae 
Sanctae  auf,  die  von  uns  übergangen  werden. 

2)  Vgl.  Golubovich,  Serie  131—150.  —  Golubovich  läßt  daselbst  S.  13 
einen  Guardian  Fra  Giovanni  di  Stefano  1337  walten.  Wie  er  selbst  S.  145 
Anm.  2  richtig  vermutet,  hat  er  Frer  „Gial"  unrichtig  (als  Giovanni  und  Gia- 
como)  gedeutet;  aus  dem  Umstände,  daß  dieser  Frer  Gial  Besitzer  eines  an- 
stoßenden Grundstückes  in  derselben  Urkunde  (146)  genannt  wird,  ergibt  sich, 
daß  es  sich  um  Fr.  Roger  handelt.  Calahorra,  B.  III  K.  3,  bringt  den- 
selben Vertrag,  auch  liest  er  Er.  Johannes,  läßt  diesen  aber  nur  Präses 
oder  Vikar  sein,  da  er  den  andern  Vertrag,  in  dem  Br.  Nikolaus  als  Oberer 
genannt  wird,  falsch  datiert  und  ihn  in  dasselbe  Jahr  (1328)  setzt. 

•'')  Golubovich,  Serie  155.  *)  Golubovich,  Serie  159. 


und  Prüfungen.    P.  Johann  Belloro  81 

Weisen  0,   Erst  1377  finden  wir  unter  den  Brüdern,  die  P.  Bartho- 
lomäus bei  Abfassung  seiner  Statuten  zu  Rate  zog,  den  P.  „Ni- 


1)  Golubovich  nennt  zum  Jalire  1363  mit  den  Gesta  Dei  und  andern 
einen  Guardian  von  Jerusalem,  namens  P.  Bernliardin  von  Padua;  das  Do- 
kument aber,  das  uns  seinen  Namen  überliefert  hat,  nennt  ilm  ausdrücltlich 
Guardian  von  Bethlehem;  er  heißt  daselbst  „frater  Bernardinus  de  Pa- 
dua .  .  .  guardianus,  ut  dixit,  loci  fratrum  ejusdem  ordinis  siti  in  venerabili 
et  sacro  loco  Betheelemitano"  (Diar.  T.  S.  II  13  Anm.);  er  war  also  nicht 
Guardian  von  Jerusalem. 

Zum  Jahre  1372  bringt  Golubovich  mit  einigen  Bedenken  („secondo 
ogni  probabilitä")  einen  „Fr.  Antonio  di  Giacomo",  der  in  genanntem  Jahre 
ein  Haus  erwarb.  In  dem  Kaufvertrag  erscheint  derselbe  als  Vertreter  der 
Königin  Johanna  (vgl.  Serie  15);  ebenso  wie  der  Vikar  des  Sionklosters 
P.  Cantutius  im  gleichen  Jahre;  vgl.  oben  S.  77  Anm.  3. 

Verniero  2  hat  zum  Jahre  1373  einen  Guardian  „Fr.  Giovanni",  den 
er,  S.  273,  einige  Brüder  nach  Damaskus  senden  läßt,  die  dort  als  Märtyrer 
starben.  Es  sind  die  Brüder,  die  1557  in  Damaskus  gemartert  wurden  (vgl. 
Bonifacius  Stephani,  De  perenni  cultu  Terrae  Sanctae  275);  die  von  ihm 
angezogene  Tatsache  ist  daher  um  fast  zweihundert  Jahre  später  anzusetzen. 
Auch  das  Martyrologium  Terrae  Sanctae  (Diar.  T.  S.  IT  90)  setzt  ihr  MartjTium 
ins  14.  Jahrhundert  und  läßt  sie  1341  sterben,  obgleich  nach  dem  von  ihm 
zitierten  P.  Gonzaga  ihr  Tod  „a  viginti  sex  annis  vel  circiter"  bei  Abfassung 
seines  Werkes  erfolgt  war. 

Quaresmius,  Elucidatio  II  807,  und  andere  (vgl.  Razzoli  226)  nennen 
zum  Jahre  1375  als  Guardian  des  Sionklosters  den  Frater  Martinus  de  Ara- 
gonia,  dem  Gregor  XI.  am  25.  November  1375  den  Bau  des  Klosters  bei  der 
Nikolauskapelle  zu  Bethlehem  gestattete;  vgl.  Breve  „Inter  cunctos  Ordines" 
im  Bullarium  Terrae  Sanctae,  Diar.  T.  S.  II  81.  P.  Martinus  war  nur  Guardian 
zu  Bethlehem.  Daß  jenes  Breve  an  ihn  gerichtet  wurde,  erklärt  sich  dadurch, 
daß  er  gerade  am  päpstlichen  Hofe  weilte  und  dem  Papste  die  betreffende 
Bitte  vortrug.  Es  ist  jener  P.  Martinus,  der  1372  als  Sekretär  der  Königin 
von  Zypern  von  der  hl.  Brigitta  auf  ihrer  Pilgerreise  nach  Jerusalem  die 
Vision  der  Heiligen  über  den  Niedergang  des  Franziskanerordens  empfing 
(vgl.  das  Leben  der  Heiligen  von  Bertholdus,  Acta  SS.,  Oct.  IV  502)  und  dem 
Papste  die  günstigen  Aussichten  eines  Kreuzzuges  vorführte,  wodurch  er 
diesen  zu  verschiedenen  Sendungen  und  Schreiben  in  jener  Frage  bestimmte; 
vgl.  BF  VI  Nr.  1383.  Mit  jener  Auffassung  des  Vorganges  wird  der  Ver- 
dacht hinfällig,  den  der  Herausgeber  des  Bullarium  Terrae  Sanctae  (Diarium 
T.  S.  II  81)  äußert,  als  ob  das  genannte  Breve  an  den  Guardian  von  Beth- 
lehem auf  Betreiben  des  Guardians  von  Jerusalem  gerichtet  sei,  um  den  Pro- 
vinzial  zu  umgehen;  er  meint:  „Tribuendum  est  dissidiis,  quae  verosimiliter 
viguisse  tunc  temporis  inter  Provincialem  et  Guardianura  praedictum  prae- 
sumi  possunt." 

In  Betreff  des  von  einigen  zum  Jahre  1382  genannten  Guardians  Jo- 
hannes hegen  wir  dieselben  Zweifel,  die  Golubovich,  Serie  17,  anführt;  uns 
ist  keine  Nachricht  über  ihn  begegnet. 

Ftanzisk.  Studien,  Beihert  I:  Lonimcns,  Die  Franzisisanor  auf  dem  Sion.  G 


82  V.    P.  Gerhard'  Calveüi. 

kolaus  von  Kreta,  Guardian  des  Klosters  auf  dem  Berge 
Sion"  ^);  es  ist  die  einzige  bisher  bekannte  Nachricht,  in  der 
sein  Name  vorkommt.  Einige  andere  in  dieser  Zeit  den  Brüdern 
ausgestellte  Urkunden  nennen  keine  Namen,  so  der  Schutzbrief, 
den  Sultan  Sciabau  1374  den  Brüdern  gab,  damit  diese  auf  der 
Reise  nicht  belästigt  würden^),  und  ein  Breve  des  Papstes  Gre- 
gor XI.  vom  25.  November  1375,  das  den  Brüdern  den  Bau 
eines  Klosters  bei  der  in  der  Nähe  Bethlehems  gelegenen  Ka- 
pelle zum  hl,  Nikolaus  gestattete  ^),  eine  Erlaubnis,  die  nie  ver- 
v^^irklicht  wurde. 

Dem  italienischen  Pilger  Frescobaldi  verdanken  v^'ir  den 
Namen  des  P.  Nikolaus  von  Venedig^),  der  1384  die  Mission 
leitete.  Beide  machten  gemeinsam  einen  Pilgergang  von  Kairo 
nach  dem  durch  den  Aufenthalt  der  hl.  Familie  geheiligten  Orte 
Matarieh  in  der  Nähe  der  ägyptischen  Hauptstadt.  „Dort  ließen 
wir",  erzählt  Frescobaldi  ^),  „durch  den  Guardian  des  Sionberges 


1)  Wadding,  Annales  Minorum,  zum  Jahre  1376  Nr.  XIV,  nennt  als 
Berater  des  P.  Bartholomäus  die  Patres  „Fr.  Richardus  Anglus,  sacrae  Theo- 
logiae  magister,  Fr.  Joannes  Bedererus  Aquitanus,  Fr.  Joannes  Columbus, 
Fr.  Joannes  Pisanus,  Fr.  Thomas  Anlisiodorensis,  Fr.  Gerardus  Caneti,  Fr.  Ni- 
colaus Cretensis,  coenobii  montis  Sion  guardianus". 

2)  Archiv  der  Prokura,  Schublade  24. 

^)  Ihre  Überreste  sieht  man  über  der  Milchgrotte.  —  Verniero  267 
meint,  daß  der  Mangel  an  Mitteln  den  Bau  nicht  zur  Ausführung  kommen  ließ. 

^)  Ob  er  identisch  ist  mit  dem  vorhin  genannten  Guardian  Nikolaus 
von  Kreta? 

•'')  Viaggi  54.  —  Golubovich  (Serie  18)  knüpft  hieran  die  Bemerkung, 
daß  die  Franziskaner  bereits  früher  ein  Kloster  beim  Grabe  Marions  hatten, 
aus  dein  sie  wiederholt  vertrieben  seien;  doch  steht  kein  älteres  Zeugnis  für 
diese  Annahme  zur  Vorfügung.  Die  ersten  Chronisten,  wie  Surian  und  Ver- 
niero (270),  sagen  das  gerade  Gegenteil,  daß  es  nämlich  den  Brüdern  nicht  ge- 
lang, ein  Kloster  beim  Grabe  der  Gottesmutter  zu  gründen;  vgl.  Surian,  Trat- 
tato  65.  —  Calahorra  (B.  III  K.  20)  folgert  das  Bestehen  eines  Klosters 
im  Tale  Josaphat  aus  dem  Dekret  des  Generals  P.  Antonius  vom  Jahre  1414. 
Die  fragliche  Stelle  lautet:  „Item  ordino,  quod,  sicut  hactenus  consuetum  est, 
praedictus  guardianus  habeat  curam  specialem  in  locis  sancti  sepulchri,  sanctae 
Mariae  de  Betleem,  sanctae  Mariae  vallis  Josaphat  ceterisque  locis  Terrae 
Sanctae,  in  quibus  fratres  nostri  commorantur,  ac  in  eisdem  guardianos  sive 
vicarios  instituere  et  destituere."  Das  „commorari"  braucht  nicht  von  einem 
andauernden  Wohnen  gedeutet  zu  werden;  sonst  müßte  man  gegen  alle  andern 
Nachrichten  auch  an  den  übrigen  (ceterisque  locis)  Orten  Niederlassungen 
annehmen. 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  83 

ZU  Jerusalem,  einen  Edelmann  aus  Venedig,  namens  Nikolaus, 
eine  hl.  Messe  lesen.  Er  war  ein  Mann  von  großem  Geiste  und 
heiligem  Leben  und  nach  Kairo  gekommen,  um  vom  Sultan  die 
Erlaubnis  zu  erbitten,  im  Tale  Josaphat  beim  Grabe  der  Jung- 
frau ein  Kloster  der  Minderbrüder  zu  erbauen;  sie  wurde  aber 
nicht  gewährt."  In  der  Zeit  des  Guardians  Nikolaus,  am  11.  Juni 
1384,  erlaubte  Papst  Urban  VI.  dem  Obern  und  den  Brüdern 
des  Sionklosters,  im  nahegelegenen  Hospital  zehn  gottesfürchtige 
und  mildtätige  Frauen,  die  über  vierzig  Jahre  alt  sein  mußten, 
für  die  Dienste  der  Brüder  und  die  Obhut  der  „Armen  und 
Kranken",  die  zum  Hospital  der  Armen  unaufhörlich  hinström- 
ten, aufzunehmen  ^);  es  ist  eine  der  wenigen  Nachrichten,  die 
uns  von  der  Tätigkeit  und  Bedeutung  des  Marienhospitals 
melden. 

Der  Nachfolger  des  P.  Nikolaus,  P.  Gerhard  Calvetti 
(Chauvet),  ist  der  erste  Guardian  von  Jerusalem,  über  den  meh- 
rere Nachrichten  vorliegen,  so  daß  wir  uns  ein  kleines  Bild  von 
seiner  erfolgreichen  Verwaltung  machen  können.  P.  Gerhard  war 
Mitglied  der  aquitanischen  Ordensprovinz,  die  den  P.  Rogerius 
in  den  Orient  entsandt  hatte  und  manchen  eifrigen  Bruder  an 
die  hl.  Stätten  schickte;  so  waren  unter  den  fünfzehn  Brüdern, 
die  1391  in  Jerusalem  weilten,  vier  aus  der  genannten  Provinz^). 

Zum  ersten  Male  sehen  wir  P.  Gerhard  in  Palästina  im 
Jahre  1377,  als  sich  P.  Bartholomäus  seines  Rates  beim  Nieder- 
schreiben der  Statuten  für  die  Kustodie  bediente  ^).  Wann  er 
an  die  Spitze  des  Klosters  kam  und  wie  lange  er  seines  Amtes 
als  Oberer  der  Mission  waltete,  wird  nicht  angegeben.  Zwei 
Kaufverträge  zeigen  ihn  als  Guardian  in  den  Jahren  1388  und 


1)  Breve  „Ad  ea  quae  piorum" ;  Diarium  Terrae  Sanctae  II  163.  Der 
Papst  sagt:  „Cum  vos  et  pauperes  et  infirmi,  qui  continue  confluunt  ad  hospi- 
tale  pauperum  de  monte  Sion  prope  domum  vestram  consistens,  opportunorura 
copla  servitorum  carere  noscantur."     Vgl.  Golubovich,  Hörn  230. 

2)  Im  Protokoll  über  den  Martertod  der  vier  am  14.  November  1391 
gestorbenen  Brüder  werden  genannt  „frater  Deodatus  de  Rusticinio",  der  Guar- 
dian P.  Gerhard,  „frater  Petrus  de  Bordegala  provinciae  Aquitaniae"  und 
„frater  Johannes  de  Aquitania";  vgl.  Arch.  de  l'Orient  Latin  II  539—516 
„Proces-verbal  du  martyre  de  4  freres  Mineurs". 

3)  Vgl.  oben  S.  82  Anm.  1,  vi^o  er  „Gerardus  Caneti"  genannt  wird. 

G* 


84  V.    P.  Gerhard  Calvettl. 

1398  0,  desgleichen  mehrere  Urkunden  aus  den  dazwischen 
liegenden  Jahren,  so  daß  wir  seine  Amtstätigkeit  wenigstens 
von  1388  bis  1398  ansetzen  dürfen. 

In  die  Zeit  seiner  Verwaltung  fällt  der  glorreiche  Marter- 
tod des  seligen  Nikolaus  von  Sebenico  und  seiner  drei  Gefährten 
Deodatus  von  Rouvergue,  Stephanus  von  Cunis  und  Petrus  von 
Narbonne  ^).  P.  Gerhard  hat  uns  ein  wertvolles  Zeugnis  über 
das  Martyrium  hinterlassen,  dem  wir  ergreifende  Einzelheiten 
über  ihren  qualvollen  Tod  verdanken  ^).  Nikolaus  und  Deo- 
datus hatten  vorher  12  Jahre  in  Bosnien  ^)  und  Stephan  auf 
Korsika  als  Missionar  gewirkt;  Petrus  war  einer  der  Genossen 
des  ehrwürdigen  Br.  Paulutius  von  Trinci  gewesen,  der  durch 
die  von  ihm  wieder  belebten  Einsiedeleien  den  Anstoß  zu  der 
großen  Observantenbewegung  des  15.  Jahrhunderts  gegeben. 
Nach  Jerusalem  gesandt,  lebten  sie  hier  mehrere  Jahre  treu 
und  eifrig,  bis  sie  nach  reifer  Überlegung  und  eingeholtem  Rate 


1)  Golubovich,  Serie  18,  verzeichnet  drei  dieser  Kaufurlcunden  aus 
den  Jahren  1388,  1392  und  1398.  Serie  19  nennt  er  mit  Civezza,  Storia  VI 
348,  einen  „fr.  Polo  da  Venezia"  als  Obern.  Der  von  beiden  angezogene 
Brief  des  Königs  Johannes  I.  von  Aragonien  spricht  nur  von  „unserm  ge- 
liebten Frater  Polo  aus  Venedig",  der  für  die  heiligen  Stätten  Almosen 
sammelte. 

'-)  Ihre  Namen  werden  verschieden  geschrieban;  wir  folgen  dem 
gleichzeitigen  Bericht  Calvettis,  der  sie  „Frater  Deodatus  de  Ruticinio  pro- 
vincie  Aquitanie,  frater  Nicholaus  provincie  Sclavonie,  frater  Stephanus  de 
Cunis  [Cuneo?]  provincie  Janue,  frater  Petrus  de  Narbona  provincie  Provin- 
cie" nennt;  vgl.  Arch.  de  l'Orient  Latin  1  541.  ]\Iariau  von  Florenz  nennt  sie 
„frater  Niccolaus  de  Sibinico,  frater  Donatus  de  Ruticinio,  frater  Petrus  de 
Narbona,  frater  Stephanus  de  Lanich,  corsus";  vgl.  AFH  III  703.  Markus 
von  Lissabon  ergänzt  beim  ersten  den  Beinamen  „de  Taulici"  und  bei  Frater 
Petrus  „compagno  e  discepolo  di  fr.  Paolo,  padre  della  famiglia  de  gli  Osser- 
vanti"  (Teil  III  Buch  I  Kap.  9);  am  Rande  zitiert  er  „Specchio,  ]\Iariano", 
scheint  also  die  Nachricht  über  letzteren  dem  „Specchio  dei  Minori"  des  P.  Ja- 
kob Oddo  entnommen  zu  haben.  Wadding  hat  die  Nachrichten  beider  kom- 
piliert, Annales  zum  Jahre  1891  Nr.  1. 

•'*)  Wir  haben  zwei  Rezensionen  dieses  Berichtes;  die  eine  ist  in  den 
Akten  des  Seligsprechungsprozesses,  Summarium  23 — 26,  gedruckt,  die  andere 
m  1.  Bande  des  Arch.  de  l'Orient  Latin,  539—546.  Vgl.  auch  P.  Eusebius 
Fermendzin,  Acta  Bosnae  potissimum  ecclesiastica,  Agram  1892,  271. 

*)  Summarium  24:   „Morati  sunt   in  vicariatu  Bosnae  duodecim  annos." 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  85 

gelehrter  und  erfahrener  Männer  ^  einen  Versuch  beschlossen, 
ob  sie  die  Machthaber  und  das  Volk  von  Jerusalem  von  dem 
Irrtum  der  sarazenischen  Lehre  überzeugen  und  für  Christus  ge- 
winnen könnten.  Sie  verhehlten  sich  die  Gefahren  des  Unterneh- 
mens nicht,  ließen  sich  aber  durch  dieselben  nicht  abschrecken, 
sondern  freuten  sich  ob  der  Aussicht,  die  Krone  des  Martyri- 
ums zu  empfangen.  So  ausgerüstet  begaben  sie  sich  am  11.  No- 
vember 1391,  morgens  um  9  Ühr  zum  „Tempel  Salomons",  das 
ist  zur  Omarmoschee;  jeder  hatte  einen  Zettel  in  der  Hand, 
auf  dem  er  mit  lateinischen  Buchstaben  in  arabischer  Sprache 
Ermahnungen  an  die  Sarazenen  niedergeschrieben  hatte  -).  Man 
ließ  sie  nicht  in  die  Moschee  eintreten,  führte  sie  jedoch  auf 
ihren  Wunsch  zum  Kadi,  vor  dem  sie  alsbald  ihre  Predigt  be- 
gannen: „Herr  Kadi  und  alle  Anwesenden!  gebt  uns  Erlaubnis 
zu  reden  und  schenkt  uns  freundliches  Gehör,  denn  was  wir 
euch  sagen,  ist  wahr  und  für  eure  Seelen  heilsam.  Eure  Reli- 
gion und  Lehre  ist  nicht  von  Gott,  da  sie  Lügen,  Widersprüche, 
Lächerliches  und  Unmögliches  enthält.  Euer  Meister  war  kein 
Prophet,  sondern  ein  wollüstiger  Mensch,  ein  Mörder,  ein  Be- 
trüger, der  die  schweren  Gebote  unterdrückte  und  den  Men- 
schen alles,  was  ihnen  gefällt,  gestattet."  Das  Erstaunen  des 
Kadi  und  der  in  großer  Zahl  herbeigeeilten  Mohammedaner  war 
maßlos.  Sofort  wurden  der  Guardian  des  Klosters  und  der 
Meister  des  Hospitals  herbeigerufen,  nach  deren  Ankunft  der 
Kadi  alsbald  das  Verhör  begann.  Er  fragte  die  mutigen  Pre- 
diger, ob  sie  ihrer  Sinne  mächtig  oder  verrückt  seien,  und  ob 
sie  der  Papst  oder  ein  König  der  Christen  zu  ihm  gesandt  habe. 
Die  Brüder  erwiderten :  Wir  haben  mit  vollem  Verstände  und 
nur  aus  Liebe  zu  euern  Seelen  geredet  und  sind  von  keinem 
Geschöpfe  geschickt,  sondern  von  Gott  selbst,  der  uns  einge- 
geben hat,  euch  die  Wahrheit  und  euer  Heil  zu  verkünden. 
„Wollt  ihr  widerrufen?"  fuhr  sie  nun  der  Kadi  an,  „sonst  müßt 


1)  Genannt  werden  „Magister  Joannes  de  Casali  Noto  provineiae  Sici- 
liae",  der  auch  unter  den  Zeugen  ihres  Martertodes  genannt  wird,  und  „Magister 
Joannes  provineiae  Dalmatiae";  Summarium  24. 

2)  Summarium  24:  „liitteris  italicis,  lingua  araba" ;  die  andere  Rezen- 
sion S.  542:  „In  vulgari  ytalico  atque  in  arabico." 


86  V.    P.  Gerhard  Calvetti. 

ihr  sterben."  Die  Brüder  erwiderten:  Wir  können  nicht  wider- 
rufen, da  alles,  was  wir  sagten,  heilig  und  wahr  ist;  den  Tod 
aber  fürchten  wir  nicht,  sondern  sterben  gern  für  die  Wahrheit 
des  Christentums.  Hierauf  sprach  der  Kadi  mit  seinem  Rate  über 
die  mutigen  Prediger  das  Todesurteil  aus,  worauf  die  umste- 
henden Mohammedaner  auf  die  Todesopfer  mit  dem  Rufe  stürz- 
ten: Sie  sollen  sterben  und  nicht  leben,  und  mit  allen  möglichen 
Werkzeugen  zuschlugen,  bis  die  Brüder  wie  tot  zur  Erde  fielen. 
Es  war  12  Uhr  mittags  geworden  *).  Nach  einer  Stunde  er- 
wachten die  Glaubenshelden  aus  ihrer  Ohnmacht  und  öffneten 
die  Augen.  Als  die  Mohammedaner  dies  gewahrten,  ließ  der 
Richter  die  Brüder  fesseln,  ins  Gefängnis  werfen  und  daselbst 
angekettet  bis  Mitternacht  liegen.  Um  Mitternacht  begann  die 
Marter  aufs  neue;  die  Märtyrer  wurden  zunächst  entsetz- 
lich geschlagen,  bis  fast  die  ganze  Haut  abgerissen  war  und 
das  Fleisch  bloß  lag;  dann  band  man  sie  an  vier  Pfähle  und 
ließ  sie  in  dieser  Haltung  ohne  Speise  und  Trank-).  Nachdem 
am  14.  November  der  Befehlshaber  der  Stadt  nach  Jerusalem 
gekommen  war  ^),  schritt  man  zur  Ausführung  des  Todesurteiles. 
Die  Brüder  wurden  auf  den  Platz  geführt,  auf  dem  die  Ver- 
brecher hingerichtet  wurden,  und  nochmals  vor  einer  großen 
Volksmenge  gefragt,  ob  sie  nun  die  Lehre  Mohammeds  anneh- 
men wollten.  Sie  beantworteten  die  Frpge  mit  einer  neuen 
Aufforderung  an  das  Volk,  sich  zu  Christus,  in  dem  allein  das 
Heil  ist,  zu  bekehren.  Sie  selbst  seien  gern  bereit,  jede  Pein, 
Feuer  und  Tod  für  Christus  und  den  christlichen  Glauben  zu 
ertragen.  Dies  war  das  Zeichen,  daß  die  Umstehenden  vor  Wut 
rasend  auf  die  Bekenner  einstürmten  und  zuschlugen,  bis  „keine 


1)  Die  Rezension  des  Prozesses  im  Suramarium  sagt  S.  25 :  „circa  lioram 
sextara",  die  andere  „horam  nonam". 

-)  So  die  Rezension  des  Prozesses  im  Summarium,  25  ;  die  andere  läßt  sie 
zuerst  an  die  Pfälile  gebunden  und  an  den  Pialilen  gegeil3elt  werden. 

^)  Die  Rezension  des  Prozesses  im  Summarium  sagt  S.  25:  „Post  tertium 
diera  venit  admiratus  civitatis;"  die  andere  Rezension  übergeht  diesen  Um- 
stand und  läßt  die  Brüder  „tertia  die"  sterben,  was  dem  Vi).  November  ent- 
spricht, während  jene  zum  Schluß  ihre  Angabe  durch  die  Worte  bestätigt: 
„Passi  sunt  autem  isti  venerabiles  Christi  martyres  quartadecima  die  mensis 
novembris." 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  87 

menschliche  Gestalt  an  ihnen  übrig  blieb".  Die  Sarazenen 
warfen  die  Leiber  in  ein  großes  Feuer  und  zerstreuten  die 
Asche  0-  Mehrere  Christen  und  elf  Brüder^)  hatten  dem  Marty- 
rium beigewohnt,  unter  ihnen  ein  Deutscher,  Bruder  Johann 
von  Straßburg. 

Leicht  begreiflich  war  der  Vorfall  so  bald  nicht  vergessen; 
unsere  Brüder  mußten  noch  lange  unter  den  Folgen  desselben 
leiden,  wie  P.  Guardian  Gerhard  in  seinem  Schreiben  vom  20.  Ja- 
nuar 1392  an  den  katalonischen  Konsul  zu  Damaskus  berichtet^). 
„Sie  verfolgen  uns  ohne  aufzuhören  bis  zum  Tode.  Unter  großen 
Kosten  führte  man  uns  kürzlich  zum  Gebieter  von  Gaza. 
Täglich  ersinnen  sie  Neues  gegen  uns,  ohne  satt  zu  werden. 
Unsere  Armut  haben  sie  aufgezehrt  und  nichts  zurückgelassen 
als  die  Kelche  und  Paramente.  Ich  wäre  nicht  imstande,  ihnen 
schriftlich  all'  die  Bedrückungen  und  Erpressungen  zu  erklären. 
Wir  ertragen  jedoch  alles  in  Geduld  und  sind  bereit,  zu  sterben 
und  freudig  den  Tod  zu  erleiden,  den  hier  Jesus  Christus,  das 
makellose  Lamm,  für  uns  erleiden  wollte." 

Es  erregt  unsere  Bewunderung,  daß  die  Brüder  in  einer 
so  bedrängten  Lage  und  bei  so  vielen  Schwierigkeiten  nicht 
den  Mut  verloren,  sondern  entschieden  und  furchtlos  ihre  Rechte 


1)  Dem  seligen  Nikolaus  wurde  von  der  Kirche  die  Ehre  der  Altäre 
zuerkannt. 

-)  Die  Brüder  waren  .Jrater  Girardus  Cabieti,  provincie  Aquitanie,  fr. 
Johannes  de  Noto,  magister  in  theologia,  provincie  Cicilie,  fr.  Petrus  Cocclarius 
de  Neapoli,  provincie  Terre  Laboris,  fr.  Johannes  de  Argentina,  alamannus, 
fr.  Angelus  de  Perusio,  provincie  Sancti  Francisci,  fr.  Petrus  de  Bordegala, 
provincie  Aquitanie.  fr.  Martinus  Cathalanus,  fr.  I^aurencius  de  Placencia,  pro- 
vincie Rome,  fr.  Martinus  de  Sclavonia,  fr.  Angelus  de  Marchia,  fr.  Johannes 
de  Aquitania"' ;  außerdem  der  Meister  des  Johanniterhospitals  „cum  servitoribus 
suis";  vgl.  Arch.  de  l'Orient  Latin  I  545. 

3)  Der  Brief,  das  Begleitschreiben  des  Protokolls  über  das  Martyrium 
unserer  Brüder,  ist  veröffentlicht  in  Arch.  de  l'Orient  Latin  I  54L  Es  heißt 
daselbst :  „Isti  vero  nos  persecuti  sunt  usque  ad  mortem  et  adhuc  non  cessant. 
Nam  ducti  fuimus  modo  ad  dominum  de  Gadara  cum  maximis  expensis;  cotidie 
novitates  super  nos  inveniunt  et  non  possunt  saciari;  paupertatem  nostram 
comederunt  et  nihil  nobis  dimiserunt  nisi  calices  et  paramenta.  Tribulaciones 
varias  et  exactiones  per  literas  vobis  explicare  non  possum;  nos  vero  omnia 
pacienter  sustinemus,  parat!  etiam  mori  et  ipsam  libenti  anirao  sustinere, 
quam  Christus  Jhesus  hie  pro  nobis  peccatoribus  mortem  turpissimam  subire 
voluit.  qui  est  agnus  sine  macula." 


88  V.    P.  Gerhard  Calvetti. 

vertraten.  P.  Gerhard  gab  uns  wenige  Wochen  später  ein  Bei- 
spiel dieser  mutigen  Klugheit,  der  es  die  Lateiner  verdanlcen, 
daß  sie  sich  im  Oriente  in  einer  Welt  von  Feinden  und  Wider- 
sachern behaupten  und  ihren  Angriffen  trotzen  konnten.  Wieder- 
holt hatten  sich  unsere  Brüder  ohne  Erfolg  bemüht,  die  von 
zwei  Päpsten  erlaubte  Gründung  eines  Klosters  im  Tale  Josa- 
phat  auszuführen.  Vergebens  hatten  Königin  Johanna  von 
Neapel  und  der  Doge  Celsi  von  Venedig  1363  den  Sultan  ge- 
beten, dieselbe  zu  gestatten,  und  umsonst  war  1384  der  Kustos 
Nikolaus  mit  diesem  Anliegen  nach  Kairo  geeilt.  Es  war  den 
Brüdern  nur  gelungen,  zum  Gottesdienste  am  Grabe  der  Gottes- 
mutter zugelassen  zu  werden  ^).  Sei  es  nun,  daß  unsern  Brüdern 
bei  ihren  Andachten  Schwierigkeiten  bereitet  wurden,  sei  es, 
daß  sie  das  vom  Papste  verliehene  Recht  sicher  stellen  und 
sich  in  aller  Form  als  Mitbesitzer  der  Kirche  über  dem  Grabe 
der  seligsten  Jungfrau  bekunden  wollten:  am  30.  März  1392  er- 
griff der  Guardian  P.  Gerhard  in  Gegenwart  eines  Notars  sowie 
mehrerer  Pilger  und  Brüder  in  der  üblichen  Weise  Besitz  von 
der  Grabeskirche  und  der  benachbarten  Grotte  der  Todesangst, 
die  Papst  Innozenz  VI.  und  Urban  V.  gleichfalls  in  ihren  Breven 
genannt  hatten.  Da  ein  besonderer  Anlaß  für  diesen  Akt  des 
Guardians  nirgends  zu  erkennen  ist  ^),  so  sieht  Verniero  ^)  die 
Ursache  in  der  Absicht  der  Brüder,  das  ihnen  verliehene  Recht 
so  viel  wie  möglich  zu  sichern,  zu  betätigen  und  feierlich  kund- 
zugeben. 

Die  spätere  Legende  meldet  auch  den  Grund,  der  den  Brü- 


1)  Dies  sagen  unter  anderm  die  im  Prozeß  des  Jahres  1421  abgelegten 
Zeugnisse ;  vgl.  unten  S.  97. 

-)  Der  dem  Ereignis  am  nächsten  stehende  Zeuge  Br.  Christophorus  von 
Varese  sagt  in  seinem  Libellus  privilegiorum  Bl.  18  ■■  nur:  „Et  licet  fratres 
ibi  non  habitent,  locum  tarnen  illum  possident  et  de  ipso  curam  habent  et 
ipsius  loci  auctoritate  apostolica  realem  possessionem  acceperunt  de  anno 
domlni  1392."  —  Das  „Instrumentum  apprehensionis"  ist  herausgegeben  in 
D  T  S  II  78.  Es  nennt  die  Brüder:  „Praesentibus  .  .  .  fratribus  Joanne  de 
Burgundia  et  Joanne  de  Cilicia,  magistris  in  sacra  pagina  eiusdem  ordinis 
Minorum,  et  fratribus  Matthaeo  de  Burgundia,  Petro  de  Petragoris  presbyteris, 
et  Jacobe  de  Venetiis  converso  ejusdem  ordinis."  Der  Sizilianer  P.  Johann 
wird  auch  im  Protokoll  über  das  Martyrium  der  vier  Brüder  genannt.  Vgl. 
auch  D  T  S  II  80  Anm.  13.  3j  Chronik  269. 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  89 

dern  den  freien  Zutritt  zur  Kirche  gesichert  habe;  sie  begegnet 
uns  bei  verschiedenen  Schriftstellern  in  verschiedener  Form. 
Der  Franziskaner  P.  Anselm  von  Krakau  0,  der  1508  im  Hl.  Lande 
weilte,  sagt  in  seinem  Pilgerbuche,  es  sei  den  Pilgern  nur  gegen 
eine  Abgabe  gestattet,  die  Kirche  über  dem  Grabe  der  Gottes- 
mutter zu  betreten;  die  Franziskaner  allein  hätten  das  Recht, 
frei  ein-  und  auszugehen,  da  der  die  Türe  hütende  Sarazene 
durch  eine  Erscheinung  gedrängt  worden  sei,  den  Brüdern 
einen  Schlüssel  zu  geben.  Auch  sie  hätten  zunächst  jene  Ab- 
gabe, so  oft  sie  in  der  Kirche  zelebrieren  wollten,  bezahlt,  bis 
ein  Guardian  der  Kosten  wegen  daran  gedacht  habe,  die  Feier 
der  hl.  Messe  zu  unterlassen.  Da  sei  die  Gottesmutter  dem  sa- 
razenischen Türhüter  erschienen  und  habe  ihm  unter  Androhung 
schwerer  Strafen  befohlen,  die  Brüder  frei  und  ohne  Abgaben 
in  die  Kirche  eintreten  zu  lassen.  Ganz  erschrocken  sei  der 
Türhüter  zu  den  Brüdern  gekommen  und  habe  ihnen  einen 
Schlüssel  der  Kirche  übergeben  '^).  Surian  erzählt  wenige  Jahre 
später  die  gleiche  Geschichte,  bereichert  sie  aber  um  verschie- 
dene Einzelheiten  ^).  Er  läßt  die  Erscheinung  „um  1465"  statt- 
finden; auch  weiß  er,  daß  jener  sarazenische  Pförtner  derart 
infolge  der  Erscheinung  Mariens  erschrak,  daß  er  am  dritten 
Tage  starb,  nachdem  er  vor  seinem  Tode  alles  seinen  Söhnen 
geoffenbart  und  ihnen  dringend  empfohlen  hatte,  die  Franzis- 
kaner nicht  zu  belästigen,  wenn  sie  dem  Unwillen  Mariens 
entgehen  wollten.  Die  Söhne  seien  alsbald  auf  den  Sion  ge- 
gangen, hätten  den  Brüdern  alles  erzählt,  ihnen  volle  Freiheit 
zugesichert  und  alljährlich  die  Erstlinge  des  oberhalb  der  Gra- 
beskirche gelegenen  Gartens  nebst  andern  Gaben  überbracht. 
Bei  spätem  Schreibern  entwickelt  sich  die  Geschichte  immer 
weiter;  sie  lassen  den  armen  Sarazenen  von  Maria  derart  ge- 
prügelt werden,  daß  er  sich  kaum  mehr  auf  den  Beinen  halten 


1)  Descrlptio  Terrae  Sanctae  786. 

-)  Fabri,  Evagatorium  I  37:^,  erwähnt  die  gleiche  Erscheinung,  delnit 
sie  aber  auf  alle  Pilger  aus. 

3)  Surian,  Trattato  100.  —  Es  ist  nicht  notwendig,  die  Entwicklung 
der  Legende  zu  verfolgen.  Einige  machten  aus  beiden  Berichten  zwei  ver- 
schiedene Erscheinungen  und  setzten  die  eine  ins  Jahr  1392  und  die  zweite 
mit  Surian  ins  Jahr  1465;  vgl.  Razzoli  57  und  68. 


90  V.    P.  Gerhard  Calvetti. 

konnte  ^).  Was  der  Legende  zugrunde  liegt,  ob  vielleicht  eine 
List  der  Brüder  im  Spiele  war,  wissen  wir  nicht;  jedenfalls 
bestätigt  sie,  daß  die  Franziskaner  ungestört  am  Grabe  Mariens 
Gottesdienst  feiern  konnten. 

In  demselben  Jahre  1392  soll  auch  eine  Niederlassung  in 
dem  wenige  Stunden  westlich  von  Jerusalem  gelegenen  Abu 
Ghosch  gegründet  worden  sein  ^).  Die  erste  und  älteste  Nachricht 
über  dieselbe  gibt  uns  1570  der  Kustos  P.  Bonifacius  Stephani. 
Hat  man,  sagt  er  ^),  auf  dem  Wege  nach  Jerusalem  die  Heimat 
des  guten  Schachers  verlassen,  so  trifft  man  eine  große  Kirche, 
die  dem  hl.  Jeremias  geweiht  ist.  Die  daneben  liegenden 
Trümmer  sagen,  daß  daselbst  ein  großes  Kloster  war,  das  vor 
80  Jahren  oder  annähernd  um  diese  Zeit  von  den  Brüdern  des 
hl.  Franziskus  auf  dem  Sion  verlassen  wurde,  weil  in  einer  Nacht 
arabische  Räuber  eindrangen,  die  den  hl.  Ort  bewohnenden 
Ordensleute  ermordeten  und  alle  daselbst  befindlichen  Sachen 
raubten.  Wann  dieses  geschah,  sagt  er  nicht,  und  keiner  der 
Schriftsteller  der  folgenden  Zeit  weiß  dieses  zu  sagen  oder 
etwas  zu  der  von  P.  Bonifacius  hinterlassenen  Nachricht  zu 
ergänzen.  Verniero  und  Calahorra  sagen  ausdrücklich,  daß  alle 
ihre  Kenntnis  über  diese  Niederlassung  auf  P.  Bonifacius  zu- 
rückgeht; ersterer  bemerkt  noch,  daß  sich  im  Archiv  der  Ku- 
stodie  nichts  über  dieselbe  vorfindet  '*).  Große  Bedenken  be- 
reitet der  Umstand,   daß  P.  Surianus,   der  um  die  für  die  Zer- 


1)  Vgl.  Civezza,  Storia  IV  345. 

-)  Vgl.  Golubovich,  Serie  207. 

3)  Liber  de  perenni  cultii  Terrae  Sanctae  101 :  „Occurrit  quaedam 
ecclesia  magna,  quae  celebratur  sub  titulo  sancti  Hieremiae,  materiae  ruinosae 
enim  ostendunt  et  monasteriiim  religiosorum  niagnum  ibi  fuisse,  quod  ab  octo- 
ginta  annis  vel  circa  a  fratribus  raontis  Syon  ordinis  sancti  Francisci  derelictiim 
fuit,  quia  una  nocte  latrones  arabes  illud  ingressi  fratres,  qui  erant  ibi  locum 
sanctura  incolentes,  jugularunt  et  monasteriiim  bonis,  quae  in  illo  erant, 
expoliarunt." 

')  Verniero,  Chronik  124:  „Nel  nostro  Archivio  non  si  trova  sopra 
di  ciö  scrittura  veruna."  Zuallardo,  II  devotissimo  Viaggio  di  Gerusalemme 
r  anno  1586,  Rom  1595,  schreibt  S.  117  den  P.  Bonifacius  aus,  nur  läßt  er  die 
Zeitangabe  fort.  Calahorra,  B.  II  K.  11,  sagt:  „Ne  si  hä  altra  memoria 
di  questo  convento,  che  quella,  che  oltre  il  Padre  Bonifacio  da  il  Zarvalo." 
Dies  ist  der  ebengenantc  Zuallardo. 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungcu  91 

Störung  angegebene  Zeit  0  Kustos  von  Jerusalem  war,  mit 
keinem  Worte  bei  der  Erwähnung  der  Kirche  des  hl.  Jeremias 
des  Klosters  noch  der  Zerstörung  desselben  oder  des  Todes 
der  Brüder  gedenkt^).  Dieses  Bedenken  wird  noch  dadurch 
verstärkt,  daß  er  selbst  das  gleiche  Los  unter  den  gleichen 
Umständen  von  dem  in  der  Gegend  von  Abu  Ghosch  gelegenen 
Kloster  der  Georgier  zum  hl.  Kreuze  berichtet.  Die  Georgier 
haben,  sagt  er,  „gegenwärtig  das  Kloster  verlassen,  weil  die 
Mauren  neunzehn  von  ihnen  töteten  und  den  Ort,  der  zur  Zeit 
nicht  bewohnt  wird,  ausraubten"  ^).  Da  der  Tatbestand  der  gleiche 
und  die  Zeit  dieselbe  ist,  so  dürfte  P.  Bonifacius  sich  in  der 
ürtlichkeit  geirrt  und  die  Plünderung  vom  Kloster  der  Georgier 
zum  hl.  Kreuze  auf  eine  andere  Stätte  der  Gegend  übertragen 
haben.  Damit  fällt  aber  das  einzige  Zeugnis,  das  für  ein  Fran- 
ziskanerkloster in  Abu  Ghosch  geltend  gemacht  werden  kann. 
An  einem  andern  Orte  gelang  es  jedoch  den  Franziskanern 
unter  der  tatkräftigen  und  umsichtigen  Verwaltung  des  P.  Ger- 
hard einen  wertvollen  Fortschritt  zu  machen.  Die  ersten  Tage 
nach  der  Ankunft  im  Hl.  Lande  und  die  letzten  ihres  Aufent- 
haltes vor  der  Abfahrt  brachten  den  Pilgern  große  Opfer  und 
viele  Widerwärtigkeiten.  Tagelang  mußten  sie  häufig  in  Ramleh 
warten,  bis  alle  Vollmachten  eintrafen  und  alle  Vorbereitungen 
für  den  Marsch  nach  Jerusalem  getroffen  waren,  oder  bis  auf  dem 
Rückwege  die  Fahrgelegenheit  bereit  war.  Der  L394  nach  Je- 
rusalem pilgernde  Nikolaus  de  Martoni  erzählt  in  seinem  Pilger- 
buch, daß  er  17  Tage  mit  großer  Herzensangst  daselbst  ver- 
bleiben mußte  und  von  den  Sarazenen  „mit  Anspeien,  Stein- 
würfen und  allerlei  Unbilden  belästigt"  wurde  ^).     P.  Gerhard 

')  P.  Bonifacius  läßt  in  seinem  1570  geschriebenen  Buche  die  Ermordung 
vor  etwa  80  Jahren  geschehen  sein.     P.  Surian  war  1498  Kustos. 

•^)  Trattato  20. 

■*)  Trattato  V^2  Anm.  2  (aus  der  Rezension  von  1524):  „Questi  Zorgiani 
tenero  un  tempo  la  chicsia  de  Symeone  propheta;  al  presente  1'  hanno  abban- 
donato  perche  li  Mori  ne  amazarono  decenove  de  loro,  c  roborono  el  loco; 
al  presente  non  se  habita." 

*)  Libellus  624 :  „Cum  magna  angustia  cordis  .  .  .  me  molestabant  cum 
sputis,  lapidibus  et  aliis  injuribus."  Vgl.  Fabri,  Evagatorium  I  212:  „Audivi, 
quod  antequam  domus  iiia  esset  pro  pcregrinorum  hospitio  comparata,  coge- 
bantur  peregrini  manere  in  civitatis  diversorio  juxta  plateam  in  magna  despec- 
tione  et  miseria  et  raultas  sustinebant  a  Sarracenis  injurias." 


92  V.    P.  Gerhard  Calvetti. 

ließ  es  sich  angelegen  sein,  so  viel  wie  möglich  Abhilfe  zu  schaffen. 
Er  kaufte  daselbst  1398  ein  Haus  für  die  Pilger  ^),  aus  dem 
sich  allmählich,  besonders  dank  der  Freigebigkeit  des  großen 
Wohltäters  der  hl.  Stätten,  des  Herzogs  Philipp  des  Guten  von 
Burgund  (1419 — 1467),  ein  geräumiges  Hospiz  entw^ickelte. 
Während  Martoni  1394  noch  in  dem  üblichen  Chan,  dem  großen 
Warenviertel,  einquartiert  wurde  ^),  fand  Markgraf  Nikolaus  von 
Este  1413  bereits  Unterkunft  im  Pilgerheim  der  Franziskaner^), 
das  nach  Ghistele  ^)  nahe  beim  Westtor  auf  der  rechten  Seite 
der  Straße  lag.  Freilich  gab  es,  wie  wir  aus  dem  Berichte 
über  die  Reise  des  Markgrafen  erfahren,  im  Anfang  noch  allerlei 
Schwierigkeiten  mit  den  Führern,  die  auf  jede  Weise  den  Pilgern 
die  Reise  verärgerten  und  alle  Anlässe  benützten,  aus  ihnen 
Geld  herauszupressen.  „In  Rama  angekommen,"  erzählt  sein 
Begleiter,  „gingen  wir  zur  Herberge  in  ein  Haus  der  Brüder 
des  hl.  Franziskus  und  blieben  dort  die  ganze  Nacht.  Nach 
dem  Brauche  des  Landes  schliefen  wir  auf  der  Erde,  die  einen 
auf  einem  Teppich,  andere  auf  Strohmatten.  Doch  kam  gegen 
Morgen  einer  der  Führer  und  hieß  uns  alle  aus  der  Herberge 
ausziehen  und  in  ein  anderes  Haus,  das  man  Fondaco  nannte, 
gehen;  es  sei  nicht  Sitte,  daß  die  Pilger  anderswo  übernach- 
teten" ^).     Die   nächstfolgenden   Pilger,   wie   Marian   von   Siena 


1)  Kaufvertrag  in  Schublade  15  des  Prokuraarchivs. 

2)  S.  624 :  „Ibi  est  fundicus  domorum,  ubi  morantur  peregrini,  quando 
veniunt  ad  Sanctum  Sepulchrum." 

3)  Viaggio  118.  Geisheim  bemerkt  also  zu  Unrecht  in  seiner  Aus- 
gabe des  von  Lochner  über  die  1435  erfolgte  Pilgerfahrt  der  Markgrafen 
Johann  und  Albrecht  von  Brandenburg  verfaßten  Berichtes,  daß  Lochner  zum 
ersten  Male  das  Hospiz  erwähne;  Geis  heim  90.  Es  ist  ungenau,  wenn 
Lochner  das  Hospiz  „der  parfußen  closter"  nennt;  a.  a.  0.  218.  Denselben 
Fehler  begeht  der  Verfasser  eines  anonymen  und  undatierten  Pilgerberichtes, 
den  Conrady  „in  den  fünfziger  oder  sechziger  Jahren  des  XIV.  Jahrhunderts" 
abgefaßt  glaubt.  Der  Bericht  sagt:  „In  Rama  Fratres  Minores  habent  con- 
ventum,  qui  quondam  erat  hospitale  christianorum,  sed  modo  destructum;'' 
Conrady  21.  Aus  dem  Umstände,  daß  der  Bericht  das  Haus  zu  Ramleh  er- 
wähnt, ergibt  sich,  d^ß  er  um  mehrere  Jahrzehnte  später  anzusetzen  ist. 

•*)  Tvoyage  70. 

^)  A.  a.  0.  S.  118.  Dieser  Fondaco'  war  das  frühere  Pilgerquartier 
im  Chan. 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  93 

(1431)  und  Stephan  Giimpenberg  (1449)  ^),  lassen  nicht  erkennen, 
wo  sie  in  Ramleh  wohnten.  Allmählich  war  aber  der  erste 
Widerstand  der  Eingeborenen  überwunden,  und  das  Hospiz  der 
Brüder  wurde  von  allen  abendländischen  Pilgern  aufgesucht. 
Bischof  Rochechouart  fand  das  nach  orientalischer  Art  gebaute 
Haus  für  seinen  Zweck  sehr  geeignet  ^).  Es  bot  500  Personen 
Unterkunft  ^)  und  war  von  den  Brüdern  einem  eingeborenen 
Christen  übergeben  ^),  der  für  die  Erhaltung  Sorge  tragen  mußte. 
Die  Brüder  weilten  nur  bei  der  Ankunft  der  Pilgerschiffe  in 
Ramleh. 

Vor  allem  ließ  es  sich  aber  P.  Gerhard  angelegen  sein, 
die  von  seinen  Vorgängern  übernommenen  Heiligtümer  im  Stande 
zu  halten.  Zu  diesem  Zwecke  erwirkte  er  mit  Unterstützung 
des  Königs  Johann  I.  von  Aragonien^)  von  Sultan  Barkuk  die  Voll- 
macht, das  Kloster  auf  dem  Sion  zu  restaurieren  ^)  und  in  der 
Grabeskirche  Arbeiten  vornehmen  zu   lassen  ").    Worin  sie  be- 


*)  Ersterer  sagt  S.  18  nur:  „Di  subito  fumo  messi  in  un  casale" ;  Gum- 
penberg  Bl.  237:  „Allda  ist  ein  Haus,  da  man  die  Pilger  innen  hält." 

-)  Journal  238:  „Missi  fiiimus  in  hospitaie,  quo;i  eraerunt  Fratres  Mi- 
nores pro  receptione  peregrinorum.  Et  pro  hac  re  domus  hec  aptissima;  que 
constructa  est  more  orientalium,  videlicet  quod  non  habet  lateres  nee  cetera, 
more  occidentalium,  quoniam  omnes  domus  carent  tegulis." 

•^)  Surian,  Trattato  22:  „In  quella  allogiano  tucti  li  Christian!  chatholici, 
e  non  altro,  maxime  peregrine;  et  e  capace  per  allogiare  Cinquecento  persone; 
in  quella  non  habitano  fratri,  se  non  al  tempo  delle  galee  delli  peregrini." 

^)  Fabri,  Evagatorium  II  212:  „Fratres  autem  raontis  Syon  eam  locant 
alicui  Christiano  orientali,  qui  ibi  habitat." 

^)  Vgl.  den  Brief  desselben  an  den  Sultan  vom  17.  April  1395  bei 
Civezza,  Storia  VI  348.  Er  sagt  im  Briefe:  „Von  unseren  Pilgern,  die  von  dort 
zurückgekehrt  sind,  hört  man,  daß  einige  Gebäude  des  Klosters  auf  dem  Berge 
Sion  und  auch  die  Kirche  von  Bethlehem  zusammenstürzen.  Auch  sagt  man 
uns,  daß  seit  langem  Br.  Polo  aus  Venedig,  der  in  diesem  Kloster  weilt,  mit 
den  Almosen  der  Gläubigen,  die  diesen  heiligen  Ort  besuchen,  Kloster,  Kirche 
und  die  anstossenden  Gebäude  herstellen  möchte.  Du  aber  und  Deine  Unter- 
gebenen ihm  entgegentreten."  Da  das  Kloster  von  seinen  Vorfahren  gekauft 
sei,  bitte  er,  dem  Br.  Polo  die  notwendigen  Arbeiten  zur  Wiederherstellung 
zu  gestatten.  Zum  Schluß  empfiehlt  er  ihm  die  Pilger.  Da  Königin  Sanzia 
aus  dem  Hause  Aragonien  stammte,  konnte  der  König  sagen,  das  Kloster  auf 
dem  Sion  sei  von  seinen  Vorfahren  gekauft.  Vgl.  auch  S.  Eijan,  Espaiia  en 
Tierra  Santa,  Barcelona  1910,  341. 

'')  Vgl.  oben  S.  12  und  Civezza  a.a.O. 

^)  Verniero,  Chronica  141,  Garcia,  Derechos  49,  DTS  111  180.  — 
Vgl,  auch  Golubovich,  Serie  18. 


94  V.    P.  Gerhard  Calvetti. 

standen,  wird  nicht  gesagt.  Bei  dieser  Gelegenheit  dürfte  auf 
der  Vorderwand  der  Grabeskapelle  jenes  Bild  des  heiligen  Franzis- 
kus angebracht  worden  sein,  das  zum  ersten  Male  um  1400  vom 
Archimandriten  Grethenius  erwähnt  wird  ^).  Wir  haben  hierin 
das  erste  Zeichen  eines  großen  Fortschrittes,  der  uns  bald  von 
andern  Pilgern  ausdrücklich  verbürgt  wird.  So  meldet  1418 
der  Franzose  de  Caumont  in  seinem  Reisebuch,  daß  die  „Minder- 
brüder das  Grab  des  Herrn  behüten"  ^),  und  1427  sagt  der 
Pilgertuhrer  eines  Franziskaners,  daß  diese  „jetzt  die  Grabes- 
kapelle innehaben"  ^). 

Wir  scheiden  von  der  Person  des  P.  Gerhard  mit  dem  Ein- 
druck, daß  er  ein  Mann  von  großer  Umsicht  und  Klugheit  war"*); 
er  und  seine  Brüder  besaßen  jene  Opferliebe  und  Energie,  die 
ihnen  das  Verbleiben  an  den  heiligen  Stätten  unter  allen  Schwie- 
rigkeiten und  Drangsalen  ermöglichte  und  stets  größere  Fort- 
schritte eintrug.  P.  Gerhard  dürfte  sein  Amt  bis  zur  Ankunft 
des  P.  Nikolaus  Cornarius  von  Kreta,  dem  der  Doge  An- 
tonius Veniero  am  18.  Juni  1400  den  Geleitsbrief  nach  Jeru- 
salem ausstellte  ^),  verwaltet  haben.  , 

über  diesen  P.  Nikolaus  Cornarius  schwebt  wieder  das 
gleiche  Dunkel,  das  manche  seiner  Vorgänger  und  nächsten 
Nachfolger  unsern  Augen   entzieht.     Sein  Name  wird  uns  nur 


1)  Khitrovo  171;  vgl.  oben  S.  70  Anm.  1.  Auch  Marian  von  Siena 
erwähnt  dasselbe  irn  Jahre  1431;  er  sagt  S.  85:  „Sopra  del  Sepulcro,  cioe 
nella  facciata,  e  depento  Jesu,  che  esce  dal  monimento  con  giuderi  intorno,  e 
Santo  Francesco  in  ginocchioni;  el  capo  si  ö  a  ponente  cioe,  volto  el  viso 
a  levante." 

2)  Voyage  54:  „Les  Freres  Meneurs  gardent  le  S6pulcre." 

•'')  Der  Libellus  descriptionis  sagt :  „Hanc  autera  capellam  antiquitus 
Reguläres  Canonici  custodiebant  .  .  .  Post  Canonicos  Reguläres  habuerant 
eam  Georgiani  et  eius  claves  tenebant ;  modo  autem  tenent  eara  Fratres  Mi- 
nores"; a.  a.  0.  643. 

^)  Der  französische  Reisende  d'Anglure,  der  1395  in  Palästina  war, 
nennt  ihn  „moultbonne  et  honeste  personne";  Le  Saint  Voyage  14. 

^)  Vgl.  La  Palestina  e  le  rimanenti  Missloni  Francescane  I,  Rom  1890, 
S.  112.  Es  heißt  daselbst,  daß  P.  Nikolaus  sich  nach  Jerusalem  begebe 
„praelationis  officium  secuturus".  Da  er  daselbst  .,fr.  Nicolaus  Cornario  de 
Candia,  civis  noster"  genannt  wird,  vermutet  der  Herausgeber  des  Bul- 
larium  Terrae  Sanctae  (D  T  S  11  83  und  163  Anm.  3),  daß  es  derselbe  fr. 
Nikolaus  von  Venedig  sei,  der  vor  P.  Gerhar  I  Guardian  des  Sionklosters  war. 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  95 

in  einem  Kaufverträge  vom  7.  September  1402  genannt  ^),  und 
für  zwei  seiner  Nachfolger  —  einen  andern  P.  Nikolaus  und 
P.  Jakobus  —  steht  uns  ebenfalls  nui  ein  ähnliches  Dokument 
zur  Verfügung  ^). 

Um  diese  Zeit  wollte  man  die  Restauration  der  Kirche  zu 
Bethlehem  in  Angriff  nehmen,  wie  verschiedene  von  den  Behör- 
den im  Jahre  1411  ausgestellte  Vollmachten  sagen  ^).  Wir  er- 
sehen aus  den  eingeforderten  Gutachten,  daß  man  sogar  einen 
Zusammensturz  der  Kirche  fürchtete,  da  das  Dach  schwer  ge- 
litten hatte  und  Stücke  Holz  und  Blei  abgefallen  waren.  Weil 
die  Kirche  auch  von  Sarazenen  besucht  wurde,  erteilten  die 
Behörden  die  Erlaubnis.  Niemand  dürfe,  heißt  es  in  derselben, 
den  Obern  bei  der  Arbeit  hindern;  er  könne  von  Gaza  oder 
Jaffa  das  notwendige  Material  kommen  lassen.  Ob  nun  wirk- 
lich etwas  geschehen  konnte  oder  die  Erlaubnis  ein  toter  Buch- 
stabe blieb,  wie  so  manche  andere  Male,  wissen  wir  nicht.  Nach 
den  bald  wieder  ertönenden  Klagen  sind  die  Arbeiten  kaum 
oder  nur  sehr  mangelhaft  ausgeführt  worden. 

In  die  Zeit  des  genannten  P.  Jakobus  fällt  der  Prozeß, 
den  der  Patriarch  Johannes  von  Grado  1421  auf  Anordnung 
Martins  V.  über  die  Rechte  der  Franziskaner  auf  die  heiligen 
Stätten  Palästinas  zu  Mantua  führte.  Was  den  Prozeß  veran- 
laßte,  ist  nicht  bekannt.  Ob  er  von  den  Brüdern  beantragt 
wurde,  um  ihre  Rechte  für  die  Zukunft  sicher  zu  stellen,  oder 
ob  tatsächlich  Angriffe  und  Ansprüche,  besonders  auf  die  an 
den  heiligen  Stätten  geopferten  Gaben,  von  anderer  Seite  er- 
hoben waren?  Die  Akten  des  Prozesses*)  und  die  päpstlichen 
Schreiben^)  sagen  nichts,  was  diese  Fragen  lösen  könnte. 


1)  Golubovich,  Serie  20. 

2)  P.  Nikolaus  (Nicolo  di  Pietro)  wird  in  einem  Vertrag  vom  14.  Mai 
1410  und  P.  Jakob  (Giacomo  di  Andrea)  am  3.  Februar  1421  genannt;  vgl. 
Golubovich,  Serie  20. 

3)  In  Schublade  18,  32  und  3:$  des  Prokuraarchives. 

*)  Die  Verhandlungen  des  Prozesses  sind  veröifentlicht  in  Diarium  Terrae 
Sanctae  III  10—24. 

5)  Papst  Martin  V.  sagt  in  seinem  Breve  „His  quae  pro  ecclesiasticarum 
personarum"  vom  14.  Februar  1421  nur,  daß  er  den  Besitz  der  Brüder  be- 
stätige, „ut  illa  pacifice  possideant  ac  eorum  possint  pacifica  possossione 
gaudere" ;  Diarium  a.  a.  0.  S.  35. 


96  V.    P.  Gerhard  Calvetti. 

Unter  den  Schriftstellern,  die  des  Prozesses  Erwähnimg 
tun,  steht  Br.  Christophorus  von  Varese  den  Ereignissen  der 
Zeit  nach  am  nächsten;  er  ist  aber  über  die  Veranlassung  der 
Untersuchung  nicht  mehr  unterrichtet,  wie  seine  Worte  bekun- 
den: „Vielleicht  war  von  einigen  Gegnern  eine  Streitfrage 
gegen  die  Brüder  wegen  der  genannten  Stätten  angeregt  wor- 
den" ')•  Was  er  nur  vermutete,  nahmen  200  Jahre  später  P. 
Verniero^)  und  Wadding  ^)  ohne  weiteres  an  und  meinten,  daß 
die  Gegner  der  Franziskaner  Ihren  Besitz  beanstandet  hätten, 
sagen  aber  nicht,  wer  diese  Gegner  gewesen  seien.  Spätere 
wissen  dies  zu  ergänzen ;  so  sagt  Civezza  ^),  der  Patriarch  von 
Jerusalem,  der  Bischof  von  Bethlehem,  die  Augustiner-Chor- 
herrn und  die  Benediktiner  hätten  Ansprüche  auf  ihre  frühern 
Besitzungen  erhoben.  Beweise  oder  Zeugnisse  bringt  er  nicht; 
und  die  beiden  Schriftsteller,  auf  die  er  verweist,  Wadding 
und  Calahorra  ^),  sagen  nichts  derartiges ;  deshalb  halten  wir  uns 
nicht  für  berechtigt,  jene  Anklage  zu  wiederholen  und  lassen 
mit  Br.  Christophorus  die  Frage  offen. 

Am  9,  Juli  1420  richtete  Martin  V.  an  den  Patriarchen 
Johannes  von  Grado,  Erzbischof  Hugo  von  Nikosia  und  Erz- 
bischof Andreas  von  Rhodus  ein  Schreiben  ^),  in  dem  er  sagt, 
daß  er  den  Franziskanern  in  Anbetracht  der  guten  Werke,  die 
sie  für  den  Glauben  n  Palästina  vollbringen,  eine  Gunst  erwei- 
sen wolle.  Daher  beauftrage  er  sie,  den  Brüdern  den  Besitz 
der  heiligen  Stätten  zu  bestätigen,  wenn  sie  dieselben  50  Jahre 
lang  inne  gehabt  hätten,  und  sie  gegen  jeden  Widerspruch  durch 
Androhung  kirchlicher  Zensuren  zu  schützen.  Auch  sollten 
dann   die   daselbst   von   den   Gläubigen   geopferten   Gaben  den 


1)  Libellus  de  privilegiis  Bl.  19  ^ :  „Forte  mota  controversia  ab  aliquibus 
emulis  contra  fratres  supra  predictis  locis." 

-)  Chronik  280 :  „Gli  emoli  per  darci  da  meritare  e  tenerci  esercitati 
mossero  lite." 

^)  Annales  zum  Jahre  1420,  Nr.  6 :  „Erant  qiii  hoc  tempore  conarenlur 
inperturbare  pacificam  possessionem  sanctoriim  locorum." 

*)  Storia  delle  Mission!  Francescane  IV  356.  Unter  andern  wiederholt 
dieses  Razzoli  60. 

■')  B.  III  K.  21. 

«)  Breve  „Ad  assiduum  Christi";  D  T  S  II  166.  BF  VII  Nr.  1458. 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  97 

Brüdern  verbleiben  nnd  durch  ihre  Prokuratoren  oder  Kommis- 
sare verwaltet  werden. 

In  dem  nun  angestellten  Prozesse  wurden  elf  Zeugen  ver- 
nommen, von  denen  zwei  „vor  ungefähr  60  Jahren"  in  Palä- 
stina geweilt  hatten  0-  Der  Doge  Thomas  Mocenigo  sagte  aus, 
er  sei  1391  in  Palästina  gewesen,  habe  das  Kloster  der  Brüder 
auf  dem  Sion  und  zu  Bethlehem  gesehen,  sowie  dem  von  ihnen 
gefeierten  Gottesdienste  und  Offizium  auf  dem  Sion,  zu  Beth- 
lehem, am  Heiligen  Grabe,  auf  dem  Kalvarienberge  und  am 
Grabe  der  Gottesmutter  im  Tale  Josaphat  beigewohnt-}.  Das- 
selbe bezeugen  die  beiden  folgenden  Zeugen  Leonhard  Moce- 
nigo und  Jakob  Trevisan,  die  1387  nach  Jerusalem  gepilgert 
waren,  während  die  acht  übrigen  nichts  über  den  Gottesdienst 
auf  dem  Kalvarienberge  aussagen.  Das  Zeugnis  jener  drei  Män- 
ner gibt  uns  die  älteste  Nachricht  über  gottesdienstliche  Hand- 
lungen der  Brüder  an  dieser  heiligen  Stätte  und  stimmt  sowohl 
mit  dem  Ferman  des  Sultans  Barsabai  vom  Jahre  1427,  aus 
dem  wir  erfahren,  daß  die  Franziskaner  „seit  vielen  Jahren" 
auf  dem  südlichen  Teile  des  Kalvarienberges  und  im  Heiligen 
Grabe  zelebrierten  ^),  wie  mit  den  Berichten  der  nächstfolgenden 
Pilger  ^). 

Am  7.  Januar  1421  fällte  Patriarch  Johannes  kraft  päpst- 
licher Vollmacht  das  Urteil,  das  die  Franziskaner  im  Besitze 
der  heiligen  Stätten  bestätigte,  und  überwies  ihnen  die  daselbst 
von  den  Pilgern  geopferten  Almosen.  Papst  Martin  V.  appro- 
bierte dasselbe  am  14.  Februar  1421  ^). 

Das  folgende  Jahr  brachte  den  Brüdern  wieder  Verfolgung 
und  Trübsale;  sie  mußten  dafür  büßen,  daß  katalonische  Schiffe 
Sarazenen  überfallen  hatten.  Wie  uns  Karl  Federighi  und 
Felix  Brancacci  berichten,  die  damals  als  Gesandte  der  Repu- 
blik Florenz  zur  Beratung  eines  Handelsvertrages  am  Hofe  des 


1)  Als  Vertreter  der  Brüder  waren  „frater  Andreas  de  Hungaria"  und 
„frater  Joannes  de  Biscaya"  zugegen. 

-)  In  seiner  Aussage  heißt  es  auch  (S.  13):  „Vidit,  quod  dictus  locus 
Sopulchri  Domini  regebatur  et  gubernabatur  per  dictos  fratres  Minores."  Die 
gleichen  Worte  werden  von  den  übrigen  Zeugen  gebraucht. 

•^)  Vgl.  Golubovich,  Serie  170.  ^)  Ghinassi  125. 

^)  Breve  „His  quae  pro  ecclesiasticarum" ;  DTS  III  25;  BF  VII  Nr  1471. 
Franzisk.  Studien,  Beiheft  1:  f.cmmens,  Die  Franziskaner  auf  dem  Sion.  7 


98  V.    P.  Gerhai'd  Caivetti. 

Sultans  zu  Kairo  weilten,  kamen  „daselbst  am  15.  September  (1422) 
etwa  19  Pilger,  meist  Italiener,  an,  die  gelandet  hatten,  um 
sich  zum  Heiligen  Grabe  zu  begeben,  in  Jerusalem  aber  ge- 
fangen genommen  wurden.  Auch  die  Brüder  des  Franziskaner- 
klosters am  Hl.  Grabe  wurden  mit  Ausnahme  der  ganz  Alten 
nach  Kairo  geführt...  Der  Sultan  hatte  befohlen,  die  Tore  der 
Grabeskirche  mit  Steinen  und  Kalk  zu  vermauern ;  dasselbe  war 
für  die  Kirchen  des  Berges  Sion  und  zu  Bethlehem  verfügt  worden. 
Kein  Christ  sollte  mehr  eintreten  dürfen,  wenn  ihm  die  Katalonier 
nicht  seine  Habe  zurückgäben.  Diese  Pilger  und  besonders  die 
Brüder,  sowie  die  in  Jerusalem  angestellten  Konsuln  von  Venedig 
und  Genua  besuchen  uns  und  erbitten  unsere  Vermittlung.  Wir 
haben  aufrichtiges  Mitleid  mit  ihnen,  da  wir  ihre  traurige  Lage 
begreifen.  Aber  jene  Herren  wollen  von  nichts  hören,  wenn 
nicht  zunächst  Geschenke  dargebracht  werden,  und  sie  verlan- 
gen diese  mit  solcher  Unverschämtheit  und  solche  Summen, 
daß  es  eine  ganz  unwürdige  Sache  ist"  ^). 

Als  die  beiden  Gesandten  vom  Sultan  in  Audienz  emp- 
fangen wurden,  erbaten  sie  nach  Erledigung  ihrer  Angelegen- 
heit das  Wort,  um  noch  eine  andere  Sache  zur  Sprache  zu 
bringen.  Der  Sultan  verweigerte  dies  entschieden  und  sagte,  sie 
möchten  eine  Verständigung  mit  den  Kataloniern  zu  Wege 
bringen.  Die  Gesandten  versuchten  nun  auf  die  Frage  der 
hl.  Stätten  zu  kommen,  hatten  aber  kaum  ein  paar  Worte  ge- 
sagt, als  der  Sultan  die  Rede  mit  den  Worten  abschnitt,  die 
andern  Nationen  sollten  sich  verdemütigen  und  einen  Vergleich 
zwischen    ihm    und    den   Kataloniern    herbeiführen  ^).     Darauf 


^)  Diario  di  Feiice  Brancacci,  Ambasciatore  con  Carlo  Federighi  al 
Cairo  per  il  Comune  di  Firenze.  In  Archivio  Storico  Italiano,  VIII  (1881).  Vgl. 
Mission!  Francescane  II  (1892)  107  und  Civezza,  Storia  VI  351. 

"-)  Die  Katalonier  brachten  damals  durch  ihre  Streifzüge  in  den  klein- 
asiatischen Gewässern  manches  Unheil  über  die  Christen  des  Orientes,  be- 
sonders über  die  Franziskaner.  Zweimal,  1418  und  1426,  überfielen  deshalb 
die  Sultane  das  Königreich  Zypern,  zerstörten  die  Klöster  zu  Limasol  und 
Nikosia  und  ermordeten  die  Brüder  nebst  vielen  Christen.  Auf  der  Rückkehr 
vom  zweiten  Zuge  fiel  den  Sarazenen  ein  Schiff  mit  Pilgern  und  25  Brüdern, 
die  nach  Jaffa  segelten,  in  die  Hände;  alle  wurden  ermordet.  W  ad  ding 
zum  J.  1426  Nr.  9. 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  99 

wurden  die  Gesandten   rückwärts  gezogen,  ohne   ein  Wort  er- 
widern zu  können. 

Es  ist  dies  einer  aus  vielen  Fällen,  der,  wir  möchten  sagen, 
durch  Zufall  der  Nachwelt  überliefert  wurde;  wie  viele  solcher 
Zwischenfälle  über  die  Hüter  der  heiligen  Stätten  kamen,  was 
für  Quälereien  und  Forderungen  die  Brüder  damals  über  sich 
ergehen  lassen  mußten,  kann  nur  aus  gelegentlichen  Mitteilungen 
einigermaßen  erraten  werden.  Mehreres  erfahren  wir  hierüber 
auch  aus  dem  Schutzbriefe,  den  Sultan  Barsabai  fünf  Jahre  später, 
am  24.  November  1427,  den  Franziskanern  ausstellte  0-  Da  der 
Sultan  zu  Anfang  erklärt,  daß  die  von  ihm  den  Brüdern  gege- 
benen Rechte  bereits  von  seinen  Vorgängern  verliehen  seien, 
müssen  wir  folgern,  daß  jene  Willkürlichkeiten,  denen  der  Fer- 
man  entgegentritt,  schon  länger  bei  den  Behörden  beliebt  waren, 
so  daß  wir  ein  Bild  der  Mühen  und  Opfer  erhalten,  die  den 
Brüdern  beschieden  waren.  Der  Sultan  bestimmt,  daß  die  Brü- 
der nicht  verpflichtet  sind,  die  Reisekosten  der  Boten  und  Ge- 
sandten des  Sultans  zu  bestreiten,  noch  für  die  Franken  oder 
Christen,  gegen  die  eine  Untersuchung  eingeleitet  sei,  zu  zahlen 
oder  einzutreten.  Stirbt  einer  der  Ordensleute,  so  verbleiben 
seine  Sachen  den  Brüdern;  diese  haben  das  Recht,  ihre  Toten 
zu  begraben.  Niemand  darf  sie  wegen  Speise  oder  Trank  be- 
lästigen noch  hindern,  Weintrauben  zu  kaufen;  nur  müssen  die 
Brüder  sorgen,  daß  die  Muselmannen  nicht  bei  ihnen  Wein  ge- 
nießen. Was  zu  ihrem  Lebensunterhalte  erfordert  wird,  können 
sie  frei  brauchen  und  von  einem  Kloster  zum  andern  nach 
alter  Sitte  befördern,  desgleichen  mit  und  ohne  Dragoman  die 
notwendigen  Reisen  machen.  Niemand  kann  sie  zwingen,  etwas 
auszuleihen  oder  ein  Geschäft  abzuschließen.  Die  Brüder  dür- 
fen ohne  Abgaben  ins  Heilige  Grab  eintreten,  wenn  es  geöffnet 
wird;  und  der  Obere  kann  daselbst  zwei  oder  drei  oder  vier 
Brüder  weilen  lassen  und  wieder  abrufen,  wie  er  will.  Sie  kön- 
nen ihre  Häuser  und  Terrassen  bewerfen,  um  das  Eindringen 
des  Regens  zu  verhindern,  und,  wenn  nötig,  dieselben  restau- 
rieren.    Niemand  darf  von  ihnen  eine  Steuer  verlangen,  sie  in 


1)  Mitgeteilt  von  Golubovicli,  Serie  163 ff. 


100  V.    P.  Gerhard  Calvetti. 

Ausübimg  einer  Kunst  hindern  oder  sie  zwingen,  ihre  Klöster 
und  Kirchen  zu  öffnen,  da  dies  ihrem  freien  Willen  überlassen 
bleibt.  Keine  Behörde  von  Jerusalem  darf  sie  belästigen  und 
niemand  sich  der  Ausübung  ihrer  Geschäfte  in  den  Weg  stel- 
len. Die  aus  ihren  Ländern  zugesandten  Almosen  dürfen  nicht 
von  den  Wachen,  in  den  Häfen,  auf  den  Wegen  oder  irgend- 
wie behindert  werden.  Sie  sind  frei  bei  allen  ihren  gewohnten 
Pilgergängen ;  niemand  darf  sie  am  Eintritt  in  ein  Heiligtum 
oder  bei  ihren  Funktionen  daselbst  hindern.  Die  Brüder  und 
alle,  die  zu  ihnen  kommen,  dürfen  an  dem  auf  der  südlichen 
Hälfte  des  Kalvarienberges  stehenden  Altar  und  im  Innern  des 
Heiligen  Grabes  nach  dem  seit  vielen  Jahren  üblichen  Brauche 
und  nach  dem  Wortlaute  der  bereits  gewährten  Dekrete  zele- 
brieren. Wird  irgendeinem  Muselmann  zu  Lande  oder  zu  Was- 
ser ein  Unrecht  von  einem  Christen  zugefügt,  so  sollen  die 
Brüder  nicht  dafür  verantv.'ortlich  sein,  da  sie  die  Welt  verlas- 
sen und  sich  dem  Dienste  ihres  Herrn  geweiht  haben. 

Zum  Schluß  wendet  sich  der  Sultan  an  die  Behörden  und 
Gerichte,  denen  er  empfiehlt,  die  treue  Ausführung  dieser  Be- 
stimmungen zu  überwachen.  Kein  Bruder  dürfe  gehindert  wer- 
den, vor  der  Behörde  zu  erscheinen  und  Klage  zu  erheben. 
Der  Befehlshaber  von  Ramleh  soll  die  Wachen  zu  Ramleh  und 
Jaffa  anweisen,  die  Brüder  in  der  gewohnten  Weise  und  ohne 
jede  Störung  ihres  Amtes  walten  zu  lassen. 

Es  wird  in  dem  Schutzbrief  so  ziemlich  alles  erwähnt  und 
alles  verboten,  was  die  Sarazenen  zum  Schaden  und  Spott  der 
Brüder  ersinnen  konnten.  Man  gewinnt  den  Eindruck,  daß  die 
Franziskaner  vogelfrei  und  den  Einfällen  der  Leute,  besonders 
aber  der  Behörden,  ausgesetzt  und  preisgegeben  waren.  Leider 
mußten  die  Brüder  immer  wieder  aufs  neue  erfahren,  daß  auch 
die  bestgemeinten  Schutzbriefe  und  Erlasse  der  höchsten  In- 
stanzen im  Oriente  nicht  viel  helfen;  mochten  sie  auch  noch 
so  oft  von  den  Sultanen  erneuert  und  ins  Gedächtnis  der  Be- 
hörden zurückgerufen  werden,  nach  kurzer  Zeit  war  wieder 
alles  beim  alten.  Es  war  für  unsere  Brüder  besonders  verhäng- 
nisvoll, daß  sich  die  Herrscher  selbst  nicht  gleich  blieben  und 
immer  von  neuem  den  untergeordneten   Beamten  das  Beispiel 


Neue  Fortschritte  und  Prüfungen  101 

der  Unterdrückung  gaben.  Die  nächste  Zeit  sollte  bereits  einen 
neuen  Gewaltakt  des  Sultans  gegen  die  Franziskaner  schauen. 
Unterdessen  war  nämlich  von  anderer  Seite  ein  Kampf 
gegen  die  Rechte  der  Brüder  eingeleitet  worden,  der  für  sie 
die  schwersten  Folgen  haben  und  ihnen  Reihe  für  Reihe  alle 
Heiligtümer  des  Berges  Sion  entreißen  sollte.  Der  Kampf  galt 
dem  Grabe  Davids,  das  die  Juden  um  diese  Zeit  in  der  Sions- 
kirche  suchten,  nachdem  sie  sowohl  wie  auch  die  Christen  und 
Sarazenen  wiederholt  ihre  Meinung  über  den  Ort  desselben  ge- 
ändert hatten  ^).  Die  älteste  Tradition  der  Sarazenen  sah  das 
Grab  Davids  in  der  Gethsemanikirche ;  so  sagt  im  10.  Jahrhun- 
dert einer  ihrer  Schriftsteller:  „Die  Christen  haben  berühmte 
Kirchen  in  Jerusalem,  u.  a.  die  Gethsemanikirche,  von  der  man 
sagt,  daß  darin  das  Grab  Davids  sei."  Spätere  suchten  das 
Grab  in  Bethlehem  oder  auf  dem  Sion,  nannten  aber  keinen 
bestimmten  Ort  des  Berges  und  gaben  die  Nachricht  nur  mit 
Vorbehalt  wieder.  Albaschari  z.  B.  zählt  es  unter  den  Gräbern 
auf,  „die  nicht  sicher  sind".  Mehr  Glauben  mißt  dieser  Ansicht 
ein  jüdischer  Schriftsteller  des  elften  Jahrhunderts  bei,  der  „von 
zuverlässigen  Leuten"  gehört  haben  will,  daß  David  auf  dem 
Sion  begraben  sei.  Auch  er  nennt  indes  keinen  Ort,  und  ein 
späterer  Schriftsteller  der  Juden,  der  aus  Spanien  in  Jerusalem 
eingewanderte  Isaak  ihn  Jusuf,  bemerkt  ausdrücklich:  „Die  Grä- 
ber des  Hauses  Davids,  welche  auf  dem  Sion  waren,  sind  nicht 
mehr  bekannt,  weder  bei  den  Christen  noch  bei  den  Juden." 
Nichtsdestoweniger  setzte  sich  schon  bald  unter  letzteren  der 
Glaube  fest,  daß  David  in  der  Kirche  der  Brüder  auf  dem  Sion, 
und  zwar  unter  der  Kapelle  des  Heiligen  Geistes,  begraben  sei  ^), 
weshalb  sie  alles  aufboten,  um  in  den  Besitz  der  Stätte  zu  ge- 
langen. Mit  schwerem  Gelde  bestachen  sie  die  Beamten  des 
Sultans  und  erwirkten,  daß  dieser  Ort  den  Franziskanern  ent- 
rissen   und    ihnen    der   Gottesdienst   daselbst   verboten    wurde. 


1)  Die  Zeugnisse  der  arabischen  Schriftsteller  sind  (nach  Kanonikus 
Martha)  zusammengestellt  bei  Fr.  Dunkel,  Die  Gräber  der  Könige  David 
und  Salomon  nach  Zeugnissen  arabischer  Schriftsteller.  In:  Das  heilige  Land, 
1911,  23— :50. 

••^)  Surian    IIU  lä'it  mit  andern  das  Gerücht  von  den  Juden  ausgehen. 


102  "^'-    ^-  Johann  Belloro 

Nur  mit  großer  Mühe  und  großen  Summen  erreichten  die  an 
den  Hof  des  Sultans  entsandten  Brüder,  daß  die  Verfügung  zu- 
rüclcgenommen  und  die  Stätte  wieder  den  Franziskanern  ein- 
geräumt wurde. 

Da  die  Juden  diesen  Kampf  heraufbeschworen  hatten  und 
so  die  Ursache  der  großen  Geldopfer  waren,  welche  die  Chri- 
sten bringen  mußten,  ließ  sie  Martin  V.  zur  Bestreitung  dersel- 
ben heranziehen  und  legte  den  im  Kirchenstaate  weilenden  Juden 
eine  große  Steuer  auf.  Sein  Beispiel  fand  Nachahmung  in  der 
Republik  Venedig  und  im  Königreich  Neapel,  in  dem  Königin 
Johanna  am  18.  Oktober  1429  verordnete,  daß  jeder  Jude,  wel- 
chen Alters  oder  Geschlechtes  er  sein  mochte,  für  das  Kloster 
auf  dem  Sion  und  die  heiligen  Stätten  ein  Drittel  eines  Gold- 
dukaten zahlen  müsse  ^). 

An  der  Spitze  der  Mission  stand  in  diesen  Jahren  der  tat- 
kräftige P.  Johannes  Belloro  ■^)  der  auch  jenen  Schiitzbrief  vom 
Sultan  1427  erwirkt  hatte.  An  ihn  richtete  Martin  V.  am  13.  April 
1429  ein  Schreiben,  das  eine  weitere  Schwierigkeit  zeigt,  die 
auf  den  Brüdern  in  Palästina  lastete  ^).  Wir  hören,  sagt  der 
Papst,  daß  einige  Christen,  die  im  Glauben  Christi  weniger 
unterrichtet  oder  beständig  und  auch  durch  ihr  Alter  oder  Ge- 
schlecht gebrechlicher  sind,  zu  Jerusalem  oder  an  den  umlie- 
genden  Orten,    in   denen  wenige   Christen  wohnen,   verweilen. 


1)  Die  Einzelheiten  erfahren  wir  aus  dem  Schreiben  der  Königin  Jo- 
hanna, in  dem  es  lieißt:  „Cum  sanctissimus  Dominus  noster  papa  Martinus  V. 
auditis  vexationibus,  laboribus  et  damnis,  quibus  guardianus  et  conventus 
monasterii  fratrum  Minorum  montis  Syon  partium  Terrae  Sanctae  noviter 
affecti  fuerunt  a  Sarracenis,  maligna  et  perfida  instigatione  Judaeorum  ultra- 
marinorum  morantium  in  pertinentiis  dictae  Terrae  Sanctae,  qui  per  admiratos 
et  officiales  soldani  ab  eis  pecunia  corruptos  fecerunt  subtrahi  a  dicto  mona- 
sterio  capcllam  David  et  aliorum  regum  et  prophetarum  et  alia  oratoria  atque 
sacella  devota  et  sancta  turpiter  ea  inquinantes  ipsaque  cupientes  a  christiana 
religione  sejuncta  ad  usum  judaicae  superstitionis  convertere,  fratribus  dicti 
conventus  sab  poena  prohibitis  divinum  in  eis  officium  celebrare,  sicut  ipsi 
Fratres  dudum  facere  consueverunt,  propter  quod  pro  ipsorum  recuperatione 
locorum  oportuit  aliquos  ex  ipsis  Frati'ibus  ad  Soldanum  aecedere  et  subire 
graves  expensas;"  Wadding  Vi  393.     Vgl.  Calahorra  B.  III  K.  21. 

-)  Vgl.  Golubovich,  Serie  21. 

y)  Breve  „Religionis  zelus";  DTS  III  107,  BF  VII  Nr.  1857  (wo  er 
„Bellotus"  heißt). 


V.   P.  Johann  Belloro  103 

Daselbst  haben  sie  keine  Oberen,  denen  sie  unterstehen,  die  auf 
sie  achten,  im  katholischen  Glauben  unterweisen,  vor  Irrtümern 
behüten,  in  dem  Gesetze  des  Herrn  unterrichten  und  bestärken, 
und  niemand,  der  sie  vor  den  Lastern  behüte  und  warne.  Statt 
dessen  unterhalten  sie  Verkehr  mit  den  Ungläubigen,  die  sich 
daselbst  in  großer  Anzahl  und  Verschiedenheit  finden,  lernen 
ihre  Irrtümer,  vergessen  die  Gebote  des  Herrn,  verlassen  die 
Wahrheit  des  Glaubens  und  fallen  in  die  Laster,  Ketzerei  und 
Gefahr  ihres  Seelenheiles.  Von  diesem  verderblichen  Gifte  an- 
gesteckt geben  sie  Dir  wie  Deinen  Vorgängern,  den  Brüdern 
auf  dem  Sion  und  den  in  geringer  Zahl  dort  w^ohnenden  Gläu- 
bigen gefährliche  Beispiele,  und  bereiten  Dir  viele  Sorgen  und 
geistige  wie  zeitliche  Ungelegenheiten.  Da  Du,  wie  uns  mit- 
geteilt wurde,  durch  Deinen  löblichen  Wandel  ein  geeigneter 
Zeuge  Christi  geworden  bist,  so  kannst  Du  ein  nützlicher  und 
fruchtreicher  Wächter  sein,  weshalb  wir  Dir  und  Deinen  Nach- 
folgern für  die  nächsten  zehn  Jahre  die  Vollmacht  und  den 
Auftrag  geben,  über  alle  Christen,  die  in  jenen  Gegenden  wei- 
len, zu  wachen,  ihren  Glauben,  Wandel  und  Sitten  zu  prüfen 
und  die,  welche  den  Glauben  und  das  christliche  Leben  ver- 
lassen, zu  strafen  und  in  die  christlichen  Länder  zurückzusen- 
den. Hiermit  wurde  der  Guardian  des  Sionklosters  zum  Inqui- 
sitor für  Palästina  bestellt  und  ihm  eine  wichtige  Aufgabe  an- 
vertraut 0. 

Das  Lob,  das  hier  Martin  V.  dem  damaligen  Obern  der 
Franziskaner  in  Palästina  spendete,  und  das  ihm  bewiesene  Ver- 
trauen stehen  im  Gegensatz  zu  den  Anklagen,  die  spätere  Chro- 
nisten gegen  ihn  erheben.  Verniero  ^)  schreibt  200  Jahre  spä- 
ter, die  religiöse  Observanz  habe  in  jener  Zeit  bei  den  Brüdern 
Palästinas  darniedergelegen,  weshalb  Martin  V.  1428  einen  Ob- 
servanten  von  großer  Tugend  und  heiligem  Eifer,  den  ehrwür- 
digen Nikolaus  von  Osimo,  als  Reformator  nach  Jerusalem  ent- 
sandt habe.  Dieser  habe  aber  beim  Obern  der  heiligen  Stätten 
solche  Schwierigkeiten   und  Hindernisse  gefunden,    daß  er  un- 


1)  Vgl.  Fabri   I   280:     „Papa  solet   lYequenter  Gardianum  montis  Syon 
instituere  provisorcm  totiiis  Orientis  ccciesiae  latinae  ibi  degentis". 

'-)  Verniero,  Chronik  284;  dasselbe  bei  Calahorra,  B.  IV  K.  1. 


104  V.    P.  Johann  Belloro 

verrichteter  Dinge  nacli  Rom  zurückgekelirt  sei.  Es  ist  liier 
dem  Clironisten  ein  großes  Verseilen  unterlaufen;  der  ehrwür- 
dige P.  Nikolaus  wurde  nicht  1428,  sondern  zehn  Jahre  später, 
unter  Eugen  IV.,  nach  Jerusalem  gesandt,  trat  aber  aus  ver- 
schiedenen Gründen  die  Verwaltung  nicht  an.  Die  Schwierig- 
keiten gingen  aber  weder  von  P.  Johannes  Belloro,  noch  von 
den  Konventualen,  die  seit  vier  Jahren  in  der  Kustodie  durch 
die  Observanten  abgelöst  waren,  aus,  sondern  von  den  Freun- 
den des  P.  Nikolaus,  die  ihn  nicht  ziehen  lassen  wollten,  und 
dem  damals  in  Jerusalem  schaltenden  Prokurator  der  Brüder, 
einem  Laien,  der  von  dem  neuen  Obern  für  sein  willkürliches 
und  anmaßendes  Gebaren  fürchtete  0. 

Was  von  P.  Belloro  überliefert  ist,  sichert  ihm  eine  ehren- 
volle Stelle  unter  den  Kustoden;  er  hat  in  schweren  Jahren 
sein  "Amt  treu  unter  vielen  Opfern  geführt,  kein  Recht  der  Brü- 
der preisgegeben  und  sich  des  Vertrauens  des  Heiligen  Stuhles 
würdig  erwiesen. 

In  seine  Fußstapfen  trat  sein  Nachfolger,  P.  Ludwig  von 
Bologna.  Der  ehrwürdige  Albert  von  Sartheano  spendet  ihm 
in  einem  Briefe  an  Papst  Eugen  IV.  hohe  Lobsprüche;  er  habe 
treu,  aufrichtig  und  unbescholten,  ohne  Falsch  und  Trug  seines 
Amtes  gewaltet  und  die  heiligen  Stätten  behütet  bis  zur  Ver- 
fügung des  Papstes,  die  1434  die  Mission  in  Palästina  den  Obser- 
vanten übertrugt).  Aus  seiner  Verwaltung  ist  wenig  bekannt. 
Im  November  1430   kaufte  er  ein  Grundstück  auf  dem  Sion^); 


1)  Vgl.  unten  S.  107. 

2)  Albert  nennt  ihn  in  seinem  Briefe  vom  1.  März  1436  „rectus  corde 
et  in  commisso  fidelis,  quo  in  integritate  justae  et  amicae  conversationis  nemo 
est  mihi  notior  et  quod  mihi  magis  in  eo  placet,  qui  sit  ab  assentationis  peste 
et  hypocriseos  fictione  remotior;  hie  cum  per  novam  de  locis  sanctis  provi- 
dentiae  tuae  provisionem  officio  curandae  fratrum  familiae  Hierosolymis  con- 
stitutae  nuperrime  cesserit,  cui  illum  multos  jam  annos  noster  ordo  praefecerat, 
nunc  ad  Sanctitatis  tuae  vestigia  osculanda  se  confert";  Haroldus  267.  Diese 
„provisio"  Eugens  IV.  ist  die  Übertragung  der  Kustodie  des  Hl.  Landes  an 
die  Observanten.  Daraus  ergibt  sich  sofort,  daß  P.  Ludwig  nicht  Observant 
war,  wie  Verniero,  Calahorra,  Golubovich  und  andere  annehmen.  Der  Irrtum 
beruht  auf  einer  Verwechslung  mit  dem  gleichnamigen  Prediger  aus  der  Ob- 
servantenfamilie,  den  das  Generalkapitel  derselben,  das  1431  zu  Bologna  ge- 
halten wurde,  dem  Papste  zur  Verfügung  stellte;  vgl.  AFH  III  713. 

•*)  Archiv  der  Prokura,  Schublade  1. 


VI.    Einführung  der  Observanz  105 

in  seine  Zeit  fällt  auch,  was  uns  Surian  von  der  Herriclitung 
eines  Altars  über  dem  Heiligen  Grabe  berichtet  ^). 

P.  Ludwig  ist  der  letzte  Obere  aus  der  Familie  der  Kon- 
ventualen;  mit  seinem  Nachfolger  P.  Jakob  Dalfin  beginnt  die 
Reihe  der  Kustoden  aus  der  Observantenfamilie. 


VI.  Einführung  der  Observantenfamilie  in  Palästina. 
P.  Gandolf  von  Sizilien. 

Das  Werk  des  ehrwürdigen  Bruders  Paulutius  von  Trinci 
brachte  im  16.  Jahrhundert  dem  Orden  des  heiligen  Franziskus 
und  der  ganzen  Kirche  kostbare  Früchte.  Paulutius  hatte  seit 
1368  mit  seinen  Gefährten  die  Jahrzehnte  hindurch  vernach- 
lässigten Einsiedeleien  in  den  Tälern  Umbriens  wieder  bevöl- 
kert, den  Geist  des  hl.  Franziskus,  das  Leben  der  Armut  und 
des  Gebetes,  der  Liebe  zu  Gott  und  den  Seelen  erneuert  und 
die  ersten  Zeiten  und  Gesinnungen  des  Ordens  wachgerufen. 
Wie  die  meisten  seiner  Gefährten  war  er  nicht  Priester,  und 
die  Arbeit  unter  den  Menschen  war  nicht  ihr  Ziel.  Aber  Gott 
bediente  sich  ihrer  und  lenkte  ihr  Werk  zu  seinen  heiligen  Plä- 
nen ;  ihre  Einsiedeleien  wurden  Pflanzschulen  einer  auserlesenen 
Schar  heiliger  und  großer  Glaubensboten.  Aus  ihnen  gingen 
Bernhardin  von  Siena,  Johann  von  Kapistran,  Jakob  von  der 
Mark  und  andere  Helden  hervor,  die  einen  großen  Teil  des 
Franziskanerordens  zur  ersten  Observanz  zurückführten.  Zahl- 
reiche Schüler  sammelten  sich  um  sie,  die  mit  ihnen  fast  alle 
Länder  Europas  und  des  christlichen  Orientes  durchzogen,  und 
allenthalben  als  Volksmissionare,  als  päpstliche  Legaten  und 
Boten,  als  Kreuzzugsprediger  und  Wohltäter  der  Armen  außer- 
ordentliche Arbeiten  verrichteten. 

Martin  V.  hatte  bereits  den  Segen  erkannt,  den  diese  Ob- 
servantenschar  der  Familie  des  hl.  Franziskus  und  der  ganzen 
Kirche  bringen  könne,  und  ihr  bei  manchen  Gelegenheiten  sein 
Wohlwollen  zugewandt.     Sein  Nachfolger  Eugen  IV.  wurde  ihr 


1)  Trattato  31. 


106  VI.    Einführung  der  Observanz 

Hauptgönner.  Er  gab  ihr  eigene  Verwaltung,  nahm  sie  gegen 
Widersacher  und  Neider  in  Schutz  und  breitete  sie,  wie  der 
Zeitgenosse  Bisticci  sagt  ^),  in  allen  Ländern  der  Kirche  aus, 
wo  immer  es  ihm  nur  möglich  war.  Bei  dieser  Gesinnung  des 
Papstes  verstehen  wir,  daß  ihm  besonders  erwünscht  war,  die 
Familie  der  Observanten  an  die  hl.  Stätten  Palästinas  zu  ver- 
pflanzen und  den  Völkern  des  Orientes  die  Macht  ihres  Beispie- 
les und  Wirkens  zu  erschließen. 

Schon  das  erste  Mal,  daß  seit  seiner  Thronbesteigung  die 
Wahl  eines  neuen  Obern  für  Palästina  in  Frage  kam,  teilte 
Eugen  IV.  dem  Ordensgeneral  den  Wunsch  mit,  man  möchte 
einen  Bruder  aus  der  Observantenfamilie  als  Kustos  nach  Jeru- 
salem schicken.  Und  als  dem  Wunsche  auf  dem  1433  zu  Bo- 
logna gehaltenen  Generalkapitel  nicht  entsprochen  war,  ernannte 
der  Papst  selbst  am  4.  August  1434  einen  Kustos;  seine  Wahl 
fiel  auf  den  ihm  bekannten  P.  Jakob  Dal f in  aus  Venedig.  „Aus 
guten  Gründen,"  schreibt  er  dem  General^),  „befanden . wir  es 
für  gut,  daß  ein  erprobter  Ordensmann  aus  der  Observanz  als 
Guardian  ins  Heilige  Land  gesandt  werde.  Wir  wundern  uns 
daß  Deine  Einsicht  dies  unterließ.  Daher  haben  wir  dem  vom 
Kapitel  bestellten  P.  Scolarius,  Magister  der  Hl.  Schrift,  den  Rat 
gegeben,  sein  Amt  in  unsere  Hände  zu  legen,  und  einen  andern 
an  seine  Stelle  gesetzt." 

Welches  die  „guten  Gründe"  waren,  sagt  der  Papst  nicht, 


1)  Bisticci,  Vitae  virorum  illustrium  CHI,  qui  saeculo  XV  extiterunt, 
248:  „In  tutta  la  terra  della  Chlesa,  dove  egli  pote,  mise  l'osservanza." 

-)  Bei  Wadding,  Annales  Minorum  zum  J.  1434:  „Propter  bonas  et 
rationabiles  causas  visum  est  nobis,  ut  aliquis  bonus  religiosus  ex  Observantia 
mitteretur  guardianus  ad  Terram  Sanctam,  quod  miramur  esse  omissum  a  tua 
prudentia.  Idcirco  suasimus  dilecto  filio  fratri  Scolario,  magistro  in  sacra 
pagina,  qui  fuerat  deputatus  per  capitulum,  ut  rcnunciaret  in  manibus  nostris, 
et  nos  alium  feclmus  guardlanura,  videlicel  fratrem  Jacobum  DeU'ino  de  Venetiis. 
Nc  ergo  ipse  Scolarius,  qui  nobis  vir  bonus  et  prudens  videtur,  tanquam 
contemptus  et  abjectus  remanere  videatur,  velis  pro  honore  suo  ac  ctiam 
ordinis  et  etiam  contemplatione  nostri  honorare  ipsum  aliquo  officio,  prout 
raeretur  vita  sua."  Gleiches  Lob  hatte  P.  Scolarius  von  Martin  V.  erhalten, 
als  dieser  ihn  1421  zum  Inquisitor  für  Siena  ernannte;  er  nennt  ihn  „vir 
religiosus  et  doctus";  Wadding,  Annales  Minorum  zum  Jahre  1421.  Der 
Wunsch  des  Papstes  wurde  erfüllt;  1438  sehen  wir  P.  Scolarius  an  der  Spitze 
der  römischen  Ordensprovinz;  Wadding  a.  a.  0.  zum  Jahre  1438  Nr.  27. 


VI.    Einführung  der  Observanz  107 

und  besonders  nicht,  ob  für  Palästina  eine  spezielle  Veranlas- 
sung vorlag;  mit  keinem  Worte  berechtigt  er  daher  zur  Annahme, 
daß  die  in  den  Klöstern  der  Mission  eingerissenen  Mißbräuche  und 
Übelstände  Anlaß  zu  dieser  Maßregel  gegeben  hätten.  Ebenso- 
wenig melden  andere  Zeitgenossen  etwas,  das  die  von  spätem 
Chronisten  gegen  die  Konventualen  Palästinas  erhobenen  Vor- 
würfe rechtfertigte  ^).  In  einigen  Briefen  des  ehrwürdigen  Albert 
von  Sartheano  werden  zwar  Klagen  über  Übelstände  erhoben, 
die  in  Jerusalem  beständen^);  sie  sprechen  aber  von  einer  spä- 
tem Zeit,  und  gelten  den  unter  dem  ersten  Observantenkustos 
P.  Jakob  Dalfin  herausgebildeten  Verhältnissen,  die  nicht  den 
Konventualen  zur  Last  gelegt  werden  können.  P.  Albert  sagt 
wiederholt,  daß  ein  „unkluger  Weise"  von  den  Brüdern  als 
Prokurator  eingesetzter  Weltmann  die  eigentliche  Ursache  und 
Seele  der  von  ihm  beklagten  Mißstände  sei^);  dieser  aus  nie- 
drigen Verhältnissen  hervorgegangene,  ganz  ungebildete  Laie 
habe  sich  solche  Bedeutung  verschafft,  daß  jedermann  ihn  fürchte 
und  alle  Geschäfte  in  seiner  Hand  lägen. 

1)  Verniero  sagt  in  seiner  Clironik  S.  284,  Martin  V.  sei  gegen  die 
Konventualen  Palästinas  „per  la  loro  trascuraggine  e  tralassatione"  erzürnt 
gewesen  und  habe  deshalb  Br.  Ludwig  von  Bologna  zum  Guardian  von  Jeru- 
salem gemacht,  der  eine  neue  Familie  der  Observanten  hingebracht  und  die 
Konventualen  fortgeschickt  habe.  Diese  hätten  alles  bei  den  Fürsten  in  Be- 
wegung gesetzt,  um  die  Observanten  ihrer  Selbständigkeit  zu  berauben  und 
dem  Ordensgeneral  zu  unterwerfen,  seien  aber  von  P.  Nikolaus  von  Osimo 
mit  ihren  Ansprüchen  zurückgewiesen  worden.  Verniero  wirft  hier  so  vieles 
durcheinander,  daß  wir  mit  seiner  Nachricht  nichts  anfangen  können.  Von 
Klagen  über  die  Brüder  Palästinas  insbesondere  scheint  er  nichts  gewußt  und 
die  allgemeinen  Vorwürfe  auf  sie  übertragen  zu  haben.  Auch  die  folgenden 
Chronisten  des  Ordens  kommen  über  diese  allgemeinen  Anklagen  nicht  hinaus. 
Noch  größer  ist  die  Verwirrung  bei  den  fremden  Schreibern,  von  denen  Fabri 
z.  B.  den  Verfall  der  Ordenszucht  in  Palästina  schon  „anno  Domini  MCCC" 
ansetzt;  Evagatorium  II  321. 

-)  So  spricht  er  in  einem  Schreiben  an  Eugen  IV.  vom  Jahre  1438  „de 
rcformandis  sanctis  locis";  Haroldus  303,  und  in  einem  Briefe  an  den  Ordens- 
general von  demselben  Jahre  heißt  es:  „ad  prohibendam  sanctorum  locorum 
in  moribus  corruptis  calamitatem";  ebd.  296. 

^)  In  einem  nicht  datierten  Briefe  an  Kardinal  Cesarini  sagt  er:  „Caput 
totius  causae  in  qua  toties  et  tanto  jani  tempore  sanctorum  locorum  reformatio 
agitatur,  penes  quendam  insolentissimum  residet,  quem  Procuratorem  Terrae 
Sanctae  .  .  .  imprudentes  ante  aliquot  annos  instituerunt;"  Haroldus  309; 
vgl.  in  demselben  Schreiben  315. 


108  VI.    Einführung  der  Observanz 

Surian  erhob  fünfzig  Jahre  später  gegen  die  Konventualen, 
die  er  „unwürdig"  der  heiligen  Stätten  nennt,  den  Vorwurf 
„schlecliter  Sorge"  für  die  Kirche  zu  Bethlehem,  deren  Dach 
sie  hätten  verkommen  lassen  ^).  Daß  die  genannte  Kirche  und 
nicht  minder  die  Basilika  des  Heiligen  Grabes  sowie  das  Heilig- 
tum auf  dem  Sion  zur  Zeit  der  Einführung  der  Observanz  tat- 
sächlich in  traurigem  Zustande  waren,  ist  sicher.  Eugen  IV. 
sagt  in  einem  Breve  vom  2.  März  1438,  daß  ihnen  „ein  jammer- 
voller Zusammensturz  bevorstehe"  -).  Es  ist  aber  zum  minde- 
sten sehr  gewagt,  deshalb  einen  Vorwurf  und  eine  Anklage 
gegen  die  Konventualen  zu  erheben,  da  man  weiß,  wie  überaus 
schwer  es  war,  von  den  mohammedanischen  Behörden  die  Er- 
laubnis für  die  Wiederherstellung  eines  christlichen  Heiligtums 
zu  erhalten.  Von  der  Kirche  zu  Bethlehem  sagt  Bischof 
Rochechouart  1461:  „Die  Sarazenen  gestatten  nicht,  daß  sie  ge- 
baut oder  restauriert  werde.  Es  ist  ein  Wunder  des  in  ihr  ge- 
borenen Jesuskindleins,  daß  sie  noch  aufrecht  steht."  ^)  Über- 
dies ist  sicher,  daß  die  Konventualen  tatsächlich  den  Willen 
hatten  und  den  Versuch  machten,  jene  Kirche  wieder  herzu- 
stellen. Darüber  lassen  die  verschiedenen  von  ihnen  eingehol- 
ten Gutachten  arabischer  Beamten,  die  noch  im  Prokuraarchiv 
bewahrt  werden,  keinen  Zweifel.  Drei  derselben  sind  aus  dem 
Jahre  HU"*);  eines  von  ihnen  sagt  bereits,  daß  man  den  Ein- 
sturz der  Basilika  von  Bethlehem  befürchten  müsse. 

Es  ist  möglich,  daß  die  Brüder  Palästinas  den  ersten  Eifer 


1)  Trattato  112  „come  indegni  de  qiielli";  122  „per  la  mala  cura  haviita 
in  tempo  de  li  Conventuali."  Nach  Surian  wären  Bitten  von  Fürsten  für  die 
Entfernung  der  Konventualen  aus  den  heiligen  Orten  maßgebend  gewesen; 
er  scheint  andere  Nachrichten  auf  Palästina  übertragen  zu  haben. 

-)  „Miserabili  ruinae  subjacent"  in  Breve  „Licet  is";  DTS  III  113. 

3)  Journal  359:  „Nee  volunt  permittere  Sarraceni  edificari  sive  restaurari. 
sed  est  miraculum  parvuli  in  ea  nati,  ut  superstes  remaneat."  Auch  Fabri. 
Evagatorium  I  477  sagt :  „Soldanus  multis  annis  Christianis  indulgere  noluit, 
ut  illius  ecclesiae  sarta  tecta  repararent." 

^)  Archiv  der  Prokura,  Schublade  18,  32  und  33.  —  Nach  griechischen 
Schriftstellern  soll  Alexis  IV.  Comnenus  1435  ein  neues  Gebälk  für  die  Kirche 
zu  Bethlehem  haben  herstellen  lassen;  vgl.  P.  Vincent  0.  P.,  Bethleem  192. 
Dasselbe  dürfte  kaum  angebracht  worden  sein,  da  bereits  drei  Jahre  später 
Eugen  IV.  vom  bevorstehenden  Einstürze  der  Kirche  spricht. 


VI.    Einführung  der  Observanz  109 

verlassen  und  besonders  in  betreu  der  Armut  einige  Freiheiten 
angenommen  hatten;  aber  die  steten  Gefahren  und  Opfer,  die  sie 
auf  allen  Seiten  umgaben,  dürften  schon  als  Bürgschaft  gelten, 
daß  von  einem  eigentlichen  Verfalle  nicht  die  Rede  sein  kann. 

Wie  über  die  Ursache,  so  wird  auch  nichts  über  die  Art 
und  Weise  berichtet,  in  der  die  Einführung  der  Observanz 
erfolgte,  ob  sich  dieselbe  auf  die  Ernennung  eines  Observanten 
zum  Obern  der  Mission  beschränkte,  oder  ob  alle  Oberen  und 
Brüder  gewechselt  und  neue  Bewohner  aus  den  Observanten- 
klöstern  Europas  nach  Palästina  gesandt  wurden ').  Da  sie 
ohne  Aufsehen  geschehen  zu  sein  scheint  und  sich  den  Aufzeich- 
nungen der  Chronisten  entzogen  hat,  möchten  wir  annehmen, 
daß  sie  mit  wenigen  Umständen  verbunden  war  und  die  An- 
kunft eines  Obern  aus  der  Familie  der  reformierten  Franziska- 
ner genügte,  um  die  an  Opfer  und  Selbstüberwindung  gewohn- 
ten Brüder  Palästinas  für  die  strengere  Lebensform  zu  gewinnen. 

Leider  war  der  vom  Papste  zum  Obern  erkorene  P.  Jako- 
bus der  schwierigen  Stelle  und  besonders  den  Ränken  und  An- 
maßungen jenes  Verwalters  nicht  gewachsen  ~).  Letzterer  scheint 
einen  solchen  Einfluß  auf  P.  Jakobus  gewonnen  zu  haben,  daß 
er  die  Leitung  der  Geschäfte  in  die  Hand  bekam  und  der  Kustos 
sein  willfähriges  Werkzeug  wurde.  Der  ehrwürdige  Albert  von 
Sartheano,  der  die  Verhältnisse  aus  eigener  Anschauung  kannte, 
erhebt  1438  wiederholt  Klagen  über  die  „ungeschickte"  Ver- 
waltung des  Kustos  ^)  und  sorgte  dafür,  daß  beim  Ablauf  seines 
Trienniums   ein   vorzüglicher  Mann,   der   in  vielen  Ämtern  und 


1)  Nach  Surian,  Trattato  112  wären  die  Brüder  nach  Europa  zurück- 
gesandt worden. 

^)  Da  Albert  von  Sartheano  iiin  im  September  143")  noch  in  Venedig 
traf,  dürfte  P.  Dalfin  vor  Ende  des  Jahres  kaum  sein  Amt  angetreten  haben ; 
vgl.  Alberts  Briefe  vom  7.  und  15.  September  bei  Haroldus  2G3.  —  Aus 
seiner  Amtszeit  ist  wenig  überliefert.  In  einem  Briefe  vom  12.  Juni  1437,  in 
dem  er  den  Brüdern  Cosimo  und  Lorenzo  Medici  für  die  überschickten  Almosen 
dankt,  sagt  er,  sie  seien  „intricati  in  guerre  e  infinili  peccati";  vgl.  Mar- 
cellino  da  Civezza,  Bibliografia  Sanfrancescana  Nr.  175. 

•■*)  In  einem  Briefe  an  Eugen  IV.  sagt  er:  „Illum,  qui  huc  usque  sancta 
loca  Hierosolymae  regit,  bene  gubernandae  Familiae  servorum  Dei  .  .  .  esse 
aut  ignarum  aut  omnino  nolontcm;"  Haroldus  304.  Ähnlich  in  einem  Briefe 
an  Bischof  Christoph  von  Rimini;  Haroldus  288. 


110  VI.    P.  Ganclolf  von  Sizilien 

Aufträgen  erprobte  P.  Nikolaus  von  Osimo  zum  Obern  der  Mis- 
sion ernannt  wurde  ^). 

Die  gute  Absicht  Alberts  sclieiterte  indes  an  den  Intrigen 
und  Hetzereien  des  Verwalters,  der  von  einem  frommen  und 
tüchtigen  Obern  für  seine  angemaßten  Rechte  fürchtete  und  da- 
her alles  gegen  die  Amtsübernahme  des  P.  Nikolaus  in  Bewe- 
gung setzte.  P.  Jakob  ließ  sich  auch  jetzt  noch  von  ihm  miß- 
brauchen und  durch  die  christlichen  Kaufleute  Syriens  Schrei- 
ben aufsetzen,  die  seine  weitere  Verwaltung  als  Kustos  beim 
Heiligen  Stuhle  erwirken  sollten  ^).  Diese  Umtriebe  verleideten 
P.  Nikolaus  derart  das  Amt,  daß  er  es  in  die  Hände  des  Pap- 
stes niederlegte,  ohne  die  Reise  nach  Jerusalem  angetreten  zu 
haben.  Eugen  IV.  nahm  die  Abdankung  an  und  ernannte  am 
14.  März  1439  P.  Gandolf  aus  Sizilien  zum  Kustos  ^),  Sofort 
begannen  dieselben  Machenschaften  des  Verwalters  gegen  P. 
Gandolf,  und  beinahe  wäre  ihm,  wie  Albert  von  Sartheano 
schreibt,  das  Spiel  aufs  neue  geglückt,  da  Eugen  IV.  bereits 
geneigt  schien,  nachzugeben  und  die  Ernennung  des  P.  Gandolf 
zurückzunehmen  ^).  Jetzt  griff  jedoch  P.  Albert,  den  Krankheit 
einige  Zeit  zur  Ruhe  gezwungen  hatte  ^),  mit  dem  ihm  eigenen 
Feuer  ein.  In  einem  langen  und  erregten  Schreiben  an  Kar- 
dinal Cesarini,  den  das  Konzil  von  Ferrara  zum  Beschützer  der 
hl.  Orte  ernannt  hatte,  deckte  er  das  ganze  Spiel  auf  und  schlug 
vor,  der  Sache  auf  den  Grund  zu  gehen  und  durch  die  Absetzung 


1)  In  dem  eben  erwälinten  Briefe  an  Bischof  Christoph  sagt  Albert,  daß 
die  Wahl  „nie  authore"  erfolgt  sei;  Haroldus  297. 

-)  Im  Briefe  an  Kardinal  Cesarini  sagt  Albert :  „Huius  [des  Verwalters! 
literis  provocatus  is,  qui  nunc  Hierosolymae  praesidet,  ambit,  suspirat,  veretur, 
ne  sibi  vir  probus  quispiam  subrogetur;  quo  metu  territus  redimit  quotidie 
raercatorum  Syriae  tarn  vllia  quam  emendicata  suffragia,  quae  pro  se  ex 
Oriente  ad  pontificem  maximum  deferantur;"  Haroldus  311. 

3)  Vgl.  Breve  „Exigunt  religionis  zelus";  DTS  III  114. 

*)  In  seinem  Briefe  an  Kardinal  Cesarini  sagt  Albert :  „Hunc  proba- 
tissimum  virum,  Gandulphum  nostrum,  quidam  ut  audio  novis  praestigiis  ab 
officio  depellere  moliuntur,  sicut  et  Nicolaum  maximo  cum  dedecore  hactenus 
abjicere  studuerunt;  quorum  iniquis  persuasionibus  beatitudo  domini  nostri 
papae  pene  jam  assensa  videtur;"  Haroldus  309. 

^)  Vgl.  seinen  Brief  an  Kapistran;  Haroldus  301. 


Vi.    P.  (Jancloir  von  Sizilien  111 

des  Verwalters  dauernde  Abhilfe  zu  schaffen  0-  Der  Kardinal 
übergab  die  Angelegenheit  Johann  von  Kapistran,  der  sich  ge- 
rade auf  Befehl  seiner  Oberen  zu  einer  Orientreise  rüstete. 
Kapistran  übernahm  den  Auftrag,  und  seine  kluge  Energie  stellte 
bald  die  Ordnung  der  Dinge  wieder  her.  Der  schuldige  Proku- 
rator wurde  abgesetzt  und  den  Brüdern  jeder  Verkehr  mit  ihm 
untersagt.  An  seine  Stelle  setzte  Kapistran  einen  veneziani- 
schen Kaufmann,  namens  Johann  Martinus,  den  er  während 
seiner  Fahrt  auf  Zypern  kennen  gelernt  hatte.  Die  Brüder,  die 
sich  in  diese  Maßregeln  nicht  schicken  mochten,  wurden  nach 
Haroldus^)  durch  neue  ersetzt.  Von  diesem  Wechsel  der  Brü- 
der dürfte  die  Nachricht  Surians  gelten,  daß  die  Sarazenen  die 
neuen  Brüder  ungern  gesehen  und  lange  Zeit  übel  behandelt 
hätten  ^),  und  es  mag  die  Vermutung  zutreffen,  daß  der  abge- 
setzte Prokurator  hierbei  seine  Hand  im  Spiele  und  gegen  die 
neuen  Ankömmlinge  gehetzt  hatte. 

Mit  dieser  durchgreifenden  Änderung  war  für  P.  Gandolf 
eine  erfolgreiche  Tätigkeit  möglich  geworden.  Seine  Verwaltung 
fiel  in  eine  günstige  Zeit,  in  eine  frucht-  und  ruhmvolle  Periode 
der  morgenländischen  Kirchengeschichte.  Mehr  als  je  richteten 
sich  die  Augen  des  ganzen  Abendlandes  nach  dem  Osten  Euro- 
pas, wo  die  Türken  seit  dem  Regierungsantritte  Murads  II. 
(1421 — 1451)  gewaltige  Kämpfe  gegen  die  christlichen  Nachbarn 
im  Norden  und  Süden  unternahmen  und  Konstantinopel,  den 
Rest  des  byzantinischen  Kaisertums,  bedrohten.  Byzanz  suchte 
Hilfe  und  Anschluß  im  Abendlande,  und  Eugen  IV.  schlug  mit 
inniger  Freude  in  die  dargereichte  Hand  ein;  er  hoffte,  so  die 
getrennten  Christen  des  Orientes  mit  dem  Stuhle  Petri  zu  ver- 
einigen wie  die  immer  höher  steigende  Türkengefahr  zu  be- 
schwören. Boten  eilten  ins  Morgenland,  um  jene  Vereinigung 
vorzubereiten  und  seine  Kirchenfürsten  zu  einem  Konzile  ein- 
zuladen.    Mehrere  von  ihnen  folgten  dem  Rufe  und  nahmen  an 


1)  Brief    bei    Haroldiis    308-315.      Ebenda    Alberts    Brief    an    Papst 
Eugen  IV.,  S.  303—300. 

2)  A.  a.  O.  42. 

•^)  Trattato  112:    „Li    quäl    frati    in    quelli  principii  erano  mal  vediiti  e 
tractati  da  quelii  Saraceni."     Das  habe  bis  1475  gedauert. 


112  VI.    P.  Gandolf  von  Sizilien 

dem  im  April  1438  zu  Ferrara  begonnenen  Konzile  teil.  Nach 
mühsamen  Arbeiten  wurde  die  Union  der  griechischen  Kirche 
mit  Rom  tatsächlich  ausgesprochen  und  zu  Florenz  am  5.  Juli 
1439  von  den  meisten  Teilnehmern  des  Konzils  unterschrieben. 

Eugen  IV.,  der  die  Freudenbotschaft  an  die  ganze  Christen- 
heit sandte,  machte  auch  P.  Gandolf  von  dem  glücklichen  Er- 
folge Mitteilung  0-  Es  ist  das  erste  Mal  seit  den  Zeiten  der 
Kreuzzüge,  daß  ein  Papst  die  Brüder  Jerusalems  in  dieser  Weise 
auszeichnete.  Die  Hüter  der  heiligen  Stätten,  die  lange  nur 
für  Werke  der  Frömmigkeit  und  Nächstenliebe,  für  die  Heilig- 
tümer und  Pilger  gelebt  hatten,  traten  wieder  aus  diesem  stil- 
len Kreise  heraus.  In  der  Folge  sandte  sie  die  Kirche  öfter 
als  ihre  Boten  zu  den  verschiedenen  Konfessionen  des  christ- 
lichen Morgenlandes.  Auch  brachten  die  politischen  Beziehun- 
gen, die  wieder  nach  lauger  Unterbrechung  zwischen  den  christ- 
lichen Mächten  Europas  und  den  Machthabern  des  Islams  an- 
geknüpft wurden,  mit  sich,  daß  sich  die  Kalifen  Ägyptens  wie 
derholt  der  Brüder  bedienten,  um  ihre  Vorschläge  oder  Drohun- 
gen an  die  westlichen  Höfe  überbringen  zu  lassen.  So  brachte 
das  Zeitalter  der  Observanz  den  Brüdern  im  Morgenlande  ebenso 
wie  in  Europa  ihre  frühere  Wirksamkeit  und  Bedeutung  wieder. 

Dem  ersten  Erfolge  des  Papstes  folgten  bald  andere  nach. 
Wie  Eugen  IV.  in  seinem  Schreiben  an  P.  Gandolf  meldete, 
wurden  in  Italien  „tagtäglich  die  Armenier,  das  große  ruhm- 
reiche Volk,  erwartet.  Sie  sollen  schon  vor  der  Türe  und  be- 
reit sein,  sich  ganz  der  römischen  Kirche  und  dem  hl.  Aposto- 
lischen Stuhle  zu  unterwerfen".  Wirklich  kam  im  November 
desselben  Jahres  1439  eine  Vereinigung  der  Armenier  mit  Rom 
zustande.  Die  andern  Gruppen  der  morgenländischen  Irrlehrer 
wurden  nicht  vergessen.  Zu  allen  sandte  der  Papst  seine  Nun- 
tien und  Prediger,  meist  Söhne  der  Observantenfamilie.  Albert 
von  Sartheano  ging  nach  Ägypten  und  verhandelte  mit  den  Kop- 
ten ^).  Ihr  Patriarch  Johannes  von  Alexandrien  nahm  die  Ein- 
ladung gütig   auf  und  schickte  1441  Gesandte  zum  Konzil,  die 


1)  Breve  „Gloria  in  altissimis  Deo"  vom  7.  Juli  1439;  DTS  III  115. 
-)  Vgl.  den  Brief  des  ehrw.  Albert  an  Eugen  IV.  vom  1.  Dezember  1440; 
Haroldus  327. 


VI.    P.  Gandolf  von  Sizilien  113 

am  31.  August  in  Florenz  eintrafen.  Zwei  Tage  später  folgten 
die  Boten  des  äthiopischen  Archimandriten  Nikodemus  aus  Jeru- 
salem. Sie  unterzeichneten  am  2.  Februar  1442  im  Namen  ihrer 
Landsleute  das  römische  Glaubensbekenntnis. 

Über  die  Stellung  des  Herrschers  von  Äthiopien  zur  Unions- 
frage sind  verschiedene  Meinungen  von  den  Geschichtsschreibern 
vertreten  worden.  Nach  der  einen  hat  der  Kaiser  die  Wieder- 
vereinigung mit  Rom  gewünscht,  was  auch  der  Archimandrit 
Nikodemus  bestätigte,  der  an  Papst  Eugen  IV.  schrieb:  „Unser 
Herrscher  verlangt  sehr,  daß  sich  alle  zu  einem  Glauben  ver- 
einigen" ^),  während  andere  meinen,  daß  er  sich  zum  wenigsten 
nicht  direkt  an  den  Unionsverhandlungen  beteiligt  habe  ^).  Auf 
jeden  Fall  hat  er  um  diese  Zeit  der  Mission  des  Heiligen  Landes 
einen  großen  Dienst  geleistet  und  in  einer  kritischen  Stunde  die 
ernste  Gefahr  beschworen,  die  den  heiligen  Stätten  von  selten 
des  ägyptischen  Herrschers  wegen  der  Kreuzzugsrüstungen  Eu- 
gens IV.  drohte. 

Neben  den  Unionsbemühungen  des  Papstes  liefen  seine  uner- 
müdlichen Arbeiten  für  einen  neuen  Kreuzzug,  der  sich  haupt- 
sächlich gegen  die  Türken  richten  sollte,  die  im  Südosten  Euro- 
pas große  Fortschritte  machten,  im  Frühjahr  1441  bereits  über 
die  Balkanhalbinsel  hinausdrangen  und  einen  Teil  von  Ungarn 
besetzten.  In  ergreifenden  Briefen  schilderte  der  Papst  den 
abendländischen  Fürsten,  die  kaum  den  Ernst  der  Lage  wür- 
digten, die  ganz  Europa  und  dem  christlichen  Glauben  drohende 
Gefahr  und  forderte  sie  zur  Hilfe  des  Morgenlandes  auf.  Kar- 
dinal Cesarini  weilte  als  päpstlicher  Legat  in  Ungarn,  um  da- 
selbst den  Kreuzzug  vorzubereiten,  und  Prediger  eilten  im  Auf- 
trage des  Papstes  zu  den  christlichen  Völkern,  sie  noch  einmal 
unter  der  Fahne  des  Kreuzes  gegen  den  Halbmond  zu  scharen. 
Diese   Arbeiten    blieben    natürlich    dem  ägyptischen  Herrscher 


1)  „Haec  vero  res  cum  ad  regem  nostrum  pervenerit,  maximo  illi  lae- 
titiae  fiitura  est.  Nam  idem  admodum  ciipit,  iit  omncs  in  iinam  fidem  pariter 
iiiiiantur;"  vgl.  Labbe,  Sacrosancta  concilia  XIII  1215. 

'-)  Z.  B.  A.  Pichler,  Geschichte  der  kirchlichen  Trennung  zwischen 
dem  Orient  und  Occident  II  505,  und  A.  Dillmann,  t'ber  die  Regierung,  ins- 
besondere die  Kirchenordnung  des  Königs  Zar a  Jakob,  Berlin  18S4,  S.  (iil— 70. 
F"ranzisk.  Studien,  Beiheft  1:  Lern  mens,  Die  Franziskaner  auf  dem  Si(in.  8 


114  VI.    P.  Gandolf  von  Sizilien 

nicht  verborgen,  und  fanden  an  seinem  zunächst  nicht  bedroh- 
ten Hofe  den  gleichen  Widerhall,  den  ähnliche  Versuche  und 
Rüstungen  in  frühem  Jahrzehnten  gefunden  hatten.  Der  Zorn 
des  Kalifen  richtete  sich  gegen  die  in  seinem  Reiche  weilenden 
Christen;  Sultan  Djakmak  (1438 — 1453),  der  „streng  an  dem 
Buchstaben  des  Gesetzes  hielt  ^)"  und  kein  Freund  der  Christen 
war,  erließ  den  Befehl,  man  solle  die  christlichen  Gotteshäuser 
allenthalben  zerstören  und  die  Pilger  gefangen  nach  Kairo 
bringen  ^). 

Besonders  mußten  unsere  Brüder,  die  noch  kurz  vorher, 
im  Jahre  1441,  einen  Schutzbrief  vom  Sultan  und  die  Bestäti- 
gung der  von  den  frühern  Kalifen  verliehenen  Rechte  und  Pri- 
vilegien erhalten  hatten  ^),  die  Wut  der  Sarazenen  verkosten  ^). 
Eugen  IV.  schildert  in  einer  Bulle  vom  11.  Juni  1444  der  ganzen 
Christenheit  die  Bedrängnisse  der  Brüder  und  die  Schand- 
taten, zu  denen  sich  die  Mohammedaner  erniedrigten  ^).  „Jener 
grausame  Herrscher  von  Kairo",  sagt  er,  „wütet  in  außerge- 
wöhnlicher Weise   gegen  die  heilige  Stadt  Jerusalem  und  ihre 


1)  Weil  II  245. 

2)  Vgl.  den  Bericht  eines  ungenannten  Pilgers,  herausgegeben  von  ßir- 
linger  in  Herrigs  Archiv  XL  318. 

3)  Vgl.  Calahorra  B.  IV  K.  10. 

■*)  Die  Zeit  der  Verfolgung  wird  verschieden  angegeben.  Der  Verfasser 
der  Gesta  Dei  per  Fratres  Minores  (in :  Le  Missioni  Francescane  II,  Jahrg. 
1892,  201),  Patrem,  Tableau  17,  und  andere  lassen  dieselbe  1441  beginnen. 
Aus  dem  Schreiben  des  Guardians  Gandolf  an  Papst  Eugen  IV.  vom  1.  Februar 
1444  erfahren  wir,  daß  sie  besonders  1443  wütete.  Er  sagt  daselbst,  der 
König  von  Abessinien  habe  an  den  Sultan  eine  Gesandtschaft  geschickt  „pro 
ecclesiarura  anno  proxirae  elapso  in  Aegypto  et  Terra  Sancta  tempore  illius 
persecutionis  validae  destructarum  reaedificatione" ;  vgl.  den  Bericht  bei  Wad- 
ding, Annales  Minorum  zum  Jahre  1444  Nr.  53,  und  Civezza,  Storia  IV  607. 

•'")  „Immanis  ille  soldanus  Babyloniae  in  sanctam  Jerosohinam  sanctissi- 
maque  illius  loca  solito  magis  saeviens  proximis  temporibus  post  afflictos 
verberatosque  religiosos  et  alios  ibidem  habitantes  christianos,  post  factas  ab 
eis  pecuniarum  et  aharum  rerum  extorsiones  in  tantam  prorupit  scelerum 
suorum  aestuationem,  ut  sanctae  crucis  sanctique  domini  sepulchri  imaginibus 
ornamentisque  depositis  atque  confractis  loca  ipsa  sterquilinio  omnique  im- 
munditia  fecerit  inquinari;  et  quo  nuUum  potest  esse  foetidius  sterquilinium 
omnesque  flagitiorum  spurcitiarumque  actus,  quibus  infelices  cinaedi,  sodo- 
morum  iniitatores,  inquinari  eonsueverunt,  illis  in  ipsis  sacratissimis  locis  ad 
fidei  christianac  igiiominiam  fecerit  exerceri";  Quaresmius,  Elucidatio  I  320. 


VI.    P.  Gandolf  von  Sizilien  115 

SO  ehrwürdigen  Orte.  Er  hat  neulich  die  Ordensleiite  und  die 
daselbst  wohnenden  Christen  mißhandeln  und  schlagen  lassen, 
ihr  Geld  und  anderes  erpreßt.  Man  hat  eine  solche  Höhe  der 
Laster  erreicht,  daß  das  heilige  Kreuz,  die  heiligen  Bilder  und 
die  Schmucksachen  des  Heiligen  Grabes  unsers  Herrn  herabge- 
worfen und  zerbrochen,  die  heiligen  Stätten  aber  mit  Kot  und 
jeder  Art  von  Unrat  angefüllt  und  alle  jene  gemeinen  Schand- 
taten, mit  denen  sich  diese  unglücklichen  Nachkommen  der 
Sodomiten  zu  beschmutzen  pflegen,  zur  Schmach  des  christlichen 
Glaubens  an  den  allerheiligsten  Orten  verübt  wurden." 

Als  die  Kunde  von  diesen  Greueln  an  den  Hof  des  äthiopi- 
schen Herrschers  kam,  nahm  er  die  Sache  der  heiligen  Orte 
und  der  gesamten  Christenheit  alsbald  in  die  Hand  und  sandte 
1443  eine  Gesandtschaft  nach  Kairo,  die  dem  Sultan  voll  kühnen 
Mutes  entgegentrat  ^).  Wir  hören,  sagte  der  königliche  Bote 
zum  Sultan,  daß  du  die  christlichen  Kirchen  in  deinem  Reiche 
zerstörest  und  die  Christen  schwer  bedrängst.  Da  nach  dem 
Gesetze  deines  Propheten  Böses  mit  Bösem  vergolten  wird,  könnte 
ich  dir  deine  Taten  mit  gleichem  bezahlen.  Mein  Herr  Jesus 
Christus  befiehlt  jedoch,  Böses  mit  Gutem  zu  vergelten  und  nicht 
zu  strafen,  bevor  eine  Ermahnung  gegeben  wurde.  Daher  er- 
achte ich  es  für  meine  Pflicht,  dich  zunächst  zu  warnen . . . 
Ich  bitte  dich,  befreie  die  armen  Christen  von  den  Drangsalen 
und  behandle  sie  in  Zukunft  mit  Liebe  und  Menschlichkeit. 
Gestatte  auch,  oder  befiehl,  daß  die  christlichen  Kirchen  wieder 
aufgebaut  werden.  Wenn  du  diese  Bitte  erfüllst,  so  werde  ich 
die  Moscheen  in  meinem  Reiche  stehen  lassen  und  die  mir 
unterworfenen  Sarazenen  wie  bisher  mit  Güte  behandeln.  Er- 
füllst du  aber  meine  Bitte  nicht,  so  werde  ich  mein  Verhalten 
ändern  und  gewaltige  Massen  streitbarer  und  kampfgewohnter 
Leute  gegen  dich  senden.  Die  vielen  in  meinem  Lande  woh- 
nenden Sarazenen  werden  in  ihrem  Blute  ertränkt  und  alle 
Moscheen  dem  Erdboden  gleich  gemacht  werden.     Von  deinem 


1)  P.  Gandolf  sandte  durch  seinen  Landsmann  Seraphin  einen  ausführ- 
lichen Bericht  über  diese  Gesandtschaft,  die  sich  von  Kairo  nach  Jerusalem 
und  Rethiohem  begab  und  in  Palästina  mit  großen  Ehren  aufgenommen  wurde, 
an  Eugen  IV.;  vgl.  oben  S.  114  Anm.  4. 

8* 


116  Vi.    P.  Gaadolf  von  Sizilien 

Reiche  aber  werde  ich  den  Nil  ableiten  lassen,  so  daß  du  mit 
deinem  Volk  vor  Hunger  und  Durst  zugrunde  gehst.  Wähle, 
was  dir  am  besten  geiallt.  Diese  kühnen  Worte  machten  auf 
den  Sultan  und  seinen  Hof  Eindruck;  am  meisten  dürfte  die 
letzte  Drohung  geängstigt  haben,  da  diese  Angst,  wie  Jakob 
von  Verona  0  i^md  andere  Pilger  berichten,  schon  lange  auf 
den  ägyptischen  Herrschern  und  ihrem  Volke  lastete.  Nachdem 
die  äthiopische  Gesandtschaft  den  Hof  des  Kalifen  verlassen 
hatte,  gab  dieser  Befehl,  alle  Christen  gut  und  freundlich  zu 
behandeln  und  jede  Verfolgung  derselben  zu  unterlassen  ^). 
So  war  wieder  ein  Sturm  vorübergegangen  und  die  Lage  der 
Brüder  erträglicher  geworden. 

Leider  ist  uns  nur  wenig  von  den  Arbeiten  und  der  Ver- 
waltung des  P.  Gandolf  überliefert.  Daß  er  ein  hervorragender 
Mann  war,  verbürgt  uns  das  Vertrauen,  das  ihm  die  höchsten 
Obern  entgegenbrachten,  und  die  Vollmachten,  die  sie  ihm  über- 
trugen. Papst  Eugen  IV.  ernannte  ihn  am  1.  November  1444 
zu  seinem  Kommissar  für  „Indien,  Äthiopien,  Ägypten  und  Jeru- 
salem"; „wir  wissen  aus  eigener  Erfahrung,"  sagte  der  Papst  ^), 
„daß  sich  deine  Person  in  großen  und  schweren  Geschäften 
als  mächtig  in  Wort  und  Tat  bewährt  hat."  Ein  Jahr  früher, 
am  13.  Juli  1443,  hatte  ihm  Johann  von  Kapistran  eine  Abschrift 
des  Dekretes  geschickt,  durch  das  er  selbst  vom  Ordensgeneral 


1)  Vgl.  oben  S.  35.  Auch  Surian,  Trattato  77  Anm.  2,  erwähnt  diese 
Gefahr;  er  nennt  den  äthiopischen  Herrscher  „prete  Jane".  Wie  Zarncke 
zeigt,  hieß  seit  Otto  von  Freising  jeder  morgenländische  Herrscher,  der  den 
Mohammedanern  entgegentrat,  „Presbyter  Johannes".  Im  14.  Jahrhundert 
wanderte  die  Legende  von  Asien  nach  Afrika.  Vgl.  Zarncke  in  Abhandlungen 
der  k.  sächsischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften,  Bd.  XVII  Nr.  VIII  und 
Bd.  XIX  Nr.  I. 

2)  In  dem  genannten  Berichte  des  P.  Gandolf  an  Eugen  lY.  heißt  es : 
„Fuitque  post  eins  digressum  a  praesentia  soldani  datum  generale  praeconium, 
quod  omnes  Christian!  bene  et  humane  tractarentur  a  Sarracensis,  prout  antea 
solebant  tractari,  et  nemo  eos  auderet  persequi  aut  molestare."  Dies  zeigt, 
daß  Guarmani,  Gl'  Italiani  in  Terra  Santa,  Bologna  1872,  233,  es  sehr 
voreilig  als  Einbildung  der  Chronisten  hinstellt,  daß  die  Drohung  des  Gesandten 
auf  den  Kalifen  Eindruck  gemacht  habe. 

^)  Bulle  „Dum  onus";  DTS  III  117.  Der  Papst  sagt:  „Ad  personam 
tuam,  quae  quidem  potens  opere  et  sermone  in  magnis  et  arduis  nobis  fami- 
llari  experientia  comprobata  est." 


VU.    Bauten  und  Restaurationeu.     Herzog  Philipp.  117 

Antonius  zum  Generalvikar  der  italienischen  Observanten  mit 
weitgehenden  Rechten  ernannt  worden  war.  Kapistran  schrieb 
mit  eigener  Hand  auf  das  Dekret:  „Alle  diese  Vollmachten  gebe 
und  verleihe  ich  Bruder  Johann  von  Kapistran  dem  Bruder  Gan- 
dolf,  Guardian  des  Klosters  auf  dem  heiligen  Berge  Sion"  '). 

Auch  Sultan  Djakmak  bediente  sich  seiner  und  erteilte  ihm 
einen  wichtigen  Auftrag,  wie  wir  aus  einem  Briefe  des  Papstes 
an  den  Sultan  erfahren.  Letzterer  berief  ihn  nach  Kairo  und 
trug  ihm  auf,  beim  Papst  zu  erwirken,  daß  dieser  den  König 
von  Kastilien  für  einen  Frieden  mit  dem  Könige  von  Granada  ge- 
winne. Über  diese  Bemühungen  des  P.  Gandolf  erfahren  wir  eini- 
ges aus  dem  Schreiben  des  Papstes^),  der  dem  Sultan  mitteilte, 
der  Friede  sei  bereits  hergestellt,  so  daß  für  diesesmal  seine  Ver- 
mittlung nicht  mehr  nötig  sei.  Er  wolle  aber  seine  guten  Dienste 
für  den  Fall  eines  neuen  Krieges  nicht  versagen.  Wäre  der 
Glaube,  der  schon  in  manchen  Punkten  übereinstimme,  der 
gleiche,  so  würde  aller  Streit  und  alle  Zwietracht  schwinden. 
Man  möge  daher  über  eine  Vereinigung  im  Glauben  verhandeln ; 
der  Sultan  könne  zu  diesem  Zwecke  Boten  nach  Rom  senden, 
oder  wenn  es  dem  Sultan  so  besser  gefalle,  wolle  der  Papst  Leute 
zu  ihm  schicken,  die  über  diese  Vereinigung  beraten  sollten.  Zum 
Schluß  empfahl  ihm  der  Papst  die  Brüder  des  Sionklosters 
und  der  andern  Niederlassungen  nebst  den  christlichen  Pilgern. 


VII.  Bauten  und  Restaurationen.    Herzog  Philipp. 
Neue  Leiden.    Eine  Zeit  der  Ruhe. 

P.  Gandolf  hatte  einen  würdigen  Nachfolger  in  dem  aus  der 
Mark  Ankona  stammenden  P.  Balthasar  von  St.  Maria,  der 
so  vorzüglich  seines  Amtes  waltete,  daß  er  auf  Wunsch  der 
höchsten  Herrn  zweimal  in  demselben  bestätigt  wurde  und  von 
1446  bis  1455  die  Kustodie  regierte.  Ihm  war  es  endlich  ver- 
gönnt, die  schon  lange  notwendigen  und  geplanten  Restaura- 
tionen der  verschiedenen  den  Brüdern  anvertrauten  Heiligtümer 


')  Das  Original    befindet    sich    im    Archiv    der  Kustodie  zu  Jerusalem; 
vgl.  DTS  III  118.  •-)  Haroldus  346. 


llg  VII.    Bauten  und  Restaurationen.     Herzog  Pliilipp. 

in  Angriff  zu  nehmen  ^).  Unter  den  von  arabischen  Rechtsge- 
gelehrten  für  diese  Arbeiten  ausgestellten  Gutachten  und  den 
von  den  sara,zenischen  Behörden  erteilten  Vollmachten  sind 
einige  an  ihn  gerichtet"),  während  andere  ohne  Datum  und 
Aufschrift  sind.  Ihre  große  Zahl  läßt  erraten,  wie  schv.-er  die 
Erlaubnis  zu  diesen  Arbeiten  erteilt  wurde,  wie  viele  Bitten 
und  Geschenke  notwendig  waren,  ehe  man  Hand  ans  Werk 
legen  konnte.  Und  dabei  handelte  es  sich  nur  um  Restaurationen, 
nicht  um  neue  Bauten,  die  von  vornherein  ausgeschlossen  waren. 
Denn  immer  kehrt  in  den  Vollmachten  der  Zusatz  wieder,  es 
dürfe  nichts  Neues  gebaut  werden;  das  Gebäude  sei  in  seiner 
alten  Form  zu  erhalten  und  nur  das  Schadhafte  zu  ergänzen. 
Nach  dem  Karthäuser  Georg  glaubten  die  Sarazenen,  der  christ- 
liche Glaube  werde  mit  dem  Untergang  seiner  Heiligtümer  selbst 
verschwinden  ^). 

Am  meisten  scheint  die  Kirche  von  Bethlehem  gelitten  zu 
haben.  Da  durch  das  schadhafte  Dacli  der  Regen  eingedrungen 
war,  waren  die  Balken  des  Dachstuhls  derart  angefault  und 
geschwächt,  daß  ein  Gutachten  die  Befürchtung  aussprach,  die 
ganze  Decke  werde  abstürzen  und  die  Geburtsgrotte  selbst  in 
Gefahr  bringen  ^).  Die  von  den  Behörden  befragten  Gelehrten 
des  Islams  gaben  ein  günstiges  Urteil.  Weil  der  daselbst  ge- 
borene Sohn  Mariens  ein  großer  Prophet  sei,  verdiene  seine 
Geburtsstätte  Verehrung;  der  Kalif  Omar  habe  die  Basilika 
den  Christen  gelassen;  auch  die  Muselmannen  hätten  daselbst 
ihre  Gebetsnische,  und  gelehrte  wie  einfache  Moslems  gingen 
dahin,  ihr  Gebet  zu  verrichten.  So  wurde  das  erste  Hindernis 
der  Restauration  aus  dem  Wege  geräumt.  Leichter  wurde  die 
zweite  Frage  gelöst,  wie  die  Mittel  für  die  kostspieligen  Ar- 
beiten zu  beschaffen  seien,  besonders  dank  der  fürstlichen  Frei- 


1)  Am  11.  Mai  1455  erlaubte  Papst  Kalixt  lil.  den  IJrüdern,  eine  Nieder- 
lasssung  auf  dem  Sinai  zu  gründen;  DTS  IV  154  und  V  11  Anm.  Die  Nieder- 
lassung kam  nicht  zustande. 

-)  In  Schublade  26  des  Archivs  der  Prokura. 

^)  Pez  530:  „Saraceni  nee  uovi  aliquid  exstruere  nee  collapsa  patiuntur 
restaurare,  volentes  et  putantes,  quod  deficientibus  locis  illis  sanctisque  in- 
signiis,  simul  etiara  christiana  fides  intereat." 

*)  In  Schublade  18  des  genannten  Archivs. 


Neue  Leiden.     Eine  Zeit  der  Ruhe  119 

gebigkeit  eines  der  größten  Wohltäter  der  hl.  Stätten,  des  Her- 
zogs Philipp  von  Burgund  (1419 — 1467).  Aus  dem  von  Papst 
Nikolaus  V.  am  27.  August  1448  an  den  Herzog  gerichteten 
Breve  0  erfahren  wir,  daß  dieser  seinen  Baumeister  Peter  von 
Vandrey  nebst  Arbeitern  und  Material  für  die  Arbeiten  an  der 
Kirche  der  Geburt  Christi  zur  Verfügung  stellte.  Außerdem 
verfügte  Papst  Nikolaus  V.  am  18.  April  1452,  daß  einige  Ein- 
künfte, die  das  Heiligtum  von  Bethlehem  in  Spanien  hatte,  für 
die  Wiederherstellung  desselben  verwendet  würden ").  Da  der 
Papst  in  diesem  Breve  wiederholt,  daß  die  Kirche  „den  vollen 
Zusammensturz  drohe"  ^),  scheinen  die  Arbeiten  an  derselben 
1452  noch  nicht  Weit  gediehen  zu  sein.  Und  viel  weiter  sollten 
sie  überhaupt  nicht  kommen.  Schon  nach  wenigen  Monaten 
ließ  Sultan  Djakmak  „alle  neuen  Arbeiten,  die  man  in  Beth- 
lehem vollbracht  hatte,  zerstören",  wie  der  arabische  Chronist 
Moudjir-ed-dyn  berichtet*).  Da  er  einen  Grund  nicht  angibt, 
sind  wir  auf  Vermutungen  beschränkt.  Vielleicht  war  es  den 
beiden  damals  zum  Islam  übergetretenen  Brüdern  Valerius 
und  Antonius,  die  nach  Guglingen  alles  versuchten,  den  Brüdern 
zu  schaden  ^),  gelungen,  den  einOußreichen  Scheich  Mohammed- 
el-Mochner  aufzustacheln,  der  nach  dem  genannten  Chronisten 
die  Befehle  des  Kalifen  erwirkt  hatte;  oder  es  trifft  die  Annahme 
zu,  daß  die  hl.  Stätten  und  die  Franziskaner  wieder  einmal  für 
die  Vorbereitungen  des  Kreuzzuges  und  die  Fortschritte  der 
christlichen  Waffen  büßen  mußten.  So  waren  denn  die  Pläne 
und  kostspieligen  Vorbereitungen  für  die  Erneuerung  des  Heilig- 


1)  Breve  „Sincerae  devotionis" ;  DTS  IV  85. 

•-)  Breve  „Romanus  pontifex" ;  DTS  IV  88. 

^)  „Totalem  minatur  ruinam." 

•*)  Sauvaire  255  (zum  Jahre  850  der  sarazenischen  Zeitrechnung): 
„En  cette  meme  annee,  on  sevit  contre  les  chretlens  .  .  .  on  demolit  les  con- 
striictions  nouvelles,  qui  avaient  ete  elevees  ä  Bethlehem." 

5)  Guglingen  128:  „Sub  anno  domini  1449  . . .  duo  fratres  nostri  sancti 
ordinis  sancti  Francisci . . .  apostatarunt  a  fide  et  lumine  veritatis,  unus  sacerdos 
nomine  Valerius,  alter  laycus  nomine  Anthonius  .  .  .  Ambo  decreverunt  per 
consilium  dyaboli  extingwere  totum  himen  occlesic  in  l'ratribus.  Et  laycus 
accepit  littcras  credentiales  ab  officialibus  Jhcrusalem  ad  regem  soldanum 
in  Magno  Cayro,  ut  crederet  eins  vorbis  et  accusationibus  contra  fratres 
montis"  (Sion). 


120  ^'11-    Bauten  und  Restaurationen.     Herzog  Philipp. 

tums  gescheitert.  Es  gelang  jedoch  den  Brüdern,  „das  schöne 
Holz,  das  Herzog  Philipp  aus  Venedig  hatte  kommen  lassen", 
zu  retten;  ein  französischer  Pilger  sah  es  Ende  Juli  1480  in 
einem  Hofe  des  Klosters  zu  Bethlehem  0- 

Die  von  Sultan  Djakmak  angeordneten  Zerstörungen  be- 
schränkten sich  aber  nicht  auf  die  Basilika  in  Bethlehem;  auch 
die  Grabeskirche  und  die  Heiligtümer  des  Sionberges  wurden 
schwer  getroffen.  Wie  uns  der  genannte  Chronist  w'eiter  er- 
zählt, sandte  der  Sultan  einen  Boten  nach  Jerusalem  mit  dem 
Befehle,  „die  Klöster  zu  besichtigen  und  alle  neuen  Bauten,  die 
im  Kloster  auf  dem  Sion  oder  anderswo  aufgeführt  seien,  zu 
zerstören  sowie  das  Grab  Davids  den  Christen  zu  nehmen. 
Deshalb  wurden  die  neuerdings  auf  dem  Sion  vollbrachten  Ar- 
beiten zerstört,  das  Grab  Davids  den  Händen  der  Christen  ent- 
rissen und  die  neben  diesem  Grabe  beigesetzten  Ordensleute 
ausgegraben.  Dies  geschah  am  Montag,  den  10.  Juli  1452. 
Auch  zerstörte  man  die  neuen  Arbeiten  in  der  Grabeskirche 
und  brach  die  kurz  vorher  aufgestellte  Holzbalustrade  ab. 
In  allen  Klöstern  wurde  nachgeforscht  und,  was  man  daselbst 
an  neuen  Bauten  fand,  zerstört.  Es  ereignete  sich  dieses  gegen 
Ende  des  Lebens  des  Sultans.  So  krönte  Gott  seine  Taten", 
schließt  der  arabische  Chronist,  „mit  Werken  der  Andacht  und 
der  Zerstörung  der  Gottlosigkeit"  ^). 

1)  Schefer,  Voyage  81:  „Dedans  une  court,  y  a  grand  quautite  de 
beau  boys  que  Philipp  le  duc  de  Bourgongne  y  a  fait  mener  de  Venise." 
Man  kann  nicht  ersehen,  ob  das  Holz  noch  nicht  zur  Aufstellung  gekommen 
oder  ob  es  den  Brüdern  gelungen  war,  dasselbe  beiseite  zu  schaffen. 

-)  Sauvaire  255:  „Las  constructions  nouvellement  elevees  dans  (le 
couvent  de)  Sion  furent  d6truites,  le  tombeau  de  David  fut  retire  d'entre  les 
mains  des  chretiens,  et  on  exhuma  les  ossements  des  moines  qui  etaient 
enterres  pres  du  tombeau  du  seigneur  David  ...  On  arracha  la  balustrade 
cn  bois  recemment  installee  dans  la  Quomämeh  .  .  .  Des  recherches  furent 
pratiquees  dans  tous  les  couvents:  tout  ce  qu'on  y  trouva  de  constructions 
recentes  fut  detruit."  —  Sultan  Djakmak  starb  am  13.  Februar  1453.  Durch 
das  vom  Chronisten  Moudjir  angegebene  Datum  lassen  sich  die  für  die  ge- 
nannte Zerstörung  von  den  Pilgern  gebotenen  ungenauen  Zeitangaben  näher 
bestimmen.  Rochechouart  sagt  1461,  die  Zerstörung  sei  „a  quinque  annis 
citra"  erfolgt  (S.  247).  Der  Bericht  über  die  Reise  des  Landgrafen  Wilhelm 
von  Thüringen,  die  ebenfalls  1461  erfolgte,  sagt:  „in  kurzen  Jahren."  Surian, 
der  nicht  immer  genau  in  den  Zeitangaben  ist,  setzt  die  Zerstörung  ins  Jahr 
1460;  Trattato  110;  Guglingen  287:  „Anno  domini  MCCCC." 


Neue  Leiden.     Eine  Zeit  der  Ruhe  121 

Was  dies  für  „neue  Bauten"  auf  dem  Berge  Sion  waren, 
erfahren  wir  aus  verschiedenen  Pilgerschriften.  Bei  Beschrei- 
bung der  Kapelle  der  Herabkunft  des  Hl.  Geistes  sagt  Bischof 
Rochechouart  1461:  „Hier  hatte  der  Herzog  von  Burgund  eine 
würdige,  schöne  Kapelle  begonnen,  die  aber  vor  etwa  fünf 
Jahren  von  den  ungläubigen  und  treulosen  Sarazenen  geraubt 
und  vollständig  zerstört  wurde"  0-  Auch  dieses  Werk  des 
frommen  Herzogs  war  also  noch  nicht  vollendet  ^),  als  es  der 
Zerstörungswut  der  fanatischen  Menge  zum  Opfer  fiel.  Den 
Grund,  weshalb  gerade  dieses  Heiligtum  so  schwer  getroffen 
wurde,  geben  mehrere  Pilger  jener  Zeit  gleichmäßig  an.  Die 
Kapelle  des  Hl.  Geistes  lag  über  dem  Räume,  in  den  der  Volks- 
glaube seit  einiger  Zeit  das  Grab  Davids  verlegte.  Da  dieser  im 
Juli  den  Brüdern  genommen  und  zur  Moschee  umgewandelt 
war,  fand  man  es  unpassend,  „daß  die  Christen  mit  ihren  Füßen 
auf  dem  Gewölbe  einer  Moschee  einhergingen"  '^j.  Daher  war 
es  auch  überaus  schwer,  die  Erlaubnis  zum  Wiederaufbau  der 
Kapelle  zu  erhalten.  Erst  nach  vielen  Bemühungen  und  Bitten 
erreichten  die  Brüder  „durch  die  Macht  des  Geldes",  wie  Surian 
sagt  ^),  daß  Sultan  Koschkadem,  der  den  Brüdern  wiederholt  ent- 
gegen kam  und  ihnen  auch  am  22.  November  1462  die  Schutz- 
briefe der  frühern  Sultane  bestätigte  ^),  den  Neubau  gestattete. 
Herzog  Philipp  übernahm  wiederum  die  Kosten.  Er  legte  14  000 
Golddukaten  aus  und  wünschte,  die  Kapelle  „noch  schöner  als 
früher  zu  machen"  ^).  Leider  sollte  auch  diesmal  sein  Werk 
nicht  vom  Erfolge  gekrönt  werden.    Als  die  Arbeit  beinahe  voll- 


1)  Journal  247 :  „Extra  ecclesiam  est  locus,  in  quo  stabant  apostoli, 
quando  cecidit  Spiritus  Sanctus  super  eos.  Dux  Burgundie  inceperat  ibi 
dignissimam  et  eminentissimam  capellam,  que  dicebatur  capella  Spiritus  Sancti; 
sed  a  quinque  annis  citra  infideles  et  perfidi  Sarraceni  diripuerunt  cam  et 
radicitus  destruxerunt." 

-)  Rochechouart  sagt  „inceperat". 

•^)  Fabri,  Elvagatorlum  I  20:};  Lengherand  130. 

^)  Trattato  111  Anm.  2:  „Per  molte  moicstie,  che  detero  al  Soldano, 
finalmente  per  forza  de  danari." 

•1)  Urkunde  in  Schublade  28  des  Prokuraarchivs. 

•5)  Surian,  Trattato  110:  ..La  quäl  capella...  t'ece  rehedifficar  el 
magno  Ducha  de  Bregogna,  che  .  .  .  spese  14  000  ducati  d"  oro  per  l'arla  piu 
bcUa  che  non  era  prima." 


j^22  ^'11-    Bauten  und  Restaurationen.     Herzog  Philip|). 

endet  war,  starb  der  Sultan  am  9.  Oktober  1467,  und  ehe  sein 
Nachfolger  gewählt  war,  kamen  nach  dem  Berichte  des  Alster 
Pilgers  „die  Heiden  von  Jerusalem"  und  zerstörten  die  Kapelle 
aufs  neue  0-  ^^nd  hiermit  war  ihr  Fanatismus  noch  nicht  zu- 
frieden; wie  Surian  meldet^),  rissen  sie  bei  dieser  Gelegenheit 
auch  „einen  gi-oßen  Teil  der  von  den  Brüdern  auf  dem  Sion 
in  verschiedenen  Zeiten  aufgeführten  Bauten  nieder". 

Ein  gütiges  Geschick  ersparte  es  Herzog  Philipp,  von  die- 
sem neuen  Frevel  der  Sarazenen  Kenntnis  zu  erhalten;  am 
25.  Juni  1467  machte  der  Tod  seinem  an  Werken  der  Liebe 
reichen  Leben  ein  Ende.  Mit  ihm  starb  einer  der  edelsten 
Fürsten  seiner  Zeit  und  einer  der  größten  Wohltäter  und  Gön- 
ner der  heiligen  Stätten^).  Niemand,  versichert  Albert  von 
Sartheano  "*),  gab  ihren  Hütern  so  viele  Almosen  wie  der  Herzog. 
Auf  dem  Sion  setzte  er  1436  die  Brüder  in  die  Möglichkeit,  das 
Kloster  von  drückenden  Schulden  zu  befreien.  Zweimal  begann 
er  daselbst  den  Bau  der  Kapelle  zum  Heiligen  Geiste  und  schenkte 
der  Sionskirche  schöne  gewirkte  Teppiche  mit  „vielen  andern 
Ornaten  und  Gottesgezierden",  die  von  den  Pilgern  gern  ge- 
rühmt wurden  °).     Die  Grabeskirche  erhielt  von  ihm  „köstliche, 


1)  Conrad y  130:  „Hertoch  Philipps  van  Burgogne  hat  daar  doen 
bauwen  und  machen  neest  der  kirchen  van  den  observanten  an  der  luchten 
siden  eyn  scoen  Capelle,  die  wilch  ty  na  volmacht  was  und  die  soldaen  daer 
aerloff  to  gegeven  hedde  und  starif  und  so,  eer  die  ander  soldan  ghecoren 
wert,  so  qummen  die  beiden  van  rjherusalem  und  verstoerden  die  selve  capelle." 

'-)  Surian,  Trattato  111  Anm.  1:  „In  spatio  de  octo  anni  iterum  fo 
ruinata  et  cum  quella  gran  parte  de  lo  loco  che  in  varii  tempi  li  frati  haviano 
fabricato."  Da  Surian  die  erste  Zerstörung  um  1460  geschehen  läßt,  so  ergibt 
die  Zeitangabe  für  die  zweite  1468,  was  zutrifft.  Fabri,  Evagatorium  I  250, 
gibt  näheres  mit  den  Worten  an :  „In  dormitorio  juxta  rosariura  et  llbrariam, 
ubi  erant  pulchrae  cellae  et  opere  arcuato  factae,  .  .  .  destruxerunt  et  testu- 
dines  dejecerunt,  nee  hodie  sinunt  in  modum  pristinum  reforraari." 

3)  Schefer  sagt  von  ihm:  „Aucun  prince  chretien  n'a  plus  que  le  duc 
de  Bourgogne,  Philippe  le  Bon,  joue  en  Orient  un  röle  actif  et  preponderant" ; 
Revue  de  l'Orient  Latin  HI  (1895)  303. 

*)  In  seinem  Briefe  vom  6.  Oktober  1436  an  Herzog  Philipp  aus  Jeru- 
salem sagt  Albert:  „Nobis  rari,  rarius  dant  sua  suffragia  praeter  te  unum. 
praesertim  in  tanta  copia  .  .  .  pene  omnibus  abeundum  ex  hoc  loco  erat,  nisi 
reperissem  sacrum  locum  montis  Syon  piis  eleemosynis  tuis  a  debitorum 
angustiis  liberatum.  quibus  antea  diutius  premebatur":  Haroldus  274. 

5)  Tucher  Bl.  353^;  Fabri  I  241. 


Neue  Leiden.     Eine  Zeit  der  Rnlie  123 

goldene  Chormäntel"  0-  In  Bethlehem  übernahm  er  zum  großen 
Teile  die  Kosten  der  Restauration  der  Basilika.  In  Ramleh  er- 
weiterte er  das  Pilgerhospiz  der  Brüder^).  Jährlich  schenkte 
er  außerdem  den  in  Palästina  weilenden  Franziskanern  1000  Gold- 
dukaten zu  ihrem  Unterhalte  ^)  und  machte  eine  Stiftung,  aus 
der  alle  Pilger  einmal  während  ihres  Aufenthaltes  in  der  hei- 
ligen Stadt  die  Mittagsmahlzeit  im  Sionskloster  erhielten  *).  Auch 
sein  letzter  Wille  gedachte  der  heiligen  Stätten;  er  sandte  6000 
Golddukaten  und  verfügte,  daß  sein  Herz  in  der  Kapelle  des 
Heiligen  Geistes  beigesetzt  werde  ^),  eine  Verfügung,  die  nicht 
zur  Ausführung  kam,  da  diese  Kapelle  unterdessen  zerstört 
war  und  nicht  wieder  aufgebaut  werden  konnte.  Die  folgenden 
Pilger  fanden  die  Türe,  die  zu  ihr  geführt  hatte,  vermauert, 
und  den  Raum  ohne  Dach  ^). 

Die  Kapelle  des  Heiligen  Geistes  hatte  im  Abendlande  viele 
Verehrer  und  Wohltäter  gehabt.  Könige  und  Fürsten  hatten 
sie  mit  kostbaren  Geschenken  bedacht;  schon  Lochner  rühmte 
die  „goldenen,  gemalten  Tücher,  Teppiche  und  Zelte  und  andere 
köstliche  Zierheiten",  die  die  Könige  von  England,  Frankreich 
und  andere  Herren  ihr  geschenkt  hatten  ^).  Ihre  Zerstörung  rief 
daher  unter  den  Christen  Europas  große  Erbitterung  hervor. 
Der   König  von  Kastilien   soll   nach    Surian^)   mit   der   Zerstö- 


1)  Tucher  Bl.  354  v. 

2)  Es  scheint  in  den  letzten  Jahren  des  Herzogs  geschehen  zu  sein, 
denn  Rochechouart  erwähnt  1461  noch  nichts  davon,  wohl  aber  Tucher, 
Bl.  352 V,  und  Guglingcn  104,  der  auch  ausdrücklich  sagt:  „Illud  hospitale 
in  paucis  annis  est  emptum."  ^)  Tucher  Bl.  353^;  Fabri  1348. 

^)  Der  belgische  Edelmann  Georg  Lengherand,  der  148(^  nach  Jeru- 
salem kam,  sagt :  „La  coustume  est  que  le  jour  que  les  pellerins  visitent  ledit 
mont  de  Sion,  ilz  y  doivent  tous  diner  par  une  fondacion  que  fist  Philippe 
le  Bon,  duc  de  Bourgoigne";  Voyage  126  und  131.  Ebd.  130  von  der  Kapelle 
des  Hl.  Geistes :  „Le  bon  duc  Philippe  de  Bourgoigne  y  envoya  une  chapelle 
de  bois  toutte  faicte,  mais  les  Mores  ne  voullurent  souft'rir  qu'elle  y  tust  mise." 

•')  Surian,  Trattato  110. 

•■)  Lengherand  130;  I^'abri,  Evagatorium  1  245;  Guglingen  287 
und  andere.  '')  Geisheim  247. 

^)  Trattato  111  Anm.  1:  „La  qual  cosa  saputa  che  fo  in  Spagna,  lo 
Re  lece  ruynare  tucti  li  campanili  e  le  moscate  de  11  Mori,  excepto  doe, 
quelia  de  Toledo  et  un  altra;  e  niandö  a  dire  allo  Soldano  per  li  Mori  che 
li  sono  subjecti,  che  si  molestasse  li  frati  per  1'  advcnire,  overo  che  ruinasse 
alcuno  altro  loco,  luria  mal  ca))itare  li  Mori  che  li  sono  sottoposti." 


I2i  VII.    Bauten  und  Restaurationen.     Herzog  Philipp. 

rung  von  Minarets  und  Moscheen  vergolten  und  gedroht  haben, 
es  sämtliche  Mauren  seines  Reiches  büßen  zu  lassen,  wenn  die 
Franziskaner  weiter  belästigt  oder  eine  andere  hl.  Stätte  zerstört 
werden  sollte. 

Für  die  nächste  Zeit  sollte  eine  Ausführung  dieser  ange- 
drohten Maßregeln  nicht  nötig  sein.  In  dem  gleichen  Jahre  be- 
stieg den  Thron  Ägyptens  Quat  Bei,  der  öfter  während  seiner 
28  jährigen  Regierung  (1468 — 1496)  den  Franziskanern  Beweise 
von  Wohlwollen  gab.  Persönliche  Beziehungen  brachten  ihn 
den  Brüdern  und  die  politischen  Verhältnisse  den  Christen  näher. 
Die  stetig  wachsende  Macht  der  Türken  weckte  die  Eifersucht 
der  ägyptischen  Herrscher,  weshalb  sie  Hilfe  beim  Abendlande 
suchten  und  öfter  Franziskaner  als  Boten  nach  Rom  und  an 
die  christlichen  Höfe  sandten.  Die  Bekämpfung  Bajasets,  die 
Auslieferung  des  türkischen  Prinzen  Djem,  die  Einstellung  des 
Kampfes  gegen  die  Mauren  in  Granada  waren  die  Aufträge,  die 
Sultan  Quat  Bei  den  von  ihm  entsandten  Brüdern  anvertraute  0- 

Felix  Fabri,  der  zweimal  unter  seiner  Regierung  nach 
Jerusalem  kam,  rühmt  ihn  sehr"-).  Er  nennt  ihn  einen  neuen 
Cyrus;  wie  dieser  einst  den  Juden  die  Wiederherstellung  des 
Tempels  gestattet  habe,  so  erlaube  Quat  Bei,  den  Tempel  des 
Hl.  Grabes  und  die  Kirche  von  Bethlehem  wieder  in  Stand  zu 
setzen.  Der  Sultan  sei  dem  christlichen  Glauben  gewogen; 
wenn  ein  Christ  von  Tugend,  Ansehen  und  Wissen  mit  ihm 
verhandelte,  so  würde  er  sich  bekehren;  die  Christen  müßten 
für  ihn  beten.  Diese  Hoffnungen  lassen  besser  als  anderes  den 
Ruf  erkennen,  in  dem  der  Sultan  bei  den  Christen  stand;  sie 
hatten  von  den  ägyptischen  Herrschern  wenig  gutes  erfahren 
und  waren  daher  ganz  überrascht  und  voller  Hoffnung,  als 
Quat  Bei  ihnen  entgegen  kam. 

Einen  großen  Teil  an  diesem  freundlichen  Verhalten  hatte 
sein  Atabeg  und  vertrauter  Freund  Uzbek  Ibn  Tatach  ^).     Bei 

1)  über  die  Sendung  des  P.  Antonius  iMillan  nach  Spanien  vgl.  Mariana, 
Historiae  de  Rebus  Hispanicis  libri  XXX,  B.  XXV  K.  15. 

-)  Evagatorium  I  478. 

3)  Die  tolgendeu  Einzelheiten  hat  uns  Surian,  Trattato  113  11'.  über- 
liefert und  der  Reisebericht  des  Gabriel  Giraudet  ausgeschrieben;  vgl. 
Schefer,  Voyage  Einl.  S.  XXI.  —  In  der  Rezension  von  1514  läßt  Surian  auch 


Neue  Leiden.     Eine  Zeit  der  Ruhe  125 

einem  Vorgänger  Qiiat  Beis  war  Uzbek  in  Ungnade  gefallen 
und  nach  Jerusalem  verbannt  worden.  Da  dort  kaum  jemand  von 
den  Mohammedanern  mit  ihm  zu  verkehren  wagte,  begab  er 
sich  zuweilen  auf  den  Sion,  wo  er  von  den  Brüdern  mit  großer 
Liebe  aufgenommen  wurde,  Speise  und  Trank  erhielt  und  auch 
mit  Geldalmosen  unterstützt  wurde.  Als  aber  Quat  Bei  zum 
Sultan  erwählt  war,  ernannte  dieser  seinen  Freund  zu  einem 
seiner  ersten  Beamten. 

Sobald  diese  Kunde  in  Jerusalem  eintraf,  begab  sich  der 
Guardian  des  Sion  mit  einigen  Brüdern  nach  Kairo,  und  wurde 
von  Uzbek  mit  großer  Huld  und  Güte  aufgenommen.  Dieser  sagte 
den  Brüdern:  Ihr  habt  mir,  als  ich  in  großer  Not  und  Trübsal 
war,  herzliches  und  tätiges  Mitleid  und  Wohlwollen  bekundet; 
jetzt  werde  ich  euch  vergelten  und  selbst  euer  Beschützer 
und  Verteidiger  sein.  Bittet  den  Sultan,  daß  ihr  meine  Leib- 
eigenen und  Sklaven  werdet;  dann  dürft  ihr  sicher  sein  und  in 
Ruhe  bleiben.  Der  Sultan  nahm  die  Bitte,  deren  Sinn  und  Zweck 
er  wohl  verstand,  gern  entgegen.  Uzbek  aber  hielt  Wort; 
er  sorgte  treu  für  seine  „Sklaven"  und  ließ  kein  ihnen  zuge- 
fügtes Unrecht  ungesühnt  ^). 

Es  war  aber  auch  höchste  Zeit,  daß  die  Lage  der  Brüder 
gebessert  wurde,  da  sie  allmählich  unerträglich  geworden  war. 
Welche  Plackereien  sich  diese  auf  dem  Sion  gefallen  lassen  muß- 
ten, schildert  uns  Surian  aus  eigener  Anschauung  ^).  Die  Brüder 
wagten  häufig  nicht  ihr  Kloster  zu  verlassen  und  vor  die  Türe 


Quat  Bei  selbst  in  Ungnade  fallen  und  von  einem  Vorgänger  nach  Jerusalem 
verbannt  werden;  doch  lassen  sich  die  von  Surian  gegebenen  Einzelheiten 
nicht  mit  den  anderweitig  bekannten  Daten  aus  seinem  Leben  vereinigen. 
Da  Uzbek  auch  von  andern  als  Freund  und  Gönner  der  Franziskaner  ge- 
nannt wird  —  vgl.  Grünemberg  101  — ,  ist  diese  Tatsache  außer  Zweifel; 
wie  viel  an  der  durch  Surian  überlieferten  Ursache  Dichtung  ist,  wissen  wir 
nicht.  Surian  nennt  Uzbek  stets  „Mir  Isbech".  Ohne  Frage  ist  es  der 
Atabeg  Uzbek  Ibn  Tatach,  der  verschiedene  Feldziige  für  Quat  Bei 
führte.  Surian  sagt  S.  116,  daß  Isbech  „ne  la  piaza  de  la  Isbechia"  zu  Kairo 
wohnte;  nun  ist  aber  von  Uzbek  bekannt,  daß  er  hier  seine  Wohnung  hatte 
und  diesen  Platz  herstellen  ließ;  Weil  II  374. 

1)  Hierauf  scheint  Wanckel  anzuspielen,  wo  er  bei  Beschreibung  der 
Palmprozession  sagt:  ,,Die  Barfusscr  Brüder  sein  all  unter  der  l-^ygenschaft 
und  tribut  des  Soldans";  Bl.  Cij\  '-')  Trattato  117. 


126  VII.    Bauten  und  Restaurationen.     Herzog  Philipp. 

ZU  gehen.  Notgedrungen  mußten  sie  allen  Mohammedanern, 
die  an  die  Piorte  kamen,  zu  essen  geben,  da  diese  sonst  das 
Almosen  durch  Steinwürfe  gegen  das  Kloster  erzwangen.  Kamen 
die  Pilger  ins  Kloster,  so  wurden  sie,  wie  Mergenthai  erzählt, 
von  den  „Heiden"  ausgepfiffen  0-  Einige  Muselmannen  hatten 
die  Frechheit,  das  ganze  Kloster  und  alle  Räume  desselben 
abzusuchen;  fanden  sie  irgendwo  etwas,  das  ihnen  gefiel,  so 
nahmen  sie  es  weg.  Sie  gingen  in  die  Küche,  untersuchten 
die  Geschirre  und  aßen  das  Fleisch,  das  ihnen  zusagte.  Im 
Keller  öffneten  sie  die  Fässer  und  ließen  den  Wein  auslaufen. 
Man  vermag,  sagt  Surian,  gar  nicht  aufzuzählen,  was  sie  gegen 
uns  ersinnen.  Endlos  waren  die  Forderungen,  die  unter  allen 
möglichen  Titeln  erhoben  wurden.  Bruder  Walther  von  Gug- 
lingen^),  der  unter  Quat  Bei  nach  Jerusalem  kam,  meint: 
„Es  vergeht  kein  Tag,  an  dem  nicht  jemand  kommt,  bald  ist 
es  einer,  bald  zwei,  bald  drei,  und  manchmal  sechs  oder  zehn, 
und  alle  wollen  essen  oder  trinken,  und  die  Väter  wagen  es 
nicht,  zu  versagen." 

Wiederholt  hatten  die  Herrscher  schon  eingegriffen,  den 
Brüdern  Schutzbriefe  ausgestellt  und  sie  besonders  gegen  jene 
endlosen  Erpressungen  zu  schützen  gesucht.  „Niemand  darf 
etwas  von  ihnen  verlangen",  heißt  es  in  einem  Ferman^),  „außer 
Wachs  und  Zucker,  da  die  Brüder  alles  verlassen  haben  und 
selbst  arm  sind."  Da  aber  die  Beamten  mit  schlechtem  Beispiele 
vorangingen  und,  wie  wir  aus  einem  andern  Ferman  entnehmen  ^), 
selbst  ins  Kloster  kamen,  Essen  forderten  und  die  Weintrauben 
plünderten,  hatten  die  kaiserlichen  Schreiben  wenig  Erfolg. 

So  lange  jedoch  Uzbek,  der  seine  Leute  kannte,  im  Amte 
war,   ging   es   den   Brüdern  besser.     „Wenn   das  zu  viel   will 

1)  Bl.  Jiiij^ 

2)  Itinerarium  310:  „0  quis  ponderare  posset,  quanta  expenduntur 
Sarracenis  pro  tributo  annuali  et  pro  propinis  continuis  ot'l'icialibus  pro  defen- 
sione  fratrum  tarn  in  pecunia  quam  in  comestionibus,  de  quibus  non  est 
numerus !  Non  enim  est  dies,  in  quo  non  aliqui  veniunt,  jara  unus,  cras  duo, 
aliquando  tres,  nonnunquam  sex  vel  decem,  qui  volunt  habere  eoniedere  et 
bibere,  quibus  nee  patres  audent  negare." 

3)  Schublade  24  des  Prokuraarchivs. 

^)  Ebd.  Schublade  36.  Auch  Grünemberg  sagt  S.  101,  daß  ..die  Ge- 
waltigsten am  meisten"  raubton  und  erpreßten. 


Neue  Leiden.     Eine  Zeit  der  Rulie  127 

werden",  schreibt  Grünemberg  ^),  „so  klagen  die  Brüder  es  einem 
heidnischen  Herrn,  der  ist  zu  Altkairo  beim  Sultan,  genannt 
der  Ysenbeck.  Der  läßt  dann  die  meisterlosen,  bösen  Heiden 
in  der  Mitte  oder  Weiche  entzweischlagen,  so  haben  dann  die 
guten  Brüder  wieder  eine  Weile  guten  Frieden."  Uzbek  sorgte 
nach  Kräften  dafür,  daß  der  große  Schutzbrief,  den  Sultan 
Quat  Bei  am  17.  April  1472  den  Brüdern  ausstellte-),  nicht  ein 
toter  Buchstabe  blieb.  Seinem  Freunde  Fachr  Eddin,  einem  vor- 
nehmen Sarazenen  Jerusalems^),  übertrug  er  die  Sorge  für 
die  Franziskaner"*).  So  oft  er  an  die  Behörden  der  Hl.  Stadt 
schrieb,  empfahl  er  ihnen  seine  „Sklaven",  und  wenn  ihm 
Mißgriffe  der  Beamten  zu  Ohren  kamen,  so  strafte  er  unerbitt- 
lich. So  ließ  er  den  ersten  Sekretär  des  Sultans,  der  vom  Guar- 
dian P.  Bartholomäus  Geld  erpreßt  hatte,  zum  Staunen  von 
ganz  Kairo  auf  öffentlichem  Platze  geißeln  '").  Als  der  Guardian 
P.  Jakobus  vom  Gouverneur  Jerusalems  ins  Gefängnis  geworfen 
war  und  ihm  100  Dukaten  abgefordert  wurden,  nahm  dieser 
seine  Zuflucht  zu  Uzbek,  der  gerade  für  den  nach  Mecka  pilgern- 
den Sultan  die  Regierung  führte.  Uzbek  gab  Befehl,  den  Be- 
amten in  Ketten  nach  Kairo  zu  bringen,  wo  er  gegeißelt  und 
fünf  Jahre  eingekerkert  wurde.  Zugleich  wollte  Uzbek  vom 
Guardian  hören,  ob  die  Brüder  noch  andere  Feinde  in  Jerusa- 
lem hätten;  als  P.  Jakob  ihm  die  hauptsächlichsten  nannte, 
wurden  sie  nach  Kairo  gebracht  und  zu  hohen  Strafen  ver- 
urteilt ^).  Surian  selbst,  der  uns  alle  diese  Einzelheiten  berichtet 
hat,  wurde  zweimal  eingekerkert,  weil  er  der  Habgier  eines 
Beamten  entgegentrat,  aber  beide  Male  durch  Uzbek  befreit  ^). 
Als  dennoch  unter  Sultan  Quat  Bei  eine  Unterbrechung 
des  guten  Verhältnisses  eintrat,  wurde  der  Zwischenfall  viel 
schneller  als  sonst  beigelegt.  Im  Mai  1476  hatte  der  Sultan 
alle  im  Sionkloster,    am  Hl.  Grabe   und   in   Bethlehem   weilen- 


1)  Pilgerfahrt  101. 

-)  Golubovich,  Serie  178.  Der  Ferman  folgt  größtenteils  dem  Schreiben 
des  Sultans  Barsabai;  vgl.  oben  S.  99. 

^)  Er  wird  von  mehreren  Pilgern  erwähnt;  Fabrl  II  113:  „dominus 
Vaccardinus."  Guglingen  Uif)  nennt  ihn  „noster  protector,  potens  in  Iherusaicm 
inter  Mauros". 

*)  Surian  IIT).  •^•)  Ebd.  Uli.  '■)  Ebd.  114.  ')  Ebd.  117. 


j^28  VII.    Bauten  und  Restaurationen.     Herzog  Philipp. 

den  Brüder  verhaften  und  nach  Kairo  bringen  lassen,  weil 
Abendländer  vier  Gefangene  aus  Alexandrien  fortgeführt  hatten  ^). 
Im  Juli  desselben  Jahres  traf  Mergenthai  die  Franziskaner  wieder 
in  Freiheit  auf  ihren  alten  Posten  -). 

Bei  diesen  günstigen  Beziehungen  durften  die  Brüder  noch- 
mals daran  denken,  die  so  notwendigen  Arbeiten  an  den  Gottes- 
häusern in  Angriff  zu  nehmen.  An  erster  Stelle  kam  aufs  neue 
die  am  meisten  beschädigte  Basilika  von  Bethlehem  in  Frage. 
Fabri  fand  sie  bei  seiner  ersten  Pilgerreise  im  Jahre  1479  dem 
Einstürze  nahe ;  man  hatte  lange  Balken  in  das  Chor  der  Kirche 
gestellt,  um  das  Dach  zu  sichern  ^).  Dank  der  kräftigen  Unter- 
stützung, die  König  Ferdinand  von  Kastilien  der  Bitte  der  Fran- 
ziskaner am  Hofe  des  Sultans  lieh,  gab  dieser  1480  die  Erlaub- 
nis^), worauf  der  ausgezeichnete  Guardian  des  Sion  P.  Johann 
Thomacelli  die  Arbeit  mit  Umsicht  und  Energie  in  die  Hand 
nahm^).  Zwei  Schiffsladungen  mft  zubereitetem  Holze  kamen 
aus  Venedig  nach  Jaffa,  von  wo  die  Brüder  die  Balken  auf 
Kamelen  unter  großer  Mühe  und  zum  Staunen  der  Muselmannen 
über  Berg  und  Tal  nach  Bethlehem  brachten*^).  Surian  und 
Fabri  erwähnen  nur  dieses  aus  Venedig  herbeigeschaffte  Holz, 
während  die  „Pilgerfahrt  des  Pfalzgrafen  Alexander"  erzählt, 
daß  „der  fromme  Herzog  Philipp  von  Burgund  das  Holz  dazu 
gegeben  habe"  '').  Wenn  bei  dieser  Nachricht  nicht  eine  Ver- 
wechslung mit  den  dreißig  Jahre  früher  unternommenen  Arbeiten 

1)  Der  Chronist  Moudjir-ed-dyn  berichtet  zum  Jahre  881  der  Hedschra  : 
„Au  commencement  de  moharram  [April  Mai  1476],  un  courrier  ä  dromadaire 
arriva  du  Caire,  porteur  d'un  rescrit  du  Sultan  qui  ordonnait  de  se  saisir  des 
Francs  demeurant  dans  le  couvent  de  Sion,  ä  Bethlehem  et  dans  l'eglise  de 
Quomämeh,  et  de  les  diriger  sur  la  capitale,  parce  que  les  Francs  avaient  fait 
quatre  prisonniers  ä  Ale.xandrie  et  les  avaient  traitreusement  emmenes  dajis 
leur  pays;"  Sauvaire  649. 

-)  Beschreibung  Bl.  Hij  ^ :  „Denn  mein  G.  Herr  warhafftig  bericht  ward, 
das  die  Münche  zu  Hierusalem  waren  gefangen  gewest,  aber  nu  wider  ledig 
worden;"  vgl.  Bl.  Jiiij"":  „Wir  gingen  mit  den  Barfüssermönchen  auf  den 
Berg  Sion." 

■*)  Fabri,  Evagatorium  I  476  :  „Tectum  ecclesiae  .  . .  minabatur  ruinam." 

')  Der  Ferman  erwähnt  ausdrücklich  die  Vermittlung  des  Königs  Fer- 
dinand.    Er  befindet  sich  in  Schublade  29  des  Prokuraarchives. 

■')  Surian  116.  ß)  Surian  122  Anm. ;  Fabri,  Evagatorium  I  477. 

")  Bl.  41  ^ 


Neue  Leiden.     Eine  Zeit  der  Ruhe  129 

Unterlaufen  ist,  so  muß  man  sie  dahin  verstehen,  daß  auch  das 
Holz,  das  von  der  Spende  des  Herzogs  noch  brauchbar  war, 
zur  Verwendung  kam;  viel  dürfte  es  kaum  gewesen  sein,  da 
das  Holz  Jahrzehnte  im  Hofe  des  Klosters  gelegen  hatte  ^).  Der 
König  von  England  schenkte  das  Blei,  um  das  Dach  zu  decken  -). 
So  vorzüglich  dieses  Material  war,  es  hatte  den  Übelstand,  daß 
es  die  Habgier  der  Araber  reizte,  wie  uns  mehrere  Pilger  be- 
richten; daher  fand  Jodokus  von  Meggen  1542  das  Dach  schon 
an  sehr  vielen  Stellen  durchlöchert  und  wünschte,  daß  sich 
wieder  ein  Fürst  desselben  erbarme  ^). 

Nach  Surian  hatte  die  ganze  Arbeit  an  der  Kirche  zu 
Bethlehem  mehr  als  6000  Dukaten  gekostet  ^). 

P.  Guardian  Thomacelli  erhielt  auch  die  Erlaubnis,  die 
Grabeskirche,  besonders  die  schwer  geschädigte  Kuppel  über 
dem  Hl.  Grabe  zu  restaurieren.  Es  scheinen  größere  Arbeiten 
ausgeführt  zu  sein,  da  11000  Dukaten  ausgelegt  wurden^). 
Von  den  Bauleitern  und  Werkführern  wird  nichts  berichtet; 
die  Brüder  dürften  selbst  die  Arbeiten  geleitet  haben.  Nach 
Surian  waren  stets  auf  dem  Sion  gewandte  und  tüchtige  Hand- 
werker, deren  sich  auch  die  Mohammedaner  bei  Arbeiten  in 
der  Omarraoschee  bedienten  ^).  Besonders  wird  Bruder  Baptista 
von  Lübeck  als  Bauleiter  gerühmt,  den  Papst  Pius  II.  wegen 
seiner  Kenntnisse  in  der  Arzneikunde  nach  Jerusalem  ge- 
schickt hatte  "J. 

Auf  dem  Sion  erwarb  P.  Thomacelli  1479  ein  Grundstück 
mit   zwei  Zisternen,    das    die  Brüder   zu   einem    „wundervollen 


1)  Vgl.  oben  S.  120. 

^)  Surian  122  Anm.  1. 

■')  Peregrinatio  120:  „Nunc  iteruni  plurimis  in  locis  pluviis  est  pervium, 
ut  novo  aliquo  duce  ac  Principe  simili  indigeat.  " 

^)  TraUato  116  Anm.  1  :  „Fo  speso  piu  de  sey  milia  ducati." 

•'•)  Ebd.:    ,Jn  doe  Jiate  spesero  li  ft-ati  undeco  milia  ducati." 

•"l  Trattato  97.  —  In  einem  Schreiben  des  Kustos  Bartholoniaeus  vom 
2G.  August  1490  werden  die  „olficine"  des  Klosters  erwähnt;  Verniero  699. 

")  Vgl.  Wadding  zum  J.  1478  Nr.  S;  Calahorra  B.  IV  K.  22.  — 
Seiner  ärztlichen  Tätigkeit  gedenkt  auch  Guglingen  136  :  „Mediante  medicina, 
quam  studiose  devotus  frater  Haptista  adhibuit,  transtulit  a  nie  dominus  talem 
vehementem  et  horribilem  dolorem"  und  Fabri  II  115. 

Franzisk.  Studien,  Beihert  4:  Lern  mens,  Die  Franziskaner  auf  dem  Sion.  9 


J^30  VII.    Eine  Zeit  der  Ruhe 

Garten"  umgestalteten  ^).  Das  von  den  Brüdern  in  ihrem  Garteü 
gezogene  Gemüse  war  so  berühmt  imd  gut,  daß  der  Sultan  sich 
davon  erbat,  wenn  er  nach  Jerusalem  kam.  Nach  Surian  kam 
es  vor,  daß  vornehme  türkische  Herren  einen  Umweg  von  30 
und  50  Meilen  machten,  um  auf  dem  Sion  Gemüse  zu  essen; 
und  der  Pascha  von  Damaskus  ließ  seine  Frauen  durch  die 
Brüder  im  Bereiten  des  Gemüses  unterrichten  -). 

So  war  die  Verwaltung  des  P.  Thomacelli  von  schönen 
Erfolgen  und  Fortschritten  begleitet.  Surian  lobt  ihn  sehr;  ein 
Mann  wie  ihn  habe  der  ganze  Orden  des  hl.  Franziskus  für 
diese  Gegend  nicht  mehr.  Wenn  derselbe  noch  länger  im  Amte 
geblieben  wäre,  meint  Surian,  würde  er  noch  manches  erreicht 
und  besonders  „mit  der  göttlichen  Gnade  die  Kapelle  des  Heiligen 
Geistes  wiederhergestellt  haben"  ^).  P.  Guglingen  meinte  freilich, 
diese  Erlaubnis  sei  nicht  so  schwer  zu  erlangen,  die  Beamten 
des  Sultans  hätten  sie  für  300  Dukaten  in  Aussicht  gestellt. 
Aber  niemand,  fügt  Guglingen  hinzu,  gibt  sie  ihnen,  da  man 
fürchten  muß,  daß  sie  das  Geld  annehmen  und  die  Kapelle 
einige  Jahre  später  aufs  neue  zerstören  oder  die  gleiche  Summe 
noch  einmal  fordern  '*). 


M  Surian  116  Anm.  1  und  Fabri.  Evagatorium  I  275.  Der  Kauf- 
kontrakt in  Schublade  25  des  Prokuraarchivs.  Fabri  sagt  vom  Garten :  „Contra 
austrum  et  orientem  et  aquilonem  in  cornu  inoutis  Syon  habent  fratres  magnum 
hortum  [vgl.  Lageplan  oben  76]  ...  In  hoc  horto  diversa  genera  arborum, 
plantas  habent  ficorum  et  nialagranatorum  etc.  et  olera  pro  conventus 
sustentatione.'" 

2)  Surian  113  Anm.  2. 

■*)  Ebd.  116  Anm.  1.  Er  sagt:  „Siraile  al  quäle  per  quelli  lochi  non  ha 
tucta  la  famiglia  de  S.  Francesco."  Die  Nachfolger  des  P.  Thomacelli  scheinen 
weniger  Glück  mit  ihren  Bittgesuchen  gehabt  zu  haben;  wenigstens  berichtet 
Moudjir-ed-dyn,  daß  der  große  im  Januar  1492  durch  Regengüsse  in  der 
Grabeskirche  angerichtete  Schaden  nicht  wieder  hergestellt  werden  konnte; 
Sauvaire  289.  Da3  die  Brüder  Restaurationsarbeiten  planten,  ersieht  man 
u.  a.  aus  dem  Breve  Alexanders  VI.  „Cum  sicut  accepimus"  vom  13.  August 
1496,  durch  das  er  gestattet,  das  Material  nach  Jerusalem  zu  befördern; 
DTS  V  11. 

^)  Itinerarium  288 :  „Sed  nemo  iUis  dabit,  quia  timendum  est,  si  jam 
recepissent,  post  paucos  annos  iterum  destruerent.  vel  tot  ducatos  habere 
vellent." 


131 


VIII.  Streit  mit  den  Georgiern  um  den 
Kalvarienberg,     Neue  Verfolgungen. 
Die  von  den  Franziskanern  am  Ende  des  Mittel- 
alters verwalteten  hl.  Stätten. 
Die  anderen  christlichen  Bekenntnisse  im  Hl.  Lande. 

Seit  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts  bilden  Schwieriglceiten 
mit  den  orientalischen  Christen  ein  fortlaufendes  Kapitel  der 
Franziskanergeschichte  Palästinas;  Intrigen  und  offene  Überfälle 
auf  die  von  den  Brüdern  verwalteten  hl.  Stätten  wechselten  ab, 
und  manches  kostbare  Heiligtum  und  ehrwürdige  Recht  ging 
den  Lateinern  in  diesen  Kämpfen  verloren.  Seitdem  die  Sul- 
tane von  Konstantinopel  über  Palästina  geboten,  wurden  die  am 
Bosporus  einflußreichen  Griechen  die  gefährlichsten  Gegner  der 
Brüder.  Unter  den  ägyptischen  Sultanen  brachte  die  immer 
mehr  drohende  Macht  der  üsmanen  den  gleichfalls  zum  grie- 
chischen Schisma  gehörenden  Georgiern  Einfluß  und  Bedeutung. 
Die  ägyptischen  Herrscher  sahen  in  diesem  tapfern  am  Kau- 
kasus ansässigen  Volke  einen  willkommenen  Bundesgenossen 
gegen  die  gemeinsame  Gefahr  ^  und  wandten  seinen  Vertretern 
im  Hl.  Lande  ihr  Wohlwollen  zu,  so  daß  es  diesen  gelang,  so- 
gar einen  Teil  des  Kalvarienberges  zu  erwerben. 

Als  die  Franziskaner  ihren  Einzug  in  die  Grabeskirche 
hielten,  hatten  die  Georgier  nach  Ludolf  die  Hut  des  Hl.  Grabes^) 
und  nach  Poggibonzi  die  Stelle  inne,  auf  der  der  auferstandene 
Heiland  der  heiligen  Maria  Magdalena  erschien^),  während  die 
Armenier  den  Kalvarienberg  behüteten  ■*).  Diese  werden  von 
mehreren  Pilgern  wegen  ihrer  Frömmigkeit  und   ihres   freund- 


1)  Thenaud  macht  hierauf  schon  aufmorksam:  „Hz  pcuvcnt  emposchor 
los  Perses  et  Turcqz  pour  alcun  tenips  de  non  invader  Ics  terres  (hi  Soiiklan 
et  luy  fönt  assavoir  l'entrepise  de  ses  onnemys";  Voyagc  lO:^ 

2)  Vgl.  oben  S.  r)2  Anm.  2. 

3)  Libro  d'Oltramare  94:  „All  'altro  altare,  ove  Christo  apparve  a 
Santa  Maria  Madalena,  iifiziano  i  Giorgiani." 

*)  Ebd.  94:  „In  monte  Calvario  oftiziano  gli  Krniini." 

9* 


132  streit  mit  den  Georgiern  um  den  Kalvarienberg 

liehen  Entgegenkommens  gegen  die  Lateiner  gerühmt  ^)  und  als 
Männer  geschildert,  die  in  gutem  Einvernehmen  mit  den  Fran- 
ziskanern standen,  weshalb  man  versteht,  daß  letztere  bereits 
im  14.  Jahrhundert  Zulaß  zum  hl.  Berge  erhielten  und  auf  dem- 
selben, wie  uns  mehrere  Pilger  verbürgen  ^),  Gottesdienst  feiern 
konnten.  So  lange  die  Armenier  den  Kalvarienberg  besaßen, 
fehlen  Zeichen  und  Nachrichten  von  Streitigkeiten  mit  den 
Lateinern;  die  Pilger  zeigen  beide  nebeneinander  an  der  hl. 
Stätte^).  Der  Streit  begann  erst,  als  es  1475  den  Georgiern 
durch  reiche  Spenden  gelungen  war,  die  Armenier  von  Golgatha 
zu  verdrängen.  Wie  uns  der  Nürnberger  Ratsherr  Johann 
Tucher,  der  1479  und  1480  in  Palästina  weilte,  in  seiner  wert- 
vollen Reisebeschreibung  mitteilt,  hat  „kürzlich  in  dem  fünfund- 
siebenzigsten  Jahre  der  König  von  Georgien  dem  Sultan  viele 
Gaben  und  Schenkungen  gesandt;  darum  hat  der  Sultan  den 
Georgiten  den  hl.  Berg  Calvarie  eingegeben"  ^). 


1)  Surian,  Trattato  75:  „CorJialmente  ce  amano:  stan  alli  offici  e  misse 
nostre:  adorano  lo  sacramento  che  nui  consecramo."  Guglingen,  Itinera- 
rium  300:  „In  orationibus  et  oHiciis  eoriim  devoti,  sacraraentis  Latinoriim  re- 
verentiam  exhibentes."  Prior  Georg:  „Armeni  nostris  Sacramentis  et  Eccle- 
siis  magnam  ostendunt  reverentiam  oü'erentes  tapetia,  ornatiis  sericos  et  aureos 
et  alia";  Pez  II  T.  3  554. 

2)  Vgl.  oben  S.  97. 

3)  Rochechouart,  Journal  251,  vom  Kalvarienberg:  „In  capella  pre- 
dicta  sunt  tria  altaria  .  .  .  Inter  duo  prima  est  locus  affixionis  crucis  et  rupis 
incise  locus.  Et  liec  duo,  cum  residuo  capelle,  est  Armcnorum.  Tercium 
altare  est  in  angulo,  quod  est  Latinoriim,  et  habent  Fratres  Minores,  quando 
volunt  ibi  celebrare  divina."  Zwei  Jahre  später,  1463,  sagt  P.  Alexander 
Ariosti:  „Huius  vero  loci  Armenoium  Christiani  curam  gerunt,  sicut  et  nostri 
ordinis  fratres  Sancti  Sepulchri;  perpetuo  enim  acccnsas  ibi  lampades  fove- 
mus";  Revue  de  l'Orient  latin  XII  17. 

*)  Reyßbuch  Bl.  355 ^^  Dasselbe  berichten  u.  a.  Fabri,  Evagatorium  I  350 ; 
Baumgarten,  Peregrinatio  91,  und  die  Pilgerfahrt  des  Herzogs  Friedrich  IL, 
Röhricht-Meisner  I  184.  —  Tobler,  Golgotha  292,  läßt  die  Armenier 
1479  von  den  Georgiern  verdrängt  werden  und  beruft  sich  auf  Tucher,  der 
aber  1475  hat.  Daß  dieses  Jahr  zutrifft,  ersehen  wir  aus  Eyb,  der  1476  in 
Jerusalem  weilte  und  vom  Kalvarienberge  sagt:  „Die  Gregoriani  .  .  .  band 
yetz  den  perg  calvarie  inn,  wann  in  vor  dy  Armenij  in  gehabt  haben,  also 
hat  in  der  konig  Soldan  yetz  genommen  und  den  Gorcianij"  gegeben.  Auch 
Ritter  Griinemberg  sagt  im  Jahre  1486  von  den  Georgiern:  „Sie  haben 
auch  inne  den  Berg  Calvarie,  der  ist  ihnen  erst  inne  gegeben  nach  Christi 
Geburt  tausenl  vierhundert  und  fünf  und  siebzig  Jahre".    Lübeck,  Das  Kloster 


Streit  mit  den  Georgiern  um  den  Kalvarienberg  133 

Mit  diesem  von  den  Armeniern  eroberten  Besitze  waren 
aber  die  Georgier  nicht  zufrieden  und  suchten  während  der 
folgenden  Jahre  auch  die  Lateiner  aus  ihren  Rechten  und 
Besitztiteln  auf  Golgatha  zu  verdrängen,  wie  uns  die  im  Prokura- 
archiv bewahrten  Gutachten  der  Kadis  von  Jerusalem  sagen; 
diese  mußten  wiederholt  in  den  Streit  eingreifen  und  bald  diesen 
bald  jenen  Kniff  der  verschlagenen  Georgier  zurückweisen. 

Zum  ersten  Male  treffen  wir  beide  Parteien  im  Oktober 
1493  vor  dem  Richter.  Während  die  Franziskaner  schriftliche 
Beweise  und  als  gültig  anerkannte  Dokumente  für  ihr  Recht 
vorzeigten,  beriefen  sich  die  Georgier  auf  den  Sultan,  der  ihnen 
den  ganzen  Kalvarienberg  geschenkt  habe.  Da  sie  aber  keinen 
Ferman  dieses  Inhaltes  vorlegen  konnten,  wurden  sie  mit  ihren 
Ansprüchen  abgewiesen  und  ihnen  unter  einer  hohen  Geld- 
strafe verboten,  neue  Schwierigkeiten  gegen  die  Franziskaner 
zu  erheben  ^). 

Nichtsdestoweniger  erneuerten  die  Georgier  bereits  nach 
vier  Monaten  ihre  Angriffe,  so  daß  der  Kadi  dieselbe  Frage  aufs 
neue  vor  den  erschienenen  Parteien  verhandeln  mußte.  Die 
Franziskaner  wiesen  wiederum  ihre  Rechtstitel  vor,  kraft  deren 
sie  bisher  auf  dem  südlichen  Teile  des  Kalvarienberges  Gottes- 
dienst gehalten,  ohne  darin  von  jemandem  gestört  worden  zu 
sein.  Die  Georgier  konnten  kein  Schriftstück  vorzeigen,  das 
den  Brüdern  ihr  Recht  genommen  hätte,  und  suchten  diesen 
Mangel  nach  orientalischer  Art  durch  Schreien  und  Lärmen  zu 
ersetzen;  indes  vergeblich:  wieder  wurden  ihre  Ansprüche 
zurückgewiesen  und  das  Recht  der  Franziskaner   anerkannt  ^). 

Da  so  die  Georgier  von  einem  Richterspruch  wenig  zu 
erhoffen  hatten,  suchten  sie  auf  anderem  Wege  zum  Ziele  zu 
kommen.    Wie  wir  aus  einem  Ferman  des  Sultans  Qansu  Guri 


zum  hl.  Kreuze  bei  Jerusalem,  Katlioiilv,  l'Jll,  i5li4,  nennt  die  Aussage 
Grüncmbergs  „ganz  unrichtig"  und  stellt  die  Sache  vollständig  auf  den  Kopf 
mit  dem  schier  unbegreiflichen  Satze:  Die  Georgier  „waren  mehr  als  150  Jahre 
im  ungestörten  und  alleinigen  Besitz  des  Kalvarienberges  gewesen". 

1)  Urkunde  (vom  Muharrem  899)  in  Schublade  ö  des  Archivs  der  Prokura. 

-)  Urkunde  (vom  17.  Djoumadi  el  Aval  899)  an  demselben  Orte.  Cala- 
horra  B.  IV  K.  23,  setzt  die  Urkunde  irrig  in  das  Jahr  1490  (89f));  den  Fehler 
wiederholt  Sehe f er,  V'^oyage  d'Outremer,  Einl.  S.  LXVI. 


134  Neue  Verfolgungen 

erfahren,  versperrten  sie  nun  den  Franziskanern  den  Zugang 
zum  Kalvarienbergo  und  benahmen  ihnen  so  die  Möglichkeit, 
ihre  Rechte  auszuüben.  Die  schlau  ersonnene  List  scheiterte 
jedoch  an  der  durch  viele  Erfahrungen  geschulten  Vorsicht  der 
Brüder.  Diese  beschritten  den  Klageweg  und  brachten  die  Sache 
vor  den  Richterstuhl  des  Sultans,  wo  sie  mit  Unterstützung  des 
französischen  Konsuls  ein  günstiges  Urteil  erhielten :  der  Sultan 
befahl  den  Georgiern,  das  Hindernis  zu  entfernen;  die  Türe 
solle  den  Franziskanern  offen  bleiben  und  alles  in  dem  frühern 
Zustande  belassen  werden  0-  Leider  sollten  die  politischen 
Verhältnisse  den  Georgiern  später  Gelegenheit  und  Veranlas- 
sung geben,  auf  ihre  unberechtigten  Ansprüche  zurückzukommen 
und  sogar  einen  vorübergehenden  Triumph  zu  feiern. 

Die  Regierung  des  Sultans  Qansu  Guri,  der  am  20.  April 
1501  auf  den  Thron  erhoben  wurde,  war  sehr  bewegt;  auf 
allen  Seiten  sah  sich  der  Herrscher  von  Schwierigkeiten  um- 
geben. Von  Norden  drängten  die  Osmanen  immer  stärker  auf 
das  ägyptische  Kalifat.  Im  Osten  zerstörten  die  Portugiesen  den 
Handel  Ägyptens  mit  Indien  und  bedrohten  mit  ihrer  mächtigen 
Flotte  die  Heimat  des  Islams,  während  der  Herrscher  von  Äthio- 
pien mit  ihnen  gemeinsame  Sache  zu  machen  schien.  Im  Westen 
Europas  fiel  Granada,  und  der  Halbmond  mußte  nach  700  Jahren 
aus  Spanien  weichen,  ein  Ereignis,  das  die  sarazenischen  Reiche 
Nordafrikas  zu  einem  Bunde  zusammenschloß,  für  den  sie  auch 
den  Herrscher  Ägyptens  zu  gewinnen  suchten;  er  sollte  die 
christlichen  Kaufleute  aus  dem  Morgenlande  vertreiben  und  den 
Christen  den  Besuch  der  hl.  Stätten  verbieten  ^).  Auf  die  Kunde 
von  diesen  Machenschaften  der  nordafrikanischen  Herrscher  be- 
schloß Ferdinand  von  Kastilien  1501,  einen  Gesandten  nach 
Kairo  zu  senden,  um  beim  Sultan  die  drohende  Gefahr  zu  be- 
schwören. Seine  Wahl  fiel  auf  den  gelehrten  Staatsmann  Petrus 
Martyr  d'Anghiera  ^),  der  mit  zwei  Franziskanern  die  Reise  an- 


1)  Urkunde  (vom  1.  Schaban  910)  in  Schublade  24  des  genannten  Archivs. 

2)  Vgl.  Sehe! er,  Thenaud,  Einl.  S.  XLIV,  dem  wir  hier  vielfach  folgen. 

3)  Er  war  weder  Franziskaner  noch  Gesandter  des  Sultans,  wie  der 
Verfasser  der  Gesta  Dei  zum  Jahre  1490  sagt:  „Fr.  Petrus  Martyr  mittitur 
a  Soldano  in  Hispaniam";  Le  Missioni  Francescane  II  321. 


Neue  Verfolgungen  135 

trat  und  gegen  Ende  1501  in  Alexandrien  landete,  wo  er  beim 
Konsul  der  Franzosen  und  Katalonier  Philipp  von  Perez  (Pa- 
redes)  Wohnung  nahm.  Da  der  Gesandte  ohne  Begleitung  und 
ohne  die  im  Oriente  unvermeidlichen  Geschenke  gekommen  war, 
wollte  der  Sultan  ihn  zunächst  nicht  empfangen.  Die  beiden 
von  d'Anghiera  an  den  Hof  nach  Kairo  entsandten  Franziskaner 
wußten  jedoch  die  Sache  so  geschickt  zu  betreiben,  daß  alle 
Hindernisse  fielen  und  der  Sultan  dem  Gesandten  gestattete,  in 
die  Hauptstadt  zu  kommen  ').  Vom  Herrscher  empfangen,  gelang 
es  d'Anghiera,  nicht  nur  die  gegen  seinen  Monarchen  ausge- 
streuten Anklagen  und  die  heftigen  vom  Sultan  erhobenen  Vor- 
würfe zu  widerlegen,  er  fand  auch  geneigtes  Ohr  für  manche 
Wünsche  und  Anliegen.  So  gestattete  Qansu  Guri,  die  Grabes- 
kirche ^)  und  die  Heiligtümer  in  Jerusalem  und  Bethlehem  so- 
wie die  Häuser  zu  Ramleh  und  Beirut  wieder  herzustellen. 
Auch  versprach  er  die  Pilger  gegen  alle  Unbilden  zu  schützen 
und  die  gegen  sie  erlassenen  Gesetze  zurückzunehmen  •').  Nach- 
dem d'Anghiera  die  hierüber  ausgefertigte  Urkunde  vom  Sultan 

1)  Petrus  Martyr,  Legatio  Babylonica,  Basel  1533,  31.  81^.  Vgl.  Alex, 
de  Miltiz,  Manuel  des  Consuls,  London  1838,  Bd.  II,  T.  I  247—253. 

')  Nach  Moudjir-ed-dyn  war  die  Grabeskirche  1492  schwer  heim- 
gesucht worden.  „En  cette  annee  [897]  dans  le  mois  de  rabi  premier  ...  un 
terrible  effondrement,  caus6  par  la  pluie,  eut  lieu,  pendant  la  nuit  dans  l'eglise 
de  Qomämeh,  ä  J6rusalem  . . .  Ancune  reparation  n'a  6t6  falte  jusqu'ä  ce  jour" ; 
Sauvaire  289.  —  Anfang  des  Ramadan  904  (1499)  wurde  ein  Gutachten  ab- 
gegeben, daß  mehrere  Gewölbe  in  der  Grabeskirche  eine  Restauration  er- 
heischten; Urkunde  in  Schublade  16  des  Prokuraarchivs;  eine  andere  des 
gleichen  Inhaltes  in  Schublade  ;^3.     Vgl.  oben  S.  130  Anm.  3. 

3)  Petrus  Martyr  berichtet  über  die  in  seiner  Audienz  beim  Sultan  vor- 
getragenen Bitten:  „Ut  Hierosolymis  vetustate  collapsa  reficere,  ut  ea 
quae  ruinam  minantur  a  nostris  maioribus  ad  Christi  meraoriam  aedificata 
resarcire  permittatur,  quae  Mahometaei  sacerdotes  nullo  unquam  tempore  ab 
imperio  Christicolis  erepto  renovare  passi  sunt.  Soldanis  enim  praeteritis 
Mahometaea  lege  vetitum  id  fuisse  sacerdotes  persuaserant.  Neque  in  ipsa 
urbe  solum,  sed  in  Beryto,  Rama,  Bethleem,  ccterisque  locis,  quibus  exstant 
aliqua  de  Christi  gestis  monumenta,  modo  velitis,  jam  licet  reficere.  Prae- 
tcrea  ut  novae  cxactiones  et  recentia  tributa  tollantur,  quae  per  Soldanicos 
magistratus  in  peregrinos  ad  intolerandum  jam  cumuhim  adaucta  fuerant,  et 
persolvere  nemo  jam  quiret;  utque  ignominiis  in  peregrinos  illalis  provideretur, 
ad  vetera  maiorum  tributa  poregrinorum  persolutiones  rcdigantur;  si  quis  pere- 
grinum  posthac  molestia  ve!  ignominia  confecerit,  graviter  puniatur  clfiagito"; 
Legatio  Bl.  88  \ 


136  Neue  Verfolgungen 

empfangen  hatte,  verließ  er  Kairo  0,  um  nacli  Granada  zurück- 
zukehren. 

Die  Bemühungen  des  Gesandten  scheinen  nicht  ohne  Frucht 
geblieben  zu  sein.  So  lesen  wir,  daß  der  Sultan  1504  die 
Brüder  gegen  einen  Scheik  „der  Berge  bei  Nablus",  der  sie 
mißhandelt  und  übermäßige  Abgaben  von  ihnen  erpreßt  hatte, 
in  Schutz  nahm  ^). 

Unterdessen  war  die  Spannung  zwischen  dem  Sultan  und 
Portugal  immer  größer  geworden.  Die  Portugiesen  hatten 
ihre  Unternehmungen  gegen  die  ägyptischen  Schiffe  fortgesetzt 
und  dem  Handel  der  Sarazenen  schweren  Schaden  zugefügt, 
weshalb  Qansu  einen  Boten  an  den  Papst,  die  Republik  Vene- 
dig und  die  Könige  von  Spanien  und  Portugal  zu  senden  be- 
schloß. Wie  der  venetianische  Konsul  Contarini  am  1.  Sep- 
tember 1503  aus  Alexandrien  schrieb,  schickte  Qansu  nach 
Jerusalem  Befehl,  daß  der  Guardian  des  Klosters  zum  Papste 
und  nach  Spanien  gehe  ^).  P.  Maurus,  ein  Spanier,  der  seit 
1501  an  der  Spitze  der  Kustodie  stand,  ging  alsbald  nach  Kairo, 
um  die  Aufträge  des  Herrschers  entgegenzunehmen,  mußte  aber 
bis  in  das  folgende  Jahr  warten,  ehe  er  nach  Europa  abreisen 
konnte  "*).  Er  begab  sich  zunächst  nach  Venedig,  wo  er  wieder- 
holt im  März  und  April  1504  mit  den  Behörden  verhandelte^). 
Der  Rat  hielt  es  nicht  für  ratsam,  P.  Maurus  Empfehlungen  an 


1)  Bevor  er  abreiste,  besuchte  er  das  Heiligtum  der  hl.  Familie  zu 
Matarieh,  wo  der  Guardian  des  Sionklosters  zelebrierte;  Legatio  Bl.  90 ^ 

-)  Urkunde  im  Archiv  der  Prokura. 

3)  Sanuto  V  Sp.  162:  „Per  il  signor  soldan,  per  le  nove  di  Portogallo 
fo  raandato  per  li  frati  die  Jerusalem,  dicendoli  al  gardian  andasse  al  papa 
e  in  Spagna,  aliter  disfaria  il  Sepxdcro."  Hörn  sagt,  daß  der  Guardian  selbst 
diese  Gesandtschaft  dem  Sultan  geraten  habe,  als  dieser  die  Zerstörung  der 
heihgen  Stätten  androhte;  Golubovich,  Hörn  109.  Bei  dieser  Gelegenheit 
erhielt  P.  Maurus  vom  Sultan  die  Erlaubnis,  das  Hl.  Grab  zu  öffnen  und  ihm 
einige  Reliquien  zu  entnehmen;    ebd.  110.  ^)  Sanuto  IV  Sp.  706. 

ä)  Sanuto  V  Sp.  948  zum  6.  März  1504:  es  erschien  beim  Rate  „quel 
frate  di  Jerusalem  venuto  per  orator  dil  soldan";  Sp.  962  zum  9.  März  l.'jOl: 
„vene  il  guardian  di  Jerusalem,  di  nation  yspano  .  .  .  stete  poco  perö  in  Co- 
legio";  VI  Sp.  11  zum  12.  April  1504:  „Prima  la  matina  el  vardian  di  Jeru- 
salem, orator  dil  soldan  per  le  cosse  di  Coloqut,  et  ave  audientia  con  11  capi." 
Mit  diesen  Aufzeichnungen  Sanutos  ist  die  Frage  entschieden,  ob  P.  Maurus 
Franziskaner  oder  Oberer  eines  Sinaiklosters  war,  wie  unter  andern  Civezza, 


Neue  Verfolgungen  137 

die  Höfe  von  Spanien  und  Portugal  mitzugeben,  da  sie  den 
Schein  erwecken  Ivönnten,  als  sei  die  Sendung  des  Boten  nicht 
aus  dem  freien  und  eigenen  Entschluß  Qansus,  sondern  auf  den 
Rat  der  Republik  erfolgt.  Zu  der  Drohung  des  Sultans,  das 
Hl.  Grab,  die  Kirche  auf  dem  Sion  und  die  andern  christlichen 
Gotteshäuser  seines  Reiches  zu  zerstören  oder  zu  schließen, 
meinte  der  Rat,  das  könne  dem  Handel  der  Sarazenen  nichts 
nützen;  denn  kein  christlicher  Fürst  werde  wegen  dieser  Maß- 
regeln Krieg  mit  den  Portugiesen  beginnen.  Hingegen  werde 
es  dem  Sultan  schaden  und  die  Pilger,  die  seinem  Lande  man- 
chen Nutzen  brächten,  fernhalten.  Der  Gesandte  möchte  seinen 
Fleiß  und  seine  Klugheit  aufwenden,  um  jeden  Schaden  der 
hl.  Stätten,  den  die  Ratsherrn  aufs  tiefste  bedauerten  und  mit 
ihrem  eigenen  Blute  gut  machen  möchten,  zu  verhindern.  Sie 
dankten  P.  Maurus  für  seine  Mühe,  bestritten  die  Reisekosten, 
hofften,  daß  seine  Reise  nicht  vergebens  sei,  und  versprachen, 
ihm  weiteres  bei  seiner  Rückkehr  zu  sagen  0- 

Von  Venedig  begab  sich  P.  Maurus  nach  Rom  zum  Papste  ^) 


Missioni  Francescane  VI  369  Anm.,  entschieden  behauptet.  Die  Ursache  von 
diesem  Irrtum  dürfte  in  einer  Verwechslung  von  „Sion"  und  „Sinai"  zu  sehen 
sein,  die  auch  in  dem  (in  der  folgenden  Anmerkung  teilweise  mitgeteilten) 
Schreiben  des  Rates  vom  23.  Mai  1504  unterlaufen  ist. 

1)  In  dem  Schreiben  des  Rates  an  den  Vertreter  Venedigs  Franz  Teldi 
vom  23.  Mai  1504  heißt  es,  daß  sie  P.  Maurus  Ivcin  Empfehlungsschreiben  an 
die  Höfe  von  Spanien  und  Portugal  mitgeben  dürften,  da  dies  den  Schein 
verursachen  könnte,  „che  la  venuta  de  questo  guardian  non  fusse  sta  de  mera 
voluntä  del  Signor  Soldan  ma  mandado  a  requisition  nostra  .  .  .  Ma  perchel 
soprascripto  venerabil  Guardian  de  monte  Sion  inter  cetera  ne  ha  detto  et 
cussi  contengono  le  lettere  del  signor  Soldan,  che  non  se  abstenendo  Porto- 
gallesi  dal  viazo,  sua  Ceisitudine  farä  serar  el  Sancto  SepoJcro,  item  la  chiesia 
de  Monte  Synai  [muß  heißen  „Sion"J  et  altre  chiesie  del  suo  paese,  cosa  certo, 
che  a  nui  non  par  poter  offerir  alcun  remedio  a  questa  navigazione,  perche 
per  tal  clausura  non  se  movcria  aicuno  principe  christiano  alla  guerra  contro 
Portogallesi,  et  seria  cum  denigration  de  la  reputation  che!  prefato  signor 
Soldan  recevc  per  liavcr  nel  paese  suo  dilti  luogi,  li  quali  etiam  stando  cussi 
aperti  ge  sonno  de  utiiitä";  S.  Romanin,  Storia  documentata  di  Venezia  IV, 
Venedig  1855,  535—540.  In  der  P.  Maurus  übergebenen  Antwort  heißt  es 
noch:  „Nuy  se  dolemo  fina  ne  1' anima,  pur  de  pensarse  tanto  exterminio,  et 
vossamo  cum  el  proprio  sangue  remediar,  per  la  reverentia  habiamo  verso  el 
nostro  missier  Jesu  Christo";  Archivio  Veneto,  Bd.  11  T.  1,  Venedig  1H71,  202. 

2)  Vgl.  Golubovich,  Hörn  lüü. 


138  Neue  Verfolgungen 

und  im  iVugust  nach  Spanien  und  Portugal,  wohin  Julius  II., 
der  von  den  Drohungen  des  Sultans  sehr  ergriffen  war,  ein 
Schreiben  mitgab.  Die  Autwort  des  spanischen  Königs  ist  nicht 
bekannt.  Der  König  von  Portugal  erwiderte,  der  Heilige  Vater 
möchte  sich  wegen  der  Drohungen  des  Sultans  nicht  zu  sehr 
ängstigen ;  wenn  Gott  in  Zukunft  seine  Waffen  weiter  segne, 
so  hoffe  er  sich  eines  Tages  der  Stadt  Mecka  zu  bemächtigen 
und  das  Grab  des  Propheten  in  Medina  zu  zerstören.  Der  Papst 
möge  die  christlichen  Fürsten  einigen  und  für  diese  Pläne 
gewinnen. 

Obgleich  die  Sendung  des  P.  Maurus  ohne  den  erhofften 
Erfolg  geblieben  war,  zögerte  Sultan  Qansu  mit  der  Ausführung 
seiner  Drohungen,  bis  die  schwere  Niederlage  der  ägyptischen 
Flotte  im  Golf  von  Ayas  seinen  Zorn  aufs  höchste  steigerte. 
Unter  Bedeckung  von  28  Galeeren  waren  die  Lastschiffe  des 
Sultans  in  die  Gewässer  von  Ayas  an  der  kleinasiatischen  Küste 
gefahren,  um  daselbst  Holz  und  Kriegsmaterial  zu  laden,  von 
der  Flotte  der  Rhodusritter  aber  am  23.  August  1510  über- 
fallen worden;  einige  Schiffe  wurden  verbrannt,  andere  in  den 
Grund  gebohrt  und  die  übrigen  nach  Rhodus  gebracht. 

Die  Nachricht  von  dieser  Niederlage  reizte  den  Sultan 
ungeheuer.  Er  ließ  alle  abendländischen  Schiffe,  die  sich  in 
den  Häfen  Ägyptens  und  Syriens  befanden,  mit  Beschlag  be- 
legen, die  christlichen  Kaufleute,  im  ganzen  mehr  als  1000  Per- 
sonen, gekettet  nach  Kairo  bringen  und  ihre  Waren  im  Werte 
von  500  000  Dukaten  wegnehmen.  Natürlich  blieben  die  Fran- 
ziskaner nicht  verschont.  Wie  ein  venezianischer  Kaufmann 
am  7.  Januar  1511  schrieb  '),  wußten  „gewisse  Gläubige",  wahr- 


1)  Am  7.  Januar  1511  schrieb  Matthias  von  Colty  dem  venezianischen 
Kanzler  Filetti  auf  Kreta:  „Quando  fo  la  furia  de  l'armata  sua,  per  certi  fidclj 
11  fo  detto  come  in  Jeruxalem  hera  arme  per  persone  1000,  et  artegliarie 
assai  et  danarj  et  argenti  assaj,  unde  el  ditto  signor  soldan  niandö  uno 
castellan  a  veder  et  internier  de  tal  cosse  et  li  prexe  tut]  li  fratj,  et  parte 
mandö  al  Caiero,  et  li  altri,  che  rimaxe,  battette  crudelmente  sotto  i  piedi,  el 
corpo,  el  culo,  adeo  per  forza,  li  fo  appelontar  dove  herano  li  denarj  et  robe, 
et  trovono  da  ducati  4000,  et  arzenti,  calexi,  paramenti,  tapezarie  et  altro 
mobile,  per  ducati  6000;  et  monicion  non  fo  trovata,  per  non  esser  la  veritä, 
quello  se  diceva.  Poi  tolseno  quel  chomanda,  et  lo  messo  in  croxe  et  fece 
Stare  tre  zornj,  cussi  volendo  che  dicesse  quello  che  non    sapeva.     El    quäle 


Neue  Verfolgungen  139 

scheinlich  die  Georgier,  Qansii  Guri  zu  überbringen,  „wie  in 
Jerusalem  Waffen  für  1000  Personen  und  genügende  Artillerie 
und  Geld  und  Silbergerät  sei,  weshalb  der  Sultan  einen  Boten 
hinsandte,  um  die  Sache  zu  untersuchen.  Dieser  nahm  alle 
Brüder  gefangen  und  sandte  einen  Teil  derselben  nach  Kairo. 
Jene,  die  zurückblieben,  ließ  er  grausam  unter  den  Füßen  und 
über  den  Körper  .  .  .  schlagen,  um  zu  erfahren,  wo  das  Geld 
und  die  Wertgegenstände  seien.  Man  fand  4000  Dukaten  und 
Silbersachen,  Kelche,  Paramente,  Teppiche  und  anderes  im  Werte 
von  6000  Dukaten,  aber  keine  Waffen,  da  die  Anklage  nicht 
auf  Wahrheit  beruhte.  Dann  ergriff  man  den  Obern  0,  spannte 
ihn  aufs  Kreuz  und  ließ  ihn  so  drei  Tage  stehen,  um  von  ihm 
zu  hören,  was  er  nicht  wußte.  Doch  gestand  er,  daß  er  1242 
für  die  Kirche  bestimmte  Dukaten  hatte.  Man  nahm  alles  fort 
und  gab  dem  Sultan  Nachricht.  Dieser  ließ  nun  die  Brüder  in 
Freiheit  setzen,  stellte  sie  aber  unter  Aufsicht,  während  die 
beschlagnahmten  Gegenstände  und  das  Geld  bis  auf  weitern 
Befehl  des  Sultans  auf  eine  Kammer  gebracht  und  daselbst 
versiegelt  wurden".  Die  Klöster  und  die  Kirche  des  Hl.  Grabes 
wurden  geschlossen  ^). 

Doch  dauerte  dieser  Zorn  des  Sultans  nicht  lange.    Nach- 
dem die  erste  Aufregung  vorüber  und  sein  Geist  ruhigem  Cber- 


confessö  haver  ducati  1242  de  contadj,  i  quali  herano  denarj  per  spendor  per 
la  jesa,  et  tuti  tolse,  et  scrisse  al  signor  soldan,  el  quäle  fece  lassar  i  frati, 
ma  stano  con  guardia,  et  tuto  robe  ot  denari  messo  in  una  camera,  et  quella 
bollada,  fln  altro  ordine  el  signor  soldan";  Sanuto  XII  Sp.  154.  Einiges  wird 
auch  berichtet  vom  Verfasser  der  Annales  Ragusini  anonymi.  In:  Monuraenta 
spectantia  historiam  Slavorum  meridionalium,  XIV,  Agram  1883,  96;  er  gibt 
als  Wert  der  gefundenen  Geräte  5000  Dukaten  an.  Vgl.  auch  in  demselben 
Bande  S.  275  die  Annales  des  Nikolaus  von  Ragnina. 

1)  Es  war  P.  Bernardinus  von  Siena;  vgl.  Golubovich,  Serie  42, 
nicht,  wie  Schcfer,  Thenaud  4  Anm.  2,  sagt,  P.  Franz  Surian,  der  sein 
zweites  Triennium  1512  antrat. 

'-)  Nicht  bloß  für  die  Lateiner,  wie  Thenaud  sagt:  „Le  Souldan  d'Egypte 
et  de  Babillonye . . .  detenoit  en  prison  le  gardien  et  les  religieux  de  Hieru- 
salem,  lesquelz  avoit  oste  du  Sainct  Sepulchre  en  le  fermant  ä  tous  les  La- 
tins";  Sehe f er,  Thenaud  4,  sondern  für  alle  Christen.  Der  venezianische 
Gesandte  Trevisan  sagt  ausdrücklich:  „I/eglise  du  Saint-Söpulcre  fermee  de- 
puis  deu.x  ans  et  dans  laqueile  aucun  chreticn  ne  pouvait  entrer" ;  Schefer, 
Thenaud  200. 


j^40  Neue  Verfolgungen 

legungen  zugänglich  geworden  war,  gelang  es  dem  gleichfalls 
gefangenen  französischen  Konsul  Philipp  von  Perez,  Qansu 
Guri  durch  einen  ergebenen  Mittler  auf  den  König  von  Frank- 
reich hinzuweisen,  der  ihm  als  der  mächtigste  unter  den  christ- 
lichen Herrschern  gute  Dienste  in  den  obwaltenden  Schwierig- 
keiten leisten  und  bei  seinem  Vasallen,  dem  Großmeister  von 
Rhodus,  die  Herausgabe  der  erbeuteten  Schiffe  erwirken  könnte  ^). 
Der  Sultan  griff  den  Gedanken  auf  und  beschloß,  Boten  nach 
Rhodus  und  Frankreich  zu  senden,  während  andere  Gesandte, 
unter  ihnen  der  süddeutsche  Franziskaner  P.  Nikolaus  Wanckel, 
nach  Rom  geschickt  wurden.  „Ich  wurde",  erzählt  dieser,  „ge- 
fangen nach  Kairo  vor  den  Sultan  geführt  und  dann  nach  Rom 
geschickt  zum  Hl.  Vater  dem  Papste,  und  darnach  wiederum 
gen  Kairo  zum  Sultan,  in  dessen  Gegenwart  und  Angesicht  ich 
dreimal  gewesen  bin"  ^), 

Nach  Rhodus  gingen  zwei  Franziskaner  und  ein  Katalo- 
nier,  die  aber  beim  Großmeister  nichts  erreichen  konnten.  Die 
Auslieferung  der  Schiffe  lehnte  derselbe  ab;  er  habe  gewußt, 
daß  die  erbeuteten  Schiffe  gegen  Rhodus  ziehen  sollten,  und 
sie  daher  mit  vollem  Rechte  weggenommen.  Wenn  der  Sultan 
drohe,  das  Hl.  Grab  zu  zerstören,  so  sei  das  nicht  ernst  zu 
nehmen,  da  er  sich  hierdurch  selbst  schaden  und  der  Einnahmen 
berauben  würde,  die  er  von  den  Pilgern  hätte.  Wenn  er  aber 
den  Franziskanern  zu  Jerusalem  ein  Leid  zufügen  wollte,  so 
sei  für  diese  die  Zeit  gekommen,  etwas  um  des  Namens  Jesu 
Christi  willen  zu  leiden^). 

Mehr  Erfolg  hatten  die  beiden  anderen  Brüder,  die  mit  einem 
aus  Ragusa  stammenden  Kaufmann  an   den  französischen  Hof 

1)  Der  venezianische  Konsul  Thomas  Contarini  schrieb  am  13.  ^lärz 
1511  aus  Kairo  an  den  Befehlshaber  von  Kreta  Miani,  daß  der  Sultan  in  allem 
dem  französischen  Konsul  zu  gefallen  suche,  da  dieser  ihm  vieles,  besonders 
für  Indien,  verspreche,  daß  der  Sultan  aber  der  Republik  feindlich  gesinnt 
sei;  Sanuto  XII  Sp.  308. 

-)  Kurtze  Vermerkung  Bl.  Bij^.  Die  Worte  des  P.  Nikolaus  lassen  an- 
nehmen, daß  er  nicht  von  Rom  weiter  nach  Frankreich  ging.  Colty  schreibt 
am  7.  Januar  löll  von  zwei  Brüdern,  die  an  der  Vigil  von  Weihnachten  von 
Alexandrien  nach  Rom  fuhren  und  von  dort  sogleich  nach  Frankreich  gehen 
sollten;  Sanuto  XII  Sp.  154. 

3)  Sanuto  XII  Sp.  308. 


Neue  Verfolgungen  14l 

abgesandt  wurden.  Qansii  Guri  gab  ihnen  einen  Brief  an 
Ludwig  XII.  mit,  in  dem  er  zunächst  einen  Rückblick  auf  sein 
früheres  Verhalten  gegen  die  Franziskaner  und  die  hl.  Stätten 
wirft.  Er  habe  den  Brüdern  erlaubt,  im  Hl.  Grabe  und  in  den 
andern  Klöstern  seines  Reiches  notwendige  Arbeiten  vorzu- 
nehmen, sie  und  ihre  Häuser  den  Beamten  empfohlen,  sowie 
jede  ihnen  zugefügte  Unbilde  bestraft,  bis  der  Verrat  und  Treu- 
bruch des  Herrn  von  Rhodus  erfolgte.  Auf  diesen  hin  habe 
sein  Rat  es  für  gut  befunden,  strenge  Maßregeln  zu  ergreifen, 
weshalb  er  das  Hl.  Grab  und  die  Klöster  schließen,  den  Guar- 
dian und  die  Brüder  vorführen  und  alle  goldenen  und  silbernen 
Geräte  beschlagnahmen  ließ,  da  sie  zur  Jurisdiktion  des  Herrn 
von  Rhodus  gehörten.  Dieses  Verhältnis  wollte  er  jetzt  ändern; 
es  sei  sein  Wille,  das  Hl.  Grab  der  Herrschaft  und  der  Regie- 
rung des  Königs  von  Frankreich  zu  unterstellen;  das  gleiche 
wolle  er  für  die  übrigen  hl.  Orte  verfügen  und  sie  den  vom 
König  bezeichneten  Ordensleuten  übergeben.  Auch  werde  er 
den  aus  Frankreich  kommenden  Schiffen  und  Waren  freies  Ge- 
leite gewähren.  Bisher  habe  er  die  venezianische  Nation  mehr 
als  die  andern  Franken  geschätzt;  jetzt  gelte  seine  Bewunderung 
den  Franzosen,  weshalb  er  die  gegenseitige  Freundschaft  noch 
fester  begründen  wolle  ')• 

Man  begreift  leicht,  daß  dieses  Schreiben  am  französischen 
Hofe  große  Begeisterung  weckte  und  den  Boten  des  Sultans 
die  beste  Aufnahme  erwirkte.  Ludwig  XII.  beschloß,  einen  Ge- 
sandten nach  Kairo  zu  senden,  der  die  schwebenden  Fragen 
mit  Qansu  Guri  besprechen  und  die  Beziehungen  fester  knüpfen 
sollte.  Seine  Wahl  fiel  auf  seinen  Sekretär  Andreas  Le  Roy, 
den  auf  Wunsch  der  Herzogin  Luise  von  Savoyen  der  Guardian 
der  Franziskaner  zu  Angouleme,  P.  Johann  Thenaud,  begleitete. 
Er  sollte  für  die  Herzogin  an  den  hl.  Stätten  beten  und  in  ihrem 

')  Der  vom  10.  November  1510  datierte  Brief  des  Sultans  an  König  Lud- 
wig XII.  ist  mitgeteilt  von  Sanuto  XII  Sp.  624-630.  Es  heißt  daselbst  Sp.629: 
„ß  parso  di  nostra  voluntä  constituire  in  vostro  dominio  et  regimento  el  sacro- 
santo  sepulcro,  et  quello  stare  per  nome  de  vostra  serenitä,  e  per  simile  tutti 
altri  lochi  sacri,  et  comandaremo  et  ordineremo  . .  .  fare  aprire  lo  sacrosanto 
sepulcro  et  li  ailri  lochi  sacri  et  consigiiarli  a  li  religioii,  che  per  vostra 
serenitä  sarä  ordinato." 


i4^  Neue  Verfolgungöii 

Namen  an  der  Krippe  des  Erlösers  Gold,  Weihrauch  und  Myrrhe 
opfern. 

Diese  Beziehungen  des  ägyptischen  Hofes  zum  französi- 
schen Könige  wurden  von  der  Republik  Venedig  mit  großer 
Eifersucht  verfolgt.  Ihr  Konsul  Contarini  hatte  alles  genau 
beobachtet  und  seine  Regierung  auf  dem  laufenden  gehalten. 
Mit  Genugtung  hatte  er  den  Mißerfolg  wahrgenommen,  den  die 
Sendung  der  ägyptischen  Boten  in  Rhodus  hatte.  Es  w^ar  der 
erste  Stoß,  den  das  von  Qansu  Guri  dem  französischen  Konsul 
Perez  geschenkte  Vertrauen  erhielt ;  der  Sultan  habe  eingesehen, 
schreibt  Contarini,  daß  Perez  „ein  falscher  und  verlogener 
Mensch"  sei  0-  Jetzt  galt  es  der  Gefahr,  die  Venedig  von  der 
französischen  Gesandtschaft  drohte,  entgegen  zu  wirken.  Zu  die- 
sem Zwecke  beschloß  die  Republik,  gleichfalls  einen  Boten  nach 
Kairo  zu  senden,  und  bestimmte  hierfür  Domenico  Trevisan. 
Er  sollte  die  Handelsbeziehungen  mit  Ägypten  erneuern  und 
erwirken,  daß  die  Franziskaner  in  ihre  Klöster  und  Heiligtümer 
zurückkehren  könnten,  sowie  daß  die  Sicherheit  der  Pilger  ge- 
währleistet werde. 

Es  war  für  die  hl.  Stätten  ein  Glück,  daß  der  gewandte 
Venezianer  Trevisan  in  dieser  Angelegenheit  nach  Kairo  ge- 
schickt wurde.  Während  der  französische  Gesandte  durch  sein 
„hohes"  Auftreten  den  Sultan  verletzte  ^),  wußte  Trevisan  das 
Wohlwollen  Qansus  in  besonderem  Maße  zu  gewinnen.  Der 
Sultan,  der  ihn  am  10.  Mai  1512  zum  ersten  Male  empfing, 
rühmte  dem  Dogen  die  „Klugheit,  den  Geist,  die  Gewandtheit, 
die  guten  Formen  und  Antworten"  des  Gesandten,  die  ihn  be- 
stimmt hätten,   seine  Bitten  zu   erfüllen  ^).     Eine  dieser  Bitten 


1)  Vgl.  den  Brief  Contarinis  vom  13.  März  1511  bei  Sanuto  XII 
Sp.  308;  es  heißt  daselbst:  „questo  console  de'  catellani  osser  homo  falso  e 
biisardo." 

2)  Vgl.  den  Bericht  des  Markus  Antonius  Trevisan  vom  4.  Sep- 
tember 1512  bei  Sanuto  XV  Sp.  202—208;  es  heißt  daselbst  Sp.  206: 
„L'  orator  francese,  quäl  essendo  a  1'  audientia  di  Soldan,  come  e  costume  de' 
francesi,  volse  parlar  un  poco  altamente  su  la  richiesta  di  far  aprir  el  Santo 
Sepulchro,  el  Soldan  li  disse  vilania." 

^)  Sanuto  XV  Sp.  265;  der  Sultan  rühmt  „prudentia,  pien  d' intelecto, 
et  pi'aticha,  et  boni  costumi,  et  bone  risposte  al  nostro  conspecto  nobile." 


Neue  Verfolgungen  143 

War  dem  französischen  Gesandten  bereits  abgeschlagen  worden; 
vergebens  hatte  dieser  gebeten,  daß  die  Grabeskirche  wieder 
geöffnet  und  den  Brüdern  zurückgegeben  werde.  Trevisans  Ge- 
such fand  Gehör  Oj  c^ie  Gefängnisse  öffneten  sich,  und  nach 
zweijähriger  Haft  konnten  die  Franziskaner  im  Sommer  1512 
nach  Palästina  zurückkehren  ^). 

Wie  uns  Siirian  berichtet  ^),  hatte  der  wegen  seiner  Tu- 
gend und  Klugheit  vom  Sultan  und  allen  Bewohnern  Kairos 
hoch"  verehrte  koptische  Patriarch  unsern  Gefangenen  große 
Liebe  erzeigt;  die  Bemühungen  der  Franziskaner,  den  von  Su- 
rian  mit  dem  hl.  Patriarchen  Johannes  von  Alexandrien  ver- 
glichenen Prälaten  für  die  Wiedervereinigung  mit  Rom  zu  ge- 
winnen, blieben  jedoch  ohne  Erfolg. 

Zu  Jerusalem  erwartete  die  Brüder  ein  großer  Schmerz. 
Die  Georgier  hatten  die  Abwesenheit  der  Franziskaner  ausge- 
nützt und  sich,  sobald  die  Basilika  des  Hl.  Grabes  wieder  ge- 
öffnet war,  in  den  Besitz  des  ganzen  Kalvarienberges  gesetzt; 
der  Altar  der  Lateiner  wurde  zerbrochen  und  ihre  Lampen 
entfernt,  den  Brüdern  sogar  der  Zutritt  zum  Kalvarienberge 
verwehrt  ^).  Surian,  der  um  diese  Zeit  zum  zweiten  Male  an 
die  Spitze  der  Mission  gestellt  wurde,  war  nicht  der  Mann,  um 
ohne  Kampf  die   alten  Rechte  preiszugeben,   und   stritt,  wie  er 


1)  Ebd.  Sp.  206:  „L' orator  andö  dal  Soldan  et  domandoli  de  gratia  che 
i  frati  de  Jerusalem  fosseno  liberati  et  che  potesseno  ritornar  a  le  sue  devu- 
tion  ai  soi  lochi,  e  che  la  nostra  galia  de  pelegrini  potesse  venir  al  suo  viazo 
con  i  pellegrini  justa  il  consueto.  Soa  signoria  fu  contenta  e  compiacete 
r  ambasador  con  questa  condition  eh'  el  voleva  che  1'  aprir  del  Sancto-Sepulcro 
fosso  deferido  fino  al  zonzer  della  nostra  galia  de  pelegrini  al  Zafo;  sichö  i 
frati  di  Jerasalem  sono  andati  ai  lochi  santi  di  Jerusalem;  b  stä  bella  con- 
cession  hessendo  sta  negata  a  1'  orator  francese".  Vgl.  auch  Golubovich, 
Trattato  di  Suriano  S.  LV  Anm.  1,  wo  ein  Auszug  des  Berichtes  des  M.  A.  Tre- 
visan  mitgeteilt  ist. 

-)  Der  Tag  der  Rückkehr  wird  nicht  angegeben.  Aus  dem  Berichte 
Paganis  ersehen  wir,  daß  Trevisan  mit  dem  Guardian  am  27.  Juni  1512  in 
Matarich  war  (Sehe f er,  Thenaud  201),  während  Thenaud  die  Brüder  Ende 
August  desselben  Jahres  schon  in  Jerusalem  traf  (ebd.  94). 

3)  Trattato  78. 

*)  Surian,  Trattato  3t  Anm.  1:  „Rompendono  lo  altare  ole  lampade, 
priuando  li  Frati  che  non  poteuano  piii  andarui." 


]^44  Neue  Verfolgungen 

selbst  erzählt  ^),  ein  ganzes  Jahr  mit  den  Georgiern,  bis  er  eiii 
günstiges  Urteil  erfochten  hatte. 

Beide  Teile  brachten  ihre  Zeugnisse  und  Gutachten  vor 
den  Sultan.  Da  sich  die  Urkunden  widersprachen  und  die 
Frage  nicht  klar  stellten,  der  Sultan  aber  keinem  mißfallen 
wollte^),  übertrug  er  die  Entscheidung  des  Falles  dem  Kadi 
von  Jerusalem.  Dieser  beschied  im  Juli  1513  die  Parteien  auf 
den  Kalvarienberg  und  setzte  die  in  der  Mitte  stehende  Säule 
als  Grenze  fest;  ein  Gitter  sollte  ober-  und  unterhalb  derselben 
aufgestellt  werden,  um  die  streitenden  Parteien  zu  trennen. 
Den  Franziskanern  wurde  wie  früher  der  rechte  Teil  des  Berges 
zugesprochen,  während  der  linke  den  Georgiern  verblieb^). 
Betreffs  der  unter  Golgatha  gelegenen  Adamskapelle  wurde 
den  Georgiern  das  von  den  Pilgern'*)  bezeugte  Besitzrecht  be- 
stätigt, den  Lateinern  aber  ein  Schlüssel  und  das  Recht  zuge- 
standen, so  oft  sie  wollten,  einzutreten  und  daselbst  Kerzen 
anzuzünden  ■').  Die  Energie  Surians,  die  im  Orient  unvermeid- 
lichen Geldspenden*^)  und  die  Unterstützung  des  französischen 
Gesandten")  hatten  diese  glückliche  Lösung  bewirkt;  letzterer 
half  insbesondere,  daß  der  von  den  Georgiern  zerstörte  Altar 
der  Lateiner  wieder  hergestellt  wurde.    Die  damals  festgesetzte 

1)  Ebd.:  „Litigai  con  loro  tutto  uno  anno." 

-)  Ebd.  75  Anm. :  „Lo  soldano  non  1'  ha  voluta  decidere  per  non  scompia- 
cere  a  loro  overo  ad  noi." 

•')  Urkunde  in  Schublade  25  des  Prokuraarchives.  Calahorra,  B.  IV 
K.  32,  meint,  Surian  habe,  um  nicht  den  ganzen  Berg  zu  verlieren,  „aus  der 
Not  eine  Tugend  gemacht"  und  die  Hälfte  abgetreten;  ähnlich  Schefer,  The- 
naud  Einl.  S.  LXVI.  Daß  dies  nicht  zutrifft,  ergibt  sich  schon  daraus,  daß 
unsere  Brüder  nie  den  ganzen  Berg  besaßen. 

■*)  So  sagt  Rochechouart,  Journal  256:  „Tenent  altare  sub  monte 
Calvarie." 

5)  Dies  ist  der  Sinn  des  vom  Kadi  gefällten  Urtciles,  und  domentsprechend 
muß  verstanden  werden,  was  Surian,  Trattato  :34  Anm.  1,  sagt:  „Li  tolse 
la  chiesia  che  teniuano  sotto  el  preditto  Monte."  Öfter  wird  diese  Kapelle 
mit  der  nahen  Kapelle  verwechselt,  die  den  Abessiniern  gehörte;  vgl.  Harff 
175  und  Fabri  I  805:  „Capeila  praefata  [in  qua  sunt  sepulti  reges  latini]  sub 
monte  Calvariae  est  Christianorum  de  Nubia,  qui  ibi  officia  sua  celebrant." 

•■')  Vgl.  Surian,  Trattato  34:  „Spendesse  molti  danari" ;  und  216:  „lo 
alquante  ne  fici  conrompere  per  redimere  la  vexation  nostra  del  sancto  monte 
Calvario  contra  li  Gorziani,  nostri  inimici,  del  MDXIV."  Wenn  nicht  in  dieser 
Jahreszahl  ein  Irrtum  steckt,  müssen  wir  auf  eine  Wiederholung  der  georgischen 
Intrigen  im  Jahre  1514  schließen.  ")  Schefer,  Thenaud  96  und  119. 


Hl.  Stätten  der  Franziskaner  145 

Grenze  gilt  für  uns  noch  heute;  die  Brüder  behüten  bis  in  die 
heutige  Zeit  den  rechten  oder  südlichen  Teil  des  Kalvarien- 
berges,  während  die  linke  Hälfte  um  die  Mitte  des  17.  Jahr- 
hunderts von  den  Georgiern  an  die  Griechen  überging. 

Hier  bietet  sich  eine  Gelegenheit,  die  von  den  Franzis- 
kanern am  Ende  des  Mittelalters  verwalteten  Heiligtümer  Palä- 
stinas zusammenzustellen  und  eine  Übersicht  über  die  morgen- 
ländischen Riten  oder  Konfessionen,  die  neben  ihnen  im  Hl.  Lande 
weilten,  zu  geben.  Die  Reisebücher  der  Pilger  verzeichnen  mit 
Vorliebe  die  Nachrichten,  die  sie  hierüber  von  den  Brüdern 
oder  aus  den  Büchern  der  Klosterbibliothek  erhielten  *). 

Auf  dem  Sion  hatten  die  Franziskaner  die  Kapelle  der 
Herabkunft  des  Hl.  Geistes  verloren,  behaupteten  aber  die  beiden 
andern  von  Sultan  Nassir  dem  sizilianischen  Königspaare  ge- 
schenkten Heiligtümer^).  P.  Anselm  von  Krakau,  der  1508  in 
Jerusalem  weilte,  hat  eine  genaue  Beschreibung  des  Abend- 
mahlssaales und  der  Umgebung  überliefert^).  Vor  der  Mitte 
der  Ostwand  erhob  sich  der  Altar,  der  dem  Abendmahle  des 
Erlösers  und  der  Einsetzung  des  heiligsten  Sakramentes  geweiht 
war.  Rechts  von  demselben  hatten  die  Brüder  in  der  Südost- 
ecke den  Altar  der  Fußwaschung  aufgestellt,  während  die 
Kreuzfahrer  als  Ort  derselben  den  Raum  unter  dem  Abend- 
mahlssaale verehrt  hatten  "*).  In  der  Mitte  des  Zönakulums  sah 
Anselm  rings  um  die  zwei  Marmorsäulen,  die  das  Gewölbe  tragen, 
das  Chor  und  die  Chorstühle  der  Brüder.  Die  Gläubigen  nah- 
men auf  den  Seiten  Platz  ^).    Eine  Türe  in  der  Südwand  führte 


1)  Vgl.  Guglingen  181.  —  Die  Klosterbibliothek  wird  von  mehreren 
Pilgern  erwähnt;  vgl.  Tucher,  Reyßbuch  306;  Baumgarten  99. 

2)  Bei  dieser  Gelegenheit  wollen  wir  ein  Versehen  korrigieren,  das  S.  43 
in  der  Anmerkung  unterlaufen  ist.  Es  soll  dort  heißen:  „Merkwürdig  ist,  daß 
Felix  Fabri,  Evagatorium  11  319,  den  König  Robert  selbst  nach  Jeru- 
salem pilgern  und  persönlich  mit  dem  Sultan  in  Ägypten  verhan- 
deln läßt,  sowie  daß  P.  Walther"  usw.    Der  Satz:  „Da  beide..."  fällt  fort. 

3)  A.  a.  O.  789. 

*)  Die  Überlieferung  über  den  Ort  der  Fußwaschung  wechselte  wieder- 
holt; vgl.  Tobler,  Topographie  11  106  ff. 

5)  Ghistele  73:  „In  t'incommen  zo  staen  in  den  midden  twee  pilaren 
van  steenen,  daer  an  ghemaect  is  een  maniere  van  eenen  Choor  van  berderen, 
daermen  rondomme  gaen  magh." 

Franzisk.  Studien,  Beihert  4:  Lemmens,  Die  Franziskaner  auf  dem  Sion.  10 


1  46  Hl.  Stillten  der  Franziskaner 

auf  den  anmutigen,  unter  freiem  Himmel  gelegenen  Umgang, 
unter  dem  das  Refektor  der  Brüder  lag  ^).  Auf  diesem  Gange 
kam  man,  am  Zönakulum  nach  Osten  entlang  schreitend,  zu 
einer  hinter  demselben  aufsteigenden  Treppe  von  dreizehn 
Stufen,  die  zur  Kapelle  des  Hl.  Geistes  geführt  hatte.  Unter 
dieser  Kapelle  lag  die  Sakristei  der  Brüder  und  daneben  die 
kleine  Kapelle  des  hl.  Thomas,  die  Stätte,  an  der  der  aufer- 
standene Erlöser  den  Jüngern  erschien  und  dem  zweifelnden 
Apostel  seine  Seitenwunde  darbot  ^).  An  dieselbe  schloß  sich 
das  „Oratorium  der  seligsten  Jungfrau"  an,  der  Raum,  In  dem 
die  Legende  Maria  nach  dem  Tode  Jesu  der  hl.  Messe  bei- 
wohnen und  die  hl.  Kommunion  empfangen  läßt  ^).  Das  Dach 
des  Zönakulums  war  flach  und  bot  den  Einblick  in  das  der 
Decke  beraubte  Heiligtum  der  Herabkunft  des  Hl.  Geistes  ^). 

Am  Wege,  der  vom  Zönakulum  zum  Siontore  führt,  be- 
suchten die  Pilger  den  mit  Steinen  umzäunten  Raum,  in  dem 
das  Sterbehaus  der  Gottesmutter  gestanden  hatte  ^).  Die  Stätte 
gehörte  schon  lange  den  Lateinern;  unter  den  von  der  Matrone 
Sophia  ^)  erworbenen  Weingärten  und  Äckern  nennt  Urban  V. 
1363  auch  „den  Ort,  an  dem  die  seligste  Jungfrau  zum  Himmel 


1)  A.  a.  O.  789:  „In  medio  coenaculi  est  chorus  fratrum  cnm  stallis  . . . 
In  hoc  coenaculo  est  triplex  ostium,  nnum  a  dextra  versus  occidentem,  et 
istud  fere  nunc  seraper  clauditur,  forte  propter  metuni  Maurorum ;  aliud  versus 
austrum,  ad  ambitum  fratrum  amoenissimum,  qui  est  sub  dio  juxta  praedictum 
coenaculum,  et  sub  illo  arabitu  est  refectorium.  Tertium  ostium  est  inferius 
de  coenaculo  subtus  ad  capellam  S.  Franclsci,  ubi  etiam  est  dormitorium 
peregrinorum."  Vom  Kloster  sagt  Fabri:  „Septa  sunt  satis  stricta,  strictus 
ambitus,  parvae  cellae";   Evagatoriura  I  280. 

'^)  Ebd.  790:  „Subtus  istud  coenaculum  [S.  Spiritusl  est  etiam  sacristia 
fratrum.  Et  juxta  parietem  sacristiae  est  capella  parvula,  ubi  Dominus  Jesus 
apparuit  discipulis  suis  in  die  resurrectionis  suae,  Thoma  absente,  et  ibidem, 
apparuit  in  octavis  resurrectionis,  Thoma  praesente."  Vgl.  Fabri,  Evaga- 
toriura I  245;    Guglingen  149. 

^)  Von  diesem  Oratorium  sagt  Fabri:  „Est  juxta  angulura  ecclesiae, 
qui  angulus  unit  niurura  ecclesiae  venientem  ab  Oriente  cum  muro  veniente  a 
raeridie";  Evagatorium  I  251. 

*)  Ebd.  789:  „Coenaculum  grande  non  habet  tectum  supra  testudinem, 
sed  solam  testudinem  planissiraam,  de  quo  videtur  illud  coenaculura  S.  Spiri- 
tus, quod  non  habet  testudinem,  sed  sub  dio." 

s)  Evagatorium  I  272.  ß)  Vgl.  oben  S.  75. 


Alis  Ben-.  Aiiiico,  TraMalo  &A\c  I'ianto  fiim  Ki);)). 
Abb.  6.    Grundriß  des  Sionklosters. 

A    „Grab   Davids".  IT  „Oratorium  Mariens". 

R    Sakristei,  darüber  Kapelle  des  111.  I  Binnenhof  des  Klosters. 

Geistes.  K  Kloster^anjj. 

D  E    Unterer    und    oberer    Saal    des  L  Türe  der  Kirche. 

Abendmahles.  M  Schlalraum  der  Pilger. 

F    Treppe    zum    obern    Abendmahls-  N  Klosterpforte. 

saale.  P  Außentreppe    zum     obern    Abend- 

G     Kapelle  des  hl.  Thomas.  mahlssaale. 

10* 


148  Hl.  Stätten  der  Franziskaner 

ging"  0-  Alsbald  hatte  sich  der  Wunsch  geregt,  hier  ein  Gottes- 
haus zu  errichten,  und  Gregor  XI.  1373  dem  Vorsteher  des  an- 
stoßenden Marienhospitales  -)  die  Erlaubnis  erteilt  ^).  Der  Bau 
kam  aber  nicht  zur  Ausführung;  wir  nehmen,  wohl  mit  Recht, 
an,  daß  die  Zustimmung  der  Regierung  ausblieb.  Hundert  Jahre 
später  versuchte  man  es  aufs  neue ;  die  bessern  Zeiten  ließen  die 
Brüder  hoffen.  Wie  uns  Fabri  erzählt,  bemühten  sich  die  Fran- 
ziskaner bei  seinem  zweiten  Aufenthalte  zu  Jerusalem  am  Hofe 
des  Sultans  Quat  Bei  um  die  Bauerlaubnis  und  waren  voller 
Hoffnung,  dieselbe  zu  erhalten.  Später  hörte  Fabri,  daß  sie 
wirklich  erteilt  und  die  Kapelle  mit  großen  Kosten  von  den 
Brüdern  erbaut,  von  den  Sarazenen  aber  alsbald  zerstört  sei. 
Wir  vermuten,  daß  bei  diesem  letzten  Gerüchte  die  auch  an- 
dern Pilgern'')  widerfahrene  Verwechslung  mit  dem  „Oratorium 
Mariens"  neben  der  Kapelle  des  Hl.  Geistes  unterlaufen  ist, 
und  daß  man  das  dieser  Kapelle  tatsächlich  beschiedene  Schick- 
sal auf  jene  Stätte  übertragen  hat.  Das  von  den  Franzis- 
kanern auf  der  Stätte  der  Dormition  geplante  Gotteshaus  kam 
nicht  zustande:  es  war  andern  Zeiten  vorbehalten,  diesen  ihren 
Wunsch  zu  erfüllen.  Die  nächsten  Pilger  sahen  dort,  wie  1523 
Philipp  von  Hagen  ^),  nur  die  den  Platz  umschließenden  Steine. 

Während  es  so  den  Brüdern  nicht  gelang,  auf  dem  Hl.  Berge 
Sion  Fortschritte  zu  machen,  waren  ihre  Bemühungen  in  der 
Grabeskirche  von  besserem  Erfolge  gekrönt.  Die  Liste  der  hier 
von  ihnen  verwalteten  Stätten  und  der  Orte,  an  denen  sie 
Lampen  oder  Kerzen  anzünden  durften,  wuchs  in  den  Pilger- 
schriften ständig. 

Markgraf  Nikolaus  von  Este  traf  1413  in  der  Grabeskirche 

1)  Er  sagt  im  Breve  „Licet  is"  vom  13.  Dezember  1363:  „Cum  Sophia 
in  Monte  Sion  . . .  nonnullas  possessiones  et  terras  fructiferas,  vineatas  et  ar- 
boratas  dicto  hospitali  propinquas,  in  quibus  locus  esse  dicitur,  in  quo  B. 
Virgo  migravit  ad  coelum,  . . .  a  Soldano  Babyloniae  pro  magna  t'lorenorum 
summa  . .  .  emerit"  ;  B  F  VI  Nr.  899 ». 

2)  In  seinem  Breve  „Ex  fecundo"  vom  6.  April  1364  nennt  Urban  V. 
das  Hospital  „B.  Mariae  de  Monte  Sion";  BF  VI  Nr.  906.  Ebenso  Gregor  XI. 
im  Breve  „Devota  fidelium"  vom  22.  Juni  1372;  BF  VI  Nr.  1103. 

3)  Im  Breve  „Licet  is"  vom  1.  März  1373;  BF  VI  Nr.  1252. 

*)  U.  a.  Philipp  de  Voisins  28  und  Nikolaus  von  Farnad  Bl.  XVij'. 
•'')  Conrady  253:  „Daz  selb  ort  ist  mit  steinen  umb  leit  wie  ein  zun." 


150  Hl.  Stätten  der  Franziskaner 

vier  Altäre,  an  denen  die  Lateiner  zelebrierten,  an;  zwei  waren 
in  der  Marienkapelle,  einer  im  Hl.  Grabe  und  einer  auf  Golga- 
tha 0;  Marian  von  Siena^)  und  andere  berichten  dasselbe. 
Später  ergänzen  mehrere,  wie  Tücher^),  Fabri"*)  und  Nikolaus 
von  Farnad  ^),  einen  fünften  Altar,  der  in  der  Kreuzauffindungs- 
kapelle stand.  Ersterer  sagt:  „Zum  ersten  haben  inne  die  Bar- 
füßermönche, die  unsers  Glaubens  sind,  das  Hl.  Grab;  darin 
brennen  sie  Tag  und  Nacht  drei  Ampeln,  und  sechszehn  Ampeln 
halten  die  andern  Glauben.  Im  Hl.  Grabe  darf  niemand  Messe 
halten  ohne  der  Barfüßer  Erlaubnis;  denn  stets  sind  zum  we- 
nigsten zwei  Barfüßerbrüder  Tag  und  Nacht  im  Tempel.  Auch 
haben  sie  inne  unserer  lieben  Frau  Kapelle,  darin  sie  stets  drei 
Ampeln  brennen.  Neben  derselben  Kapelle  und  dahinter  haben 
sie  ihre  Wohnung,  da  sie  essen,  trinken  und  schlafen.  Ohne 
ihren  Willen  darf  auch  niemand  Messe  lesen  in  dieser  Kapelle. 
Mehr  haben  sie  einen  Altar  auf  dem  Berg  Calvarie  inne  und 
haben  drei  Ampeln  inne  vor  dem  Loch  in  dem  Stein,  darin  das 
hl.  Kreuz  gestanden  ist.  Mehr  haben  sie  inne  einen  Altar  und 
eine  Ampel  neben  der  Auffindung  des  hl.  Kreuzes.  Mehr  haben 
die  Barfüßer  stets  eine  Ampel  brennen  ob  dem  Steine,  da  der 
Leichnam  unsers  Herrn  Jesu  Christi  seiner  lieben  Mutter  auf 
ihren  Schoß  gelegt,  als  er  vom  hl.  Kreuze  genommen  ward." 
Fabri  gibt  die  gleichen  Nachrichten  und  ergänzt,  daß  die 
Franziskaner  die  Schlüssel  der  Grabeskapelle  besitzen  und 
diese  nach  Belieben  öffnen  und  schließen  sowie  am  Hl.  Grabe 
zelebrieren,  wie  sie  es  für  gut  finden  ^).  Es  sei  „zu  verwundern, 
daß  die  Christen  der  anderen  Sekten  diese  Vollmacht  der  La- 
teiner dulden,  da  von  keiner  so  wenige  Christen  in  Jerusalem 
wohnen  als  von  den  Lateinern  und  diese  sich  in  Lebensweise, 


1)  Ghinassi  124  und  125. 

-)  Viaggio  90:  „Sonvi  quattro  luoglii,  dove  noi  Latini  potiamo  dir  Messa." 

•"*)  Reyßbuch  Bl.  SöS--;  vgl.  Grünemberg  101. 

4)  Evagatorium  I  348. 

^)  Compendiosa  descriptio  Bl.  III'":  „Nos  Fratres  Minores  habemus  qiiin- 
que  altaria,  duo  in  sacello  beate  virginis,  ununi  ipsum  sanctum  sepulchruni, 
unum  in  monte  Calvarie  et  imura  in  loco,  ubi  sancta  crux  est  inveuta." 

")  Vgl.  oben  S.  51  Anm.  3.  Nikolaus  von  Farnad  Bl.  IV"":  „Nullus  na- 
tionum  habet  quicquam  auctoritatis  circa  sanctum  Domini  sepulchruni  nisi  nos 
Fratres  Minores." 


PIl.  Stätten  der  Franziskaner  151 

Sitten,  Kleidung  und  Sprache  mehr  als  die  andern  Christen  von 
den  Sarazenen  unterscheiden."  Die  Brüder  verdankten  diese 
Fortschritte  ihrem  zielbewußten  und  opferJreudigen  Handeln, 
der  Sorgfalt,  mit  der  sie  eine  jede  günstige  Gelegenheit  wahr- 
nahmen und  ausnützten,  und  den  großen  Mitteln,  die  ihnen  das 
christliche  Abendland  gab.  Schon  damals  galt  in  der  Grabes- 
kirche der  gleiche  Wettlauf  der  einzelnen  Konfessionen  und 
dieselben  eifersüchtigen  Bestrebungen  um  Vermehrung  der 
Rechte  wie  heute,  sie  scheinen  sich  sogar  am  Ende  des  Mittel- 
alters besonders  geltend  gemacht  zu  haben.  Während  Tucher 
und  Fabri  z.  B.  um  1480  nur  neunzehn  Lampen  im  Hl.  Grabe 
zählten,  von  denen  drei  den  Lateinern  gehörten,  sah  der  un- 
garische Franziskaner  Nikolaus  von  Farnad,  der  1517  in  Jeru- 
salem weilte,  daselbst  bereits  39,  von  denen  11  durch  die  Brü- 
der bedient  wurden,  und  die  Zahl  der  über  die  ganze  Basilika 
verteilten  Lampen  war  auf  dreihundert  gestiegen;  27  gehörten 
den  Lateinern  '). 

Außer  dem  Sion  und  der  Grabeskirche  gelang  es  den 
Franziskanern  nicht,  innerhalb  der  Hl.  Stadt  irgendeine  Stätte 
zu  erwerben.  Einzig  und  allein  erreichten  sie  mit  großen  Geld- 
opfern, daß  sie  am  Lithostrotos  in  eine  Mauer  die  zwei  Steine 
einmauern  lassen  konnten,  auf  denen  nach  der  Tradition  der 
Heiland  und  Pilatus  beim  Urteilsspruche  gestanden  ^).  Die  in 
der  Nähe  gelegene  Geißelungskapelle  war  Pferdestall  geworden 


1)  A.  a.  0.  Bl.  III"":  „In  templo  Domini  in  diversis  locis  sunt  300  lam- 
pades,  sed  non  semper  ardentes,  nisi  in  solomnitatibus  maloribus."  Bl.  III ^: 
„In  sepulchro  .  .  .  ardent  trlginta  novem  lampades,  quas  fovent  oleo  nationes, 
que  habitant  intra  sanctum  templum,  e  quibus  nos  Fratres  Minores  habemus 
curam  undecim  lampadarum,  demptis  illis  que  sunt  in  aliis  locis  templi,  in 
quo  diversis  in  locis  habemus  curam  viginti  septem  lampadarum."  Wanckel 
sah  einige  Jahre  früher  weniger  Lampen  in  der  Grabeskirche;  vgl.  Kurtze 
Vermerkung  Bl.  Diiij'':  „All  lampen  zusammen...  sein  bei  200." 

2)  Anselm  von  Krakau  793:  „In  platea  juxta  domum  Pilati  .  .  .  Do- 
minus est  sententiatus  a  Pilato  sedente  pro  tribunali ...  In  quo  muro  quidam 
guardianus  cum  suis  fratribus  Minorum  obtinentes  pretio  magno  ad  Soldanum, 
infixerunt  duos  lapides  magnos  illi  muro,  unum  album,  in  quo  stetit  Dominus 
Jesus  judicatus,  alium,  in  quo  stetit  aut  sedit  Pilatus  judicans."  Diese  Steine 
werden  auch  von  andern  erwähnt;  vgl.  Guglingen,  Itinerarium  279;  Fabri, 
Evagatorium  I  3:0;  Surian,  Trattato  90. 


152  Hl.  Stätten  der  Franziskaner 

UDd  blieb  den  Pilgern  verschlossen  ^),  und  die  an  derselben 
Straße  gelegene  Geburtsstätte  Mariens  konnte  nur  mit  großer 
Mühe  und  Gefahr  von  Christen  besucht  werden  ^).  Die  Pilger 
mußten  sich,  wie  Nikolaus  von  Farnad  erzählt  ^),  meist  damit 
be.2:nügen,  auf  dem  Wege  einige  Gebete  zu  verrichten. 

Mehr  Erfolg  hatten  die  Franziskaner  im  Tale  Josaphat 
und  den  ostwärts  gelegenen  Orten.  Die  über  dem  Grabe  Ma- 
riens erbaute  Kirche  stand  allen  christlichen  Bekenntnissen 
offen,  und  alle  konnten  nach  Fabri  an  dem  über  dem  Grabe 
selbst  errichteten  Altare  zelebrieren;  außerdem  besaßen  hier  die 
Lateiner  ihren  besondern  nach  Norden  gelegenen  Altar  ^). 

In  der  nahen  Grotte  der  Todesangst  Jesu  hatten  nur  die 
Lateiner  einen  Altar '") ;  er  stand  gegen  Osten  gerichtet  ^)  und 
nach  der  Tradition  an  der  Stelle,  auf  der  der  Engel  erschien,  um 
den  Erlöser  zu  stärken  ').  Mehrere  Male  wurde  der  Altar,  wie 
Surian  sagt,  „aus  Neid"  zerstört  und  immer  wieder  von  den 
Brüdern  aufgebaut,  bis  sie  endlich  den  ruhigen  Besitz  errangen  ^). 

Die  Kirche  der  Himmelfahrt  auf  dem  ölberge  stand  unter 
Obhut   eines   Sarazenen;   die   Franziskaner   hatten   indes   einen 


1)  Surian,  Trattato  92:  „AI  presente  e  facta  stala  de  cavali."  Fabri 
erzälilt,  wie  er  in  Abwesenlieit  des  sarazenisclien  Herrn  eintreten  konnte; 
Evagatorium  II  135. 

-)  Surian,  Trattato  93:  „Cum  grandissima  difficultä  vi  possono  appena 
intrarvi;"  vgl.  Fabri  II  130.  Deshalb  ist  die  Nachricht,  daß  ein  Ferman  im 
15.  .Jahrhundert  den  Brüdern  gestattet  habe,  „in  der  Krypta  Messe  zu  lesen", 
unwahrscheinlich;  Meist  er  mann -Huber  195.  Im  Archiv  der  Prokura  ist 
nicht  ein  solcher  Ferman.  •'')  Bl.  IX  f. 

^)  Fabri,  Evagatorium  I  375:  „In  ipso  sepulchro  .  .  .  est  locus  cele- 
brandi  omnium  Christianorum,  cujuscumque  ritus  sint,  nee  est  alicui  appro- 
priatus  locus  llle.  Caetera  vero  altaria  illius  ecclesiae  sunt  ritibus  aptata  . .  . 
quartum  ad  aquilonem  in  angulo  est  Latinorum."  Eine  ganz  andere  Beschrei- 
bung dieser  Kirche  gibt  hundert  Jahre  später  Bernardino  Amico.  Er  sagt 
von  dem  Altare  über  dem  Grabe:  „E  de  'nostri  Padri,  ne  vi  puö  celebrare 
nessuno  senza  nostra  licenza";  Trattato  delle  Plante  51.  Die  nach  Norden 
gelegene  Kapelle  weist  er  den  Surianern  zu. 

5)  Surian,  Trattato  102  Anm. :  „In  questa  grota  habiamo  uno  altare; 
e  . . .  non  lo  ha  verun'  altra  natione." 

'^)  Nikolaus  von  Farnad,  Descriptio  Bl.  XP:  „ad  orientalem  partem 
spelimce."  "<)  Surian  99. 

*)  Surian  102  Anm,:  „Per  invidia  piü  volte  c'e  stato  roto,  e  sempre 
lavemo  refatto,  e  finahnente  ottenuta." 


Hl.  Stätten  der  Franziskaner  153 

Schlüssel  erlangt  und  konnten  nach  Belieben  bei  Tag  und  bei 
Nacht  eintreten  ^). 

Dasselbe  gelang  ihnen  1499  am  Grabe  des  Lazarus  zu 
Bethanien;  sie  erhielten  durch  den  Vergleich,  den  sie  an  26.  Ok- 
tober des  Jahres  mit  dem  sarazenischen  Hüter  schlössen,  einen 
Schlüssel  und  freien  Eintritt  in  die  Grotte  ^). 

Auch  in  Bethlehem  hatten  die  Brüder  ihre  Rechte  ver- 
mehren können.  Während  wir  um  1400  die  Griechen  in  der 
Geburtsnische  Gottesdienst  halten  sehen^),  zelebrierten  später 
die  Lateiner  ständig  an  der  Stelle  der  Geburt  '*).  Sie  hatten  die 
Schlüssel  der  Türen,  die  zur  hl.  Grotte  führten  ^),  und  wohnten 
allein  in  dem  großen  an  die  Kirche  anstoßenden  Kloster  ^), 

Erst  spät  gelang  es  den  Franziskanern  in  der  Heimat  des 
hl.  Vorläufers  Fuß  zu  fassen  und  den  Gottesdienst  in  einem  der 
alten  Heiligtümer  von  Ain-Karem  wieder  aufzunehmen  ^).  Die 
schöne  über  der  Stätte  der  Geburt  des  hl.  Johannes  erbaute 
Kirche  wurde  im  15.  Jahrhundert  von  den  Sarazenen  als  Stall 
für  Ochsen  und  Esel  benützt**);  nur  die  einige  Stufen  tiefer  ge- 
legene Grotte  der  Geburt  bewahrte  ein  besseres  Los.  Im  Anfang 
des  Jahrhunderts  kam  am  Feste  der  Geburt  der  griechische  Pa- 


1)  Surian  106:  „Niii  h.ibiamo  ima  chiavc  et  ad  nostro  beneplacito 
giorno  e  noctc  vi  potemo  andaro." 

-)  Vgl.  Golubovich,  Serie  :i.S  und  Caialiorra  B.  IV  K.  29  (wo  ein 
falsciics  Datum);  Surian    125. 

•')  Vgl.  oben  S.  59. 

^)  Surian  123:  „In  quel  loco  parturi  la  Madona .  .  .  de  continuo  luii 
celebramo;"  vgl.  auch  Fabri,  PJvagatorium  I  453  und  479:  „Chorum  habent 
Graeci;  specum  autcm  nativitati.s  Doniini  habent  Latini;  aitare,  ubi  tres  reges 
obtulerunt,  habent  Armeni." 

•'')  Surian    12:^:  „Le  chiave  de  le  qua!  tenimo  nui  Frati." 

*>)  Ebd.  121:  „Uno  grande  e  stnpendo  moiiasterio.  in  lo  quäl  soliim 
habitano  li  P'rati  nostri." 

■^)  In  einem  Ferman  vom  Jahre  1427  (b:'i  Ciolubovich,  Serie  108)  werden 
zwar  die  in  Ain-Karem  wohnen^ien  Brüder  genannt;  es  kann  sich  aber,  da 
alle  Pilger  des  15.  Jahrhunderts  von  einem  Aufenthalte  derselben  vollsttändig 
schweigen,  nur  um  eine  vorübergehende  Sache  handeln. 

>*)  Schon  Poloner  fand  die  Kirche  1422  „plena  mulorum  stercoribus, 
quam  sine  tributo  peregrinus  non  ingreditur";  Tobler,  Descriptiones  252. 
Die  gleiche  Beobachtung  machten  die  folgenden  Pilger,  wie  Rochechouart, 
Tucher,  Fabri  u.  a. 


154  Hl.  Stätten  der  Franziskaner 

triarch  und  feierte  in  derselben  Gottesdienst  ^).  Später  erwarben 
sich  die  Franziskaner,  wie  Siirian  sagt^),  „durch  die  Macht  des 
Geldes"  das  Recht,  die  Geburtsgrotte  durch  eine  Mauer  von 
der  Kirche  abzutrennen  und  so  der  Entheiligung  zu  entreißen. 
In  der  Folge  kamen  die  Brüder  öfter  im  Jahre  und  besonders 
am  Johannistage  nach  Ain-Karem.  Der  erste  Pilger,  bei  dem 
wir  diesen  Gottesdienst  der  Brüder  erwähnt  finden,  ist  P.  Walter 
von  Guglingen^),  und  um  dieselbe  Zeit  erwähnt  Fabri  zuerst 
die  vor  der  Geburtsgrotte  aufgeführte  Mauer  ^);  daher  dürfen  wir 
diesen  neuen  Fortschritt  der  Franziskaner  in  die  Zeit  ihrer 
Pilgerreise  setzen  un  1  als  weitern  Ertrag  der  für  die  Lateiner 
so  fruchtbaren  Regierung  des  Sultans  Quat  Bei  betrachten. 

Während  so  die  Geburtsstätte  des  Vorläufers  wieder  zu 
Ehren  kam,  verfiel  die  von  armenischen  Mönchen  ^)  bediente 
Kirche  der  Heimsuchung  Mariens  immer  mehr.  Tucher  ^),  Fabri ") 
und  Surian^)  trafen  daselbst  nur  eine  „zerbrochene"  Kirche 
und  einen  bösen  Sarazenen  ^),  der  zuerst  durch  Geld  besänftigt 
werden  mußte,  ehe  die  Pilger  ihre  Andacht  im  Heiligtum  ver- 
richten konnten.  Am  Feste  der  Heimsuchung  kamen  die  Brüder 
von  Jerusalem  zum  Gottesdienste  herüber.  Es  dauerte  aber 
noch  länger  als  ein  Jahrhundert,  bis  die  Franziskaner  die 
Ruinen  erwerben  konnten. 


1)  Grethenius  sagt  um  1400:  „Le  patriarche  vient  y  cclebrer  la  messe 
le  jour  de  la  sainte  Nativite  du  Precurseur";  Khitrovo  183. 

')  Trattato  133  Anm.  1 :  „Per  forza  de  danari  habiamo  facto  uno  muro 
e  serata  la  Capella  della  dicta  Nativitä  la  quäle  solemnemente  la  teniamo  et 
officiamo  al  tempo  della  sua  festivitä,  et  in  anno  continuamente  visitianio 
quello  Santo  loco".    Vgl.  Farn  ad  Bl.  XXVj^. 

3)  Itinerarium  170:  „Nos  Catholici  tenemus  locum  et  capellani,  ubi  fuit 
natus  sanctus  Johannes;  Greci  vero  in  ecclesia  capitali  tenentes  summum  altare." 

*)  Evagatorium  II  25. 

5)  Grethenius  fand  das  Heiligtum  „sous  la  dependance  des  trois  fois 
maudits  Armeniens";  Khitrovo  183.  Auch  Rochechouart  bemerkt:  „Hanc 
domum  custodiunt  Armeni";  Journal  258. 

6)  Reyßbuch  Bl.  358 ^  ^)  Evagatorium  II  25. 

>^)  Trattato  133.  Nach  Surian  standen  noch  „li  altari  magiori  erecti, 
sopra  li  quali  al  tempo  de  la  solemnitcä  se  celebrano  le  messe";  ebd.  133  Anm.  2. 

9)  Fabri  nennt  ihn  „homo  bestia";  er  stand  „cum  fuste  in  ostio  et  uxor 
eins  cum  titione,  et  observabant,  ne  quis  intraret,  quousque  sibi  aliqua  pe- 
cunia  daretur";  Evagatorium  II  21. 


Die  andern  christlichen  Bekenntnisse  155 

Weniger  glücklich  waren  unsere  Brüder  in  Galiläa;  hier 
blieben  sie  bis  ins  17.  Jahrhundert  Pilger  und  Fremdlinge  und 
mußten  sich  damit  begnügen,  unter  mancherlei  Gefahren  von 
Zeit  zu  Zeit  eine  Wallfahrt  auf  den  Tabor  und  nach  Nazareth 
zu  machen  ^). 

Ein  wichtiger  Grund  dafür,  daß  den  Lateinern  diese  Fort- 
schritte im  Morgenlande  möglich  waren,  ist  die  Zersplitterung 
der  morgenländischen  Kirchen  und  Christen.  Seitdem  sich  die 
Länder  des  christlichen  Orientes  teils  durch  den  Nestorianismus 
und  Monophysitismus,  teils  durch  das  griechische  Schisma  von 
Rom,  dem  Mittel-  und  Stützpunkte  der  Einheit,  getrennt  hatten, 
löste  sich  daselbst  die  christliche  Kirche  in  eine  Reihe  von 
Bekenntnissen  auf.  Jedes  Volk  erhielt  seine  eigene  Kirche, 
und  alle  suchten  in  Palästina,  vor  allem  in  Jerusalem,  vertreten 
zu  sein.  So  treffen  wir  hier  die  Nestorianer  aus  Mesopotamien, 
die  Monophysiten  aus  Syrien,  Armenien,  Ägypten  und  Äthiopien, 
und  die  Schismatiker  aus  dem  griechischen  Kaiserreiche,  Syrien 
und  Georgien.  Von  diesen  hielten  sich  die  Nestorianer  nur 
vorübergehend  in  Palästina  auf^);  sie  hatten  nach  Surian  ^)  in 
Jerusalem  weder  Kloster  noch  Wohnung  und  feierten  in  der 
Grabeskirche  ihren  Gottesdienst  in  einer  Absis  bei  der  lateinischen 
Marienkapelle  *),  dort  wo  jetzt  der  Zugang  zur  Sakristei  der 
Franziskaner  ist.  Die  Nestorianer  treten  daher  in  der  Ge- 
schichte unserer  Mission  nicht  hervor. 

Um  so  öfter  begegnen  wir  den  schismatischen  Griechen 
und  ihren  Glaubensgenossen,   den  Georgiern  und  Sudanern  ^) ; 


1)  Vgl.  Surian,  Trattato  144  und  147;  Nikolaus  von  Farnad, 
BI.  XXIX  ^  und  XXX  ^ 

2)  Surian  (14  Anm.  2:  „Li  quali  non  stanno  de  continuo  in  Hieru- 
salem." 

•■*)  A.  a.  O.  78:  „In  Hierusalem  non  hanno  Monastcrio  nö  habitation 
veruna." 

J)  Ebd.  77 :  „Officiano  appresso  la  porta  de  la  capella  nostra  da  raano 
drita  quando  se  intra."  P.Vincent,  Jerusalem  II  270:  „Cette  absidiole  qui 
figure  encore  dans  le  plan  de  Quaresmius,  a  disparu  vers  1720  pour  laisser 
une  issue  ä  la  cliambre  concedee  aux  Latins  conime  sacristic."  Vgl.  oben  55 
Anm.  2. 

■>)  Daß  dip  Surianer  nicht  Monophysiten  waren,  wie  u.  a.  die  Heraus- 
geber der  Pilgerfahrt  Ritter  Grünembergs,  S.  102  Anm.  3,   meinen,  sondern 


156  Die  andern  christlichen  Bekenntnisse 

sie  waren  zahlreicher^)  und  vor  allem  fanatischer  gegen  die 
Lateiner  als  die  verschiedenen  Gruppen  der  Monophysiten,  die 
Armenier-),  Abessinier,  Kopten  und  Jakobiten, 

Die  niedrigste  Stufe  nahmen  die  einheimischen  Schismatiker, 
die  Surianer  oder  Gürtelchristen  ^),  ein.  Ritter  Grünemberg 
sagt  von  ihnen  ^):  „Deren  sind  viele  gar  arme  elende  Leute, 
und  sind  gar  verachtet  von  den  Sarazenen  und  vielen  andern 
Glauben;  denn  sie  werden  für  gar  furchtsame  und  unkriege- 
rische Leute  geschätzt,  und  ist  man  viel  Leichtfertigkeit  an 
ihnen  gewohnt,  als  Lügen  ^),  Stehlen  und  Verraten  .  .  .  Sie 
halten  ihr  Gesetz  beinahe  wie  die  Griechen,  denn  allein,  daß 
sie  gern  Messe  lesen  auf  dem  Heiligen  Grab,  und  bitten  dann 
die  Barfüßer  demütigiich,  ihnen  das  zu  erlauben;  das  tun  die 
dann  mit  gutem  Willen.  Sie  halten  in  ihrem  Gesetz  viele  der 
sarazenischen  Gewohnheiten  und  Gesetze  mit  ihren  Weibern, 
also  daß  keines  ihrer  Weiber  sich  sehen  läßt  ohne  einen 
schwarzen  Schleier  vor  ihrem  Angesicht  .  .  .  Sie  haben  zu 
Jerusalem  eine  Kirche  an  der  Stelle,  da  einst  das  Haus  der 
Mutter  Sankt  Johannes  des  Evangelisten  gestanden  hat ...  Sie 
haben  stets  Tag  und  Nacht  einen  von  ihnen  im  heiligen  Tempel. 
Sie  haben  inne  im  heiligen  Tempel  Sankt  Helenas  Kapelle,  darin 


Schismatiker,  wird  klar  von  den  Pilgern  bezeugt.  So  sagt  Grünemberg  103: 
„Sie  halten  ihr  Gesetz  beinahe  wie  die  Griechen";  Guglingen  305:  „In- 
structiones  et  consuetudines  Grecorum  .  .  .  observant";  Fabri  I  352:  „Sunt 
infecti  erroribus  Graecorum";  Surian  71  zählt  unter  den  „sequaci"  der 
Griechen  die  „Syriani  cioe  Christiani  de  centura"  auf. 

1)  Guglingen  305:  „Greci  sunt  in  numero  magno  Jherosolimis  tarn  de 
clero  quam  de  vulgo  plus  quam  aliqua  alia  natio." 

2)  Es  liegt  außer  dem  Rahmen  nnsers  Buches,  zu  untersuchen,  inwie- 
weit die  Armenier  Monophysiten  genannt  werden  können.  Da  sie  das  den 
Monophysitlsmus  verurteilende  Konzil  von  Chalcedon  nicht  aiinalimen,  werden 
sie  gewöhnlich  den  Monophysiten  beigezählt. 

3)  Dieser  Beiname,  den  Fabri  I  350  den  Georgiern  gibt,  wird  verschieden 
von  den  Pilgern  erklärt.  Surian  meint:  „E  questo  e  perche  inmediate  che 
sono  baptizati,  lo  prete  che  li  baptiza  li  cinge  una  centura."  Andere  Erklä- 
rungen bei  Rochechouart,  Journal  257;  er  meint:  „est  quod  decinti  gra- 
diuntur." 

•*)  Pilgerfahrt  102. 

^)  Burkard  sagt  bereits  1283  von  ihnen:  „S\Tiaui  .  .  .  Latinis  nullam 
fidem  servant";  LaurentSS. 


Die  andern  christlichen  Bekenntnisse  157 

sie   auch  Messe  halten  .  .  .   und   gehen   mehr   gleich  den  Sara- 
zenen gekleidet  als  den  Griechen." 

Von  der  zweiten  Gruppe  der  Schismatiker,  den  Georgiern, 
die  Surian  „schlimmste  Ketzer"  und  „den  Griechen  an  Bosheit 
gleich"  nennt  Ol  erzählt  Grünemberg -) :  „Dieses  sind  tapfere 
Leute,  und  haben  eigene  Könige  und  Fürsten,  und  sind  gar 
mächtig  und  trutzige,  kriegerische  Leute.  Ihre  Länder  liegen 
um  den  Berg  Caspios  genannt  .  .  .  Item  sie  haben  den  heiligen 
Ritter  Sankt  Jörgen  in  großen  Ehren  und  als  ihren  obersten 
Patron  .  .  .  Item  sie  ziehen  oft  gen  Jerusalem  nach  Pilgerweise 
und  besuchen  auch  da  die  heiligen  Stätten  Christi,  und  geben 
den  Sarazenen  keinen  Zoll  noch  Kurtesien  ^)  .  .  .  Sie  gebrauchen, 
was  die  geistlichen  Ämter  antrifft,  griechischen  Glauben  und 
Sprache  .  .  .  haben  inne  die  Findung  des  heiligen  Kreuzes,  da 
brennen  sie  drei  Ampeln.  Sie  haben  auch  inne  den  Berg 
Calvarie  .  .  .  und  eine  Kapelle  unter  dem  Berg  Calvarie,  da 
der  Riß  durch  den  Felsen  gegangen  ist  in  dem  Leiden 
Christi." 

Sehr  bitter  und  erregt  sprechen  die  Pilgerbücher  von  der 
dritten  und  Hauptgruppe  der  Schismatiker,  den  Griechen. 
Diese  „maledeiten  Griechen",  sagt  Surian  *),  sind  Gott  und  der 
heiligen  Kirche  lästig.  Unaufhörlich  rufen  sie  durch  ihre  Irr- 
lehren den  Zorn  Gottes  auf  sich  herab  und  beschimpfen  damit 
die  wahre  Kirche.  Sie  sind  es,  die  uns  Brüder  und  Diener 
Gottes  unaufhörlich  verfolgen.  Wegen  ihrer  Hartnäckigkeit 
haben  sie  den  Fluch  Gottes  und  der  Kirche  erhalten,  alle 
Herrschaft  verloren  und  ziehen  wie  die  Juden  zerstreut  durch 
die  Welt.  Alle  andern  christlichen  Nationen  sind  diesen  treu- 
losen Ketzern  feindlich  mit  Ausnahme  der  Georgier.  „Nie", 
meint  Fabri  0,  „würden  die  Türken  und  Sarazenen  solche  Fort- 
schritte gemacht  haben,  wenn  jene  Griechen  nicht  Verräter 
gewesen  wären.  Die  andern  morgenländischen  Christen  wären 
längst  zur  Einheit  der  Kirche  zurückgeführt  und  könnten  heute 
leicht  zurückgeführt  werden,   wenn  nicht  die  ungläubigen  und 


1)  Trattato  74:   „pessimi  heretici,   siraili   alli  Greci,  e   pari  in  malltia." 

2)  Ebd.  109.  3)  Trinkgelder. 

^)  Trattato  71  —  74.  ^)  Evagatorium  I  3.50. 


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160  Die  candern  christlichen  Bekenntnisse 

Stolzen  Griechen  im  Wege  wären  und  die  zurückgeführten 
wieder  verleiteten.  Trotz  dieser  Laster  wagen  sie  es,  die 
heiligste  Kirche  des  Grabes  des  Herrn  zu  betreten,  und  sie, 
die  das  Haupt  der  Bosheit  sind,  haben  sich  das  Haupt  der 
Kirche  ungerechter  Weise  angeeignet  und  besitzen  heute  das 
Chor  mit  dem  Hochaltar  und  halten  viele  Lampen  vor  dem 
Altare  angezündet.  Auch  haben  sie  den  Kerker  des  Herrn  .  .  . 
und  den  Ort  der  Verteilung  der  Kleider  Christi."  Grünemberg 
ergänzt,  daß  „sie  große  Verächter  unseres  Glaubens  sind  .  .  . 
Sie  tun  unsern  Priestern,  Messen  noch  Sakrament  gar  keine 
Reverenz  noch  Ehre,  sitzen  und  stehen  als  die  Stöcke,  aller 
Achtung  mangelnd.  Und  wenn  unserer  Priester  einer  Messe 
läse  auf  einem  ihrer  Altäre,  lassen  sie  den  darnach  waschen, 
gleich  als  ob  er  verunreinigt  sei"  0- 

Daher  waren  Beziehungen  zwischen  ihnen  und  unsern 
Brüdern  selten.  Wir  hören  kaum,  daß  die  Griechen  an  den 
Festen  der  Lateiner  und  diese  an  ihren  Feierlichkeiten  teil- 
nahmen, höchstens  daß  die  Griechen  am  Pfingstfeste  auf  den 
Sion  kamen  ^),  die  Franziskaner  aber  am  Feste  des  hl.  Sabas 
sein  Kloster  aufsuchten,  dort  mehrere  hl.  Messen  lasen  und 
ein  feierliches  Hochamt  hielten,  eine  Sitte,  die  ein  griechischer 
Oberer  1482  ohne  Anlaß  störte.  P.  Walther  von  Guglingen,  der 
in  jenem  Jahre  mit  acht  Brüdern  vom  Berge  Sion  und  zwei 
von  Bethlehem  nach  St.  Saba  gegangen  war,  erzählt  ^),  der 
Obere  der  griechischen  Mönche  habe  die  in  großer  Zahl  herbei- 
geeilten Pilger  aufgewiegelt  und  ihnen  gesagt,  er  werde,  wenn 


1)  Pilgerfahrt  102.  Tu  eher,  Reyßbuch  Bl.  355  \  bestätigt  dies:  „Unter 
allen  sind  die  Griechen  uns  Christen  an  dem  allerwiderwärtigsten  und  un- 
gleichesten,  denn  sie  wollen  auch  nicht,  daß  unsere  Priester  auf  ihren  Altären 
Messe  lesen."     Vgl.  Rochechouart,  Journal  225. 

2)  Vgl.  oben  S.  48. 

^)  Itinerarium  131.  Sollweck  bemerkt  in  einer  Anmerkung,  daß  sich 
über  diese  regelmäßige  Wallfahrt  der  Brüder  „sonst  nirgends  eine  Angabe" 
finde.  Surian  erwähnt  dieselbe  auch;  er  sagt  Trattato  125:  „El  di  de  sancto 
Sabba  vi  andamo  a  cantar  la  messa  e  far  1'  officio";  desgleichen  Nikolaus 
von  Farnad  Bl.  XV ^':  „Ad  diem  festum  sancti  Sabbe  .  .  .  nos  etiam  Fratres 
Minores  illuc  de  Monte  Sion  quolibet  anno  ad  dictum  festum  simul  cum  aliis 
nationibus  properamus  ac  ibidem  vesperas,  missas  cum  matutinis  decantantes 
revertimur  ad  loca  nostra." 


Die  andern  christlichen  Bekenntnisse  161 

die  Lateiner  das  Offizium  in  der  Kirche  feierten,  dieselbe  mit 
seinen  Brüdern  verlassen  und  daselbst  nicht  mehr  Gottesdienst 
halten.  „Wir  kamen  dadurch",  sagt  P.  Walther,  „in  große  Ver- 
legenheit, da  wir  nicht  gern  unsere  alte  gute  Gewohnheit  auf- 
geben, das  Volk  aber  auch  nicht  des  Gottesdienstes  berauben 
und  gegen  uns  erregen  wollten.  Nachdem  wir  alle  Paramente 
herbeigebracht  hatten,  bereiteten  wir  in  der  Zelle  den  Altar 
und  lasen  einer  nach  dem  andern  die  hl.  Messe  bis  auf  den, 
der  in  der  Frühe  die  Messe  in  der  Kirche  singen  sollte.  Hierauf 
gingen  wir  in  die  von  Leuton  angefüllte  Kirche  und  begannen 
den  Altar  für  das  Hochamt  herzurichten.  Als  das  die  Mönche 
und  andere  Laien  sahen,  fingen  sie  an  zu  murren  und  schickten 
arabische  Bauern  zu  uns  mit  der  Warnung:  > Singt  nicht  die 
Messe;  sonst  wird  es  euch  schlecht  gehen.  Wir  nahmen  darauf 
unsere  Sachen  und  eilten  zur  Türe,  um  bald  zum  Berge  Sion 
zurückzukehren.  Man  hatte  aber  die  Türe  geschlossen  und 
erhob  lautes  Geschrei  wider  uns;  einige  wollten,  daß  wir  den 
Gottesdienst  halten  sollten,  andere  widersetzten  sich,  und  wir 
standen  fast  eine  halbe  Stunde  in  Gefahr  an  der  Pforte,  bis 
wir  hinausgehen  durften.  Endlich  öffnete  sich  die  Pforte,  und 
so  entgingen  wir  im  Namen  des  Herrn  der  Gefahr;  denn  es 
war  kein  genügender  Grund  für  das  Martyrium." 

Weit  freundlicher  waren  die  Beziehungen  der  Lateiner 
zu  den  monophysitischen  Christen,  besonders  zu  den  hervor- 
ragendsten unter  denselben,  zu  den  Armeniern.  Surian  sagt, 
sie  seien  „unsere  besten  Freunde"  '),  die  an  unseren  l'eiern 
teilnahmen  ~)  und  uns  manchen  Fortschritt  vermittelten.  Als 
Sultan  Soliman  während  des  Krieges  mit  Venedig  die  Franzis- 
kaner mehrere  Jahre  einkerkerte,  hüteten  die  Armenier  wäh- 
rend ihrer  Abwesenheit  treu  das  Heiligtum  zu  Betlehem  ^).  Den 
Lateinern  kam  die  „unversöhnliche  Feindschaft"  zwischen  den 


1)  Trattato  75:  „nostri  procipiii  ainici". 

2)  Gugiingon,  Itincrariiim  14(),  beschreibt  eine  Wallfahrt,  die  die  Brüder 
Ostern  1483  zum  Jordan  mit  den  Armeniern  und  Abessiniern  maciiten.  Vgl. 
ebd.  138  über  die  Teilnahme  des  armenischen  Kh-rus  an  der  l'ro7.ession  auf 
Palmsonntag. 

')  Amico  12. 
Franzisk.  Studien,  Beiheft  4:  Lemmens,  Die  Franziskaner  :  uf  dem  Sion.  U 


j^62  Die  andern  christlichen  Bekenntnisse 

Armeniern  und  Griechen  zustatten,  von  der  uns  die  Pilger 
berichten  '). 

In  der  Grabeskirche  hatten  die  „dreimal  maledeiten  Arme- 
nier", wie  sie  der  Russe  Grethenius  nennt  ^),  den  ganzen  Kal- 
varienberg.  Den  einen  Teil  überließen  sie  den  Franziskanern; 
den  andern  entwanden  ihnen  1475  durch  Intrigen  und  Bestechung 
des  Hofes  die  Georgier.  Seitdem  waren  sie,  wie  Eyb  sagt  ^), 
„für  die  mindesten  geachtet  im  Tempel  des  Hl.  Grabes"  und 
mußten  sich  mit  einem  Teile  der  Rotunde  oberhalb  des  Platzes 
der  hl.  Frauen  begnügen,  wo  sie  ihr  Chor  einrichteten  *).  Außer- 
dem hatten  sie  in  Jerusalem  die  Kirche  des  hl.  Jakobus  zwischen 
dem  Sion  und  der  Burg  Davids  inne  und  das  Haus  des  Kaiphas 
unweit  des  Zönakulums.  Die  lateinischen  Pilger  urteilen  günstig 
über  sie.  Sie  haben,  sagt  Grünemberg  ^),  „gar  ehrbaren  Wandel 
und  ehrsame  Kleider  und  geben  der  Welt  gar  gutes  Vorbild 
und  haben  Messe  und  beten  gar  andächtiglich  und  tun  unsern 
Sakramenten  und  Priestern  große  Ehre".  Wiederholt  versuchten 
die  Franziskaner,  die  Armenier  mit  Rom  zu  vereinen;  doch  war 
diesen  Bemühungen  nur  ein  vorübergehender  Erfolg  beschieden. 

Dieselben  guten  Beziehungen  bestanden  zwischen  den 
Lateinern  und  Abessiniern.  „Sie  lieben",  meint  Sudan,  „die 
Franken  und  vor  allem  uns  Minderbrüder  sehr"  ').  Die  Pilger 
rühmten  das  fromme,  arme  und  strenge  Leben  der  Abessinier 
Jerusalems.  Diese  suchen,  sagt  Grünemberg"),  „gar  viel  die 
heiligen  Stätten  auf  zu  Jerusalem  ^)  und  beten  gar  andächtig- 
lich. Sie  halten  dafür,  daß  Gott  kein  größeres  Gefallen  sei, 
denn  Armut;  darum  verlassen  sie  oft  großes  Gut.     Sie  .  .  .  tun 


1)  Guglingen  306:  „Inter  hos  et  Grccos  exorabiles  sunt  discordie 
et  dissensiones  implacabiles  et  invicem  alii  aiionini  ritus  detestanlur."  Fabri 
I  352:  „Sunt  Graecorum  implacabiles  inimici." 

2)  Khitrovo  183.  3)  Eyb  39. 

•*)  Fabri  I  352:  „Habuerunt  Montem  Calvariae,  sed  eo  amisso  emerunt 
a  Soldano  locum  in  superiori  templi  ambitn,  et  ibi*choi'um  consecraverunt,  et 
habitacula  fecerunt."  ••)  Pilgerfahrt  109. 

*>)  Trattato  77 :  „Questi  .  .  .  amano  niolto  li  Franchi  e  sopra  modo  nui 
frati  Minori."  ")  A.  a.  O.  111. 

'^l  Vgl.  A.  Dunkel,  Abessinien  in  Palästina.  In:  Das  hl.  Land,  Jahrg. 
50,  51,  52. 


Die  andern  christlichen  Bekenntnisse  163 

große  Kasteiimg  ihrem  Leibe  und  gehen  barfuß  um  Gottes 
willen  .  .  .  Wenn  sie  Fest  und  hochzeitlichen  Tag  haben,  so 
kommen  sie  zusammen,  beide,  Frauen  und  Männer,  und  machen 
einen  Ring  und  heben  an  zu  singen,  springen  auf  mit  ihren 
Füßen,  schlagen  beide  Hände  ineinander  und  klopfen.  Das 
treiben  sie  oft  die  ganze  Nacht  durch,  daß  ihrer  manchmal 
viele  gar  krank  davon  werden,  besonders  die  österliche  Nacht  0- 
Sie  haben  .  .  .  inne  im  heiligen  Tempel  einen  Altar,  darunter 
die  Säule  steht,  darauf  Christus  gekrönt  ward,  und  haben  ihre 
Kapelle  und  Wohnung  auf  der  linken  Seite  ^).  Sie  haben  auch 
Messe  im  Heiligen  Grab,  doch  nicht  anders  denn  mit  Erlaubnis 
der  Brüder  Sankt  Franzisci."  Wie  die  Georgier,  so  wurden 
auch  die  Abessinier  durch  die  Armut  im  1 7.  Jahrhundert  ge- 
zwungen, die  Grabeskirche  zu  verlassen-');  ihre  Stätten  fielen 
an  die  Griechen. 

Eine  andere  Gruppe  der  Monophysiten,  die  Jakobiten, 
verwaltete  das  an  die  Rückseite  der  Grabeskapelle  anstoßende 
Kapellchen,  das  später  an  die  Kopten  überging.  Der  von 
ersteren  früher  behütete  Salbungsstein  ^)  ist  gemeinsames  Gut  der 
Lateiner,  Griechen,  Armenier  und  Kopten  geworden.  Letztere 
hatten  um  1500  keinen  dauernden  Wohnsitz  in  Jerusalem^); 
und  ebenso  nicht  die  Maroniten,  die  nur  als  Pilger  zu  den 
Festen  kamen  und,  wie  Morosini  sagt "),  „keine  eigene  Stätte 
haben,  sondern  zelebrieren,  wo  sie  wollen,  und  meist  als  Ka- 
tholiken an  den  Stätten  unserer  Brüder". 


1)  Auch  erwähnt  von  Fabri  I  351  und  Gu  gl  in  gen  142  ii.  :i07.  Der 
Braucli  besteht  noch  heute,  wie  wir  in  der  Osternacht  1915  beobachteten. 

-)  Auf  der  linken  Seite  beim  ICingang  in  die  Grabeskirche.  Ks  ist  die 
Stätte,  an  der  die  Gottesmutter  „neben  dem  Kreuze  Jesu  stand".  Vgl.  Fabri 
I  351 :  „Capella  eorum  cum  aitaribus,  in  qua  cottidiana  sua  Olficia  peragunt, 
est  ad  sinistram  partem,  circa  Ingressum  sancti  sepulchri";  ebd.  I  315  und 
Guglingen  282. 

•'*)  Vgl.  Golubovich,  Hörn  42,  und  P.  Vincent,  Jerusalem  II  290. 

*)  Fabri  I  351    von    den  Jakobiten:    „Hi   habent   parvam  capeliam  an 
nexam  dominico  Moniimento,  in  qua  habetur  altare  et  lampades.    Locum  etiam 
inunctionis   Domini   possident,   in   quo  VII   habent  lampades   ardentes."     Das- 
selbe bei  Grünemberg  107. 

■')  Vgl.  Surian  79.    Die  andern  Pilger  dieser  Zeit  erwähnen  sie  nicht. 

'')  Vgl.  Surian,  Trattato  G8  Anm.  2. 

11* 


164 


IX.    Arbeiten  der   Brüder.     Gottesdienst   an   den 
hl.  Stätten.     Sorge  für  die  Pilger.     Almosen. 

Aufgabe  der  Franziskaner  Palästinas  war  in  jener  Zeit 
niclit  die  Missionstätiglceit  in  gewöhnlichem  Sinne.  Seelsorgliche 
Arbeit  unter  den  Bewohnern  des  Landes  kam  kaum  in  Frage. 

Lateinische  Christen  gab  es  in  Palästina  außer  den  Klö- 
stern nicht.  Surian  sagt  ausdrücklich:  „Es  wohnt  kein  einziger 
katholischer  Christ  im  Hl.  Lande,  weder  Welt-  noch  Ordensleute, 
mit  Ausnahme  unserer  Brüder  und  unserer  Schwestern  vom 
Dritten  Orden"  ').  Wegen  der  großen  Gefahren,  die  mit  dem 
Aufenthalte  unter  den  Moslems  für  die  Katholiken  verbunden 
waren,  wurde  dieser  wiederholt  von  der  Kirche  verboten  ^')- 
Nur  Kaufleute,  vorwiegend  Venezianer,  hielten  sich  in  ein- 
zelnen Handels-  und  Karawanenstädten  Ägyptens  und  Syriens, 
in  Kairo,  Alexandrien,  Damaskus,  Tripolis,  Hama  und  Aleppo 
auf.  Sie  wurden  jährlich  in  der  Fastenzeit  von  unseren  Brüdern 
besucht,  die  ihnen  predigten  und  die  hl.  Sakramente  spendeten^). 

Auch  fehlten  noch  die  verschiedenen  Gruppen  der  morgen- 
ländischen unierten  Christen. 

Unter  den  Sarazenen  war  jede  Missionsarbeit  unmöglich 
und  die  öffentliche  Predigt  des  christlichen  Glaubens  vor  ihnen 
streng  verboten.  Schon  der  erste  Pilger,  der  unsere  Brüder  in 
Jerusalem  traf,  sagt  ausdrücklich,  daß  ihnen  verboten  sei,  den 
Sarazenen  zu  predigen^);  Philipp  von  Hagen  wiederholt  dieses 
am  Ende  unserer  Zeit  und  ergänzt:  „Darnach  predigte  man 
uns  Pilgern  allein;  sonst  dürfen  die  Brüder  nicht  predigen,  auch 
keine  Glocke  läuten;  wenn  sie  ihre  Zeiten  singen  wollen,  so 
kleffen  sie  wie   am  Karfreitag"  ^).     Als  Brüder   1364   und  1391 


1)  Trattato  64  :  „Verun  altro  chrisüano  catholico  habita  in  Terra  Sancta, 
nö  seciilari,  ne  rcligiosi,  excepto  li  frati  nostri,  e  le  Bizocho  nostre  del  terzo 
Ordine."     Vgl.  Guglingen  307;   Fabri  II  205  und  andere. 

'-)  Burkard  meinte  bereits:  „Peiores  sunt  Latini  omnibus  babitatoribus 
aliis";    Laurent  88.  '^)  Surian  113  Anm.  2.  *)  Vgl.  oben  S.  .50. 

■"')  Conrady  251;  Fabri  I  242:  „Non  enim  habent  nee  campanas,  nee 
nolas,  nee  tintinabula,  nee  sinuntur  quovis  modo  bubere  ab  infideübus,  sed 
tabulis  ligneis  dant  ad  Otlicla  Signa,  sicut  nos  facimus  ferla  VI.  Parasceves." 


Arbeiten  der  Brüder  165 

versuchten,  den  Sarazenen  zu  predigen,  trug  ihnen  der  Versuch 
die  Krone  des  Martyriums  ein  ^). 

Neben  den  Sarazenen  wohnten  nach  Fabri  -)  in  Jerusalem 
über  fünfhundert  Juden  und  tausend  morgenländische  Christen, 
meist  Schismatiker  ^),  deren  feindliche  Stimmung  gegen  die 
Abendländer  eine  Annäherung  unserer  Brüder  verhinderte,  öfter 
traten  sie  hingegen  mit  den  monophysitischen  Bekenntnissen  in 
Verbindung;  wiederholt  waren  Brüder  der  Palästinamission  an 
den  Arbeiten  für  ihre  Wiedervereinigung  mit  Rom  beteiligt  ^). 
Und  der  große  Apostel  der  Maroniten,  der  ehrwürdige  P.  Gripho, 
hatte  sich  im  Sionkloster  auf  seine  segensreiche  Tätigkeit  unter 
den  Bewohnern  des  Libanon  vorbereitet  ^). 

Hauptaufgabe  unserer  Brüder  war  es,  die  den  abendlän- 
dischen Christen  anvertrauten  heiligen  Stätten  zu  hüten  und  in 
Ehren  zu  halten,  den  Gottesdienst  an  ihnen  zu  feiern  und  den 
katholischen  Pilgern  Führer  und  Berater  zu  sein.  Und  diesen 
Aufgaben  haben  die  Franziskaner  in  unübertrefflicher  Weise 
entsprochen;  Freund  und  Feind,  alle  Nationen  und  Konfessionen 
sind  einstimmig  in  Anerkennung  ihrer  Verdienste.  „Der  Name 
Franziskaner  allein",  schreibt  der  evangelische  Theologe  Julius 
Böhmer^),  „sagt  hier  genug:  sie  haben  von  jeher  in  Arbeit  und 
Leiden  getan,  was  sie  konnten  und  sind  vor  keinem  Martyrium 
zurückgewichen."  Ein  Schweizer  Pilger  faßt  die  Geschichte 
unserer  Mission  in  die  Worte  zusammen'):  „Sie...  ist  eine 
Geschichte  von  fast  beispiellosem  Heroismus,  rührender  Treue 
und  eines  jahrhundertelangen  Martyriums  .  .  .  Die  einzigen 
Beschützer  der  heiligen  Stätten  .  .  .,  die  einzige  Zuflucht  der 
Pilger  und  die  alleinigen  Seelenhirten  der  römisch-katliolischen 


1)  Vgl.  oben  G4  und  84. 

-)  Evagatoriuin  II  20'):  „Sunt  etiam  ibi  plus  quam  quiugcnti  Judaei  et 
ultra  inille  Christiani  de  omni  secta  et  terra." 

■■')  Vgl.  das  Zeugnis  Guglingens  oben  S.  156  Aiim.  1. 

^)  Vgl.  Surian  79—87. 

'•>)  Vgl.  H.  Lammens  S.  J.,  Fröre  Gryphon  et  le  Liban.  In:  Revue  de 
rOrient  Chretien,  IV  (58—104.  —  Es  liegt  außer  dem  Zwecke  dieser  Schrift, 
die  Arbeiten  der  Brüder  außerhalb  Palästinas  zu  behandeln. 

•*)  Gegenwartbilder  aus  dem  hl.  Lande,  Cassel  o.  J.,  45. 

■)  G.  Baumberger,  Im  Banne  von  drei  Königinnen  I,  Einsiedeln  o.J.,  165. 


166  Gottesdienst  an  den  hl.  Stätten 

Araber.  Was  sie  gelitten,  füllt  Bände,  ganze  Bände  auch  die 
Wohltaten,  die  sie  gespendet.  Ohne  sie  wäre  wohl  das  letzte 
Heiligtum  in  Palästina  heute  den  Katholiken  entrissen."  Aber 
die  Brüder  wachen  nicht.  „In  Jerusalem",  schreibt  Chateau- 
briand in  seiner  Pilgerfahrt,  „leben  christliche  Mönche,  die  nichts 
bewegen  kann,  das  Grab  des  Heilandes  zu  verlassen,  nicht  Plün- 
derungen, nicht  Mißhandlungen,  nicht  Todesdrohungen.  Ihre 
Gesänge  ertönen  Tag  und  Nacht  um  das  Heilige  Grab.  Hat 
morgens  ein  türkischer  Befehlshaber  sie  geplündert,  so  findet 
man  sie  abends  wieder  auf  dem  Kalvarienberg  betend,  auf  der 
Stelle,  wo  Christus  für  das  Heil  der  Welt  gelitten." 

Die  Pilgerberichte  lassen  drei  Arten  des  Gottesdienstes 
unterscheiden,  den  regelmäßigen,  der  gewöhnlich  auf  dem  Berge 
Sion  in  der  Grabeskirche  und  zu  Bethlehem  stattfand,  und  den 
besonderen,  der  an  bestimmten  Festen  oder  Stationen  gehalten 
wurde.  Der  Gottesdienst  an  den  heiligen  Stätten  machte  tiefen 
Eindruck  auf  die  Pilger,  besonders  die  Nacht,  die  sie  sich  mit 
den  Brüdern  in  der  Grabeskirche  einschließen  ließen,  um  an 
allen  Feierlichkeiten  teilzunehmen;  sie  bildete  den  Höhepunkt 
der  Wallfahrt,  und  die  Prozession,  die  sie  mit  den  Franziskanern 
zu  den  einzelnen  Heiligtümern  der  Basilika  machten,  blieb  den 
Pilgern  unvergeßlich.  Wie  wir  aus  der  Beschreibung  entnehmen, 
die  uns  Marian  von  Siena  1431^)  und  P.  Felix  Fabri  1483^) 
geben,  nahm  der  fromme  Zug  seinen  A.nfang  in  der  Marien- 
kapelle, wo  die  Geißelsäule  und  die  Kreuzpartikel  verehrt  wurden, 
und  ging  an  der  Stätte,  auf  der  Maria  Magdalena  den  auferstan- 
denen Heiland  sah,  vorbei  zum  „Gefängnis"  des  Erlösers,  in 
dem  er  warten  mußte,  bis  die  Vorbereitungen  zur  Kreuzigung 
auf  Golgatha  getroffen  waren.  Die  Pilger  küßten  die  Stätte, 
verrichteten  die  Ablaßgebete  und  zogen  weiter  zur  Stelle,  an 
der  die  Soldaten  die  Kleider  Christi  unter  sich  verteilt  hatten. 
Dann  stiegen  sie  hinunter  zur  Kapelle  der  hl.  Helena  und 
zum  Orte,  an  dem  diese  das  Kreuz  Christi  gefunden  hatte, 
und  zogen  unter  Gesang  des  Hymnus  „Vexilla  Regis"  an  der 
Kapelle  der  Dornenkrönung  vorbei  hinauf  zum  Kalvarienberge. 


1)  Viaggio  73  ff.  ■■^)  Evagatoriiim  I  285  ff. 


Gottesdienst  an  den  hl.  Stätten  167 

„Als  wir  oben  ankamen",  sagt  Fabri,  „fielen  wir  alle  auf  unser 
Antlitz,  und  man  hörte  keinen  Gesang  mehr,  sondern  nur  Seufzer, 
nicht  Hymnen,  sondern  Weinen  und  Wehklagen.  Es  gab  nie- 
mand, der  seine  Tränen  und  Seufzer  beherrschen  konnte.  Wer 
könnte  auch  ein  so  hartes  Herz  haben,  daß  es  nicht  an  der 
Stätte  geöffnet  würde,  an  der  er  mit  seinen  Augen  das  Loch 
im  harten  Steine  schaut?  Wer  sollte  nicht  da  mit  lautem 
Seufzen  wehklagen,  wo  Christus  unser  Gott  am  Kreuze  han- 
gend mit  lauter  und  starker  Stimme  rief,  wo  er  für  die 
Kreuziger  betete,  dem  Räuber  das  Paradies  versprach,  die 
tiefbetrübte  Mutter  dem  Johannes  empfahl,  mit  Galle  und  Essig 
getränkt  wurde,  wo  er  erklärte,  daß  alles  daselbst  vollbracht 
sei,  wo  er  den  Geist  in  die  Hände  des  Vaters  empfahl  und 
verschied  .  .  .  Siehe  hier,  frommer  Pilger,  den  vom  Bruder 
getöteten  Abel,  den  vom  Vater  gebundenen  Isaak,  die  von  Moyses 
erhöhte  eherne  Schlange,  das  nach  dem  Gesetze  geopferte  Oster- 
lamm,  den  vom  Menschen  getöteten  Gott,  den  im  Fleische  ge- 
kreuzigten Jesus,  deinen  am  Kreuze  hängenden  K()nig,  deinen 
zum  Tode  verurteilten  Herrn,  der  sanft  und  demütig  und  un- 
schuldig mit  Blut  überströmt  ist,  Priester  und  Opfer  ')•  Dieses 
und  ähnliches  erwogen  wir  an  diesem  furchtbaren  Orte  und 
verblieben  lange  Zeit  hingestreckt  im  Gebete.  Nachdem  wir 
das  Gebet  beendet,  trat  einer  nach  dem  andern  zum  heiligen 
Felsen  und  zum  Kreuzesloche  und  küßte  die  Stätte  mit  besonderer 
Andacht,  und  jeder  legte  sein  Gesicht,  die  Augen  und  den 
Mund  darauf,  .  .  .  und  wir  steckten  die  Hände  und  den  Arm  in 
das  Loch  bis  auf  den  Boden  .  .  .  Wir  verweilten  so  mit  der 
Prozession  mehr  als  eine  Stunde  auf  dem  Kalvarienberge  unter 
Gebet  und  Andacht  in  der  vorangeschrittenen  Nacht".  Dann  stiegen 
sie  mit  dem  Hymnus  „Fange  lingua"  hinunter  zur  Stelle,  auf  der 
die  frommen  Juden  den  Leichnam  Jesu  wuschen  und  salbten. 
Von  dort  ging  es  zum  Grabe  des  Herrn,  wo  die  Prozession  ihr 
Ende  nahm. 


1)  Ebd.  299:  „Ecce,  peregrine  devote,  hie  Abel  occisus  a  l'ratre,  Isaac 
ligatus  a  patre,  serpens  aeneus  suspensus  a  IMoyse,  agnus  paschalis  immolatus 
in  lege,  Dens  occisus  ab  homine,  Jesus  crucifixus  carne,  rex  tuus  suspensus 
cruce,  Dominus  tuüs  condemnaUis  morte,  mitis  et  huniilis  et  innocens  perfusus 
cruore,  sacerdos  et  hostia  offerens  sese." 


168  Gottesdienst  an  den  hl.  Stätten 

Es  ist  fast  die  gleiche  Prozession,  wie  sie  noch  heute 
jeden  Nachmittag  von  den  Franziskanern  und  Gläubigen  gehalten 
wird;  nur  einige  Besuche  sind  umgestellt  0",  und  die  Gebete, 
die  uns  Marian  aufgezeichnet,  sind  zum  Teil  bis  heute  geblieben, 
während  die  Hymnen  vermehrt  wurden,  überhaupt  leuchtet 
in  der  Geschichte  der  Franziskaner  Palästinas  eine  wohltuende 
Liebe  zum  Hergebrachten  hervor  und  eine  eiserne  Beständig- 
keit, mit  der  sie  allen  Schwierigkeiten  und  Opfern  trotzten  und 
die  fest  umschriebene  Aufgabe  verfolgten  -). 

Auch  die  vor  Jahrhunderten  gehaltenen  Stationen  werden 
noch  heute  von  den  Brüdern  beinahe  sämtlich  gefeiert.  P.  Niko- 
laus Wanckel  zählt  1517  dreizehn  Stationen  auf^).  Er  beginnt 
mit  der  Station  am  Palmsonntag*).  Die  zweite  war  Weihnachten 
zu  Bethlehem:  „die  erste  Messe  wird  gehalten  in  der  Kapelle 
der  Jungfrau  Maria,  an  der  Stätte,  da  Christus  geboren  ist,  die 
andere  an  der  Stätte  derselben  Kapelle,  da  Maria  das  Kindlein 
Jesu  in  die  Krippe  gelegt,  die  dritte  in  derselben  Kapelle,  da 
die  Drei  Könige  waren".  Die  dritte  und  vierte  Station  werden 
gleichfalls  zu  Bethlehem  am  Tage  der  Beschneidung  Christi 
gehalten,  die  fünfte  am  Gründonnerstage  in  der  Grotte  der  Todes- 
angst, die  sechste  Karfreitag  auf  Golgatha,  die  siebente  Kar- 
samstag in  der  Marienkapelle  der  Grabeskirche,  die  achte 
ebenda  am  Osterfeste;  „und  dann  gemeinlich  alle  Barfüßer  die 
Messe  halten  auf  dem  Altare,   der  über  das  Heilige  Grab   auf- 


1)  So  findet  jetzt  der  Besuch  der  Stätte,  an  der  Maria  Magdalena  den 
auferstandenen  Erlöser  schaute,  nach  dem  Besuche  des  Heiligen  Grabes  statt. 

'-)  Ob  diese  konservative  Richtung  nicht  auch  ihre  Schattenseiten  hatte 
und  Fortschritten  hinderlich  war,  wird  in  dem  Verlauf  der  spätem  Geschichte 
zur  Sprache  kommen. 

3)  Kurtze  Vermerckung  Bl.  Eij^'. 

^)  Die  früher  von  den  Armeniern  (vgl.  Deycks  76)  am  Palmsonntag 
gelialtene  Prozession  war  eine  Zeitlang  eingestellt  worden,  bis  sie  von  den 
Franziskanern  wieder  aufgenommen  wurde.  Vgl.  Fabri  I  369.  Es  dürfte 
seinen  Grund  haben,  daß  P.  Wanckel  diese  Station  an  erster  Stelle  erwähnt; 
nach  der  Beschreibung,  die  uns  Gugllngen,  Itinerarium  137,  und  Surian, 
Trattato  105,  von  derselben  geben,  scheint  sie  die  größte  Aufmerksamkeit  der 
Christen  und  Sarazenen  auf  sich  gelenkt  zu  haben.  Sollweck  macht  (a.  a.  0. 
Anm.  2)  darauf  aufmerksam,  daß  andere  Beschreibungen  der  Prozession  fehlen ; 
das  erklärt  sich  dadurch,  daß  fast  alle  Pilger  im  Sommer  nach  Palästina 
kamen,  daher  nicht  Augenzeugen  der  Feier  sein  konnten. 


Gottesdienst  an  den  hl.  Stätten  169 

gesetzt  ist,  und  heben  an  von  der  zwölften  Stunde  der  Mitter- 
nacht, darum  daß  sonst  auch  andere  Sekten  des  Morgens  kommen 
und  das  Heilige  Grab  heimsuchen,  aber  niemand  liest  Messe 
denn  wir  Barfüßer."  Die  neunte  Station  fand  Christi  Himmel- 
fahrt auf  dem  ölberge  statt,  die  zehnte  am  Feste  der  Geburt  des 
hl.  Johannes  des  Täufers  an  der  Stätte  seiner  Geburt,  die 
elfte  am  Feste  der  Himmelfahrt  Mariens  im  Tale  Josaphat,  die 
zwölfte  am  Tage  der  heiligen  Drei  Könige  beim  Jordan  ^  und 
die  dreizehnte  am  Freitag  nach  Lätare  zu  Bethanien  am  Grabe 
des  Lazarus  ^). 

Wanckel  bemerkt  dazu,  daß  die  Brüder  von  Jerusalem  zu 
den  Stationen  pilgern,  die  in  Bethlehem  gehalten  werden,  während 
die  Brüder  von  Bethlehem  zu  den  Stationen  nach  Jerusalem  gehen, 
sowie  „daß  man  die  Stationen  alle  verbringen  und  vollenden 
muß  vor  dem  Aufgang  der  Sonne  oder  ein  wenig  darnach  von 
der  Beleidigung  und  des  Verspottens  der  Ungläubigen  wegen". 

Eine  Ausnahme  machte  die  Prozession,  die  am  Palmsonntag 
von  Betfage  auf  den  Sion  ging;  sie  wurde  am  hellen  Tage 
unter  solcher  Beteiligung  und  Begeisterung  der  Menge  gehalten, 
daß  niemand  störte  ^),  und  auch  die  zuschauenden  Sarazenen 
nach  Surian  ^)  zur  Andacht  gestimmt  und  zum  Lobe  unseres 
Herrn  gedrängt  wurden.  Der  Obere  des  Sionklosters  bestieg 
zu  Betfage,  mit  dem  Pluviale  bekleidet,  einen  Esel  und  zog  mit 
den  Brüdern,  die  Palmen  und  Ölzweige  trugen,  über  den  ölberg 
zur  Stadt.  Die  armenischen  Priester  schlössen  sich  in  den  geist- 
lichen Gewändern  an;  ihre  Gläubigen  breiteten  die  Kleider  auf 
den  Weg  und  küßten   nach  Guglingen  ^)  Esel  und  Reiter.     Die 


1)  Die  Vermutung  Solhvccl^s,  Guglingen  146  Anm.  ;{,  diese  Prozession 
sei  uuf  Ostern  verlegt  worden,  trifft  also  nicht  zu;  vgl.  auch  Surian  1:50; 
Ansclm  von  Krakau  788.     Jetzt  wird  diese   Station  nicht  mehr  gehalten. 

-)  Vgl.  Surian  126:  „Cantata  che  e  la  messa,  el  Padrc  Guardiano 
fa  tute  quelle  cerimonic  che  fece  Christo  quando  lo  resusilö." 

•'j  Nikolaus  von  Farnad  Bl.  XllI^,  von  dieser  Prozession:  „Cum 
pagani  muiti  nos  videant  et  aspiciant,  nullus  tarnen  eorum  nos  impedit" ; 
dasselbe  Wanckel  Bl.  Cij\ 

i)  Trattato  105. 

•')  Itinerarium  138:  „Sequebatur  nos  omnis  nuiltitudo  populi,  et  maxime 
natio  Armenorum  cum  presbyteris  indulis  casulis  et  laicis  utriusque  sexus, 
qui    omnes    precurrebant  spoliantes   se   propriis  vestimentis,    et  sternebaut  in 


170  Sorge  für  die  Pilger 

ganze  Straße  war  mit  Blumen  und  Teppichen  geschmückt  und 
hallte  wieder  von  dem  Hosanna  und  den  Hymnen  des  jauch- 
zenden Volkes.  Es  war  ein  Triumphzug  der  Christen  und  ein 
Schauspiel  i'lir  die  ganze  Stadt. 

Der  Gottesdienst  der  Franziskaner  hob  sich  schon  damals 
durch  seine  Ordnung  und  Ruhe  vorteilhaft  von  den  Feierlich- 
keiten der  morgenländischen  Christen  ab.  Die  Beschreibung, 
die  Guglingen  von  der  Osterfeier  am  Hl.  Grabe  gibt  0,  läßt 
diesen  Unterschied  klar  hervortreten  und  gilt  in  allem  noch 
heute.  Nachdem  die  Griechen,  Armenier  und  die  übrigen  Be- 
kenntnisse des  Morgenlandes  in  kostbarem  Aufzug  und  „mit 
großem  Jubel"  dreimal  um  die  Kapelle  des  Hl.  Grabes  gezogen 
waren,  ordneten  sich  die  Brüder  mit  einigen  Maroniten  und 
abendländischen  Pilgern  zur  Prozession.  Alle  trugen  wertvolle 
Gewänder  und  brennende  Kerzen  und  alle  zogen  unter  Hymnen- 
gesang dreimal  um  das  Hl.  Grab.  Als  sie  anfingen,  sagt  Gug- 
lingen ^),  da  „verstummten  alle  Nationen,  eilten  herbei  und 
schauten  die  andächtige  und  geordnete  Prozession  der  Katholiken". 

Mit  derselben  Treue  und  dem  gleichen  Erfolge  haben  un- 
sere Brüder  ihrer  zweiten  Aufgabe,  der  Sorge  für  die  Pilger, 
entsprochen.  „Es  ist  nicht  möglich  zu  schreiben",  sagt  1495 
die  Pilgerfahrt  des  Pfalzgrafen  Alexander  ^),  „wie  freundliche 
und  brüderliche  Liebe  die  Brüder  den  Pilgern  bewiesen  haben." 

Die  Zahl  der  Pilger,  die  das  Hl.  Land  aufsuchten,  war 
sehr  groß;  vor  allem  waren  es  die  Deutschen,  die  den  weiten 
Weg,  die  großen  Beschwerden  der  Reise,  die  vielen  Unannehm- 
lichkeiten und  Gefahren  des  Aufenthaltes  im  Morgenlande  nicht 
scheuten.  Fast  alle  fürstlichen  und  gräflichen  Familien  Deutsch- 
lands sind  in  der  langen  Pilgcrliste,  die  Röhricht  zusammen- 
gestellt hat^),  vertreten. 


via  oranes  claraantes  et  dicentes :  »Benedictus,  qui  venit  in  nomine  Domini«, 
accurrentesque  tangendo  et  osculando  tam  nie  quam  asinum,  cupientes  de 
foliis  palme,  quam  tenui  manu,  quibus  ego  distribui." 

1)  Itinerarium  145. 

■-)  „Tunc  omnes  nationes  siluerunt,  accurrentes  et  videntes  devotam  et 
ordinatam  processionera  Catholicorum."  ^)  Reyßbuch  Bl.  40'"  und  41  \ 

0  Röhriclit-Meisner,  Deutsche  Pilgerreisen  465  ff.  Die  seitdem  (1880) 
veröffentlichten  Berichte  vermehren  die  Liste  beträchtlich. 


Sorge  für  die  Pilger  171 

„Welcher  Mensch  zu  dem  Heiligen  Grab  will  ziehen", 
sagt  1523  Philipp  von  Hagen  0,  „der  soll  drei  Säcke  mitnehmen; 
den  einen  Sack  soll  er  mit  guten  venediger  Dukaten  füllen, 
auch  Silbermünzen  .  .  .,  darbei  den  andern  Sack  .  .  .  mit  Pazienz 
oder  Geduld;  denn  was  ihm  für  Schand  oder  Schaden  begegnet, 
das  soll  er  willig  annehmen  und  leiden;  den  dritten  Sack  soll 
er  füllen  mit  dem  Glauben;  also  wenn  er  die  heiligen  Stätten 
wird  sehen,  da  Jesus  und  die  Heiligen  gelitten  und  gewandelt 
haben,  oder  was   man  ihm  sagen  wird,   das  muß  er  glauben." 

Die  Kosten  der  Reise  waren  verschieden,  je  nach  den 
Ansprüchen  und  der  Begleitung.  Während  Wilhelm  der  Tapfere 
von  Thüringen,  der  1461  mit  91  Personen  nach  Jerusalem  pil- 
gerte, 600  000  Mark  brauchte,  und  Marian  von  Siena  1433  als 
Gesamtausgabe  für  die  Reise  280  Dukaten  rechnete  ^),  gab  Ritter 
Grünemberg  1486  „für  Essen,  Fahrlohn,  alle  Zölle  und  Geleit" 
38  Dukaten;  nur  in  den  Häfen  mußte  er  für  sich  selbst  sorgen^). 
Nach  Surian  konnte  man  die  ganze  Pilgerfahrt  für  43  Dukaten 
machen,  30  für  die  Reise  zu  Schiff  und  in  Palästina,  10  für 
die  Abgabe  an  den  Sultan,  die  verschiedenen  Behörden,  Wächter 
und  Wegeaufseher,  sowie  3  für  die  Reittiere  ^).  Die  Franzis- 
kaner, die  zum  Dienste  an  den  heiligen  Stätten  nach  Palästina 
reisten,  fuhren  auf  einigen  Schiffen  ganz  frei,  auf  anderen  waren 
zwei  frei  und  die  übrigen  mußten  10  Dukaten  zahlen,  während 
Franziskanerpilger  den  Schiffsherren  15  bis  20  Dukaten  geben 
mußten  ^). 

1)  Conrady  230. 

-)  Röhricht-Meisner  7  Anm.  1.  Ebd.  Ki  Aiim.  :!  über  den  Wert  des 
venezianischen  Dukaten.  •'*)  Pilgerfahrt  20. 

■*)  Surian,  Trattato  IG.  Vgl.  dazu  Röhricht-Meisner  13  Anm.  2.  — 
Die  oft  wechselnden  Abgaben  der  Pilger  waren  nach  Surian  a.  a.  O. :  „Per 
lo  tributo  del  Soldano  ducati  7  et  g;osi  17.  Per  lo  turcimano  del  Soldano 
ducato  1.  Alli  maostri  de  la  porta  del  Santo  Sepolchro  grosi  23  ^/o.  Per  sei 
lochi  I Bethlehem,  Bethania,  St.  Johann,  olborg.  Grab  der  Gottesmutter,  Be- 
thesda-Teichj  1  groso  per  loco.  Per  li  guardani  che  guardano  le  strade  in 
octo  lochi,  1  groso  per  loco.  Per  la  casa  di  Rama  grosi  4.  Per  li  guar- 
diani  de  la  marina  groso  1.  Per  cl  signore  de  Rama  grosi  3.  AI  Signor  de 
san  Zorzi  groso  1."  —  Vgl.  Sebastiane  Paoli,  Codice  diplomatico  S.  108 
Nr.  86,  und  andere. 

■•)  Vgl.  Surian  IG  Anm.  2.  Nach  Br.  Gabriel  von  Rattenberg,  der  1527 
nach  Jerusalem  pilgerte,   wurde  manchmal  von  den  Franziskanern  mehr  ver- 


172  Sorge  für  die  Pilger 

Gewöhnlich  begann  die  Seereise  Fronleichnam  ')  und  ging 
von  Venedig  aus,  an  der  istrischen,  dalmatinischen  und  griechi- 
schen Küste  entlang,  an  Kreta,  Cypern,  und  Rhodus  vorbei  nach 
Jaffa,  wo  sie  nach  einer  Seefahrt  von  6  bis  8  Wochen  und  vielen 
Gefahren  und  Leiden  ankamen.  Nach  Surian  ^)  waren  die  Pilger 
früher  gern  nach  Akri  gefahren,  um  den  Schwierigkeiten  der 
Landung  im  Hafen  von  Jaffa  auszuweichen,  und  dann  durch 
Galiläa  nach  Judäa  gezogen.  Wegen  der  Feindseligkeiten  und 
Erpressungen,  die  sie  von  den  Bewohnern  Galiläas  erfuhren  ^), 
änderte  man  jedoch  um  1460  die  Reise  und  ließ  alle  Pilger  in 
Jaffa  landen.  Für  den  hierdurch  entstandenen  Ausfall  an  Ab- 
gaben rächten  sich  die  Bewohner  jener  Ortschaften  an  den 
Franziskanern,  die  auf  der  Reise  nach  Nazareth  oder  Damaskus 
ihre  Gegend  passierten.  Besonders  feindselig  waren  die  Araber 
von  Dschenin,  dem  Orte,  an  dem  der  Heiland  nach  der  Über- 
lieferung die  zehn  Aussätzigen  heilte;  Br.  Andreas  von  Foligno, 
Br.  Simeon  von  Mailand  und  andere  wurden  hier  geschlagen 
und  ins  Gefängnis  geworfen,  bis  sie  losgekauft  wurden.  Der 
frühere  Kustos  P.  Johann  Tomacelli  mußte  sogar  80  Dukaten 
Lösegeld  zahlen  '^). 

Wenn  das  Pilgerschiff  auf  der  Rhede  von  Jaffa  angekommen 
war,  wurde  der  Sandschak  von  Jerusalem  und  der  Guardian 
des  Sionklosters  in  Kenntnis  gesetzt.  Kein  Pilger  durfte  das 
Land  betreten,  bis  er  vom  Befehlshaber  Jerusalems  das  Geleite 
erhalten  hatte,  das  manchmal  eine  Woche  und  länger  auf  sich 
warten  ließ.  Mancher  Pilger  starb  hier  im  Angesichte  des 
Hl.  Landes,  und  manches  Schiff,  das  glücklich  den  Seeräubern 
entronnen  war,  kam  noch  am  Ende  in  große  Gefahr.  Sobald 
der  Guardian  oder  sein  Stellvertreter  in  Jaffa  eingetroffen  war  ^), 


langt,  besonders  wenn  nur  wenige  Pilger  an  der  Überfalirt  teilnahmen ; 
vgl.  Röhricht-Meisner  403. 

1)  Golubovich,  Hörn  231.  2)  Trattato  143. 

•')  Der  „Anonymus  von  Donaucschingen'",  der  1441  mit  seinem  Hruder 
nach  Jerusalem  fuhr,  erzählt,  daß  die  Pilger  für  das  Geleit  von  Akri  nach 
Jerusalem  820  Dukaten  zahlen  mußten;  vgl,  Röhricht- M eis n er  101. 

^)  Surian,  Trattato  142  Anm.  2. 

■>)  Nach  Verniero,  Chronik  699,  erhielt  das  Kloster  auf  dem  Sion  für 
die  vier  Reisen,   die  sie  bei  jedem  Pilgerzuge  zwischen  Jerusalem  und  Jaffa 


Sorge  für  die  Pilger  173 

begab  er  sich  aiiis  Pilgerschiff,  begrüßte  die  Reisenden,  brachte 
Lebensmittel  und  erteilte  die  ersten  Ratschläge.  War  dann 
endlich  der  Gouverneur  mit  seinem  Schreiber  und  den  otl'iziellen 
Pilgerführern  ^)  angekommen,  so  wurden  die  Pilger  ans  Gestade 
gebracht  und  streng  kontrolliert;  jeder  mußte  seinen  Namen 
und  den  Namen  seines  Vaters  angeben,  wobei  mancher  hohe 
Herr  seinen  Stand  verschwieg,  um  der  starken  Schätzung  zu 
entgehen.  Nach  Aufnahme  der  Liste  wurden  die  Pilger  in 
einem  schmutzigen,  gewöhnlich  „Keller  des  hl.  Petrus"  ^)  ge- 
nannten, Gewölbe  eingesperrt,  bis  der  Schiffsherr  mit  den  Be- 
hörden über  die  Höhe  der  Abgaben  einig  geworden  war  und 
jeder  Pilger  den  Passierschein  erhalten  hatte.  Noch  mußten 
unter  vielen  Plackereien  und  großem  Lärm  der  Araber  die  Esel 
gemietet  werden,  und  die  Reise  nach  Ramleh  konnte  beginnen, 
wo  die  Pilger  im  Hospiz  der  Franziskaner  einquartiert  wurden, 
bis  der  Emir  der  Stadt  befriedigt  war  und  sie  nach  Jerusalem 
weiter  ziehen  ließ  ^). 

Manche  Pilger  haben  uns  eine  anschauliche  Schilderung 
der  fast  unglaublichen  Opfer  überliefert,  die  mit  der  Ankunft 
im  Hl.  Lande  verbunden  waren.  Die  Lesung  ihres  Berichtes 
erfüllt  uns  mit  Staunen  und  Hochachtung  vor  dem  Mute  jener 
christlichen  Helden  und  ermöglicht  eine  Vorstellung  von  den 
Leiden,  die  dort  unseren  Brüdern  stets  beschieden  waren.  Ritter 
Grünemberg  berichtet  ""j:  Als  wir  vor  Jaffa  also  nahe  als  vielleicht 
drei  Armbrustschüsse  kamen,  liefen  die  Sarazenen  auf  die  zwei 
Türme,  besahen  uns  und  steckten  dann  auf  einen  Turm  ein 
rotes  Banner  und  gaben  uns  damit  Frieden  zu  erkennen.     Dar- 


machen mußten  („andare  e  ritornare  e  poi  la  partita  ancora  de  Pellegrini  da 
Gierusalemme  .  .  .  che  sono   1  viaggi")  fünf  Dukaten. 

1)  Fabri  I  !!):{;  Guglingen9H;  Grünemberg  (Hi.  Vgl.  Köhricht- 
M eisner  23  Anm.  3. 

-)  Fabri  I  lOö:  „cellaiia  S.  Petri". 

■'')  Die  Bewohner  von  Ramleh  werden  als  besondere  Feinde  der  Christen 
geschildert;  Fabri  I  212:  „Singulares  enim  inimici  Christianorum  sunt  Sar- 
raceni  et  Mauri  de  Rama,  et  magni  vexatores."  Marian  von  Siena  (ral  liier 
einen  venezianischen  und  genuesischen  Konsul;  Viaggio  18. 

•')  Pilgerfahrt  G:5  ff.  Wir  haben  mehrere  Worte  geändert  und  manches 
fortgelassen.  Vgl.  auch  die  ausführliche  Schilderung  bei  Fahr!  I  ls:Uf. ;  die 
schönen  Anmutungen  daselbst  195. 


174  Sorge  für  die  Pilger 

nach  nahmen  wir  die  Segel  ab  und  warfen  zwei  Anker,  lind 
noch  desselben  Tags  schickte  unser  Patron  seinen  Schreiber, 
einen  geschickten  Gesellen,  nach  Jerusalem  um  das  Geleit. 
So  lagen  wir  sechzehn  Tage  still  am  Anker,  und  das  Schill" 
wiegte  und  schwankte  gar  über  die  Maßen.  Die  genannte  Zeit 
wurden  uns  viele  Pilger  krank,   deren  auch  etliche  starben^). 

Endlich  kamen  gen  Jaffa  der  Herr  von  Jerusalem  mit 
seinem  Sohn,  der  Kaiin,  der  Dolmetsch,  der  Schreiber  und 
etliche  Herrn  und  gar  viele  der  Mamelucken,  das  sind  ver- 
leugnete Christen,  und  kamen  wohl  mit  hundert  Pferden  und 
noch  mehr  Fußknechteu  und  fuhren  desselben  Tages  auf  unser 
Schiff  und  besahen  alles  Kaufmannsgut  darauf  und  kramten 
viel  Scharlach.  Der  Patron  ließ  ihnen  Teppiche  auf  die  Erde 
breiten,  darauf  saßen  sie,  und  mancherlei  Essen  machen;  aber 
sie  begnügten  sich  damit  nicht  und  liefen  in  die  Küche  und 
nahmen  den  Pilgern,  was  die  für  sich  selbst  kochten.  Da  liefen 
die  Niederländer  unter  die  Heiden  und  nahmen  ihnen  das  Essen 
wieder,  und  hatte  der  Patron  große  Furcht,  die  Heiden  würden 
von  den  Pilgern  geschlagen. 

Als  sie  aus  dem  Schiffe  geschieden,  redete  unser  Patron: 
„Liebe  Herrn,  ihr  Pilger,  es  haben  sich  diesmal  die  Sarazenen 
so  gar  verkehrt,  daß  wir  schuldig  sind,  euch  aus  Treue  das 
zu  sagen,  und  besorgen,  daß  an  euch  und  uns  kein  Geleit 
gehalten  werde,  besonders  an  den  Franzosen.  Aber  ihr  sollt 
uns  das  nicht  mißdeuten;  was  euch  zugesagt  ist,  das  wollen 
wir  euch  erfüllen  und  alleweg  vorangehen  als  eure  treuen 
Väter,  und  wär's  auch  zum  Tod."  Also  traten  sie  ab.  Und 
ward  gefragt  ein  Herr  aus  dem  Niederland,  der  sagte:  und  ob 
er  wüßte,  daß  ihn  die  Heiden  töteten,  so  wollte  er  dennoch 
ins  Heilige  Land  fahren.  Dem  gab  jedermann  Folge  aus  einem 
Munde. 

Am  achten  Tage  im  August  fuhren  wir  in  der  Barke  in 
den  Hafen  Jaffa.  Und  jeder  Pilger  hatte  einen  Sack  um  den 
Hals;  darin  trug  er  Brot,  eine  Flasche  mit  Wein,   dazu  etliche 


1)  Unter  seinen  Gefährten  waren  „zwei  Barfüßerherrn,  die  kannten  beide 
die  heidnische  Sprache";  einer  wurde  hei  einem  Versuche,  am  Lande  Speise 
zu  kaufen,  von  einem  Sarazenen  erstochen;  ebd.  64. 


Sorge  für  die  Pilger  175 

hartgesottene  Eier,  Käse,  einen  Kamm  und  sonst  manclierlei. 
Von  den  Sarazenen  blieb  keiner  in  seiner  Hütte  nocli  Küche, 
sondern  alle  liefen  herzu,  uns  zu  besehen.  Jeder  hatte  eine 
Waffe  in  der  Hand,  als  Lanze,  Bogen,  Schwert  und  Kolben; 
auch  hatte  jeglicher  einen  krummen  Degen  an.  Und  da  wir 
beinahe  durch  sie  hindurch  waren,  so  sitzen  der  Heiden  an 
die  sechs  zu  ebener  Erde  mit  gekrümmten  Knien  auf  gar 
schönen  Teppichen,  so  ihnen  unterlegt  waren.  Der  oberste 
war  der  Herr  von  Jerusalem  mit  seinem  Sohne,  der  Herr  von 
Ramleh,  der  Kaiin,  ?Iauptmann  aller  Reisigen  und  auch  der 
Fußknechte,  der  oberste  Schreiber  und  der  Trütschelmann  *), 
also  hieß  der  Dolmetsch.  Die  genannten  sechs  hatten  dazumal 
alle  Gewalt  im  Hl.  Lande.  Und  ward  jeglicher  gefragt  vom 
Schreiber,  wie  er  hieße;  darnach  sprach  er:  „Wie  heißt  dein 
Vater?"  Und  sobald  einer  das  sagte,  so  schrieb  er  die  beiden 
Namen  mit  einem  Rohr  in  ein  Buch.  Darnach  führten  uns  die 
Heiden  in  zwei  alte  Gewölbe;  sie  liegen  unterm  Berg;  die 
hatten  die  Heiden  und  ilire  Esel  ganz  voller  Unrat  gemacht, 
daß  es  über  alle  Maßen  übel  roch.  Darin  gaben  sie  einem  eine 
Handvoll  Stroh;  das  mußte  einer  lösen  mit  etlichen  Pfennigen, 
er  nälim's  oder  nicht,  oder  es  waren  ihm  gute  Streiche  bereit. 
In  den  genannten  zwei  Gewölben  oder  Löchern  lagen 
wir  bis  an  den  dritten  Tag.  Die  Gürtelchristen  brachten  uns 
Brot,  Trauben,  gesottenes  Fleisch  und  etlichen  Reis  und  andern 
Brei  und  hartgesottene  Eier  genug  um  unser  Geld.  Dieweil 
wir  also  in  den  Löchern  bewacht  lagen,  machten  die  Heiden 
und  unsere  beiden  Patrone  einen  Pakt  und  Vertrag  für  Zoll 
und  Geleit,  auch  von  den  Eseln,  die  wir  reiten  sollten;  wir  gaben 
dafür  1500  Dukaten.  Die  Heiden  taten  uns  viel  Niedertracht 
an,  besonders  die   Nacht.     Denn   welcher   herausgehen  wollte, 


1)  Fabri  II  108:  „Peregrini  Christiani  habent  in  Jerusalem  diios  ina- 
gistros,  siiperioroni  et  inferiorem.  Siiperior  dicitur  Sabatliytanco,  et  Caiimis 
maior.  Inferior  vocatur  Elplialialio,  Calinus  minor,  i.  e.  magister  hospitalis 
et  peregrinorum.  Ambo  etiam  Calini  dicuntiir  Trutschelmanni,  i.  e.  defensorcs 
et  ductores,  sive  provi-iores  Cliristianoriim  peregrinorum.  Sunt  enim  in  qua- 
libet  civitate  aliqui,  quibus  soldanus  concedit,  ut  Cliristianos  per  terram  ducant 
et  eos  protegant,  et  sunt  magistri  ofliciaies  de  curia  domini  Soldani  et  dicuutur 
Trutsclieimanni." 


176  Sorge  für  die  Pilgei* 

den  ergriffen  die  Heiden  und  forderten  Kurtesie ;  welcher  dann 
ein  paar  Pfennige  gab,  dem  taten  sie  nichts;  welcher  aber 
nichts  geben  wollte,  der  ward  übel  geschlagen  und  von  ihnen 
von  der  Erde  aufgehoben  und  in  das  Loch  geworfen.  Also 
ward  in  der  letzten  Nacht  ein  vornehmer  Ritter  gar  geschlagen, 
daß  er  tags  darauf  starb. 

Item  in  den  Gewölben,  einem  zu  oberst,  war  im  Laufe 
der  Zeit  ein  Loch  durchgebrochen;  und  manchmal  gingen  un- 
vermutet in  der  Nacht  die  Heiden  zum  Loch  und  schütteten  ihren 
Unrat  auf  uns  und  warfen  mit  Steinen  herab  auf  die  Pilger. 
Und  am  Tage,  wenn  wir  vor  den  Gewölben  standen,  so  warfen 
sie  auch  nach  uns  mit  Steinen,  die  wie   ein  Kopf  groß  waren. 

Darnach  am  Sankt  Laurenztag  früh  um  acht  zählte  man 
uns  Pilger  aus  den  Löchern  oder  Gewölben.  Die  Esel,  so  wir 
alle  reiten  sollten,  waren  gekommen,  und  wir  gingen  abermals 
vor  die  heidnische  Obrigkeit;  da  gab  der  Schreiber  von  Jeru- 
salem jeglichem  Pilger  einen  Brief  von  Papier.  So  wir  nun  dahin 
kamen,  wo  die  Esel  standen,  da  war  ein  großes  Geschrei  von 
den  Heiden;  einer  setzte  mich  gleich  auf  einen  Esel  und  meinen 
Knecht  auch  auf  einen  und  forderte  Kurtesie;  dem  gab  ich  für 
uns  zwei  Marzellen  ^).  Er  war's  wohl  zufrieden  und  küßte  mir 
meine  Hand  und  wartete  meiner  wohl. 

Und  so  wir  also  anfingen  hin  zu  reiten,  fingen  die  Esel 
an  zu  schlagen  und  zu  springen;  ich  meine,  die  Heiden  stechen 
sie  irgend  womit,  und  welchen  dann  sein  Esel  abwarf,  oder 
dem  etwa  sein  Sack  oder  anderes  entfiel,  der  mußte  es  lösen 
und  dann  noch  Kurtesie  geben  vom  Aufsitzen.  Also  zog  das 
Heer  dahin,  ich  zählte  an  die  300  Pilger.  Die  Heiden  hatten 
ihre  Fastnacht  mit  uns  und  lachten  und  schrien  über  uns  und 
ritten  vor  und  neben  uns  bei  anderthalbhundert  Pferden. 

Als  wir  vor  ein  Dorf  ritten,  da  liefen  Frauen  und  Männer 
herzu  und  warfen  uns  mit  guten  Steinen;  unsere  Geleitsleute 
lachten.  Um  zwei  nach  Mittag  kamen  wir  Ramleh  nahe.  Die 
Heiden   wollten    uns   nicht   mehr   weiter   reiten   lassen  -),    und 


^)  Der  Marcello  hatte  den  Wert  von  einer  halben  Mark  heutiger  Rechnung. 
-)  Fabrl    I  211:    „Xon   enini    patiuntur   pagani,    quod  Christiani   eorura 
civitates  et  oppida  ingrediantur  equitando." 


Sorge  füi'  die  Pilger  177 

gingen  wir  also  durch  den  Sand  zur  Stadt  hin.  Und  so  wir 
in  die  Stadt  kamen  und  durch  die  Gassen  gingen,  hatten  die 
Sarazenen  sich  gehäutet,  uns  zu  besehen.  Deren  hatten  etliche 
kurze  wohl  gespitzte  Stecken,  stachen  die  Pilger  in  ihre  Seiten 
und  rauften  ihnen  ihre  Barte,  darob  gar  mancher  wehklagte. 
Und  so  wir  vor  das  Spital  kamen,  das  ein  Herzog  von  Burgund 
gestiftet  hat,  schlüpften  wir,  einer  nach  dem  andern,  durch 
zwei  viereckige,  enge  Löcher.  Und  alsobald  wir  in  das  Spital 
kamen,  so  legten  sich  vier  Brüder  auf  den  Estrich;  denen 
zündete  man  die  Kerzen  an.  Zuerst  starb  ein  junger  Bannerherr, 
Herr  Jan  Branbork,  aus  dem  Lande  Pommern  gebürtig.  Auch 
starb  hier  Ritter  Diepolt  von  Haspberg.  Um  die  zwei  andern 
ward  es  ein  wenig  besser;  der  eine  war  ein  mächtiger  Abt 
aus  Frankreich,  der  andere  ein  ihm  zugehöriger  Priester.  Die 
führte  man  beide  auf  Roßtragen  gar  mit  großen  Kosten  gen 
Jerusalem;  da  starben  sie  beide  auf  dem  Berg  Sion  bei  den 
Brüdern  daselbst. 

Des  nächsten  Tages  nach  Sankt  Laurenz  kamen  die  Heiden 
ins  Spital  und  forderten  unsere  beiden  Patrone.  Sie  wollten 
wissen,  wie  viele  der  Pilger  noch  wären;  sie  wüßten,  daß 
etliche  tot  wären,  derselben  Gut  wäre  ihnen  verfallen,  weil  es 
in  ihrem  Lande  wäre.  Die  beiden  Patrone  hätten  sie  gern 
beredet  und  wollten  die  Wahrheit  nicht  kund  tun  noch  ein- 
gestehen. Nach  viel  Redens  ergriffen  sie  beide  Patrone;  und 
wollten  die  wieder  frei  werden,  so  mußten  sie  uns  zählen 
lassen.  Also  trieben  uns  die  Heiden  allesamt  in  ein  enges 
Gewölbe,  daß  wir  auf  das  allergedrängteste  eng  einander  standen 
und  viele  meinten,  die  Bösewichter  wollten  uns  da  ersticken. 
Und  so  wir  eine  Zeit  lang  atemlos  gestanden,  so  zählten  sie 
uns  aus  dem  Gewölbe;  also  fanden  sie  deren  zwei  weniger, 
und  nach  vieler  Rede  mußten  die  Patrone  ihnen  ein  Abfinde- 
geld geben. 

Darnach  schlug  ein  Heide  unsern  Weinschenk,  einen 
Niederländer,  genannt  Nikola.  Der  hängte  sich  an  den  großen 
Heiden  und  zerschlug  ihm  sein  Angesicht,  daß  alles  gar  sehr 
blutete.  Die  Heiden,  die  das  gewahrten,  liefen  hinzu  und 
schlangen  dem  genannten  Nikola  ein   Tuch    um   den   Hals   und 

Fraiizisk.  Studien,  Beiheft  4:  Lern  mens,   IJie  Franziskaner  auf  dem  Sion.  12 


178  Sorge  für  die  Pilger 

meinten  ihn  so  zu  erwürgen.  Da  liefen  die  Pilger  hinzu  und 
erretteten  ihn  und  stießen  ihn  in  ein  Gewölbe.  Als  das  die 
Heiden  sahen,  wurden  sie  über  die  Maßen  zornig  und  liefen 
gegen  das  Tor  des  Spitals  in  der  Meinung,  die  ganze  Stadt  Ramleh 
zu  einem  Auflauf  wider  uns  zusammenzuschreien.  Aber  die 
Brüder  Sankt  Franzisci  und  etliche  tapfere  Pilger  wollten  keinen 
Heiden  hinauslassen.  Nikola  ließ  beide  Patrone  bitten,  daß  sie 
einen  Vergleich  machten;  was  das  koste,  wolle  er  bezahlen, 
wär's  auch  um  200  Dukaten.  Denn  er  wäre  schon  zweimal 
in  Jerusalem  gewesen  und  wüßte  der  Heiden  Sitten,  daß  sie 
ihm  alle  viere  hätten  abgehauen.  Darnach  machten  beide 
Patrone  einen  Vertrag  mit  dem  allein,  der  geschlagen  war, 
und  beredeten  denselben  Heiden,  daß  er  sagte,  kein  Christ 
hätte  ihm  was  getan,  sondern  er  wäre  also  ohne  alles  Zutun 
auf  einen  Stein  gefallen  und  hätte  so  sein  Antlitz  zerfallen. 
Um  solches  wurden  dem  Heiden  von  Nikola  acht  Dukaten 
gegeben. 

Um  derartige  Auftritte  möglichst  zu  verhindern,  wurden 
hier  den  Pilgern  Verhaltungsmaßregeln  gegeben.  Während  der 
Messe,  die  im  Hospiz  gelesen  w^urde,  hielt  einer  der  Franzis- 
kaner eine  Ansprache  und  erteilte  wichtige  Ratschläge  ^).  Zu- 
nächst wurden  alle  Pilger,  die  ohne  kirchliche  Erlaubnis  die 
Pilgerreise  unternommen  hätten,  aufgefordert,  sich  nach  dem 
Gottesdienste  zu  melden,  damit  sie  von  dem  Kirchenbanne  los- 
gesprochen würden.  Kein  Pilger  dürfe,  wenn  er  von  einem 
Sarazenen  geschlagen  werde,  ihn  wiederschlagen,  sondern  solle 
es  dem  Guardian,  Dolmetscher  oder  Führer  anzeigen,  und  wenn 
ihm  keine  Gerechtigkeit  zuteil  werde,  es  Gott  zu  Ehren  tragen. 
Niemand  dürfe  eine  Moschee  betreten,  einen  betenden  Sarazenen 
verlachen  oder  über  ihre  Gräber  schreiten.  Im  Umgang  mit 
denselben  sollten  sie  sehr  vorsichtig  sein,  ihnen  weder  Wein 
geben  noch  Wein  vor  ihren  Augen  trinken,  keine  Freundschaft 
mit  ihnen  schließen,  nichts  vor  ihnen  liegen  lassen,  bei  Geschäften 
aufpassen,  nicht  mit  ihnen  streiten  und  zanken  und  vor  allem 
verhüten,  daß  der  christliche  Name  durch  das  Benehmen  der 
Pilger  beschimpft  werde.     Es  sei  verboten,   Waffen  und  weiße 

1)  Vgl.  Fabri  I  212—217. 


Sorge  für  die  Pilger  179 

Kleider  oder  Kopftücher  zu  tragen,  weil  das  ein  Vorrecht  der 
Sarazenen  sei.  Man  dürfe  keine  Frau  fixieren,  da  die  Sarazenen 
sehr  eifersüchtig  seien,  noch  ihre  Winke  und  Zeichen  erwidern. 
Niemand  möge  Wände  durch  Aufschreiben  von  Namen  oder 
Aufmalen  von  Wappen  beschmutzen,  da  das  die  Sarazenen  für 
Narrheit  hielten;  auch  solle  man  sich  hüten,  vom  Heiligen  Grabe 
und  anderen  Gebäuden  Steinchen  abzubrechen.  Bei  den  gemein- 
samen Pilgergängen  möge  jeder  sehr  auf  Ordnung  und  gutes 
Beispiel  für  die  Ungläubigen  bedacht  sein.  Sollte  der  Aufenthalt 
in  Ramleh  oder  andern  Orten  länger  dauern,  so  müsse,  man 
Geduld  haben  und  die  Vorwürfe  nicht  gegen  den  Guardian 
richten,  da  die  Sarazenen  täten,  wie  sie  es  für  gut  fänden, 
und  nicht  auf  den  Nutzen  der  Pilger  Rücksicht  nähmen.  Zum 
Schluß  wurde  das  Hospiz  zu  Ramleh  und  das  Kloster  auf  dem 
Sion  dem  Wohlwollen  der  Pilger  empfohlen. 

Waren  endlich  die  Tage  des  Wartens  in  Ramleh  vorüber, 
so  lag  das  Ziel  nahe.  Die  übrigen  Mühen  und  Prüfungen 
wurden  leicht  getragen;  schon  der  zweite  Tag  konnte  die  Pilger 
in  die  Heilige  Stadt  einziehen  sehen.  Nachdem  sie  hier  am  Tore 
nochmals  gezählt  und  ihr  Gepäck  untersucht  war '),  traten  sie 
in  andächtiger  Prozession,  zwei  und  zwei,  mit  gefaltenen  Händen, 
den  Pilgersack  auf  der  Schulter^),  in  die  Stadt  ein;  manche  hatten 
aus  Andacht  die  Schuhe  abgelegt  und  gingen  barfuß,  so  lange 
sie  im  Hl.  Lande  weilten  ^).  Zunächst  wurde  der  Zug  vor  die 
verschlossene  Grabeskirche  geführt,  wo  auf  dem  Platze  unter 
Seufzen  und  Weinen  die  ersten  Gebete  verrichtet  wurden  ^). 
Dann  verteilten  sich  die  Pilger  in  ihre  Quartiere.  Die  Frauen, 
die  nach  Fabri  die  Strapazen  der  Reise  besser  ertrugen  ^), 
wurden  in  das  Haus  der   Schwestern   auf  dem   Sion  geführt*^). 


1)  Röhricht-Meisner  28. 

-)  Fabri  I  237:  „Sumpti.s  nostri.s  sacculis  bini  et  bini  Ordinate  contra 
portam  mercatonim  vel  pisciiim  processimus,  cum  silentio  et  devotione  junctis 
manibus  ante  pectora." 

8)  Ebd.  238.  ')  Ebd.  238;  Grünemberg  80. 

">)  Evagatorium  II  7!) :  „Optabam  Salonionom  affuisso  in  nostro.  exercitu, 
et  invenisset  non  unam,  sed  pliires  muliercs  lortes." 

ß)  Surian  118  bezeichnet  als  Hauptzweck  des  Schwesternhauses 
„receptare   le   done    peregrine,   che   vengono   in   Hicrusalem  continuamente". 

12* 


180  Sorge  für  die  Pilger 

Die  Ordensleute  ')  und  die  kranken  Pilger-)  wohnten  im  Kloster 
der  Brüder,  die  unten  bei  der  Pforte  Gasträume  eingerichtet 
hatten^).  Bis  1490  war  es  Sitte  gewesen,  daß  auch  die  Führer 
der  Schilfe  auf  dem  Sion  wohnten.  Da  das  Unruhe  und  manche 
Unzuträglichkeiten  ins  Kloster  brachte,  stellte  der  Kustos  Bar- 
tholomäus am  26.  August  1490  den  Brauch  ab,  weshalb  der 
Doge  Augustin  Barbarigo  den  Kapitänen  unter  schweren  Strafen 
verbot,  in  Zukunft  auf  dem  Sion  Wohnung  zu  nehmen  ^).  Das 
große  Johanneshospital  der  Kreuzfahrer,  das  manchem  Pilger 
eine  bequeme  Herberge  geboten,  hatte  nach  Marian  von  Siena 
1431   „nur  noch  die  Mauern"  ^)  und  verfiel   seit   der  Mitte  des 


Außerdem  besorgten  sie  allerlei  Arbeiten  für  die  Brüder:  „fano  lo  pane  per 
tuti  li  loch!,  fano  le  bugate  de  la  sacristia  e  de  la  canava,  governano  li  polli 
e  simele  cosse."  Dasselbe  sagt  Fabri  I  259:  „Fratribus  serviunt  propter 
Deum,  lavando,  suendo,  nendo,  et  ecclesiam  fratrum  frequentant."  Siirian 
erwähnt  noch,  daß  sie  „sehr  geehrt  und  geachtet  von  den  Sarazenen"  sind, 
und  daß  niemand  ihnen  ein  böses  Wort  sagt,  weshalb  sie  sicher  nach  St.  Jo- 
hann, Bethanien  und  Bethlehem  gehen  können,  l'ber  einen  Diebstahl,  der  am 
10.  .\pril  148."5  im  Scliwesternhause  von  Gürielchristen  verübt  wurde,  berichtet 
Guglingen,  Itinerarium  lö;3  und  167;  vgl.  auch  Fabri  I  2ö9. 

1)  Fabri  1  240:  „Consuetum  est,  quod  religiosi  cum  Fratribus  Minoribus 
in  Monte  Syon  manent"  ...  „A  quibus  charitative  fuimus  recepti  et  tractati, 
et  propriam  cellam.  .  .  .  assignaverunt,  et  ita  cum  eis  manducavimus,  bibimus 
et  dormivimus  et  Deo  pariter  servivimus  ...  in  bona  pace  et  optima  provisione 
de  charltale  palrum  et  Fratrum  Minorum  montis  Syon."    Vgl.  Guglingen  117. 

'-)  Dietrich  von  Schachten  berichtet  1491:  „Die  Barfüßer  herbergten 
auch  etliche,  so  da  krank  wahren,  in  ihren  Klöstern" ;  Röhricht-Meisner  195. 

3)  Anselra  von  Krakau:  „Inferius  de  coenaculo  subtus  ad  Capellam 
S.Francisci,  ubi  etiam  est  dormitorium  peregrlnorum"  ;  Basnage  789.  Harff  164: 
Die  Brüder  gaben  „bij  de.'  portzen  off  die  lynke  haut  eyn  eygen  kamer". 
Fabri  I  248  sagt  von  dem  Räume  unter  dem  Zönakulum:  „Sunt  etiam  in 
latere  ejus  lecti  pro  hospitibus,  in  quibus  in  prima  mea  peregrinatione  dor- 
mivi.  Est  etiam  ibi  cella  fratris  sacristae  et  fratris  Johannis,  qui  milites  creat 
in  sancto  sepulchro."     Vgl.  den  Grundriß  S.  147. 

-•)  Die  Schriftstücke  sind  mitgeteilt  in  Verniero,  Chronik  699  ff.  Der 
Kustos  sagt  in  seinem  Schreiben  u.  a. :  „Accade  a'  Padroni  di  congregar  11 
Pellegrini,  per  11  che  sempre  e  la  taverna  in  Casa  .  .  .  Tutto  1'  anno  facciamo 
che  1  Turchi  non  entrino  nelle  nostre  officine  e  parti  interiori  della  Casa; 
e  nel  tempo  che  li  Ptidroni  ttanno  in  Convento,  non  e  possibile  ritcnerli."  — 
Der  Doge  drohte  die  Strafe  von  200  Dukaten  und  den  Verlust  des  Rechtes, 
Pilger  zu  befördern,  an.  Der  Guardian  solle  jedem  Kapitän  eine  Bescheinigung 
mitgeben,  ob  er  der  Verordnung  entsprochen  habe.  Am  12.  Juli  1513  wurde 
dieselbe  vom  Dogen  Loredano  erneuert;  ebd.  701. 

^)  Viaggio  25:  „Ora  non  ci  e  se  non  mura." 


Sorge  für  die  Pilger  181 

15.  Jahrhunderts  immer  mehr.  Es  war  nach  Fabri  *)  ein  „elendes, 
trauriges  Haus"  geworden,  in  dem,  wie  Guglingen  sagt-),  die 
Pilger  „äußerst  arm  und  erbärmlich  wohnten,  ohne  Wirt  und 
Möbel,  unter  sich  den  Fußboden  und  über  sich  das  Gewölbe". 
Die  Pilger,  die  dort  nicht  bleiben  wollten,  fanden  bei  Privat- 
leuten, bei  den  venezianischen  und  genuesischen  Konsuln  ^),  im 
Hause  des  zweiten  Dolmetschers ''),  bei  der  armenischen  St.  Ja- 
kobuskirche ^)  und  in  andern  Häusern*^)  Unterkunft.  Für  jene, 
die  im  Johanniterspital  verblieben,  sorgten  die  Franziskaner 
nach  Kräften^);  sie  lasen  daselbst  auch  die  hl.  Messe ^). 

Die  Sorge  für  die  Unterkunft  der  Pilger  war  allmählich 
den  Franziskanern  zugefallen  und  von  ihnen  immer  weiter  aus- 
gebaut worden.  Nach  dem  Einzüge  unserer  Brüder  in  die 
heiligen  Stätten  hatten  zunächst  die  beiden  Frauen  Sophia  und 
Albira  das  uns  schon  bekannte  Pilgerhaus  auf  dem  Sion  gegrün- 
det^). Nicht  lange  nachher  gab  der  Sultan  den  Johannitcr- 
rittern  ihr  Hospital,    das  sie   beim    Einzüge    Saladins   in   Jeru- 


1)  Evagatorium  I  240 :  „Magnum  est  liabitaculum,  tostudinatiiin,  miserum 
et  desolatum." 

-')  Itinorarium  115:  „U)i  staut  et  quiescunt  .  .  .  paiiperrirne  et  miserabi- 
liter,  non  habentos  hospitem  nee  supellecUiia  aliqiia,  soliim  pavimentum  siibtiis, 
supra  vero  testiidineni." 

3)  Vgl.  über  diese  Konsuln  W.  Heyd,  Les  Consulats  etablis  en  Terrc 
Sainte  au  Moyen-Age  pour  la  protection  des  pölerins.  In :  Arch.  de  l'Orient 
Latin  II  355—363.  Eine  Liste  der  venezianischen  Konsuln  in  Syrien  gibt 
Berchet,  Relazioni  dei  consoli  Veneti  nella  Siria,  Torino  1866,  55 — 57. 

*)  Vgl.  Fabri  I  240,   II  107;   Lengherand  117  u.  a. 

5)  Es  war  spanische  Stiftung.  P.  Bonifacius  sagt  von  demselben: 
„Hospitium  .  .  .  quod  Hispani  .  .  .  labricarunt,  in  quo  peregrini  Hispani,  ijui 
veniebant  Terram  Sanctam  visitare,  hospitabantur"  ;  Liber  de  perenni  cultu  185. 
Hier  wohnte  1532  Possot;  er  berichtet  von  der  Ankunft:  „Soupasmes  au 
couvent  des  Cordeliers  et  allasmes  coucher  au  licu  dit  S.  Jacques,  qui  est  aux 
Armeniens";  Schefer,  D.  Possot,  Voyage  de  La  Terre  Sainte,  Paris  1890,  Ki.'J. 

")  Z.  B.  bei  einem  Jakobiten,  namens  Gazelle;  vgl.  Guglingen  115: 
„Si  autem  peregrinoruni  pauci  sunt,  decem  vel  quindecim,  ducuntur  ad  domum 
cuiusdam  Christiani,  et  habet  curara  eorum  et  recipit  pecuniani  absque  mi- 
sericordia."  Griinemberg  wohnte  bei  einem  Gürtelchristen,  namens  Elias; 
Pilgerfahrt  80. 

")  Vgl.  Füssli  bei  Böhmer,  Studien  23. 

^)  Vgl.  Griinemberg  80.  Dasselbe  berichtet  1497  Hans  Schurpf;  vgl. 
Tobler,  Topographie  I  405. 

■')  Vgl.  oben  S.  75. 


j^g2  Sorge  für  die  Pilger 

salem  verloren  hatten,  zurück  ^).  Die  Ritter  ließen  es  durch 
einen  Hospitalarius  verwalten-);  als  sie  sich  aber  bald,  wohl 
infolge  der  vielen  Schwierigkeiten,  zurückzogen,  verwahrloste 
das  gewaltige  Gebäude  immer  mehr.  Um  1460  kauften  daher 
die  Franziskaner  ein  Haus  für  die  Aufnahme  der  Pilger,  das 
aber  nach  Aussage  des  Bischofs  Rochechouart,  der  1461  in 
demselben  wohnte,  „wenig  geeignet  für  die  Pilger"  war,  da 
das  Wasser  fehlte  ^).  Seitdem  finden  wir  die  Pilgerräume  im 
Kloster  der  Brüder  auf  dem  Sion  erwähnt  ^),  und  stufenweise 
bildeten  sich  jene  Bräuche  aus,  die  uns  Jodokus  von  Meggen 
1542  schildert.  Die  Pilger  wurden  bald  nach  ihrer  Ankunft  in 
der  Heiligen  Stadt  zum  Sionkloster  geleitet,  wo  ihnen  die  Brüder 
unter  Psalraengesang  die  Füße  wuschen  ^),  und  durch  ein  kräftiges 
Mahl  erquickt  ^).  Dann  hielt  der  Obere  des  Klosters  die  Begrü- 
ßungsansprache, in  der  er  die  ersten  Mitteilungen  machte.  Die 
Priester  und  einige  Ritter  würden  im  Kloster  bleiben;  der  Raum- 
mangel hindere  sie,  alle  Pilger  aufzunehmen,  wie  es  ihr  Wunsch 
wäre.    Die  übrigen  sollten  in  einem  bequemen,  unweit  der  Stadt- 


1)  Michaud-Breholles,  Histoire  des  Croisades  III  365.  Am  7.  Okt. 
1403  erneuerte  der  Sultan  im  Vertrag  mit  dem  Großmeister  der  Johanniter 
die  Erlaubnis  für  ein  Hospital;  vgl.  Arch.  de  l'Orient  Latin  II  B  512. 

2)  Als  Zeuge  des  Martyriums  der  vier  Franziskaner  wird  im  Protokoll 
genannt:  „Johannes  Campana,  Janue,  Hospitalarius  peregrinorum,  cum  familia 
sua",  oder,  wie  es  in  einer  andern  Kopie  heißt:  „Hospitalarius  hospitalis 
Jerusalem,  cum  servitoribus  suis" ;  vgl.  oben  S.  87  Anm.  2. 

3)  Rochechouart,  Journal  242:  „Ducimur  ad  hospitalc  peregrinorum, 
quod  non  est  illud  antiquum,  quo  recipiebantur  peregrini,  scd  noviter  acqui- 
situm per  Fratrcs  Minores,  mediocritor  aptum  ad  receptionem  peregrinorum, 
sed  non  ut  in  Rama,  quia  non  est  aqua  nee  cisterna."  Das  Haus  scheint 
wenig  von  Pilgern  benützt  worden  zu  sein. 

■*)  Bereits  Guglingen  sagt,  daß  eine  größere  Zahl  Pilger  auf  dem 
Sion  wohnten.  „Gardianus  vero  cum  fratribus  ordinis  et  aliis  religiosis,  si 
aliqui  sunt,  et  cum  patronis  galearum  et  certo  numero  vadit  ad  montem  Syon, 
et  ibi  hospitantur  et  providentur  per  gardianum";  Itinerarium  115. 

»)  Dasselbe  berichtet  Ernst  von  Bueseck;  Röhricht-Mcisner  458. 
Die  Zeremonien  und  Gebete  der  Fußwaschung  bei   Golubovich,   Hörn  233. 

•^3  In  der  Jerusalemfahrt  des  Grafen  Gaudenz  von  Kirchberg  (1470), 
beschrieben  von  seinem  Diener  Friedrich  Steigerwalder,  heißt  es  zum 
Mahle  auf  dem  Sion,  daß  Jeder  Pilger  „ain  manester  [Suppe]  von  reyß  in 
ainem  kleinen  schissein  und  ain  gruen  stuckh  fleisch  und  gar  gueten  wein 
genueg"  besonders  erhielt ;  Forschungen  und  Mitteilungen  zur  Geschichte  Tirols 
und  Voralbergs  II  136. 


Sorge  für  die  Pilger  183 

maiier  gelegenen  Hause  Unterkunft  finden;  jeder  werde  daselbst 
seine  Decken  und  Kissen  haben.  Alle  Pilger  würden  vom  Kloster 
reichlich  Wein  und  Brot  erhalten;  die  andern  Speisen  müßten 
sie  sich  selbst  kaufen.  Es  sei  Sitte,  daß  die  Pilger  dreimal 
gemeinsam  im  Kloster  speisten,  beim  Besuchen  des  Heilig- 
tums auf  dem  Sion,  vor  der  Pilgerfahrt  zum  Jordan  oder  nach 
Hebron  und  vor  der  Abreise  0- 

Jodokus  bemerkt,  daß  alle  diese  Versprechen  nicht  nur 
genau  erfüllt,  sondern  noch  übertroffen  wurden.  Als  sie  den 
Guardian  ersuchten,  ihre  Einkäufe  für  den  Lebensunterhalt  be- 
sorgen zu  lassen,  habe  dieser  bereitwillig  zugesagt.  Er  sei  bis- 
weilen selbst  bei  ihren  Mahlzeiten  erschienen,  um  sich  durch 
eigenen  Augenschein  davon  zu  überzeugen,  was  ihnen  vorgesetzt 
werde,  und  habe  wiederholt  gedrängt,  ihm  alle  Klagen  und  Be- 
schwerden zu  unterbreiten.  Doch  sei  alles  von  den  Brüdern  so 
reichlich  gebracht  worden,  daß  sie  keinen  Grund  zur  Klage 
hatten^);  ein  Zeugnis,  das  den  Franziskanern  immer  wieder  von 
den  Pilgern  ausgestellt  wurde.  Der  italieniscfie  Priester  Anton 
Buondelmonti,  der  1468  in  Jerusalem  weilte,  schrieb  in  sein 
Tagebuch,  die  Brüder  nähmen  einen  so  gut  auf,  daß  man  glaube, 
„im  Paradies  zu  sein"  ^).     Diese  gute  Aufnahme  der  Pilger  zu 


')  A.  a.  0.  93 :  „Coenobitis  itaqiie  pcrogrinorum  pedes  subito  lavantibus 
interque  lavandura  prae  gaiidio  psallcntibus,  satis  humanitcr  excipiebamur, 
quia  statim  prandium  universis  peregrinis  opipariim  exhibuere ;  quo  peracto 
gratiaquc  Omnipotonti  habita,  guardiaiuis  ...  disseruit  .  .  .  Sacerdotcs  universos 
.  .  .  cum  paucis  nobilibus  in  monastcrio  moraturos,  libcntius  universos  pcregrinos 
susceptururn,  ni  loci  angustiae  id  vetarent;  ceteros  vero  in  acdibus  Aiinae  in 
urbc  pencs  moenia,  satis  commode,  loci  religionisque  consideratione  habita, 
futuros ;  sed  quo  comniodius  id  Hat,  unicuique  singula  stragula  pulvinariaquc 
pracbiturura ;  omnibus  autem  peregrinis  vinum  panemque  abunde  a  conventu 
suppeditatum  iri,  ceterum  autem  victum  nos  emere  debere,  coquum  eorum 
singula  in  esum  commoduin  conipositurum.  Denique  consuctudinis  esse,  ut 
tria  convivia  universis  peregrinis  cxhibeantur,  primuin  (piando  eo  conveniunt, 
alteruin  cum  Jordanem  vel  valleni  Hebron  petituri  sunt,  tertium  cpm  discedant." 
—  Über  das  beim  Siontor  gezeigte  „Haus  des  Annas"  vgl.  Fabri  I  261  und 
Meistcrmann-Huber  155. 

-)  Ebd.  93:  „Quae  certo  singula  ut  promisit  praestitit  et  vcrbis  lacta 
non  solum  aequavit  sed  etiam  superavit  .  .  .  Itaque  aflatim  nobis  omnia  a 
Coenobitis  allata  sunt,  ut  nuUam  prorsus  conquerendi  occasionem  haberemus." 

3)  Civezza,  Storia  VI  355:  „Che  pare  stare  in  Paradiso." 


j^84  Sorge  für  die  Pilger 

Jerusalem  förderte  die  Wallfahrten  ins  Heilige  Land  nicht  wenig. 
Nikolaus  von  Farnad  meinte,  es  würde  kaum  noch  ein  Pilger 
nach  Palästina  ziehen,  wenn  die  Brüder  aus  dem  Lande  ver- 
trieben würden  0- 

Der  Aufenthalt  in  der  Heiligen  Stadt  dauerte  acht  bis  vier- 
zehn Tage  ^).  Das  Programm  desselben  war  im  großen  und 
ganzen  immer  das  gleiche.  Ein  Gang  führte  auf  den  Sion,  einer 
am  Prätorium  des  Pilatus  vorbei  zum  Tale  Josaphat  und  ölberge; 
dreimal  wurde  die  Grabeskirche  besucht;  da  die  Lateiner  dem 
Sultan  eine  höhere  Abgabe  zahlten,  wurde  ihnen  die  Basilika 
dreimal  geöffnet  ■'•).  Außerdem  zog  man  nach  Bethlehem,  St.  Jo- 
hann und  zum  Jordan. 

Auf  diesen  Rundgang  waren  viele  durch  Reisebücher  vor- 
bereitet. Schon  vor  dem  Einzüge  der  Franziskaner  in  die  heiligen 
Stätten  waren  Verzeichnisse  derselben  und  der  überall  bewahrten 
Reliquien  verbreitet  ■*).  Diese  Listen  wuchsen  beständig.  Jedes 
Kreuz  und  jedes  Zeichen  war  allmählich  von  der  frommen 
Einfalt  gedeutet  worden;  schließlich  war  kaum  ein  Ereignis  in 
den  heiligen  Büchern,  dessen  Platz  man  nicht  gekannt  und 
gezeigt  hätte.  „Ein  Steinhaus  von  großen  Steinen"  auf  dem 
Sion  war  nach  Grünemberg^)  „die  Stätte,  da  Sankt  Mathias 
zu  einem  Apostel  erwählt  ward" ;  „nahe  darbei  ein  w^eißer 
Stein  mit  einem  Kreuz  in  einer  Mauer"  der  Ort,  wo  „Sankt 
Jakob  zu  einem  Bischof  erwählt  war"  ^);  auf  einem  unweit  davon 
gelegenen  Stein  „hat  unsere  liebe  Frau  ge\veint,  nachdem  Gott 


1)  Compendiosa  dcscriptio  Bl.  XVIj^':  „Si  fratres  inde  delereiitur,  nulliis 
ut  puto  lideliura  terram  sanctam  visitandam  adveniret,  eo  qiiod  hospitium,  quo 
se  diverteret  in  Hierusalem,  non  haberet." 

2)  Grünemberg  blieb  daselbst  vom  13.  bis  zum  27.  August  und  der  Zug, 
mit  dem  P.  Guglingen  gekommen  war,  vom  23.  Juli  bis  zum  4.  August.  Tücher 
und  Wilhelm  von  Thüringen  weilten  nur  acht  Tage  in  Jerusalem. 

^)  Surian,  Trattato  31:  ..AUi  Franchi.  perche  pagano  piü  che  1'  altri, 
sono  obligati  de  aprirli  tre  volte  in  tre  diversi  giorni,  et  una  volta  sola  aprono 
a  tute  r  altre  natione." 

^)  Vgl.  oben  S.  32  Anm.  2.  Die  Untersuchung  über  die  Entwicklung 
dieser  Verzeichnisse  und  der  Ablässe  des  Hl.  Landes  muß  einer  andern  Arbeit 
vorbehalten  werden.  ■'')  Pilgerfahrt  92. 

6)  Fabri.  Evagatorium  I  273,  fügt  hinzu,  daß  er  daselbst  auch  ge- 
weiht wurde. 


Sorge  für  die  Pilger  185 

gen  Himmel  ist  gefaliren".  Eine  Straßenecke  vor  dem  Hause 
des  Kaiphas  wurde  als  der  Platz  verehrt,  auf  dem  Maria  wäh- 
rend des  Verhöres  Jesu  wartete  ^),  und  eine  in  der  Nähe  ge- 
legene Höhle  als  der  Ort,  an  dem  Petrus  die  erste  Buße  für 
seine  Verleugnung  im  Hause  des  Hohenpriesters  tat  -). 

Die  Wallfahrten  wurden  unter  Führung  der  Brüder  gehalten. 
Ritter  Grünemberg  erzählt:  Wenn  wir  an  die  heiligen  Stätten 
kamen,  so  stand  jedermann  still,  und  ein  Barfüßer  verkündete 
mit  lauter  Stimme  in  latein,  welche  Stätte  das  war  und  was 
da  geschehen.  Dasselbe  sagte  darnach  ein  anderer  Bruder  in 
französisch  und  wälsch,  darauf  sagte  es  ein  Bruder  zu  deutsch, 
und  dessen  bedurften  die  Pilger,  denn  da  waren  wohl  zehnerlei 
Sprachen  unter  uns.  Vor  uns  her  ging  der  Kaiin  und  andere 
Heiden,  so  uns  geleiteten^);  sie  mußten,  wie  Fabri  sagf*),  die 
Knaben  abwehren,  damit  sie  die  Pilger  nicht  mit  Steinen  warfen. 

Der  Pilgerzug,  mit  dem  Felix  Fabri  1483  nach  Jerusalem 
kam,  blieb  in  der  heiligen  Stadt  vom  12.  bis  zum  22.  Juli. 
Am  13.  Juli  wurde  der  Sion  und  seine  Umgebung  besucht. 
Vor  Aufgang  der  Sonne  versammelten  sich  die  Pilger  in  dem 
festlich  geschmückten  Zönakulum;  nie  sah  Fabri  so  kostbare, 
gestickte  Teppiche '').  Nachdem  die  Prim  und  Terz  gesungen 
waren,  zelebrierte  der  P.  Guardian  das  feierliche  Hochamt, 
während  dessen  er  eine  lateinische  Ansprache  hielt,  die  P.  Walter 
von  Guglingen  ins  deutsche  übersetzte.  Dann  zogen  aile  in 
festlichem  Zuge  zu  den  heiligen  Stätten  in  der  Nähe  des  Zöna- 
kulums.  Es  war  Mittag  geworden,  als  die  Prozession  zu  Ende 
ging,  und  nun  wurden  die  Pilger  in  den  Garten  geführt,  wo 
die  Tische  für  sie  gedeckt  waren;  zum  Schutze  gegen  die 
Sonnenstrahlen  war  ein  großer  Teppich  ausgespannt,   auf  dem 


1)  Fabri  I  2(56.  ■^)  I-]bd.  2(51. 

•■'J  Pilgcrlahrt  80.     Vgl.  Giiglingcu  118. 

')  Evagatorium  l  354:  „Calinus  .  .  .  cum  baciilo  salviini  coüdiicliiiii  prac- 
statis  et  pueros  arcens,  ne  nos  lapidibus  impeterent." 

•'')  Evagatorium  I  241  :  „Nunquam  vidi  pretioslores  panno.s,  imiiierura 
ope  l'actos  cum  imaginibus  vitac  Cliristi  et  mortis,  quam  ibi.  linde  Sarraceni 
magni  et  Turci  et  Mameiuci  a  longinquo  venientes  petunt  sibi  pannos  aut 
tapetias  illas  monstrari  .  .  .  Hos  pannos  dux  I5urgundiao  Phiiippus  pro  illa 
ecclcsia  fecit  lieri." 


136  Sorge  für  die  Pilger 

die  Sendung  des  Heiligen  Geistes  gestickt  war.  Einige  Edelleute 
bedienten  aus  Demut  die  Gäste.  Während  des  Essens  hielt  ein 
Pilger  eine  lateinische  Ansprache  über  die  heiligen  Orte,  und 
am  Schlüsse  dankte  Johann  von  Zimmern,  einer  der  Tischdiener, 
im  Namen  des  Guardians  allen  Gästen  dafür,  daß  sie  der  Ein- 
ladung zum  Mahle  Folge  geleistet.  Derselbe  habe  zwar  durch- 
aus verboten,  bei  Tische  eine  Kollekte  für  die  Brüder  zu  halten, 
oder  den  Pilgern  ein  Almosen  für  das  Kloster  zu  empfehlen. 
Doch  könne  das  niemanden  abhalten,  mit  Br.  Johann  von  Preußen, 
dem  Prokurator  des  Klosters,  zu  sprechen  und  ihm  etwas  für 
die  Nöten  der  Brüder  zu  übergeben  ^). 

Nachdem  am  Nachmittage  die  übrigen  Stätten  auf  dem 
Sion  und  seine  Umgebung  besucht  waren,  ging  es  gegen  Sonnen- 
untergang zur  Grabeskirche,  wo  die  Pilger  von  den  Torhütern 
abgezählt  und  in  die  Basilika  eingelassen  wurden,  deren  Türen 
sich  sofort  hinter  ihnen  schlössen.  Sie  blieben  dort  die  ganze 
Nacht,  hielten  die  Prozession,  empfingen  die  heiligen  Sakra- 
mente") und  beteten  und  sangen  in  der  Kirche,  bis  die  Sara- 
zenen sie  um  8  Uhr  morgens  hinauswiesen. 

Der  15.  Juli  führte  die  Pilger  zum  Hause  der  Veronika, 
zum  Gerichtshofe  des  Pilatus,  der  Geburtsstätte  der  Gottes- 
mutter, dem  Tale  Josaphat,  dem  ölberge  und  am  Teiche  Siloa 
und  dem  Acker  Hakeldama  vorbei  in  die  Stadt  zurück.  Am 
Abend  ging  es  nach  Bethlehem.  Vor  der  Stadt  stießen  sie  auf 
eine  Menge  bewaffneter  Araber,  die  den  Weitermarsch  nur 
gegen  Zahlung  einer  Abgabe  gestatten  wollten  und  nach  langem 


1)  Ebd.  I  249:  „Nullatenus  enim  voluit  Pater  Guardianus,  qiiod  collccta 
lierot  in  meusa,  nee  consensit,  ut  intimaretur  percgrinis,  quod  i'rater  Joliannes 
esset  accepturus  pecuniam  nomine  fratruni,  sed  nobiles  ex  se  lioc  feccrunt  .  .  . 
Porro  nobiles  ad  fratrem  Johannem  aecedentes  notabilem  eleemosynam  Con- 
ventui  dedenint." 

-)  Fabri  erzählt,  daß  bei  seiner  ersten  Pilgerfalirt  im  Jahre  1480  große 
Unordnung  unter  den  Priestern  herrschte,  die  sich  zur  hl.  Messe  ankleiden 
Avollten  und  gegenseitig  den  Platz  und  die  Paramente  streitig  machten.  „In 
secunda  autem  peregrinatione  erant  pauci  sacerdotes  et  multi  saeculares,  et 
pater  Guardianus  [P.  Paul  von  Caneto],  vir  prudens,  bene  cuncta  ordinaverat, 
quod  res  paciüce  transibat";  Evagatorium  I  313.  —  Ob  Röhricht-Meisuer  32 
mit  Recht  jenen  von  Fabri  berichteten  VorMl  verallgemeinert,  wissen  wir  nicht. 


Sorge  für  die  Pilger  187 

Hin-  und  Herreden  von  den  Pilgern  24  Dukaten  erhielten.  In 
der  Kirche  fand  alsbald  die  Prozession  statt,  die  das  Zimmer 
des  hl.  Hieronymus,  das  Grab  des  hl.  Eusebius  und  der  Un- 
schuldigen Kinder  nebst  anderen  Stätten  aufsuchte  und  in  der 
Geburtsgrotte  schloß.  Nachher  nahmen  die  Pilger  oben  im 
Gange  die  von  Jerusalem  mitgebrachten  Speisen  zu  sich  ^  und 
beteten  oder  ruhten,  bis  sie  um  Mitternacht  zu  den  Metten  in 
die  heilige  Grotte  zurückgerufen  wurden.  Nach  den  heiligen 
Messen  wurde  das  Hirtenfeld  besucht,  das  „Gloria  in  exceisis" 
daselbst  mit  großer  Freude  gesungen  und  der  Abschiedsbesuch 
an  der  Krippe  gemacht. 

Die  folgende  Nacht  brachten  die  Pilger  wieder  in  der 
Grabeskirche  zu,  wo  Br.  Johann  von  Preußen  nach  der  Prozession 
mehrere  adelige  Pilger  in  der  Kapelle  des  Heiligen  Grabes  zu 
Rittern  schlug. 

Der  18.  Juli  war  dem  Pilgergange  nach  St.  Johann  und 
dem  Heiligkreuzkloster  geweiht.  Am  19.  traten  sie  über  Bethanien 
die  zwei  Tage  dauernde  Reise  zum  Jordan  an.  Hier  nahmen 
die  Pilger  das  herkömmliche  Bad,  besuchten  die  Kirche  des 
hl.  Johannes  und  die  Stadt  Jericho  und  pilgerten  zum  Berge, 
auf  dem  der  Erlöser  fastete  und  versucht  wurde. 

Gegen  Abend  des  21.  Juli  zogen  sie  zum  dritten  und 
letzten  Male  in  die  Grabeskirche,  wo  sie  wieder  die  ganze 
Nacht  verblieben  ^),  und  begaben  sich  in  der  Frühe  des  folgenden 
Tages  auf  den  Sion,  um  sich  vom  Heiligtume  und  den  Brüdern 
zu  verabschieden  und  die  Rückreise  nach  Jaffa  anzutreten^). 
I'abri  und  17  Pilger  blieben  zurück,  um  über  Hebron  nach  dem 


1)  Andere  wurden  von  den  ßrüdcrn  bewirtet.  So  sagt  der  Kartüiiser- 
prior  Georg  1507  :  „Pro  [ortuna  et  consuetudine  l'ratrum  sati.s  laute  ej)ulati 
suiDUs" ;  Pez  522. 

2)  Fabri  macht  einen  Unterschied  zwischen  den  drei  IJesiichen  der 
Pilger:  „In  prima  enim  nocte  occiipati  erant  ad  disponendinn  sc  ad  sacrani 
Eucharistiae  conmuinionem  cum  confessionibus,  et  adhuc  inagis  afl'ecti  erant 
ad  loca  sancta  ...  In  secunda  nocte  sollicitabantur  pro  militia  sua  .  .  .  Sed 
per  noctem  iilam  .  .  .  otiosis  operibus  et  vanis  vacabant  .  .  .  major  pars" ; 
Kvagatorium  II  91. 

•'*)  Über  Schwierigkeiten  und  Erpressungen  vor  dem  Besteigen  des  Schiffes 
vgl.  Peter  Rindfleisch  (1490)  bei  Höh  richt-Meisner  336. 


188  Br.  Johann  von  Preußen 

Sinai  und  Ägypten  zu  reisen  0.  Vergebens  bemühten  sie  sich 
im  Kloster  um  die  Erlaubnis,  aul'  dem  Sinn  bis  zu  ihrer  Abreise 
zu  wohnen;  alle  Bitten  und  Verspreclien  waren  vergebens. 
Der  Guardian  und  der  Prokurator  Br.  Johannes  erwiderten: 
Wir  wollen  euch  behilHich  sein,  daß  ihr  eine  Wohnung  in  der 
Stadt  findet,  und  euch  stets  zu  Diensten  stehen;  wenn  jemand 
erkrankt,  so  soll  er  bei  uns  mit  Liebe  gepflegt  werden;  auch 
kann  P.  Felix  weiter  bei  uns  wohnen  und  mit  uns  essen  und 
trinken;  aber  wir  sind  durch  eine  lange  Erfahrung  belehrt,  daß 
es  besser  ist,  wenn  ihr  außer  dem  Kloster  wohnet  ^).  Man 
versteht  die  Gründe;  die  Pilgerfahrt  war  zu  Ende,  und  die 
Brüder  mochten  nicht  die  Ruhe  und  Ordnung  des  Klosters 
durch  den  Aufenthalt  so  vieler  Reisenden  auf  unbestimmte 
Zeit  stören  lassen. 

Jener  Br.  Johannes  war  Jahrzehnte  hindurch  der  Pro- 
kurator der  Brüder.  Geboren  zu  Danzig  ^)  aus  adeligem  Ge- 
schlechte ^),  war  er  als  Ritter^)  um  1446  nach  Jerusalem  ge- 
kommen und  hatte  hier  auf  Vermögen  und  Würde  verzichtet, 
um  viele  Jahre  nur  für  die  Heiligtümer,  die  Brüder  und  Pilger 
zu  leben.  Surian  erzählt  von  ihm  1485*^):  „Es  sind  nun  36 
Jahre  ^),  daß  er  ständig  den  Brüdern  des  Berges  Sion  dient, 
nachdem  er  die  Herrschaft  in  seinem  Lande,  das  Rittertum  und 
die   andern    Würden    verlassen    hat.     Gekleidet    als    Terziar^) 


1)  Sie  kamen  mit  dem  ersten  Dolmetscher  überein,  daß  jeder  .,pro 
sulvo  conductu,  teloneis",  Kamele,  Esel,  Zelte,  Wasserschläiiche  23  Dukaten 
bezahlen,  sich  aber  selbst  beköstigen  werde;  Fabri  II  100. 

2)  Ebd.  106. 

ä)  Ghi Stele  68:  „Hans  .  .  .  van  der  stadt  van  Danswijck,  een  Edclman, 
riddei"  zijnde." 

*)  Fabri  II  2:  „genere  nobllis,  de  prosapia  comitum." 

^)  Bei  den  älteren  finden  wir  nicht  die  Angabe,  daß  er  Deutschordens- 
ritter gewesen  sei.  Grünembcrg  117:  „vormals  ein  Landherr  und  Ritter 
zu  Preußen." 

•»j  Trattato  118  Anm.  2,  aus  der  Ausgabe  des  Jahres  1485.  Die  Aus- 
gabe des  Jahres  1514  schweigt  über  ihn. 

'')  Guglingen,  Itinerarium  128,  sagt  1482:  „Per  multos  annos,  plus 
quam  36,  prefuit  auctoritate  apostolica  procurationi  fratrum."  Danach  wäre 
er  schon  vor  1446  nach  Jerusalem  gekommen. 

'*)  Fabri  112:  „Utitur  proprio  arbitrio  habitu  tertii  ordinis  S.  Francisci, 
cui  tameu  regulae  voto  se  non  adstrinxit." 


ßr.  Johann  von  Preußen  189 

wohnt  er  auf  dem  Sion  und  gleicht  in  allem  den  Brüdern. 
Er  ist  ein  Mann  von  großem  Gebetseifer  und  vom  ganzen  Volke, 
von  den  Gläubigen  wie  Ungläubigen  als  Heiliger  verehrt.  So 
treu  dient  er  dem  Herrn  und  diesen  Orten,  daß  er  nur  einmal 
in  seine  Heimat  zurückkehrte,  als  er  seine  Herrschaft  verteilen 
wollte.  Stets  hat  er  ein-  oder  zweitausend  Dukaten  zu  seiner 
Verfügung,  um  die  heiligen  Stätten,  die  den  Einsturz  drohen 
und  nicht  den  Brüdern  unterstellt  sind,  herzustellen.  Er  kommt 
armen  Christen  zu  Hilfe,  befreit  Gefangene,  schenkt  armen 
Mädchen  die  Mitgift  und  eilt  insbesondere  mit  großer  Erbarmung 
und  Liebe  als  Vater  den  Nöten  der  Brüder  zu  Hilfe,  so  daß 
er  bei  seinem  Tode  dank  seinem  vollkommenen  und  strengen 
Leben  vor  vielen  von  uns  den  Vortritt  haben  wird."  Fahrt 
ergänzt:  Der  Sultan  verehrt  ihn  sehr;  der  Gouverneur  von 
Jerusalem  und  die  Dolmetscher  kennen  und  achten  ihn,  weshalb 
er  an  den  heiligen  Stätten,  an  der  Grabeskirche  und  zu  Beth- 
lehem schadhafte  Stellen  ausbessern  darf.  Er  hat  solches  An- 
sehen in  Jerusalem,  daß  die  Sarazenen  und  Juden  ihn  iürchten 
und  die  Kinder  sich  vor  ihm  verbergen  ^). 

Nach  Fabri  hatte  Br.  Johann  von  Papst  und  Kaiser  Voll- 
macht, die  Edelleute,  die  nach  Jerusalem  pilgerten,  zu  Rittern 
des  Hl.  Grabes  zu  schlagen^).  Tatsächlich  sehen  wir  ihn  eine 
Reihe  von  Jahren  in  der  Kapelle  des  Hl.  Grabes  den  Ritter- 
schlag  erteilen,   so    1479,    1480,    1483,   1486   und   1497  =*).     Ein 


1)  A.  a.  0.:  „Dico  pio  certo,  qiiod  duo  homines  sunt  in  J('rusal(>ni, 
sones  et  annosi,  utilissinii  et  locis  sanctis  et  peregrinis,  et  cogitare  non  pos- 
stim,  qualiter  peregrini  slabunt  in  Jerusalem  post  eoruni  obitum.  Invitus 
ogo  vellem  esse  peregrinus  in  Jerusalem  eis  absentibus.  Unus  liomo  est 
praefatus  Frater  Johannes.  Alter  est  Elphahallo,  Sarracenus,  Calinus  minor, 
bonus  homo." 

2)  A.  a.  O.  II  2 :  „Habet  auctoritatem  domini  Papae  et  domini  Impera- 
toris  et  favorem  regum  et  principum  Chistianitatis,  creandi  et  percutiendi 
milites  peregrinos  nobiles  ad  sanctum  Domini  sepulchrum  venientes."  Fabri 
liißt  auch  Br.  Johannes  in  seiner  Rede  die  Kitter  ermahnen,  „ut  Papae  ac 
Imperator!,  quorum  aucto  itate  hie  honor  eis  confertur,  in  omnibus  obediant"; 
Ebd.  II  ."5.     Grünembcrg  117  nennt  nur  die  „Gewalt"  des  Kaisers. 

:')  Vgl.  zu  1479  und  1497  Röhricht-Meisner  499  und  51  f),  der  an 
beiden  Stellen  irrig  Hr.  Johann  zum  Guardian  de^  Klosters  macht;  zu  1480 
und  148:5  Fabri  II  4;   zu  148(i  Grünemberg  117. 


190 


Ritter  vom  Hl.  Grabe.    Wappen 


Nachweis  für  eine  ilim  liierzu  erteilte  besondere  Gewalt  wurde 
bisher  niclit  gefunden,  und  ebenso  wenig  ein  Beleg  für  die  Ansiclit, 
daß  Alexander  VI.  dem  Guardian  des  Sionl^^losters  auf  „Ver- 
mittlung des  Bruders  Johannes"  „das  ausschließliche  Recht, 
Ritter  vom  Hl.  Grabe  zu  ernennen",  erteilt  habe  0-  übrigens 
gibt  uns  Fabri  selbst  den  Beweis  dafür,  daß  eine  besondere 
Vollmacht  keineswegs  verlangt  wurde ;  er  erzählt,  daß  Br.  Johann 
den  Grafen  Johann  von  Sohns  zum  Ritter  schlug,  dieser  den 
Johann  von  Zimmern,  dieser  wieder  einen  andern  und  so 
weiter").     Jene  „Vermittlung  des  Bruders  Johannes"   aber  für 

die  Übertragung  der  fraglichen  Voll- 
macht auf  den  Guardian  des  Sion- 
klosters  besteht  unsers  Erachtens  dar- 
in, daß  mit  Br.  Johannes  ein  Mitglied 
des  Klosters  zum  Ritterschlage  heran- 
gezogen und  diese  Sitte  in  der  Folge 
beibehalten  wurde.  Da  der  Übergang 
auf  den  Oberen  um  die  Zeit  Alexan- 
YP^  ders  VI.  erfolgte,  so  lag  es  nahe,  ihn 
diesen  Wechsel  verfügen  zu  lassen  ^). 
Das  Wappen  der  Ritter  vom  Hl. 
Grabe  ist  das  alte  Wappen  der  Kreuz- 
fahrer, das  auch  von  den  Franzis- 
kanern Palästinas  in  ihr  Wappen 
aufgenommen  wurde,  ein  großes  Kreuz  mit  vier  kleineren  in 
den  vier  Ecken.  Ursprung  und  Bedeutung  dieses  Wappens  ist 
dunkel.  Sicher  ist  es  älter  als  die  Kreuzzüge,  da  es  sich  an 
altern  Bauwerken,  so  an  der  koptischen  Kirche  des  hl.  Sergius 
in  Kairo  und  an  der  armenischen  Jakobuskirche  zu  Jerusalem 
findet.    Über  die  Bedeutung  der  fünf  Kreuze  sind  verschiedene 


Abb.  9.   Wappen  der  Kustodie. 


1)  Vgl.  J.  Hermens,  Der  Orden  vom  Hl.  Grabe,  bei  Düsterwald, 
Jerusalem-Pilger,  Cöln  191 0,  372. 

2)  A.  a.  O.  n  4. 

•^)  Civezza,  Storia  VI  301,  sagt,  daß  alle  Chronisten  des  Ordens  die 
Übertragung  der  Vollmacht  durch  Papst  Alexander  VI.  (1492 — 1503)  erfolgen 
lassen,  daß  aber  niemand  ein  päpstliches  Breve  vorweisen  kann,  und  daß  es 
auch  ihm  nicht  gelang,  eine  Spur  desselben  im  Vatikaniichen  Archiv  zu  finden. 


Almosen  191 

Ansichten  aufgestellt  worden  ^).  Da  sich  öfter  auf  altern  Dar- 
stellungen nur  drei  Kreuze,  das  große  und  die  beiden  oberen, 
finden,  vermutet  man,  daß  zunächst  das  Kreuz  des  Herrn  und 
die  Kreuze  der  beiden  Schacher  dargestellt  waren,  später  aber 
die  beiden  unteren  Kreuze  aus  ornamentalen  Gründen  hinzu- 
gefügt wurden  -). 

Als  Prokurator  mußte  Br.  Johannes  die  den  Franziskanern 
geschenkten  Almosen  verwalten  und  ihre  Auslagen  bestreiten. 
Weil  die  Rechnungsbücher  des  Klosters  fehlen,  können  wir  uns 
nur  aus  gelegentlichen  Angaben  einzelner  Pilgerbücher  ein  un- 
vollständiges Bild  seiner  Einnahmen  und  Ausgaben  machen. 
Wie  Guglingen  aufzählt  ^),  mußten  Kirche  und  Kloster  auf  dem 
Sion  und  zu  Bethlehem,  die  Grabeskirche  und  das  Schwestern- 
haus in  Jerusalem  in  baulichem  Zustande  erhalten,  sodann  die 
vierundzwanzig  Brüder  auf  dem  Sion,  die  zwei  Brüder  am 
Hl.  Grabe  und  die  sechs  Brüder  zu  Bethlehem  sowie  die  fünf 
Schwestern  mit  Nahrung  und  Kleidung  versehen  werden.  Und 
wer  könnte  zählen,  fügt  er  bei,  „wie  viel  den  Sarazenen  an 
jährlichen  Abgaben  gezahlt  wird  und  an  fortlaufenden  offiziellen 
Geschenken  sowohl  in  Geld  als  Lebensmitteln?" 

Wie  Surian  im  Jahre  1485  angibt^),  beliefen  sich  die  Kosten 
für  den  Unterhalt  jener  vierzig  Personen  jährlich  auf  1200 
Dukaten.  Nach  Albert  von  Sarthcano  genügten  hierfür  reichlich 
die  Almosen  der  Pilger^),  während  uns  Surian  fast  das  Gegen- 


1)  Die  von  Quaresmius  und  andern  gegebenen  Krklärimpen  gehen  von 
der  irrigen  Voraussetzung  aus,  daß  dieses  Wappen  von  den  KrcMizfalirern  oder 
sogar  erst  von  den  l'ranzislianern  lierrührc. 

2)  Vgl.  Die  deutschen  Festtage  im  April  1910  in  Jerusalem,  Potsdam 
0.  J.,  125. 

■')  Itinerarium  310;  vgl.  oben  S.  126.  Der  Kartäuserprior  Georg  er- 
gänzt: „Quod  Domino  Hierosolymae  .innua  munera  offerant  et  Soldano  etiam 
ipsi  mille,  ut  audivi,  ducatos  pendant" ;  Pez  549. 

*)  Trattato  113  Anm.  1:  „Le  spese  de  bocha  vogliono  mille  ducento 
ducati  omni  anno,  oltra  le  cortesie,  donl  che  si  la  a  Signori  Mori,  et  altre 
spese  strasordenarie  che  continuamente  occorono." 

")  In  einem  undatierten  Briefe  an  Kardinal  Cesarini :  „Pro  fratribus 
sustentandis  Christian!  Peregrini  alimoniae  plusquam  satis  Hierosolymae  af- 
ferunt"  ;  Haroldus  310.  Vgl.  Prior  Georg:  „Victum  et  vestitum  habent  ex 
eleomosyna  peregrinorum  ad  eos  adventantium" ;  Pez  549. 


j^g2  Aimosön 

teil  meldet^).  Die  Gaben,  die  von  den  Pilgern  auf  dem  Sioil 
geopfert  wurden,  waren  eben  sehr  verschieden;  während  einige 
5  Dukaten  und  darüber  zurückließen''^),  gaben  andere,  die  nach 
Thunger  auf  dem  Schiffe  mehr  als  100  Gulden  verspielen  konnten, 
dem  Kloster  nur  ein  paar  Batzen  ^).  Denn  die  Brüder  forderten 
nichts,  sagt  Guglingen '^j ;  „sie  überlassen  es  der  Andacht  der 
Pilger;  was  man  ihnen  aus  freien  Stücken  gibt,  nehmen  sie 
mit  Dank  an".  Besondes  freigebig  waren  unter  den  Pilgern  die 
deutschen  Fürsten.  Herzog  Bogislaus  X.  von  Pommern  schenkte 
1497  den  Brüdern  100  Dukaten  und  versprach,  jährlich  10 
andere  zu  senden  ^). 

Für  die  vielen  übrigen  Nöten  und  Ausgaben  mußten  andere 
Mittel  flüssig  gemacht  werden.  Aus  einer  Bulle  Nikolaus'  V, 
vom  14.  Februar  1454  erfahren  wir,  daß  seit  langem  (olim) 
Brüder  mit  Vollmacht  der  Päpste  oder  ihrer  Ordensoberen  für 
die  heiligen  Stätten  und  die  an  denselben  weilenden  Brüder 
in  Europa  Almosen  sammelten.  Da  Unregelmäßigkeiten  vor- 
gekommen waren,  verfügte  der  Papst,  daß  diese  Prokuratoren 
in  Zukunft  ihr  Amt  nicht  ohne  Vollmacht  des  Guardians  vom 
Berge  Sion  ausüben  sollten  "^O-  Es  sind  die  Prokuratoren  oder 
Kommissare,  die  noch  heute  in  der  ganzen  Kirche  für  das 
Heilige  Land  tätig  sind. 

Große  Gunst  und  Güte  erzeigten  den  Brüdern  die  Herrscher 
Europas.     Den  Anfang  machte  Königin  Sanzia,  die  ihnen  nach 


1)  Trattato  113  Anm.  1:  „Da  li  perogrini  che  vengonn  non  liano  li 
frati  salvo  che  spesa." 

-)  Fabri,  Evagatorium  I  24fl. 

■■')  Röhricht-Meisner  428.  Thunger  erzählt  dies  1551  von  Nieder- 
ländern. Auch  Rehlinge;'  berichtet  ein  Jahr  früher,  daß  sich  Niederländer 
sehr  undankbar  gezeigt  hätten;   ebd.  411. 

')  Itinerarium  309 :  „Nihil  enim  a  peregrinis  postulant,  quantacunque 
etiam  faciunt  eis,  sed  committunt  devotionibus  eorum,  et  quidquid  dant  sponte, 
grate  accipiunt."  Dasselbe  Fabri  I  249.  Baumgarten  scheint  1507  andere 
Auflassung  gewonnen  zu  haben;  er  sagt:  „Peregrinis  ad  se  venientibus  omnem 
exhibent  humanitatem,  consilium,  hospitalitatem,  insuper  quid  facto  opus  sit 
(non  quidem  tarnen  absque  sacro  donario)  edocent" ;  Peregrinatio  88. 

•'•)  Röhricht-Melsner  516. 

'■-)  Bulle  „Solers  Romani  Pontificis";  vgl.  DTS  IV  90.  Diese  Prnknra- 
toren  werden  auch  von  Martin  V.  1420  genannt;  vgl.  oben  S.  97. 


Almosen  193 

Ludolf  von  Suchern  „alles  darreichte,  was  sie  bedurften"  ^).  In 
ihre  Fußstapfen  traten  mehrere  Könige  von  Aragonien  ~)  und  Kasti- 
lien,  besonders  seitdem  ihnen  Innozenz  VIII.  am  11.  Mai  1487  die 
Not  der  Franziskaner  Palästinas  geschildert  hatte.  Der  Papst  hatte 
zunächst  beabsichtigt,  dem  Heiligen  Lande  feste  jährliche  Ein- 
künfte aus  Stiftungen  zu  überweisen,  und  in  diesem  Sinne  an  die 
Herrscher  von  Spanien,  Frankreich  und  Burgund  geschrieben. 
Diesem  Plane  widersetzte  sich  jedoch  der  Generalvikar  der  Ob- 
servanten,  P.  Petrus  von  Neapel,  da  er  gegen  die  Armut  des  Or- 
dens verstoße^);  und  ebenso  verurteilte  derselbe  1477  den  Schritt 
des  P.  Jakob  von  Alessandria,  der  zwei  Güter  auf  Zypern  ge- 
kauft hatte,  um  die  hl.  Stätten  und  ihre  Erhaltung  zu  sichern*). 
Mehrere  Monarchen  gaben  jährlich  bestimmte  Almosen; 
so  sandte  Königin  Elisabeth  von  Kastilien  und  Leon  300  Gulden  '^), 
Isabella  von  Kastilien  ^)  und  ihr  Gemahl  Ferdinand  jeder  1000 
Golddukaten "),  ebenso  Philipp  der  Gute  von  Burgund,  sein 
Sohn  Karl  der  Kühne,  sein  Enkel  Maximilian  I.^),  und  Heinrich  VIII, 
von  England^).  Außerdem  wetteiferten  die  Höfe  in  Ausschmückung 
der  heiligen  Stätten;  verschiedene  Pilger  rühmen  die  wunder- 
vollen Teppiche  und  die  „vielen  anderen  Ornate  und  Gottes- 
gezierden",  die  von  dem  französischen,  englischen  und  bur- 
gundischen  Hofe  gesandt  waren  ^°).  Surian  meint,  solche  und 
so  viele  Paramente  wie  in  der  Grabeskirche  seien  weder  in  der 
päpstlichen  Kapelle  noch  in  einer  andern  Kirche;  von  den 
silbernen  Gefäßen  und  den  Kelchen  aus  reinem  Golde  wolle 
er  überhaupt  nicht  reden  ^'). 


1)  Vgl.  oben  S.  41  Anm.  1. 

2)  Am  1.  Juni  1409  erlaubte  Benedikt  XIII.  König  Martin  von  Aragonien, 
Almosen  ins  Hl.  Land  zu  senden;   BF  VII  Xr.  1073. 

•■')  Calahorra  B.  IV  K.  23.  »)  Kbd.  K.  18. 

■")  Dekret  vom  20.  September  1477  bei  Verniero,  Chronik  57. 

'')  Dekret  vom  24.  August  1489  ebd.  59;  nach  ihrem  Tode  bestätigte 
der  König  die  Schenkung  am  17.  Juli  1507;  Verniero  Gl. 

")  Dekret  vom  3.  April  1500  ebd.  02. 

■'J  Tucher,  RoyÜbuch  Bi.  353^;  Fabri,  Evagatorium  1  348;  vgl.  II  321. 

'■')  Dekret  vom  23.  März  1516  bei  Razzoli  87,  DTS  V  5  und  anderen. 

!•')  Vgl.  Oben  S.  123. 

11)  Trattato  67  Anm.  1.  —  Am  25.  Juli  1482  dankte  der  Kustos  P.  Paul 
von  Caneto  der  Grälin  Margarete  von  Henneberg,  geborenen  Herzogio  von 
Franzläk.  Studien,  Beiheft  4:  Leramenb,  Die  Franziskaner  auf  dem  Sion.  13 


194  Almosen 

Nicht  vergessen  dürien  wir  die  große  Hilfe,  die  unsere 
Brüder  bei  den  italienisclien  Kaut'leuten  des  Orientes  fanden, 
denen  sie  in  der  Fastenzeit  geistliclien  Beistand  leisteten.  Sudan 
schätzt  1485  die  von  diesen  jährlich  gespendeten  Almosen  auf 
1000  Dukaten  0;  300  gaben  allein  die  Kaufleute  von  Alexandrien^). 

Der  Handel  des  näheren  Orients  lag  in  jener  Zeit  aus- 
schließlich in  den  Händen  von  Venedig  und  Genua;  nur  italienische 
Kaufleute  weilten  in  Syrien;  italienische  Konsuln  wohnten  an 
mehreren  Orten  des  Landes;  italienische  Schiffe  vermittelten  den 
Verkehr  und  brachten  die  Pilger  nach  Jaffa.  Daher  versteht 
man,  daß  die  Kustodie  des  Heiligen  Tjandes  italienisches  Gepräge 
erhielt.  Italienische  Brüder  waren  in  der  Überzahl;  italienisch 
war  die  Umgangssprache  ^) ;  fast  alle  Kustoden  waren  Italiener. 

Freilich  weilten  immer  auch  Brüder  aus  andern  Ländern 
in  Palästina;  und  stets  finden  wir  dort  den  einen  oder  andern 
deutschen  Franziskaner,  unter  ihnen  tüchtige  und  angesehene 
Leute.  P.  Nikolaus  Wanckel  zog  als  Bote  des  Sultans  nach 
Europa^),  und  Br.  Baptista  von  Lübeck  wurde  als  Arzt  wie 
als  Bauleiter  gerühmt  '^). 

Wenn  nicht  besondere  Gründe  eine  Ausnahme  empfahlen, 
wurden  die  Brüder  alle  drei  Jahre  gewechselt;  sobald  der  neu- 
gewählte Kustos  mit  den  neuen  Brüdern  ankam,  zogen  die 
alten  ab.     Man  wollte,   wie  Nikolaus  von  Farnad  sagt  ^),  dem 


Braunschweig-Lünebiirg,  für  die  Kasel,  die  sie  in  Ausführung  eines  Willens 
ihres  vei'storbenen  Gemahls  dem  Hl.  Grabe  geschenkt  und  durcii  den  Nürn- 
berger Kaufmann  Michael  Enguth  übersandt  hatte  (gütige  Mitteilung  des  Archi- 
vars Dr.  Dersch ;  Brief  im  GemeinschaftUchen  Hennebergischen  Archiv  zu 
Meiningen  unter  „Urkunden,  Nachträge"). 

1)  Trattato  113  Anm.  1:  „Computando  uno  anno  cum  1'  altro,  hanno 
mille  ducati  Venitiani  all'  anno." 

-)  Ebd.  188  Anm.  2.  1554  wurden  nur  110  Dukaten  gerechnet;  vgl. 
Golubovich,  Serie  36.  —  Mehrere  Male  setzten  italienische  Familien  die 
heiligen  Stätten  zu  Universalerben  ein;  vgl.  Verniero  57  und  58;  andere 
vermachten  ihnen  große  Summen;  vgl.  Sanuto,  Diarii  XXXVI  Sp.  590. 

^)  Wiederholt  werden  von  Pilgern  Brüder  erwähnt,  die  die  „heidnische" 
(arabische)  Sprache  kannten. 

*)  Vgl.  oben  S.  140.  ■')  Vgl.  oben  S.  129. 

*")  A.  a.  0.  Bl.  XVIU':  „De  triennio  in  tiiennlum  iuxta  ordinationem 
capituli  generalis  mutantur,  eo  quod  multitudo  fratrum  de  victu  et  vestitu 
ibidem  sustentari  noji  pos  et,  si  permauerent,  et  illi  qui  prius  ibidem  steterunt 


Almosen  195 

frommen  Wunsche  deren^  die  das  Heilige  Land  besuchen  wollten, 
nach  Möglichkeit  entsprechen,  konnte  aber  daselbst  nur  eine 
kleine  Zahl  von  Brüdern  unterhalten.  Viele  kehrten  freilich 
nie  wieder  heim  und  fanden  ihre  letzte  Ruhestätte  auf  dem 
Sion,  da  der  Tod  reiche  Ernte  im  Kloster  machte.  Die  vielen 
Entbehrungen  und  Bedrängnisse  zehrten  an  ihrer  Kraft, 
und  noch  mehr  rissen  ansteckende  Krankheiten  gewaltige 
Lücken;  wiederholt  wurde  die  Hälfte  der  Brüder  auf  dem  Sion 
von  der  Pest  dahingerafft.  Surian  berichtet,  daß  ihm  einmal 
sechzehn  Brüder  an  der  Pest  starben');  ein  paar  Jahrzehnte 
später  waren  es  fünfzehn,  die  ein  Opler  dieser  furchtbaren 
Seuche  wurden  ^). 

Solche  Opfer  und  Gefahren  erhielten  den  guten  Geist  und 
Ruf  der  Brüder  und  das  „gar  ehrbare  und  andächtige  Wesen", 
das  die  Pilger  in  ihren  Berichten  rühmen  '). 


et  illi  qui  advenirent  de  capitulo.  Ideo  .  .  .  postquam  iiovus  Guardianiis  de 
capitulo  cum  suis  fratribus  advenerit,  alii  Iratres  recedunt  .  .  .  Nam  cum  difli- 
cultate  sinunt  ibidem  aiiquem  fratrem  diu  permanere,  ut  cete  i  fratres,  qui 
terram  sanctam  nondum  visitaverant,  veniant  et  illi  et  satisfaciant  desiderio  suo." 

1)  Trattato  180  Anm.  3  (aus  der  Rezension  von  1524):  „Kt  a  nie  in 
Monte  Syon  ne  morite  sedece  Frati,  lo  Procuratore  con  doi  famigli." 

-)  Rö brich t-Meisner  423,  aus  dem  Reisebericht  des  Sigmund  Thunger 
(1551). 

^)  Grünemberg  100.  —  Einzelne  Male  ist  die  Rede  von  abtrünnigen 
Brüdern.  Guglingen,  Itinerarium  129,  spricht  von  einem  Pater  Valerius  und 
Br.  Antonius,  die  unter  P.  Antonius  von  Mugnano  (1455—1461)  vom  Glauben 
abfielen;  vgl.  oben  S.  119.  Der  Kartäuser  Georg  Sp.  543  und  Baumgarten 
S.  8ß  trafen  in  Kairo  einen  Mamelucken,  namens  Pliilipp,  der  früher  Franzis- 
kaner auf  dem  Sion  gewesen  war.  Röhricht-Meisner,  S.  39  .Anm.  2,  fragt, 
ob  es  vielleicht  „der  Minorit  Philippus  de  Aversa,  dessen  Descriptio  templi 
Domini  die  Herausgeber  in  der  Zeitschrift  des  deutschen  Palästinavereins  1878, 
S.  210  ff.,  veröffentlichten",  sei.  Daneben  weilten  heilige  Brüder,  wie  der  selige 
Simon  von  Lipnica  und  .Antonius  Bonfadini,  in  Palästina. 


13' 


196 


X.    Die  Türken  erobern  Palästina.     Soliman  ver- 
treibt die  Franziskaner  vom  Sion. 

Dieselbe  Zeit,  die  in  Deutschland  und  einem  großen  Teile 
Europas  eine  neue  Gestaltung  der  Dinge  entstehen  sah,  gab 
dem  Westen  Asiens  auf  Jahrhunderte  ein  neues  Gepräge.  Um 
1230  waren  Turkmenen  aus  Turkestan  mit  ihrem  Häuptling 
Ertoghrul  in  Kleinasien  eingewandert.  Sie  lebten  als  Hirten 
unter  dem  Sultan  von  Ikonium,  bis  Ertoghruls  Sohn  Osman 
die  Oberhoheit  Ikoniums  abschüttelte  und  ein  selbständiges 
Reich  gründete.  Osman  übertrug  auf  die  Turkmenen  mit  sei- 
nem Namen  auch  den  kriegerischen  Geist,  der  Jahrhunderte 
hindurch  nicht  mehr  unter  ihnen  zur  Ruhe  kommen  sollte. 
Zunächst  ging  ihr  Streben  nach  Norden.  Osmans  Nachfolger 
Orchan  führte  die  tapfern  Scharen  über  den  Hellespont  nach 
Europa,  wo  sie  auf  der  Balkanhalbinsel  ein  Reich  nach  dem 
andern  und  1453  den  Rest  des  oströmischen  Kaiserreiches  mit 
der  Hauptstadt  Konstantinopel  eroberten. 

Unter  Selim  T.  (1512 — 1520)  wandte  sich  die  Eroberung 
wieder  nach  Asien.  Selim  entriß  den  Persern  Armenien  und 
zog  gegen  Syrien,  um  das  Mameluckenreich  und  Kalifat  zu 
erobern. 

Die  ganze  Welt  hatte  diesen  Waffengang  zwischen  den 
beiden  Hauptherrschern  des  Islams  vorausgesehen.  Auch  die 
Franziskaner  Palästinas  hatten  seit  Jahren  mit  dem  Einfalle 
der  Türken  gerechnet  und  sich  um  einen  Zufluchtsort,  be- 
sonders für  die  kostbaren  Kirchengeräte,  bemüht.  Am  22.  Ja- 
nuar 1514  zeigte  der  Doge  Loredano  den  Befehlshabern  von 
Zypern  an,  daß  die  Republik  den  Franziskanern  von  Jeru- 
salem auf  dieser  Insel  eine  Zufluchtsstätte  gewährt  habe  ^). 

Noch  weniger  wurden  die  Herrscher  Ägyptens  überrascht. 
Wiederholt  hatten  Quat  Bei  und  Qansu  Guri  Hilfe  im  Abend- 
lande  erbeten;   noch   1515    hatte    Guri    die   Unterstützung   des 


1)  Vgl.  Calahorra  B.  IV  K.  33;    Civezza,  Storia  VI  394. 


Die  Türken  erobern  Palästina  197 

Papstes,  Venedigs  und  Frankreichs  diircli  den  Vikar  der  Fran- 
ziskaner zu  Jerusalem  nachgesuclit  0,  jedoch  umsonst;  man 
schob  im  Abendlande  die  Hilfe  auf,  bis  es  zu  spät  war. 

Am  24.  August  1516  trafen  sich  die  Heere  der  beiden 
Sultane  bei  Aleppo.  Trotz  aller  Tapferkeit  unterlagen  die 
Mamelucken  der  Artillerie  Selims.  Qansu  Guri  verlor  das 
Leben,  und  Selim  zog  als  Herr  in  Damaskus  ein,  wo  er  einige 
Zeit  zur  Ordnung  der  Herrschaft  verweilte.  Dann  ging  er 
weiter  über  Ramleh  -)  und  Gaza  nach  Ägypten,  wo  die  Mame- 
lucken einen  neuen  Sultan,  den  tapfern  Tuman,  gewählt  hatten. 
Mit  großer  Entschlossenheit  rüstete  sich  dieser  zur  letzten  Ge- 
genwehr und  suchte  noch  einmal  im  Abendlande  Hilfe.  Doch 
war  das  Bittgesuch,  das  Tuman  im  September  1516  durch  die 
Franziskaner  und  den  Konsul  der  Venezianer  in  Alexandrien 
an  das  Abendland  richtete,  vergebens  ^),  und  vergebens  war  alle 
Tapferkeit  Tumans  und  seiner  Getreuen.  Nach  heldenmütiger 
Gegenwehr  fiel  der  letzte  Mameluckensultan  durch  Verrat 
in  die  Hände  Selims,  der  ihn  am  13.  April  1517  zu  Kairo 
hinrichten  ließ  und  nun  die  Krone  der  ägyptischen  Herrscher 
ohne  Nebenbuhler  trug.  Selim  war  jetzt  Herr  der  heiligen 
Stätten  der  Christen  in  Palästina  und  des  Islams  zu  Mekka 
und  Medina. 

Nachdem  Selim  einige  Monate  am  Nil  geweilt  hatte,  um 
die  Angelegenheiten  des  neuen  Reiches  zu  ordnen,  zog  er  durch 
Palästina  in  seine  Residenz  zurück.  Auf  dem  Marsche  nach 
Ägypten  hatte  er  bereits  von  Ramleh  aus  Jerusalem  besucht; 
hier  war  er  in  die  Omarmoschee,  in  der  er  reiche  Geldalmosen 
verteilte,  und  unter  Verkleidung  in  die  Basilika  des  Hl.  Grabes 


')  Vgl.  Jorga,  Geschichte  des  osmanischen  Reiches  II  ;(2(). 

2J  Ramleh  litt  sehr  beim  Durchzug.  Nikolaus  von  Farn  ad  erzählt 
BI.  XXVII  "■:  „Dum  Imperator  Turcorum  vi  cepit  terram  sanctam  Hierusalem  et 
desccndebat  per  Ramam  de  Damasco  in  ICgyptum  in  anno  Domini  1516,  omnes 
Saracenos,  qui  tunc  ibidem  in  Rama  habitabant,  fecerat  occidi,  eo  quod  ali- 
quos  de  suo  exercitu  Turcos  ante  adventum  eius  occiderant."  Vgl.  den  Be- 
richt Philipps  von  Hagen,  der  l.")23  die  Stadt  „jemmerlich  zerstert"  fand; 
Conrady  2.')0. 

•')  Vgl.  Jorga  II  338.  Er  zitiert  einen  Bericht  des  venezianischen 
Konsuls  zu  Alexandrien  vom  19.  September  und  23.  November  1516. 


198  Die  Türken  erobern  Palästina 

gegangen  ').  Den  Christen  und  Juden  war  er  gnädig  begegnet ; 
„er  verfolgt",  schrieb  der  venezianische  Konsul  zu  Alexandrien 
an  seine  Regierung^),  „nur  die  Mameluclcen,  die  er  bis  auf  die 
Kinder  in  der  Wiege  töten  will."  Die  im  Heiligen  Lande 
wohnenden  Christen  erhielten  einen  Protektor^),  und  die  hohen 
Abgaben,  die  bisher  von  den  Pilgern  und  christlichen  Kauf- 
leuten gezahlt  werden  mußten,  wurden  bedeutend  vermindert  ^). 
So  lange  Sultan  Selim  regierte,  hatten  die  Franziskaner  und 
heiligen  Stätten  Ruhe.  Als  ein  spanischer  Gesandter  in  Kon- 
stantinopel erschien,  um  mit  dem  Sultan  wegen  der  Sicherheit 
der  Grabeskirche  und  der  Freiheit  der  Pilger  zu  verhandeln, 
fand  er  freundliche  Aufnahme  und  geneigtes  Gehör  ^).  Zugleich 
bestätigte  der  Sultan  den  katalonischen  und  französischen  Kauf- 
leuten ihre  hergebrachten  Freiheiten  ^). 

Daher  kann  man  kaum  der  Nachricht  Glauben  schenken, 
die  Fürst  Radziwill  1583  auf  seiner  Pilgerfahrt  zu  Jerusalem 
empfing.  Man  sagte  ihm,  Sultan  Selim  habe  auf  seinem  Zuge 
gegen  Ägypten  von  den  Brüdern  die  Schätze  der  Grabeskirche 
gefordert,  die  von  diesen  vergraben  waren,  und  da  man  ihm 
die  Kostbarkeiten  nicht  auslieferte,  alle  Brüder  ohne  Ausnahme 
in  den  Kerker  geworfen  und  siebenundzwanzig  Monate  daselbst 
bei  Wasser  und  Brot  schmachten  lassen;  mehrere  Brüder  seien 


1)  Farnad  Bl.  X"":  „Intravit  etiara  . . .  in  templura  .  . .  sancti  Sepulchri 
habitu  mutato,  ne  agnoscatur  prospiciens  loca  sancta,"  und  Bl.  XXII i^:  „Intrans- 
quc  templuni  Salomonis  pecuniam  non  modicam  distribuit  eisdera  per  modum 
elemosine." 

'-)  „Fa  optima  ciera  a  cristiani  e  zudei,  non  perseguita  altro  che  ma- 
raaluchi,  li  quäl  li  vol  fenir  e  amara  fino  li  fioli  in  cuna";  Sanuto  XXIII  439; 
ebd.  487. 

•'')  Farnad  Bl.  XXVIII'':  „Deodarus  secundus  post  regem  erat  protector 
christianorum  in  terra  sancta  a  Soldano  ordinatus." 

■*)  Sanuto  notiert  aus  einem  Schreiben  des  venezianischen  Konsuls  zu 
Alexandrien,  daß  „il  Signor  turcho  aver  auto  Damasco  et  esscr  andato  in 
Jerusalem,  et  dato  a  quelli  frati  di  San  Francesco  de  intrada  ducati  500  a 
r  anno,  e  dove  li  pelegrini  pagavano  per  andar  de  li  ducati  13  per  uno  a' 
Mori,  vol  il  Signor  turcho  pagino  solum  maidini  5  per  uno,  e  fa  bona  com- 
pagnia  a'  cristiani,  e  dove  le  mercadantie  pagavano  20  ducati,  vol  pagino 
solum  5";  XXIII  441. 

■'')  Hammer-Purgstall,  Geschichte  des  osmanischen  Reiches  I  797. 

")  Zinkeisen,  Geschichte  des  osmanischen  Reiches  in  Europa   II  711. 


Die  Türken  erobern  Palästina  199 

den  Entbehrungen  erlegen  und  die  übrigen  von  Selim  bei  seiner 
Rückkehr  aus  Ägypten  in  Freiheit  gesetzt  worden  ^).  Verschiedene 
Tatsachen  stehen  dieser  Nacliricht  entgegen.  Da  Sultan  Selim 
Ende  1516  durch  Palästina  nach  Ägypten  zog,  hätten  die  Brüder 
1517  im  Kerker  sein  müssen.  Daß  sie  aber  1517  nicht  gefangen 
waren,  sondern  ruhig  in  ihrem  Kloster  auf  dem  Sion  weilten, 
erfahren  wir  sowohl  aus  dem  Palästinabuche  des  Br.  Nikolaus 
von  Farnad,  der  in  diesem  Jahre  auf  dem  Sion  schrieb  ^)  und 
mit  keiner  Silbe  etwas  Ähnliches  andeutete,  als  auch  aus  den 
Tagebüchern  Sanutos,  der  am  28.  Dezember  1517  geschäftliche 
Mitteilungen  für  die  Brüder  zu  Jerusalem  aufzeichnete  ^).  Zudem 
blieb  Sultan  Selim  nicht  siebenundzwanzig  Monate  in  Ägypten, 
sondern  nur  acht,  da  er  im  September  1517  wieder  durch  Pa- 
lästina gegen  Norden  zog. 

Jene  Zeitangabe  von  siebenundzwanzig  Monaten  ist  ein 
willkommener  Fingerzeig,  um  eine  unterlaufene  Verwechslung 
aufzudecken.  Die  dem  Fürsten  Radziwill  zu  Jerusalem  erzählte 
Einkerkerung  der  Franziskaner  ist  tatsächlich  wegen  ihrer  Wei- 
gerung, das  Versteck  der  Schätze  des  Hl.  Grabes  zu  verraten, 
erfolgt,  aber  nicht  1516  unter  Sultan  Selim,  sondern  sechs  Jahre 
früher  unter  Sultan  Qansu  Guri,  der,  wie  wir  oben  hörten^), 
die  Brüder  nach  Kairo  bringen  ließ  und  daselbst  über  zwei 
Jahre  in  Gewahrsam  hielt.  Sultan  Selim  verdient  bei  den 
Christen  Palästinas  und  den  Franziskanern  ein  ehrenvolles  An- 
denken. 

Ganz  anders  gestaltete  sich  das  Los  der  Brüder  unter 
seinem  Sohne  und  Nachfolger  Soliman  (1520—1566).  Dieser 
war  nicht  nur  der  Schrecken  des  östlichen  Europa,  das  er 
wiederholt  mit  schweren  Kriegen  heimsuchte,  sondern  auch  der 
größte    Gegner,    den    die    an    den    heiligen    Stätten    weilenden 


1)  Vgl.  Hierosolymitana  Peregrinatio  lllustrissimi  Doniini  Nicolai  Cliri- 
stiani  Radzivili.  In  Latinam  linguam  translata  Thema  Tretero  intcrprete, 
Braunsberg  1601,  S.  66.  Die  Erzählung  ist  wörtlich  wiederholt  von  Quares- 
mius  II  43.    Vgl.  auch  Calahorra  B.  V  K.  1. 

2)  Farnad  sagt  Bl.  Il^    daß  er  schreibt  „nunc  in    anno  Domini  1517". 
•■')  Sanuto  XXV  166:  „Certi  frati  francesi  vano  in  Jerusalem,  possano 

portar  in  Cypro  certe  robe,  norainate,  senza  pagar  dazio  . . . ;   li  qual  frati  si 
mutano  ogni  H  anni."  *)  Vgl.  S,  139. 


200  Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion 

Franziskaner  fanden,  besonders  seitdem  sein  guter  Geist,  der 
Großvezier  Ibraliim  Pascha,  1536  eines  gewaltsamen  Todes  ge- 
storben war.  Nach  der  Thronbesteigung  Solimans  schrieb  der 
venezianische  Gesandte  in  Konstantinopel  Marco  Minio  über 
ihn  an  den  Dogen:  „Er  gilt  als  ein  vollkommener  Türke,  der 
sein  Gesetz  in  großer  Treue  beobachtet,  und  als  ein  Feind  der 
Christen  wie  der  Hebräer,  die  in  seinem  Reiche  nicht  behandelt 
werden,  wie  es  zur  Zeit  seines  Vaters  Selim  geschah,  weshalb 
sich  alle  diese  über  ihn  sehr  beklagen"  0- 

Schon  bald  fand  er  einen  Anlaß,  gegen  die  Franziskaner 
vorzugehen.  Als  sich  der  Gouverneur  von  Damaskus  Ghaseli 
gegen  den  Sultan  empörte,  wurde  der  Guardian  des  Klosters 
auf  dem  Sion  der  Teilnahme  beschuldigt  und  unter  der  An- 
klage eingekerkert,  er  habe  Brüder  nach  Europa  gesandt,  um 
die  Christen  zum  Kampfe  gegen  die  Türken  aufzufordern-). 
Ob  es  wirklich  geschehen  war  oder  daraus  abgeleitet  wurde, 
daß  die  letzten  Mameluckensultane  durch  Franziskaner  die  Hilfe 
der  christlichen  Fürsten  gegen  die  Osmanen  erbeten  hatten? 
Um  jene  Zeit  waren  von  verschiedenen  christlichen  Geistlichen 
Syriens  Bittgesuche  an  den  eben  gewählten  Kaiser  Karl  V. 
abgesandt  worden,  die  ihn  zu  einem  neuen  Kreuzzuge  ein- 
luden ^).  Etwas  später  reichte  ein  italienischer  Franziskaner 
dem  Papste  einen  Plan  ein,  wie  er  aus  den  Klöstern  144000 
Mann  für  einen  Türkenzug  ausheben  könne;  die  40  000  Franzis- 
kanerklöster könnten  allein  wenigstens  36  000  Soldaten  stellen  "*). 


1)  In  seinem  Berichte  vom  letzten  Februar  1522  sagt  er:  „Questo  .  .  . 
vien  tenuto  esser  perletto  turco  ed  avere  la  sua  legge  in  grande  osservanzia, 
inimico  si  de'  cristiani  come  degli  ebrei,  li  quali  nel  siio  paese  n  o  n  sono 
trattati  al  modo  che  erano  nel  tempo  di  siiltan  Selim  suo  padre;  siehe  tutti 
questi  di  lui  grandemente  si  lamentano";  E.  Alberi,  Le  relazioni  degli  Am- 
basciatori  Veneti  al  Senato,  Serie  III  Bd.  III,  Florenz  1855,  74. 

-)  Der  aus  Jaffa,  wo  er  am  13.  März  1521  gelandet  war,  zurückgekehrte 
Kaufmann  Anton  Cassan  berichtete  von  den  Brüdern  zu  Jerusalem,  daß  sie 
„erano  in  grande  angustie  per  amor  del  signor  Ghaseli,  et  che  1  loro  padrc 
guardian  era  stä  impregionato  da'  turchi  in  Damasco,  per  esserli  stä  imputato 
haver  mandato  li  frati  a  convocar  christiani  in  favor  dil  ditto  signor  Gazeli 
e  del  signor  Sophis"  (des  persischen  Herrschers);  Sanuto  XXX  304. 

3)  Jorga  II  356. 

*)  Das  Schriftstück  ist  zum  Teil  abgedruckt  in  Negociations  de  la 
France  dans  le  Levant  I  102  Anm.;  vgl.  Zinkeisen  II  637. 


Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion  201 

Alle  diese  Pläne  und  Bemühungen  blieben  dem  Sultan,  der 
durch  zahlreiche  Spione  gut  unterrichtet  war,  schwerlich  ver- 
borgen und  haben  gewiß  unseren  Brüdern  nicht  die  Gunst  des 
Herrschers  verschafft.  Es  brauchte  nur  ein  Anstoß  zu  kommen, 
um  die  Franziskaner  seinen  Zorn  fühlen  zu  lassen;  und  dieser 
Anstoß  kam  bald,  wie  Calahorra  meint,  durch  jüdische  Hetze  ^). 
Im  Anschluß  an  die  im  Kloster  auf  dem  Sion  von  den 
Brüdern  mit  höchster  Genehmigung  vorgenommenen  Restaura- 
tionsarbeiten legte  ein  Derwisch  der  Tempelmoschee  dem  Mufti 
von  Jerusalem  diesen  Rechtsfall  vor^).  Außer  der  Stadt  Jeru- 
salem besteht  ein  Kloster  fränkischer  Ordensleute,  das  Kloster 
des  Berges  Sion  heißt.  Fränkische  Christen  kommen  dahin 
aus  ihren  Ländern  und  weilen  dort  mit  voller  Sicherheit.  Die 
Ordensleute  haben  zu  ihrem  Dienste  als  Dragoman  einen  Ma- 
roniten,  einen  Lügner  und  Heuchler,  der  zu  ihrem  Dienste  paßt. 
Sie  sandten  an  den  Hof  des  Herrschers  einen  falschen  Bericht, 
in  dem  sie  sagten,  daß  ihr  Kloster  in  schlechtem  Zustande  sei, 
und  baten  um  die  Erlaubnis,  dasselbe  wieder  herzustellen. 
Nachdem  diese  ihnen  gütig  erteilt  war,  wagten  sie  es,  auf 
eigene  Faust  das  Haus  von  Grund  auf  mit  behauenen  Quader- 
steinen zu  erneuern,  und  setzten  auf  die  alten  Mauern  neun 
Reihen  neuer  Steine.  So  haben  sie  allmählich  ihr  Kloster  zu 
vergrößern  gewußt  und  bis  an  das  Grab  Davids  ausgedehnt. 
Wir  fragen  nun:  Ist  es  erlaubt,  daß  im  Kloster  in  der  Nähe 
des  Ortes,  an  dem  David  begraben  liegt  und  der  von  allen 
Muselmannen  in  Ehren  gehalten  wird,  ein  Gebäude  erneuert 
werde?  Ist  es  erlaubt,  daß  sie  ihre  gottlosen  Gesänge  an 
diesem  Orte  erklingen  lassen,  daß  der  Schall  ihrer  Glocke  die 
Stimmen  der  Türken  übertöne?    Ist  es  einem  Türken  gestattet, 


1)  Nach  Schefer,  Chesneau  Einl.  S.  XL,  soll  Calahorra  behaupten,  „(lu'nn 
juif  s'etant  presente  au  couveiit  du  inont  de  Sion  pour  visiter  ie  tonibeau 
de  David,  fut  expulse  par  les  Peres  Franciscains".  Calahorra  sagt  in  Wirk- 
lichkeit: „Un  perfido  e  maledctto  Ebrco,  il  quäle,  o  perche  non  gli  era  stato 
pcrmesso  d'  entrare  a  prol'anare  quel  santo  Luogo,  dove  era  il  Sepolcro  del 
Reale  Profeta  David,  che  era  la  Sagrestia  di  quel  santo  Convcnto,  o  i)er  com- 
pire  la  nialitia  de  suoi  Antenati,  .  .  .  si  portö  da  uno  delii  Santoni  del  Teinpio 
di  Salomone" ;  B.  V  K.  3. 

'-)  Calahorra  15.  Y  K.  3;  Schet'er,  Chesneau,  Anhang  Nr.  XIII  S.  255. 


202  Solimaii  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion 

die  Franken  hierin  zu  begünstigen?  Begeht  der  eine  Sünde, 
der  dieses  nicht  abstellt,  wenn  er  kann?  Empfiehlt  es  sich, 
die  neuen  Stücke  aus  Kirche  und  Kloster  zu  entfernen?  Man 
bittet  um  Antwort. 

Diese  war  dem  Mufti  klar  genug  vorgezeichnet  und  fiel 
ganz  nach  Wunsch  des  Fragestellers  aus.  Es  ist  durchaus  un- 
möglich, wurde  erklärt,  zu  gestatten,  daß  die  Christen  bei  ihrem 
Gottesdienste  ihre  ungläubige  Stimme  erheben  oder  die  den 
Türken  verhaßte  Glocke  erklingen  lassen.  Es  entspricht,  alles, 
was  die  Christen  neugebaut  haben,  niederzureißen.  Es  ist  allen 
Türken  verboten,  solche  Neubauten  zu  begünstigen.  Dies  ist 
die  einstimmige  Lehre  aller  Lehrer  des  Islams  '). 

Mit  dieser  Antwort  des  Mufti  begab  sich  der  Derwisch 
nach  Konstantinopel  und  erreichte,  daß  Sultan  Soliman  am 
18.  März  1523  an  den  Gouverneur  und  den  Kadi  von  Jerusalem 
folgenden  Befehl  richtete  -) : 

Man  hat  uns  wissen  lassen,  daß  sich  bei  der  edlen  Stadt 
Jerusalem  das  Grab  des  Propheten  David  befindet,  und  daß 
Kirche  und  Kloster  des  Berges  Sion,  die  fränkischen  Ordens- 
leuten gehören,  an  dieses  Grab  stoßen.  Diese  Ordensleute 
ziehen  ihren  falschen  Gebräuchen  entsprechend  über  die  Ter- 
rasse, die  an  das  Grab  des  Propheten  reicht.  Da  es  weder 
passend  noch  vernünftig  ist,  daß  jener  edle  Ort  in  den  Händen 
der  Ungläubigen  verbleibe,  und  daß  ihre  I^üße  auf  Orte  treten, 
die  von  unsern  Propheten  geheiligt  sind  und  ein  Recht  auf 
unsere  volle  Verehrung  haben,  befehlen  wir,  die  Ordensleute 
und  alle,  die  daselbst  wohnen,  sofort  nach  Empfang  dieses  Be- 
fehles, ohne  Aufschub  aus  Kloster  und  Kirche  zu  vertreiben, 
das  Heiligtum  zu  reinigen  und  dem  Hüter  der  übrigen  heiligen 
Stätten  zu  übergeben.  Der  Überbringer  dieses  Befehles,  der 
Prediger  Mehdy  cl  Hachimy,  wird  die  Güter  der  Kirche,  ihre 
Gärten  und  Grundstücke  verwalten. 

Obgleich   der  Befehl   des  Herrschers   entschieden   lautete. 


1)  Calahorra  390;  Schefer,  Chesneau  Nr.  XIV  S.  257. 

-)  Calahorra  B.  V  K.  4  S.  392;  Schefer,  Chesneau  Nr.  XV  S.  258. 
Ersterer  nennt  den  Überbringer  „Meheidi  all  Axami".  Sein  richtiger  Name 
steht  auf  der  von  ihm  im  Zönakulum  angebrachten  Inschrift;  vgl.  unten  S.  20ö. 


Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion  203 

vergingen  dennoch  mehr  als  sechs  Monate,  ehe  er  zur  Aus- 
führung kam.  Der  Grund  für  diesen  Aufschub  ist  nicht  recht 
ersichtlich.  Nach  Calahorra  ^  hätte  der  Überbringer  dieses 
Befehls  unterwegs  Reue  empfunden  oder  große  Furcht  gehegt, 
ob  er  wohl  seinen  Plan  bei  dem  zu  erwartenden  Widerstand 
der  christlichen  Fürsten  zur  Ausführung  bringen  könne;  er  sei 
daher  in  Damaskus  an  die  katholischen  Kaufleute  herangetreten, 
um  ihnen  das  kaiserliche  Schreiben  gegen  Vergütung  seiner 
Auslagen  anzubieten.  Die  sofort  mit  dem  Oberen  des  Sionklosters 
eingeleiteten  Verhandlungen  seien  aber  von  diesem  so  hin- 
gehalten worden,  daß  der  Derwisch  schließlich  die  Geduld  verlor 
und  die  Urkunde  des  Sultans  dem  Gouverneur  von  Damaskus 
zur  Ausführung  übergab. 

Calahorra  sagt  nicht,  woher  diese  Nachricht  stammt.  Daß 
solche  Machenschaften  unterlaufen  seien,  entspricht  durchaus 
morgenländischen  Gepflogenheiten  und  erscheint  uns  wegen  meh- 
rerer Umstände  sehr  glaubwürdig.  So  verstehen  wir  nämlich 
sowohl  die  sonst  nicht  zu  begreifende  Verzögerung  wie  auch 
die  Tatsache,  daß  der  Gouverneur  von  Damaskus  die  Aus- 
führung des  an  die  Behörden  von  Jerusalem  gerichteten  Be- 
fehles in  die  Hand  nahm.  Auch  wird  begreiflich,  wie  die 
Brüder  zu  Jerusalem  Kenntnis  des  Schreibens  erhalten  und 
eine  Gegenaktion  in  Konstantinopel  unternehmen  konnten.  Wie 
der  venezianische  Gesandte  Peter  Zen  am  26.  September  des- 
selben Jahres  aus  Konstantinopel  an  den  Dogen  schrieb,  waren 
die  Franziskaner  von  Jerusalem  mit  der  Bitte  zu  ihm  gekom- 
men, er  möchte  mit  dem  Großvezier  Ibrahim  Pascha  verhandeln, 
damit  der  Ausweisungsbefehl  des  Herrschers  zurückgenommen 
werde  ^).  Ibrahim  Pascha  versprach  dem  Gesandten  der  Repu- 
blik, die  Angelegenheit  beim  Sultan  zu  ordnen.     Im  Vertrauen 


1)  Ebd.  392. 

■^)  In  dem  Berichte  vom  2(i.  und  27.  September  1523  aagl  Zen:  „Item, 
che  'I  Signor  havia  ordinale  che  'I  monasterio  di  monte  Syon  in  Hierusalem 
sia  ruinado,  dove  c  la  caxa  fo  di  Davit  propheta,  e  dicono  il  sno  corpo  ö 
soterado  de  li;  unde  li  l'rati  venuti  de  li  per  impetrar  la  revochation,  pregö 
esso  Orator  parlasse  a  Embraim  di  questo,  e  cusei  li  ha  parlato,  el  quäle  si 
offerse  iar  il  tutto  per  la  Signoria  dicendo  e  nostro  subdito,  con  le  mazor 
parole  dil  mondo";  Sanuto  XXXV  17G. 


204  Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion 

auf  diese  Schritte  ließ  sich  der  Guardian  die  Verhandlung  mit 
jenem  Derwisch  nicht  weiter  angelegen  sein,  weshalb  dieser 
selbst  den  ersten  Plan,  als  er  nichts  mehr  hörte,  wieder  auf- 
nahm und  den  Ausweisungsbefehl  des  Sultans  dem  Gouverneur 
von  Damaskus  Khourrem  Pascha  übergab. 

Die  beiden  Pilger  Philipp  von  Hagen  und  Peter  Füßl', 
die  im  September  1523  in  Palästina  weilten,  trafen  die  Fran- 
ziskaner noch  auf  dem  Sion  und  am  Zönakulum.  Es  schwirrten 
aber  bereits  böse  Gerüchte  durch  die  Luft,  und  vor  ihrer  Ab- 
reise trafen  schon  die  Vorboten  des  Sturmes  in  der  Heiligen 
Stadt  ein:  eine  größere  Zahl  von  Truppen  wurde  dort  zusam- 
mengezogen, was  sofort  die  Steigerung  des  Fanatismus  der 
Mohammedaner  und  neue  Bedrohungen  der  Christen  zur  Folge 
hatte.  Wie  Füßli  zum  16.  September  berichtet'),  „kamen  die 
Kriegsleute  von  Damaskus,  das  waren  Janitscharen  und  Türken, 
bei  vier-  oder  sechshundert.  Da  entbot  der  Herr  von  Jerusalem 
dem  Guardian,  er  sollte  das  Kloster  zuhalten  und  uns  sagen, 
daß  wir  nicht  auf  die  Gasse  gingen ;  denn  geschähe  uns  etwas, 
so  möchte  er  es  nicht  verhindern  können.  Also  gingen  wir 
desto  weniger  auf  die  Gasse,  bloß  aus  unserm  Haus  am  Morgen 
ins  Kloster  und  zur  Nacht  wiederum  darin,  bis  sie  anfingen  in 
einer  Nacht,  mit  Gewalt  ins  Haus  zu  dringen;  da  blieben  wir 
gar  im  Kloster,  bis  wir  w^egfuhren."  Dem  Berichte  seines  Be- 
gleiters Hagen  zufolge  ^)  kamen  um  Mitternacht  Soldaten  ans 
Johanniterhospital,  in  dem  unsere  Pilger  abgestiegen  waren, 
um  sie  zu  berauben.  Sie  schlugen  mit  Beilen  und  Gewehren 
Löcher  in  die  Türe,  weshalb  die  Pilger  „viele  große  Steine 
und  andere  Rüstung  vor  die  Türe  machen  mußten,  daß  sie 
nicht  von  den  Buben  überfallen  würden.  Es  war  auch  ein 
großes  Geschrei  von  Weibern  und  Kindern,  die  Mordio  schrien 
so  lange  und  viel,  daß  die  Buben  sich  verlaufen  mußten". 

In  diese  unruhige  Zeit  fiel  der  Aufenthalt  Loyolas  in  der 
Heiligen  Stadt.  Er  war  auf  dem  Schiffe,  das  Füßli  und  Hagen 
nach  Jaffa  gebracht  hatte,  ans  Gestade  des  Heiligen  Landes 
gekommen  und  wollte  sich  daselbst  an  irgendeiner  Stätte 
niederlassen,    um    der   eigenen   Heiligung   obzuliegen    und   am 

1)  Böhmer  36.  -)  Conrady  272. 


Soliman  Vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion  205 

Heile  der  Seelen  zu  arbeiten.  Für  einen  solchen  Plan  war 
freilich  die  Zeit  nicht  geeignet,  und  wir  verstehen  es,  daß  der 
Kustos  ihm  entschieden  abriet.  Es  seien  schon  öfter  Pilger 
mit  derselben  heiligen  Absicht  gekommen,  aber  meist  mit 
schlechten  Erfahrungen  von  dannen  gezogen;  einige  seien  von 
den  Ungläubigen  erschlagen,  andere  gefangen  genommen  und 
mit  hohen  Summen  losgekauft  worden.  Es  sei  ihm  daher  nicht 
möglich,  in  Palästina  zu  bleiben;  er  müsse  mit  den  übrigen 
Pilgern  die  Rückreise  antreten.  Ignatius  erwiderte  ihm,  sein 
Entschluß  sei  fest  und  unabänderlich.  Als  ihn  jetzt  der  Kustos 
auf  die  Vollmachten  verwies,  die  er  vom  Papste  hatte,  und 
die  ihn  berechtigten,  jeden,  der  wider  seinen  Willen  in  Palä- 
stina weilen  wolle,  in  den  Bann  zu  tun,  wollte  Ignatius  nichts 
weiteres  hören,  auch  die  päpstlichen  Schreiben  nicht  sehen, 
sondern  sagte  sofort:  „Ich  gehorche!"  und  rüstete  die  Rück- 
kehr. Es  lag  nicht  im  Plane  der  göttlichen  Vorsehung,  Ignatius 
in  den  Einöden  Palästinas  als  Einsiedler  zu  verbergen ;  er  sollte 
der  Kirche  und  Welt  größere  Dienste  tun.  Die  Pilgerreise 
hatte  ihm  viele  Opfer  und  Verdienste  eingetragen,  ihn  über  die 
Absichten  Gottes  weiter  erleuchtet  und  seiner  Aufgabe  einen 
Schritt  näher  geführt  0. 

Am  23.  September  reiste  Loyola  mit  seinen  Gefährten  von 
Jerusalem  ab.  Bis  zur  Abfahrt  des  Schiffes  mußten  sie  noch 
viele  Widerwärtigkeiten  von  den  Türken  in  Kauf  nehmen.  Auch 
erfuhren  sie  in  Ramleh,  daß  die  Franziskaner  am  letzten  Sep- 
tember aus  ihrem  Kloster  auf  dem  Sion  vertrieben  werden 
sollten.  Am  andern  Tage  kam  freilich  die  Botschaft,  „daß  es 
nicht  so  bös  wäre.  Des  ich  froh  war",  schreibt  Füßli^),  „denn 
sie  haben  ein  ordentliches  Wesen." 

Leider  behielt  jene  erste  Nachricht  ihre  Richtigkeit,  da 
der  durch  Ibrahim  erwirkte  Gegenbefehl  des  Sultans  nicht  früh 
genug  anlangte.  Wie  christliche  Kaufleute  aus  Tripolis  mel- 
deten, „hat  der  Pascha  von  Damaskus  die  Brüder  des  Berges 
Sion  kraft  eines  Befehles  ausgewiesen,  den  ein  mohammedanischer 
Santone  vor  mehr  als  sechs  Monaten  erwirkt  hatte;  die  Brüder 


1)  Vgl.  Acta  Sanctoruin,  Juli  VlI  (iSO.  "-)  Böhmer  40. 


206  Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion 

sind  teils  im  Hl.  Grabe,  teils  in  Jerusalem  geblieben"  ^).  Cala- 
horra  lügt  hinzu,  sie  hätten  ihr  Hausgerät  in  einem  Nachbar- 
hause untergebracht  ^).  Jener  Santone  oder  Derwisch  brachte 
zur  Erinnerung  an  die  Vertreibung  der  Franziskaner  am  8.  Ja- 
nuar 1524  eine  Inschrift  an,  die  noch  heute  an  der  Ostwand 
des  Zönakulums  links  von  der  Türe  gefunden  wird  ^).  Sie 
lautet:  „Im  Namen  Gottes,  des  Barmherzigen,  des  Gnädigen! 
Der  Sultan  der  Geschöpfe,  die  Stütze  der  Religion  des  Islams, 
der  Diener  des  heiligen  Hauses,  der  Urheber  der  Gerechtigkeit 
und  Zuversicht,  der  Sultan  Suleiman,  Nachkomme  des  Uthman, 
hat  befohlen,  diesen  Ort  zu  reinigen,  von  den  Ungläubigen  zu 
säubern  und  daraus  eine  Moschee  zu  machen,  in  der  Gottes 
Name  genannt  werden  soll.  Gott  möge  den  Islam  schützen, 
indem  er  ihm  ein  langes  Leben  gibt!""*) 

So  waren  die  Franziskaner  aus  dem  Zönakulum,  das  die 
heiligsten  und  teuersten  Erinnerungen  für  die  Christen  birgt 
und  fast  zweihundert  Jahre  von  den  Brüdern  mit  namenlosen 
Opfern  und  Mühen  gehütet  war,  und  aus  dem  ehrwürdigen 
Kloster  auf  dem  Berge  Sion  verjagt.  Sie  setzten  zwar  ihre 
Bemühungen  fort  und  ließen  nichts  unversucht.  Doch  alle 
Arbeiten,   das  Heiligtum  selbst  wieder  zu  erhalten,   blieben  er- 


1)  In  einem  Briefe  des  Johann  Spiciano  an  den  Dogen  vom  29.  April 
lii24  lieißt  es:  „Per  letere  de  Tripoli  da  diversi  mercadanti  de  di  9  de  1'  in- 
stante mese  de  Fevraro  si  ha,  come  il  bassä  di  Damasco  haveva  trato  fora 
li  frati  de  monte  Syon  per  uno  coniandamento  obtenuto  zä  piü  de  mexi  G  da 
uno  santon  moro,  li  quali  erano  reduti  nel  Sancto  Sepulcro  et  parte  in  Hierii- 
salem,  avegnache  '1  [=  obgleichl  ditto  coniandamento  era  stä  revocato  per  il 
clarissimo  orator  missier  Piere  Zen";  Sanuto  XXXVI  288. 

-)  Calahorra  394:  „üna  casa  vicina,  che  chiaraavano  Jl  Forno,  non 
so  se  per  esser'  in  quel  luogo  dove  anticamente  era  la  Torre,  che  cliiama- 
vano  dein  Forni,  o  pure  perche  servisse  di  Forno  alli  Religiös!."  Wir  ver- 
muten, daß  es  das  Schwesternkloster  war,  in  dem  nach  Surian  das  Brot  für 
die  Brüder  gebacken  wurde;  vgl.  oben  S.  180. 

3)  Vgl.  oben  S.  50  das  Bild  der  Ostwand. 

*)  Diese  lange  unberücksicht  gebliebene  Inschrift  wurde  jüngst  aufge- 
nommen von  Max  van  Berchem;  vgl.  Fr.  Dunkel,  Drei  arabische  Inschriften 
aus  Jerusalem.  In:  Das  heilige  Land,  Jahrgang  1914,  16(5,  wo  auch  eine 
Photographie  der  Inschrift.  Der  zum  Schluß  derselben  genannte  Muhammed 
al  A'dschami  ist  sicher  jener  all  Axami,  der  den  Befehl  der  Ausweisung  in 
Konstantinopel  erwirkt  hatte;  vgl.  oben  S.  202. 


Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion  207 

folglos;  es  sollte  ihnen  einzig  gelingen,  nochmals  für  fünfund- 
zwanzig Jahre  in  einige  Räume  ihres  Klosters  Einzug  zu  halten 
und  in  dem  Schatten  des  Heiligtums  zu  wohnen.  So  blieb 
wenigstens  die  Hoffnung  wach,  das  ganze  Kloster  wie  ehedem 
zu  besetzen  und  bei  günstigeren  Zeiten  den  Gottesdienst  im 
Zönakulum  wieder  aufzunehmen.  Freilich  wurde  der  Aufent- 
halt im  Kloster  jetzt  eine  Quelle  zahlloser  Quälereien  und 
Erpressungen  von  selten  ihrer  sarazenischen  Hausgenossen,  die 
mit  der  Zeit  so  unerträglich  wurden,  daß  die  Brüder  nach  dem 
Zeugnisse  des  französischen  Gesandtschaftssekretärs  Chesneau 
bereits  den  Plan  erwogen,  das  Kloster  wieder  zu  räumen  und 
„sich  in  die  Christenheit  zurückzuziehen"  ^). 

Wir  wollen  die  Hauptereignisse  aus  dieser  letzten  Leidens- 
zeit kurz  vermerken ").  Treue  Hilfe  bei  ihrem  Bestreben,  das 
Kloster  wiederzugewinnen,  fanden  die  Franziskaner  bei  dem 
venezianischen  Gesandten  Peter  Zen,  der  ihre  Notlage  dem 
Großvezier  Ibrahim  Pascha  stets  aufs  neue  vortrug  und  auch 
durch  ihn  einen  günstigen  Befehl  des  Sultans  erwirkte.  Ehe 
derselbe  aber  ausgehändigt  war,  reiste  Zen  ab,  so  daß  die 
Sache  in  Vergessenheit  kam.  Am  19.  Oktober  1524  meldete 
sein  Nachfolger  Peter  Bragadino  nach  Venedig,  daß  Ibrahim 
Pascha  den  vom  Sultan  zugunsten  der  Brüder  erlassenen  Be- 
fehl, der  mit  großer  Mühe  vom  frühern  Gesandten  erwirkt  und 
durch  seine  Abreise  in  Vergessenheit  geraten  sei,  übersandt 
habe  ^).  Leider  erfahren  wir  den  Wortlaut  des  kaiserlichen 
Befehles  nicht,  wissen  daher  auch  nicht,  ob  eine  volle  Her- 
stellung des  früheren  Zustandes  verfügt,  das  Kloster  also  nebst 
Zönakulum  zurückgegeben  oder  dieses  ausgeschlossen  war  und 
die  Brüdei*^  nur  in  ersterem  wieder  wohnen  konnten.  Die  Worte 
Bragadinos,  daß  nun  die  frühere   Lage   der  Brüder  vollständig 


1)  Sehe f er,  Chesneau  117. 

'^)  Wir  folgen  für  die  ersten  Ereignisse  hauptsächlich  den  Tagebüchern 
des  Venezianers  Sanuto.  Ausführlich  handelt  darüber  Calahorra  B.  V  K.  4 
bis  IT);  aus  ihm  schöpft  Schefer,  Chesneau  Einl.  S.  XLI — XLVI. 

^)  Sanuto  XX.XVII  269:  Ibrahim  „scrive  haver  expedito  el  comanda- 
mento  del  Signor  che  '1  fa  in  favor  di  dicti  frati,  quäl  1'  orator  nostro  ch'ö 
stato  si  fatichö  tanto  per  averlo,  ma  poi  la  sua  partita  era  andato  in  oblivion, 
ma  ha  fatto  serd  il  tutto  ritoruato  in  pristinum  in  Hierusalem  per  li  frati". 


2Ö8  Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sioil 

wieder  hergestellt  sei,  sprechen  für  die  erstere  Annahme,  eben- 
so das  Zeugnis  des  Priesters  Jan  Goverts  von  Gorkum,  der  1525 
in  Jerusalem  war  und  in  seinem  Tagebuche  erzählt,  daß  für 
die  Pilger  eine  hl.  Messe  im  Abendmahlssaale  gelesen  wurde  0- 
Doch  widerspricht  manches  andere,  das  wir  hören  ^)  und  uns 
die  Brüder  nicht  im  Zönakulum,  sondern  nur  in  einem  Teile 
des  Klosters  zeigt.  Zum  wenigsten  ist  sicher,  daß  sie, 
wenn  ihnen  das  Zönakulum  wirklich  zurückgegeben  w^ar,  nicht 
lange  in  seinem  Besitze  blieben;  denn  wir  finden  sie  bereits 
im  April  1526  wieder  in  Konstantinopel,  wo  sie  durch  den 
venezianischen  Gesandten  die  Rückgabe  desselben  beim  Groß- 
vezier  betreiben.  „Die  Franziskaner",  schreibt  der  Gesandte 
dem  Dogen,  „haben  das  Kloster,  und  möchten  auch  die  Kirche 
des  Sionberges"  ^).  Auch  diesmal  nahm  sich  der  Großvezier 
der  Brüder  an  und  erwirkte  beim  Sultan  eine  Verordnung  zu 
ihren  Gunsten  ^) ;  aber  die  Hauptsache,  das  Zönakulum,  wurde 
nicht  gewährt. 

Die  Franziskaner  gaben  die  Hoffnung  nicht  auf  und  zogen 
jetzt  neben  dem  venezianischen  Gesandten  auch  König  Franz  I. 
von  Frankreich,  dessen  Beziehungen  zum  Sultan  immer  inniger 
geworden  waren,  zu  Hilfe.  Beide  sandten  im  Sommer  1528 
Schreiben  an  Soliman,  denen  sich  dieser  nicht  ganz  verschließen 
konnte  ■') ;    aber   er   verstand  es  wieder  einmal,    die  Bittsteller 


1)  Cod.  Ms.  hist.  823  i  der  Universitäts-Bibliothek  zu  Göttingen ;  die 
Seiten  sind  niclit  numeriert. 

'^)  Calaliorra  erzälilt,  der  Guardian  liabe  die  Anwesenheit  Ibrahims  in 
Gaza  benützt  und  den  Dragoman  mit  einigen  Brüdern  zu  ihm  gesandt,  um 
ihm  die  Notlage  zu  schildern.  Ibrahim  habe  die  Gesandtschaft  gütig  aufge- 
nommen und  verfügt,  daß  der  Santone  das  Grab  Davids,  den  oberen  Saal  des 
Zönakulums  und  einige  Räume  des  Klosters  behalten,  das  übrige  aber  den 
Franziskanern  zurückgeben  solle;  B.  V  K.  4. 

3)  Sanuto  XLI  407  u.  409.  Er  sagt:  „I  Frati  hanno  il  monasterio,  et 
voriano  etiam  la  chiesa  di  Monte  Syon." 

*)  Sanuto  teilt  den  Inhalt  der  Verordnimg,  die  der  Dragoman  der  Ge- 
sandschaft am  22.  Juni  1526  von  Adrianopel  überbrachte,  nicht  mit;  vgl. 
Diarii  XLII  346  348  394. 

^)  Am  29.  August  l.'J28  schreibt  der  Gesandte  nach  Venedig,  der  Sultan 
habe  Ibrahim  geantwortet:  „A  la  signoria  et  al  re  di  Franza  non  e  da  negar 
quelo  i  dimanda,  ma  per  esser  cosa  di  la  fede,  bisogna  parlar  con  li  cadi"; 
Sanuto  XIL  24. 


Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion  209 

vorläufig  mit  einem  jener  Kompromisse  zu  befriedigen,  in  denen 
die  orientalischen  Diplomaten  Meister  sind.  Wie  der  venezia- 
nische Gesandte  am  16.  September  1528  seiner  Regierung  mit- 
teilte, hatte  Ibrahim  geantwortet,  daß  der  Sultan  das  Zönakulum 
nicht  zurückgeben  könne,  da  dies  seinem  Glauben  zuwider 
laufe;  er  wolle  es  aber  schließen  lassen,  was  auch  besser  für 
die  Brüder  sei ').  Ein  bald  nachher  nach  Venedig  abgesandter 
Bericht  ergänzte  den  ersten  Bescheid.  Der  Sultan  habe  er- 
klärt, daß  er  sehr  bedaure,  den  Wunsch  der  Republik  und  des 
französischen  Königs  nicht  erfüllen  zu  können,  da  es  sich  um 
eine  Moschee  handle;  eine  andere  Bitte  werde  er  gewähren. 
Doch  solle  das  Zönakulum  mit  einer  Mauer  verschlossen  werden, 
so  daß  niemand  eintreten  könne.  Hierzu  bemerkte  der  Ge- 
sandte, dem  Guardian  des  Slonklosters,  der  sich  zurzeit  in 
Konstantinopel  befinde,  gefalle  diese  Lösung,  da  auf  diese  Weise 
das  Zönakuhim  nicht  Moschee  bleibe,  die  Brüder  aber  in 
der  Nähe  verweilen  und  insgeheim  ihre  Andaclit  verrichten 
könnten  -). 

Denselben  Grund  für  die  Ablehnung  machte  Soliman  in 
seinem  Schreiben  an  König  Franz  I.  von  Mitte  September  1528 
geltend.  Wäre  es,  sagt  Soliman,  eine  Frage  des  Eigentums, 
so  würden  die  Wünsche  Ew.  Majestät  in  Anbetracht  der  innigen 
Freundschaft,  die  zwischen  uns  besteht,  erhört  werden.  Aber 
es  handelt  sich  hier  nicht  um  Mobilien  oder  Immobilien;  es 
handelt  sich  um  eine  Sache  unserer  Religion.  Jene  Kirche  ist 
in  eine  Moschee  verwandelt  worden,  in  der  die  Mohammedaner 
öffentlich  ihre  Gebete  veriichten.  Es  wäre  aber  gegep  unsern 
Glauben,  die  Bestimmung  eines  Ortes  zu  ändern,  der  den  Titel 
einer  Moschee  getragen,  und  in  dem  die  Gläubigen  ihr  Gebet 
verrichtet  haben.  Der  übrige  Teil  des  Hauses  soll  aber  den 
Christen  verbleiben    und    niemand  sie  daselbst  stören;   in  aller 


ij  Ebd.  72. 

1)  Am  4.  Oktober  ir)2.S  schreibt  Contarini  u.  a. :  Der  Snitan  wolle,  „sia 
fata  una  muraia  atorno,  siehe  non  11  entri  aicun,  et  a  questo  modo  a(|uieter;\ 
la  fede.  L'nde  el  vardian,  che  li  a  Constantinopoli  se  atrova,  ha  auto  a  piacer 
de  questo,  perchö  non  hessendo  moscliea  loro  frati  starano  e  l'arano  le  soe 
devotion  secretamente". 

Franzisk.  Studien,  Beiheft  J:  Lern  mens,  Die  Fmnziskaner  auf  dem  Sion.  14 


2l0  Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Slon 

Ruhe  werden  sie  die  Räume  weiter  bewohnen,  die  sie  zurzeit 
einnehmen  ^). 

Es  waren  eitle  Versprechen,  die  so  oft  den  Christen  ge- 
geben und  selten  gehalten  wurden.  Das  Zönakuliim  blieb 
Moschee  ^) ;  jene  Sperrmauer  wurde  nicht  aufgeführt,  und  die 
Drangsale  der  Franziskaner  dauerten  fort. 

Zinkeisen  schließt  an  jenes  Schreiben  des  Sultans  an  König 
Franz  I.  die  unrichtige  Bemerkung  an,  Frankreich  sei  „die 
erste  Macht  gewesen,  welche  den  Anstoß  gab",  daß  die  Christen 
das  Recht  erhielten,  ihre  Kirchen  wieder  herzustellen  und  in 
baulichem  Zustande  zu  erhalten  ^).  Ob  er  hier  nicht  die  Trag- 
weite und  Bedeutung  der  Antwort  des  Sultans  über  ihren  Sinn 
erweitert?  sicher  läßt  er  die  früher  erteilten  Fermane  außer 
acht  und  übersieht  besonders,  daß  Venedig  ebensoviel  zu  jenem 
Erfolge  beitrug  wie  der  König  von  Frankreich. 

Seit  Jahrzehnten  hatte  die  Republik  Venedig  am  Hofe  der 
Sultane  von  Kairo  und  an  der  Hohen  Pforte  zu  Konstantinopel 
die  Interessen  der  Christen  des  Orients  und  besonders  der 
Franziskaner  Palästinas  mit  Eifer  und  Erfolg  vertreten.  Ein 
Franziskaner,  der  die  Geschichte  seiner  Mitbrüder  an  den  hei- 
ligen Stätten  beschreibt,  darf  nicht  versäumen,  dankbar  des 
großen  Wohlwollens  zu  gedenken,  das  sie  von  der  mächtigen 
Königin  des  Meeres  erfuhren,  und  des  nachhaltigen  Schutzes, 
den  der  Rat  der  Zehn  den  Brüdern  gewährte,  so  oft  sie  sich 
hilfesuchend  nahten.  Solange  das  Wort  Venedigs  in  Byzanz 
gehört  wurde,  war  Venedig  der  tatsächliche  Protektor  der  Fran- 
ziskaner und  der  ihnen  anvertrauten  heiligen  Stätten. 


1)  Der  Wortlaut  des  Schreibens  in  Negociations  de  la  France  dans  le 
Levant  I  129—132.  Vgl.  Calahorra  13.  V  K.  G  und  Schefer,  Chesneau, 
Anhang  Nr.  XVI  S.  259. 

-)  Doch  kamen  auch  die  Christen  insgeheim  ins  Zönakulum ;  vgl.  Jo- 
dokus  von  M eggen,  Peregrinatio  104:  Die  Türken  „ipso  in  coenaculo  Ora- 
torium (quod  ipsi  muscea  vocant)  habent...;  post  preces  matulinas  audita  re 
divina  in  s.  coenaculo".  Auch  1550  kamen  die  Pilger  nachts  durch  Vermitt- 
lung de3  Guardians  hinein;  vgl.  Rehlinger  bei  Röhricht- Meisner  412. 

■■')  Geschichte  des  osmanischen  Reiches  11  713.  Während  Calahorra  399 
die  Antwort  des  Sultans  auf  das  Kloster  auf  dem  Sion  beschränkt,  gibt  Schefer 
ihr  eine  allgomeinei-e  Fassung  für  alle  Gotteshäuser  der  Christen. 


Solinian  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion  211 

Schon  bald  sollten  die  Franziskaner  wieder  des  Schutzes 
der  Republik  bedürfen.  Die  über  sie  hereingebrochenen  Schwie- 
rigkeiten und  Stürme  ermutigten  alte  Widersacher,  aufs  neue 
den  Kriegspfad  zu  betreten  und  in  die  Rechte  der  Brüder  ein- 
zubrechen. Die  Georgier,  die  von  Qansu  Guri  mit  ihren  An- 
sprüchen auf  den  rechtsgelegenen  Teil  des  Kalvarienberges 
abgewiesen  waren,  fingen,  wie  das  Schreiben  Solimans  sagt, 
aufs  neue  an,  „mit  den  fränkischen  Religiösen  zu  streiten".  Die 
Brüder  erwirkten  aber  durch  den  venezianischen  Gesandten 
den  Befehl  des  Sultans  an  die  Behörden  Jerusalems,  die  Rechte 
der  Franken  zu  schützen  und  die  Georgier  an  ihrer  Bedrückung 
zu  hindern  ')• 

Drei  Jahre  später  mußte  der  Gesandte  wegen  der  Basilika 
von  Bethlehem  beim  Sultan  vorstellig  werden.  Die  Mohamme- 
daner hatten  wieder  einmal  begonnen,  die  Kirche  zu  plündern, 
den  Marmor  der  Säulen  und  das  Blei  des  Daches  fortzu- 
schleppen. Auf  die  Bitten  des  Gesandten  richtete  Soliman  an- 
fangs Mai  1532  an  den  Kadi  von  Jerusalem  den  Auftrag,  dieses 
zu  hindern  und  die  Übeltäter  ausfindig  zu  machen.  „Niemand 
dürfe  die  fränkischen  Ordensleute,  die  berechtigt  seien,  die  zu- 
sammengefallenen Teile  der  Kirche  wieder  aufzubauen,  hindern." 
Sie  müßten  jedoch  dabei  den  alten  Fundamenten  folgen;  der 
Kadi  solle  aufpassen,  daß  nichts  neues  gebaut  werde  ^).  Leider 
hatte  das  Schreiben  denselben  Erfolg,  wie  so  viele  Dekrete  der 
Hohen  Pforte:  es  wurde  nicht  ausgeführt  oder  doch  bald  ver- 
gessen. Wie  Chesneau,  der  1549  zu  Bethlehem  weilte,  meldet, 
„gerät  die  schöne  und  große  Kirche  in  Verfall,  da  die  Türken 
aus  derselben  den  Marmor  und  andere  Steine,  die  sie  für  den 
Schmuck  ihrer  Moscheen  brauchen  können,  nahmen  und  täglich 
wegnehmen"  ^). 

In  Zukunft  sollte  es  der  Republik  nicht  mehr  möglich 
sein,  ihre  schützende  Hand  über  die  Brüder  Palästinas  und  die 

1)  Vgl.  Calahorra  B.  V  K.  0;  das  Schreiben  Solimans  ist  vom  Safar  935. 

2)  Calahorra  B.  V  K.  7;  Schefer,  Chesneau,  Anhang  Nr.  XVII  S.  261. 

3)  Schefer,  Chesneau  125:  „II  y  a  une  eglise  qui  a  este  fort  belle 
et  grande,  laquelle  s'en  va  en  ruine,  i\  cause  que  les  Turqs  en  ont  ost6  et 
ostent  journoilomcnt  le  marbro  ft  anllres  pierres  qui  iour  peuvent  servir  pour 
enrichir  leurs  niousquees." 

14* 


212  Soliman  veitreibt  die  Franziskaner  vom  Sion 

heiligen  Stätten  zu  halten.  Am  Hole  Solimans  immer  mehr  an- 
gefeindet, wurde  Venedig  allmählich  durch  den  französischen 
Einfluß  verdrängt.  Soliman  und  Franz  I.  waren,  wie  der  vene- 
zianische Gesandte  Ludovisi  am  3.  Juni  1534  berichtete  0,  durch 
gemeinsame  Interessen  verbunden;  beide  hatten  das  Hauptziel, 
das  Wachsen  der  Macht  des  Kaisers  Karl  V.  zu  verhindern. 
Aus  dieser  Gemeinsamkeit  der  Interessen  entwickelte  sich  Freund- 
schaft und  Bündnis.  Je  inniger  aber  das  Verhältnis  beider 
wurde,  um  so  mehr  mußte  der  Einfluß  Venedigs  am  Goldenen 
Hörn  zurücktreten. 

Im  Januar  1536  schloß  der  französische  Gesandte  Johan- 
nes de  la  Foret  in  Konstantinopel  den  ersten  Vertrag  mit  der 
Türkei,  aus  dem  sich  mit  der  Zeit  das  Schutzverhältnis  Frank- 
reichs über  die  Christen  des  Orientes  entwickelte,  das  manchen 
Segen  bringen,  aber  als  Frucht  des  Kampfes  Frankreichs  gegen 
Deutschland  geboren  in  einem  neuen  Ansturm  gegen  den  Nach- 
bar sein  p]nde  finden  sollte. 

Von  der  größten  Bedeutung  für  die  weitere  Entwicklung 
der  türkischen  Politik  und  ihrer  Beziehungen  zum  westlichen 
Europa  war  ein  Ereignis,  das  sich  bald  nach  jenem  Vertrag, 
am  5.  März  1536,  in  den  Gemächern  des  kaiserlichen  Palastes 
zutrug :  Der  Großvezier  Ibrahim  Pascha  wurde  in  der  Nacht 
erdrosselt.  Ibrahim  war  die  wichtigste  Person  des  Türken- 
reiches,  „das  Herz  und  der  Atem  des  Herrschers"  ^),  der  wie 
Ludovisi  schrieb  ^j,  „keine  wichtige  Entscheidung  mit  allen 
Paschas  und  dem  ganzen  Hofe  traf  ohne  Ibrahim;  Ibrahim 
machte  alles  allein".  Gebürtig  aus  dem  zu  Venedig  gehören- 
den Parga  an  der  jonischen  Küste,  bewahrte  dieser  seine  Anhäng- 
lichkeit an  die  Heimatsrepublik  ^).     So  lange  Ibrahim  in  Macht 


^)  ,J1  re  cristianissimo  veramente  si  puö  dire  che  ha  un  coniun  desi- 
derio  col  Signor  Turco,  cioe  ehe  la  grandezza  dell'  iniperatore  non  sia  tanta" ; 
Alberi,  Serie  III  Bd.  III  S.  22. 

'-')  „E  il  cuor  0  il  fiato  del  Signor;"  Rragadino  bei  Schefer,  Chosneaii  2:59. 

•')  „II  sultano  con  tiitti  i  pasciä  e  con  tutta  la  Corte  non  fa  deliberazione 
importante  senza  Ibrahim,  e  Ibrahim  solo  fa  il  tutto  senza  il  Gran-Signore 
ovvero  altra  compagnia;"  Alberi  28. 

^)  Wie  Zen  1523  an  den  Dogen  schrieb,  nannte  er  sich  einen  venezia- 
nischen Untertan;  „dicendo  e  nostro  subdito";  Sanuto  XXXV  17ü. 


Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion  213 

und  Würden  war,  war  Venedig  in  Konstantinopel  angesehen 
und  es  dem  venezianischen  Gesandten  möglich,  mit  Ibrahims 
Hille  die  Franziskaner  zu  schützen.  Sein  Tod  war  ein  Ver- 
hängnis für  die  Regierung  Solimans,  deren  Glanzzeit  mit  Ibra- 
him zu  Ende  ging,  für  die  Franziskaner  und  Christen,  denen 
er  große  Güte  erzeigt  hatte  ^),  und  besonders  für  die  Republik 
Venedig  und  Karl  V.  Unter  den  nicht  bekannt  gewordenen 
Gründen  seines  Todes  wird  auch  genannt,  daß  er  mit  dem 
Kaiser  in  Verbindung  gestanden  ^). 

Seit  seinem  Tode  verschlechterten  sich  die  Beziehungen 
zwischen  Soliman  und  Venedig  fortwährend.  Schon  zwei  Mo- 
nate später,  im  Mai  des  Jahres  1536,  ließ  Soliman  dem  vene- 
zianischen Gesandten  erklären,  er  werde  Venedig  mit  Feuer 
und  Schwert  bekriegen,  wenn  die  Republik  nicht  von  ihrer 
Freundschaft  mit  dem  Kaiser  lasse  ^).  Doch  hatte  der  Rat  der 
Zehn  Charakter  genug,  diese  Drohung  zu  überhören.  Allerlei 
Mißverständnisse  und  Vorfälle  spitzten  das  Verhältnis  derart 
zu,  daß  Soliman  im  Sommer  1537  mit  einem  Zuge  gegen  Korfu 
den  Krieg  begann,  der  mehr  als  drei  Jahre,  bis  in  den  No- 
vember 1540,  dauern  sollte.  Sofort  erging  nach  allen  Seiten 
des  Türkenreiches  der  Befehl,  die  Untertanen  der  Republik  im 
ganzen  Gebiete  zurückzuhalten  und  ihre  Güter  und  Schiffe  mit 
Beschlag  zu  belegen  *). 

Für  die  Brüder  in  Palästina  war  damit  eine  neue  Leidens- 
zeit gekommen.  Die  Behörden  von  Jerusalem  erhielten  aus 
Konstantinopel  Befehl,  die  Franziskaner  auf  dem  Sion,  am  Hl. 
Grabe  und  in  Bethlehem  zu  verhaften^).  Am  IG.  September 
1537  wurden  sie  gefangen  und  in  der  Hl.  Stadt  im  Pisanerturm 
sowie  zu  Damaskus  eingekerkert,  wo  sie  bis  zum  Iß.  November 
1540  verbleiben  mußten.  Neun  Brüder  starben  daselbst;  der 
Guardian  P.  Thomas   von  Norcia  und  fünf  andere  wurden  von 


1)  ,.Fa  gran   ben   a'cristiani;"    l^ragadino    bei  Sehe f er,  Chesneau  240. 

2)  Zinlteisen  II  824.  •■<)  Zinkeisen  II  766. 
*)  Zinkeisen  II  770. 

•'•)  Calahorra  B.  V  K.  8;  er  sagt,  man  kenne  nicht  den  eigentliciien 
Grund;  er  glaube,  daß  es  auf  die  Nachricht  von  der  Wegnaiimc  türkischer 
Schiffe  durch  Doria  geschehen  sei. 


214  Soliman  vertreibt  die  Franziskaner  vom  Sion 

einer  Seuche  dahingerafft;  drei  erlagen  anderen  Krankheiten^). 
Der  Dolmetscher  der  Franziskaner,  ein  katholischer  Kopte,  na- 
mens Johannes,  suchte  die  hl.  Stätten  zu  schützen  und  zu  retten, 
so  viel  er  vermochte  ^).  Er  konnte  aber  nicht  verhindern,  daß 
die  Armenier  die  große  Kreuzpartikel  aus  der  Marienkapelle 
nach  Sebaste  entführten  ^),  und  die  Franziskaner,  als  sie  end- 
lich durch  Vermittlung  Franz  I.  aus  der  Haft  entlassen  wurden, 
alles  in  trostlosem  Zustande  fanden.  „Während  unserer  Ab- 
wesenheit", schrieb  der  neue  Guardian  P.  Dionysius  an  den 
französischen  König  ^),  „sind  die  heiligen  Stätten  böse  von  den 
Ungläubigen  behandelt  worden ;  diese  Orte,  besonders  auf  dem 
Sion  und  zu  Bethlehem,  drohen  in  Kürze  zusammen  zu  stürzen". 
Er  bat  daher  den  König,  ihnen  durch  seinen  Gesandten  in  Kon- 
stantinopel die  Erlaubnis  zur  Wiederherstellung  zu  erwirken. 
Tatsächlich  konnten  in  der  nächsten  Zeit  einige  Arbeiten  aus- 
geführt werden  ^). 


1)  P.  Thomas  starb  am  14.  Juli  1539  („anno  tertio  siiae  incarcerationis"); 
Vgl.  Calahorra  406. 

2)  Qiiaresmius  II  44:  „Regimen  locorum  Sanctorum  suscepit  Johan- 
nes Baptista  fratrum  interpres,  natione  cophtus,  tarnen  Catholicus,  usque  ad 
novi  guardiani  adventum.  Ita  legi  in  Sacristia  S.  Salvatoris  Jerosolymis,  et 
ab  ipso  interprete,  qui  paucis  ab  hinc  annis  obiit,  et  ab  aliis  hoc  idem  audivi, 
et  Daraasci  cum  essem  accepi,  memoriam  adhuc  superesse  fratrum,  qui  ibi  in 
castello  detenti  fuerint."  In  Bethlehem  sorgten  die  Armenier  für  die  hl.  Grotte; 
vgl.  oben  S.  161. 

3)  Bonifacius  Stephani,  De  perenni  cultu  Terrae  Sanctae  162. 

■*)  Am  23.  Oktober  1542  schrieb  der  Guardian  „Fr.  Dionysius  Sarcogna- 
nus"  an  König  Franz  I:  sie  seien  „stati  presoni  de  Turchi  per  anni  3  et 
1  2  •  •  •  siamo  stati  liberati  de  tanta  captivita  mediante  la  intercessione  dl 
vostra  Majesta,  alla  quäle  nui  tutti  frati  restiamo  obligatissimi.  Vostra  illu- 
strissima  Maiesta  his  nostris  etiam  intendeva  come,  il  quelle  tempo  che  siamo 
stati  captivi  nelle  mane  loro,  li  lochi  santti  de  Hierusalem  sono  stati  mal- 
trattati  da  essi  inlideli,  et  ditti  lochi  menazano  ruina  in  breve,  et  maxime 
monte  Syon  et  Betelera.  Pertanto,  visa  tuae  Majestatis  erga  nos  pauperes 
fratres  incomparabile  benignitate,  obnixe  ac  humiliter  iterum  atque  iterum  a 
quella  supplicamo  che  la  fino  lei  dignare  di  scrlvere  al  suo  oratore,  ch'e  ä 
Constantinopoli.  che  sua  signoria,  nomine  vestre  Majestatis,  debba  inipetrare 
questa  gratia  dal  grande  Imperator  de  Turchi,  che,  nui  poveri  frati,  possiamo 
resarcire  quelli  lochi,  che  sono  per  ruinare,  la  qualle  resarzione  non  si  puo 
far  scnza  sua   particular  licentia";    Revue   d'histoire    diplomatique  XXVI  281. 

'")  Vgl.  Golubovich,  Serie  51. 


Soliman  vertreibt  die  Franziskaoer  vom  Sion  215 

Doch  sollten  die  Franziskaner  ihres  Lebens  auf  dem  Sion 
nicht  mehr  froh  werden.  Immer  aufs  neue  mußten  sie  in  Kon- 
stantinopel Hilfe  suchen.  Im  September  1542  reiste  der  Guar- 
dian P.  Dionysius  in  die  Hauptstadt,  um  für  die  Brüder  und 
Pilger  einzutreten  ;  Jodokus  von  Meggen,  der  ihn  bis  Kreta 
begleitete,  hat  uns  die  Kunde  von  dieser  Reise  und  sein  Lob 
überliefert '). 

Die  meisten  Schwierigkeiten  kamen  von  den  türkischen 
Mönchen,  mit  denen  sie  die  Wohnung  auf  dem  Sion  teilen 
mußten.  Um  den  Brüdern  den  Aufenthalt  zu  verleiden  und  sie 
aus  freien  Stücken  abziehen  zu  machen,  wurde  alles  versucht. 
Weder  bei  Tag  noch  bei  Nacht  ließen  ihnen  die  Derwische 
Ruhe;  Erpressungen,  Kränkungen  und  selbst  Mißhandlungen 
wechselten  ab.  Und  da  die  Brüder  nicht  freiwillig  gingen, 
wurden  stets  neue  Intrigen  gesponnen,  die  sie  mit  Gewalt  aus 
dem  Kloster  bringen  sollten.  Zu  den  alten  Anklagen,  daß  sie 
Waffen  im  Kloster  versteckt  hielten,  um  dieselben  im  Kriege 
unter  die  Christen  zu  verteilen,  oder  daß  sie  Neubauten  auf 
dem  Sion  aufgeführt  hätten,  kamen  neue.  Man  warf  ihnen  vor, 
daß  sie  Frauen  den  Zutritt  zu  ihrem  Gottesdienste  gestatteten, 
oder  daß  der  Obere  des  Klosters  acht  Tage  vor  Ostern  von 
Betfage  aus  feierlich  auf  einem  Esel  in  Jerusalem  einziehe, 
während  die  Christen  ihre  Mäntel  auf  der  Erde  ausbreiteten. 
Es  wurde  Anzeige  in  Konstantinopel  erstattet  und  von -dort  dem 
Gouverneur  von  Damaskus  die  Untersuchung  übertragen.  Dieser 
kam  mit  den  Behörden  der  Stadt  ins  Kloster,  konnte  aber  nur 
feststellen,  daß  die  beiden  ersten  Anklagen  ganz  unbegründet 
seien,  die  beiden  andern  aber  alten  und  von  frühern  Sultanen 
genehmigten  Gebräuchen  entsprächen  ^). 


1)  Peregrlnatio  147:  „Guardianus  Moiitis  Syon  ob  .  .  .  perogrinorum 
gravamina  moicstiasquc  qiiae  in  dies  aiigcbantiir,  tum  ob  privata  iTÜgioiiis 
suae  negotia,  quo  tutius  illic  sui  dcgcrc  possint,  Constantinopolim  ad  'i'ur- 
carum  principem  proficisci  decrevit;  ideo  satis  oportune  nobiscum  Cretam 
usque  fuit  profectus.  Nos  vero  huius  religiosi  societate  non  parum  laeta- 
bamur;  erat  enim  rerum  omnium  cxpertus  et  peritus,  nullumque  laborem  nostri 
causa  subterfugiebat." 

2)  Calahorra  B.  V  K.  13;    Schefer,  Chesncau,  Ein!.  S.  XLIV. 


216  Solimau  vertreibt  die  Franziskaner  vora  Sion 

Doch  war  diese  Rechtfertigung  der  Brüder  ohne  Belang; 
sie  gab  den  Gegnern  nur  Anlaß,  nach  neuen  Anklagen  auszu- 
schauen. Vergebens  war  die  Reise,  die  der  Guardian  des  Sion- 
klosters  P.  Bonifacius  Stephani  au  das  Hoflager  des  Sultans 
machte,  der  im  November  1548  auf  seinem  Feldzuge  gegen  die 
Perser  zu  Aleppo  Winterquartier  bezog  und  bis  zum  8.  Juni  1549 
verblieb.  Er  brachte  wohl  von  dort  eine  Bestätigung  der  Rechte 
der  Brüder  nebst  einer  Weisung  an  die  Behörden  mit,  diese 
und  die  Pilger  zu  beschützen;  vor  seiner  Rückkehr  hatte  be- 
reits der  Santone,  der  den  Zweck  der  Reise  erraten,  eine  neue 
Aktion  eingeleitet,  die  verhängnisvoll  werden  sollte.  Er  hatte 
dem  Gouverneur  und  dem  Kadi  von  Jerusalem  sowie  andern 
Personen  eröffnet,  daß  er  verdächtige  Personen  im  Kloster  be- 
merke, die  sich  als  Pilger  eingeschmuggelt  hätten  und  einen 
Handstreich  auf  die  Stadt  zu  planen  schienen;  auch  erhob  er 
die  Klage,  daß  die  Franziskaner  nicht  aufhörten,  am  Grabe  Davids 
vorbeizugehen  und  den  Muselmannen  ihre  Geringschätzung  zu 
bezeigen.  Die  Behörden  kamen  überein,  man  solle  eine  Bot- 
schaft an  die  kaiserliche  Regierung  senden  und  alles  berichten. 
Auch  erwähnte  man,  daß  bereits  vor  fünfundzwanzig  Jahren 
das  ganze  Kloster  auf  dem  Sion  den  türkischen  Mönchen  über- 
wiesen wurde,  Khourrem  Pascha  aber  mit  andern  Beamten  von 
den  Franken  bestochen  sei  und  den  Auftrag  nur  halb  ausge- 
führt habe  '). 

Vergebens  waren  alle  Bemühungen  des  Kustos,  der  den 
Nachweis  führen  konnte,  daß  die  Pforte  selbst  den  Auswei- 
sungsbefehl geändert  und  den  Brüdern  einen  Teil  des  Klosters 
gelassen  habe.  Vergebens  waren  auch  die  Versuche  des  fran- 
zösischen Gesandten  d'Aramon,  der  am  18.  Juli  desselben  Jahres 
in  Jerusalem  eintraf,  wo  ihn  die  Brüder  nach  Aussage  seines 
Sekretärs  wie  einen  Messias  erwarteten,  da  sie  hofften,  von  ihm 
aus  den  täglichen  Widerwärtigkeiten  der  Derwische  erlöst  zu 
werden.  Er  konnte  wohl  die  Ausweisung  der  eigentlichen  Ur- 
heber und  Rädelsführer  erwirken,  das  Los  der  Brüder  aber 
nicht  wesentlich  verbessern^). 


1)  Calahorra  B.  V  K.  14.  "-)  Schefer,  Chesueau  117. 


Schluß  217 

Am  3.  Oktober  1549  erfolgte  die  Antwort  des  Sultans  auf 
die  letzten  gegen  die  Brüder  erhobenen  Anklagen;  sie  verfügte 
ihre  Vertreibung  aus  dem  ganzen  Kloster.  Nochmals  wurde 
alles  von  den  Franziskanern  in  Bewegung  gesetzt.  Am  2.  Juni 
1551  kam  die  Bestätigung  jener  Verfügung,  die  so  energisch 
lautete,  daß  ein  Aufschub  unmöglich  war.  Die  Franziskaner 
mußten  den  Sion  verlassen.  Alle  Heiligtümer  und  Stätten  des 
Berges  kamen  in  die  Hände  der  Mohammedaner  ')• 

Wenn  nun  auch  die  Franziskaner  den  hl.  Berg  Sion  ver- 
lassen mußten,  so  haben  sie  doch  nicht  ihre  Rechte  verlassen 
und  die  Hoffnung,  in  ihr  Heiligtum  und  Kloster  zurückzu- 
kehren. Wie  uns  der  westfälische  Franziskaner  Johannes 
von  Schauenburg,  der  von  1646—1648  im  Morgenlande  weilte, 
berichtet^),  pflegten  die  neuen  Obern  der  Kiistodie  bald  nach 
Ihrer  Ankunft  in  Jerusalem  mit  mehreren  Brüdern  das  Sion- 
heiligtum  zu  besuchen  und  von  demselben  im  Namen  der 
lateinischen  Kirche  Besitz  zu  ergreifen.  Noch  heute  heißt  der 
Obere  der  Franziskanerklöster  Palästinas  „Guardian  des  Berges 
Sion";  sein  Wappen  erinnert  noch  immer  daran,  daß  der  Sion 
Wiege  und  Zentrum  ihrer  glorreichen  Mission  war.  Bei  jeder 
passenden  Gelegenheit,  vom  Frieden  zu  Karlowitz  bis  in  unsere 
Tage,  zum  Frieden  von  Lausanne,  haben  sie  die  christlichen 
Machthaber  gebeten,  ihre  Rechte  geltend  zu  machen.  Werden 
die  neuen  Zeiten  und  Verhältnisse  das  alte  Recht  anerkennen? 
Was  oft  der  Erfüllung  dieses  Wunsches  im  Wege  stand,  ist 
nicht  mehr  zu  fürchten:  Auf  dem  Sion  ist  kein  Heiligtum  der 
Juden  und  Sarazenen;  die  Grabstätte  Davids  lag  an  anderer 
Stelle;  niemand  wird  in  berechtigten  Ansprüchen  gekränkt. 
Daher  erneuern  die  Franziskaner  heute  mit  Vertrauen  die  Bitte, 
ihnen  die  Stätte  ihrer  Väter  wieder  zu  schenken. 


1)  Calahorra  B.  V  K.  15;  Schefer,  Chesneau  S.  XL  VI.  Am  21.  Juli 
d.  J.  waren   die   Brüder  noch  auf  dem  Sion;    vgl.  Röhricht-Meisner  422. 

'-)  Vgl.  L.  Lern  mens,  Der  „Peregrinus  tripartitus"  des  Franziskaners 
Johannes  Schauenburg.     In:  Franziskanische  Studien,  Jahrgang  1918,   S.  182. 


Ortsregister. 


(Es  wurden  nur  die  Orte  des  Orientes  aul'genommen.) 


Abu  Ghosch  90  ül 

Ain-Karem   (St.  Johann)    3(5    153    154 

169  184  187 
Akri  1  16  23—26  29  172 
Aleppo  164  197  216 
Alexandrien  65  128  135  164   1U4   197 
Antiochien  21  22 
Arsuf  19 
Assur  29 
Ayas  138 

Beirut  135 
Betrage  169  215 
Bethanien  33  153  169 
Bethlehem,   Basilika    2    28    29    36    37 
57—59   95    97    98    108    118— 12U 
123    124     128    129     135    153    161 
166  168  184  186  187  211   214 
Hospital  74  75 
Kloster  59  73  74   127   187> 
St.  Nikolauskapelle  81  >  82 
Bethsaida  33 

Cäsarea  18 

Oaraaskus  11  66  164  172  197  204  213 
Damiette  30 
Dschenin  172 

Gaza  64  87  95   199 
Genezarcth  See  33 

llama  164 
Hebron  183  187 

Jaffa  16    21    95    98-^    100    128    172— 

176   187   194 
Jericho  187 


Jerusalem 

Geißelungsstätte  151 
Grabeskirche  2  27  29—31  33  35 
41  43  51—53  69  70  93  108 
120  124  129  1303  131  135  139 
141  143  148  151  163  166  179 
184  186  187  189  193  197 
Altar  der  Auffindung  des  hl.  Ivreu- 

zes  150  166 
Altar  der  hl.  Maria  Magdalena  53 

56  131  166  1681 
Altar  hinter  dem  Hl.  Grabe  56  163 
Chor  der  Basilika  56  160 
Gefängnis  Christi  56  160  166 
Geißelsäule  51 '  56 
Golgatha    oder   Kalvarienberg    5 

12  33  52  56  68  69  97  131  — 

134    143—145    150    157    162 

167   168  211 
Heiliges  Grab    13    29    35    38—40 

43  52  54  56  57  69  74  78  94 

97     105    115    129    131    136-^ 

137    140    141    150    151     156 

163  167—170  189  199 
Kapelle  der  hl.  Helena  156  163 
Kapelle  der  Muttergottes    55    69 

150   166   168  214 
Kapelle  unter  dem  Kalvarienbcrge 

56  144  157 
Kloster  der  Franziskaner   am  Hl. 

Grabe  70  73  74  98  127 
Ort    der    Verteilung    der   Kleider 

Jesu  160  166 
Salbungsstein  150  163  167 
Säule  der  Verspottung  u.  Dornen- 

krönung  163  166 


220 


Ortsregister 


Standort    Marions    beim    Kreuze 
163'-^ 
Hakeldama  61  186 
Haus  des  Annas  183^ 

—  des  Kaiplias  oder  Salvatorkloster 

der  Armenier  13  36  102  185 

—  der  Mutter  des  hl.  Evangelisten 

Johannes  156 

—  der  Veronika  186 
Heiligkreuzkloster  bei  Jerusalem  91 

187 
Johanniterhospital  28  18Ü    181    201 
Kirche  des  hl.  Jakobus    36    39    162 

181  190 
Lithostrotos    oder    Gerichtshof    des 

Pilatus  151   184  186 
Marienkirche   im  Tale  Josaphat    28 
33  36  57    64    78    79 1  82^   88— 
90  97  152  169 
Ölberg  152  169  186 
Omarmoschee  27  85  129  197  2U1 
Pisanerturm    oder  Turm  Davids   30 

36  162  213 
Sankt  Anna  27   152 
Sankt  Stephan  27 

Sion  9  10  12  34   36  39     51  62  66 
98  104  129  184  199 
Abendmahlssaal  9  36   40    42—51 
53  57  108   137    145    146    185 
204  ff. 
P'ranziskanerkloster  42  46 — 48  50 
71     73    82    93    97    125—130 
146     165     177    180    182    185 
188—195  201  ff. 
„Grab  Davids"    101    120  121  201 

202  206 
Kapelle  des  hl.  Franziskus  50 
Kapelle  des  Hl.  Geistes  34  ^  42  43 
48  50  78    101    121  —  123    130 
145  146 
Kapelle  des  hl.  Thomas  4;')  50  78 
146 


Maricä  Heimgang  28  30  146  148 
Marienhospital  57  74—77  83  148 

179  181   206-i 
„Oratorium  Maria"  146  148 
Tal  Josaphat  184   186 
Teich  Siloa  186 

Todesangstgrotte  64  88  152  168 
Jordan  33  169  183  184  187 

Kairo  98   115   125    127    128    134    136 

138   140  164 
Kana  33 

Kapharnaum  15  33 
Kerak  37 
Koustantinopcl  131   198  ff. 

Ivaodizea  65 

:»Iatarich  82  136 1  143-^ 
Mccka  127  138  197 
Medina  138  197 

Nablus  136 

Naim  15 

Nazarelh  15  16  18  29  33  37  155  172 

Ramleh   12   91—9  5    100  123  135  173 

176—179   199  205 
Khodus   138   140   142 

Safed  19—21 
Sankt  Saba  100  161 
Sebaste  214 

Sinai  118i  188 

Tabor  18   155 

Tarsus  17 

Tortosa  65 

Tripolis  23  65  164  205 

\%'üste  Quarantana  33  187 

Zypern  17  24   47  71  98-^  111    193  196 


Personenregister. 


I.  Franziskaner: 


Albert  von   Sartheano    107    109—111 

122  191 
Andreas  von  Foligno  172 
Angelus  von  Perugia  87- 
AngeUis  von  der  Mark  87  2 
Anselmus  von  Krakau  49 
Antonius,  Apostat  119''  195^ 
Antonius  von  Conio,  General  117 
Antonius  von  Creniona  :i2 
Antonius  von   Mugnano,   Kustos    H)')-' 
Antonius  von  Plreto,  General   72   82- 

Baithasar  von  St.  Maria,  Kustos    1 1 7 
Baptista  von  Lübeck  129  194 
Hartholoniäus  von  Alverno  70 — 79 
Bartholomäus    von    Piacenza,    Kustos 

127  180 
Bartholomaeus  von  Pisa  1') 
Benedikt  von  Alignano  19 
Bernhardin  von  Padua  81 1 
Bernhardin  von  Siena,   Kustos  i:i9' 
Bonil'acius  Ste|)hani,   Kustos  90  210 

Cantutius  77'^ 

Christophorus  von  Varese  42- 

Conradus  de  HaJIis  22 

l>aniel  de  Thaurisio  41" 

Deodatus  von  Houvergue   (Rusticinio) 

83—87 
Dionysius    von     Sarcognano,     Kustos 

214     215 

Fidenlius  von  Padua  19  31 

St.  Franziskus  von  Assis!  9  17  70  94 

Gandolf  von  Sizilien,  Kustos  110  —  117 
Geraidus,  General  41 


Gerhard  Calvetti  71  ^^  82 1  8:^—94 
Gripho  10.') 
Gundisalvus  07 

Hugo  32 

.lakobus,  Kustos  9') 

Jakobus  Dallin,  Kustos   105—107  109 

110 
Jakobus  von  Alessandria,  Kustos  127 
Jakobus  von  Puy  20 
Jakobus  von  Venedig  88- 
Jeremias  von  Genua  20 
Johannes  45 
Johannes,  Märtyrer  07 
Johannes  Bedererus  82' 
Johannes  Belloro,  Kustos   102 — 104 
Johannes  Columbus  82' 
Johannes  Thenaud  141 
Johannes    Thomacelli,    Kustos     128 — 

130  172 
Johannes  von  Aquitanien  83-  87- 
Johannes  von  Burgund  88'- 
Johannes  von  Dalmatien  85 ' 
St.  Johannes  von  Kapistran    111    117 
Johannes  von  Pisa  82 i 
Johann  von  Preußen  18G — 191 
Johannes  von  Sizilien  85'  87'  88- 
Johannes  von  Straßburg  87  * 
Johannes  von  Winterthur  2 

I..aurentius  von  Placencia  87^ 
St.  Ludwig  von  Anjou  2  44 
Ludwig  von  Bologna,  Kustos  104  105 
Ludwig  von  Bologna,  Prediger  104'^ 

i^Iarkus  von  Lisssabon  43 
Martinus  von  Aragonien  81  ^ 


222 


Personenregister 


Martinus  von  Katalonien  87  2 
Martinas  von  Slavonien  87- 
Matthäus  von  Bnrgund  88- 
Maurus,  Kustos  t3fi 

Niliolaus,  Kustos  80 

Niliolaus,  Kustos  95 

Nikolaus  Cornarius,  Kustos  94 

Nikolaus  von  Farnad  150 

Nikolaus  von  Kreta,  Kustos  82 

Nikolaus  von  Osimo  103  104   107 1  HO 

Nikolaus  von  Poggibonzi  48 

Sei.  Nikolaus  von  Sebenico,   Märtyrer 

84—87 
Nikolaus  von  Venedig,  Kustos    82   88 
Nikolaus  Wanckel  140 

Sei.  Odoricus  von  Pordenone  32 

Paulinus  von  Pozzuoli  47 
Paulus  von  Caneto,  Kustos  19:5" 
Paulus  von  Lodi,  Kustos  10 
Paulutius  von  Trinci  84  105 
Philipp  de  Aversa  lOö-^ 
Petrus  Cocclarius  87  ^ 


Petrus  de  Petragoris  88  2 

Petrus  von  Bordeaux  83-  87- 

Petrus  von  Narbonne  84 — 87 

Petrus  von  Neapel,  Generalvikar   193 

Petrus  Verniero  10 

Polo  841  93'' 

Richardus  Anglus  82  * 

Roger  Gaiini,  erster  Oberer  41 — 46  80 

Scolarius  lOfi 

Simeon  von  Mailand  172 

Simon  32 

Steplianus  de  Cunis  84 — 87 

Surian  127  143  144 

Thomas  von  Auxerre  82 1 
Thomas  von  Norcia,  Kustos  213 

Valerius,  Apostat  119"'  195^ 
Vinzenz  von  Gallicano  10 

Waltlier  von  Guglingen  44 
Wilhelm  von  Castellamare  G4  65 
Wilhelm  von  Ruysbroek  16 


n.  Andere  Personen: 


A'dschami    ]\Iahammed    al.    Derwi.sch 

202-  206' 
Albira,    Stifterin    des   Marienhospitals 

au!  dem  Sion  75  181 
Alexander  IV.   17 
Alexander  VI.    1303  190 
Alexander,  Pfalzgraf  128 
Alexis  IV.  Comnenus  108' 
Andreas,  Erzbischof  von  Rhodus  96 
d'Anghiera,  spanischer  Gesandter  134 

—136 
d'Aramon,  französischer  Gesandter  216 
Aschraf  Chalil,  Sultan  1  24 

Bajaset,  Sultan  124 
Barbarigo  Augustin,  Doge  180 
Barkuk,  Sultan  12  93 
Barsabai,  Sultan  57 1  97  99 
Bibars,  Sultan  15  18—23 
Bortmann  von,  Pilger  48 
Boemund,  König  22 


Bogislaus  X.,  Herzog  von  Pommern, 
Pilger  192 

Bragadino  Peter,  Gesandter  von  Vene- 
dig 207 

Branbork  Jan,  Pilger  177 

Brancacci  Felix,  Gesandter  von  Flo- 
renz 97 

Brandenburg  Albrecht  von,  Pilger  48 
923 

Brandenburg  Johann  von,  Pilger  48  923 

Breitenbach,  Domherr  aus  Mainz  74 

St.  Brigitta  81 1 

Buondelmonti  Anton,  Pilger  183 

Burkard,  Dominikaner  28 

Caumont,  Pilger  94 
Celsi  Lorenzo,  Doge  63  88 
Cesarini,  Kardinal  1073  \\q  m 
Chesneau,  Gesandschaftssekretär   207 
Gontarini,  Konsul  zu  Alexandrien  63 
Contarini  Thomas,  Konsul  zu  Alexan- 
drien 136  140  142 


Personenregister 


223 


Deodarus,    Beschützer    der    Christen 

198  3 
Djalimak,  Sultan  114—117 
Djem,  türliischer  Prinz  124 
Diepolt  von  Haspberg,  Pilger  177 

Ejjub,  Sultan  31 
Elisabeth  von  Kastilien  193 
Elphahallo,    Dolmetscher    und    Pilger- 

führer  189^ 
Ertoghrul  196 
Eugen  IV.  73  104-117 

Fabri  Felix,  Dominikaner  44 
Fachr  Eddin,  Beschützer  der  Franzis- 
kaner 127 
Federighi,    Gesandter  von  Florenz  97 
Ferdinand  von  Aragonien    und   Kasti- 
lien 128  134  193 
Franz  I.,  König  von  Frankreich  208  — 

210  212  214 
Frescobaldi,  Pilger  r)4 
Friedrich  II.,  Kaiser  7  14   1(! 
Füßli  Peter,  Pilger  204 

Oaudenz  von  Kirchberg,  Pilger  182*' 

Gazello,  Jakobite  181« 

Geroldus,  Patriarch  7 

Ghaseli,  Gouverneur  von  Damaskus  200 

Ghistele,  Pilger  92 

Goverts,  Pilger  208 

Gregor  IX.  8 

Gregor  XI.  81 1  82  148 

Grethenius,  Archimandrit  "lO 

Grünemberg,  Pilger  171 

Gucci,  Pilger  54 

Gumpenberg,  Pilger  93 

Ilakim,  Sultan  7 

Heinrich  VIII.,  König  von  England  193 

St.  Hieronymus  7 

Hohenfels  von,  Pilger  48 

Hugo,  Erzbischof  von  Nikosia  90 

Hugo,  Templer  20 

Jakob,  Christ  zu  Jerusalem  12 
.Jakob  von  Verona,  Augustiner  15 
Jakob  von  Vitry,  Patriarch   18 
Jakob,   König  von  Äthiopien    113  115 


Jakob  IL,   König  von  Aragonien    32 ^ 

38  40 
Ibrahim  Pascha,  Großvezier  200—213 
St.  Ignatius  von  Loyola  204  205 
Ignaz  von  Smolensk,  Pilger  58' 
Innozenz  III.  29 
Innozenz  IV.  31 
Innozenz  VI.  64  75  77  88 
Innozenz  VIII.  193 
Jodokus  von  Meggen,  Pilger  129 
Johanna  I.,  Königin  von  Neapel  57  62 

64  77  88 
Johanna  IL,  Königin  von  Neapel   102 
Johannes  XXII.  38 
Johannes  XXIIL  71  ^ 
Johannes    de   la   Foret,    französischer 

Gesandter  212 
Johannes!.,  König  von  Aragonien  84 1 

93 
Johannes  Martinus,  Prokurator  111 
Johannes,  Patriarch  von  Grado  95 — 97 
Johannes  von  Solms,  Pilger  190 
Johannes  von  Zimmern,  Pilger  190 
Johannes,    Patriarch  von  Aiexandrien 

112 
Isabella  von  Kastilien  193 
Julius  IL  138 

lialaun,  Sultan  16  2:5  24 
Kalixt  IIL  73 
Karl  der  Große  7 
Karl  der  Kühne  193 
Karl  V.  200  213 
Khourrem  Pascha  204  216 
Klemens  VL  42  49  61  69  71 

I.ie  Roy,  französischer  Gesandter  141 
Lochner,  Pilger  48 
Loredano,  Doge  180^  196 
Ludolf  von  Suchem,  Pilger  15 
Ludovisi,  venezianischer  Gesandter  212 
Ludwig  IX.,  König  von  Frankreich  15  16 
Ludwig  XII.,  König  von  Frankreich  141 
Luise,  Herzogin  von  Savoyen  141 

Iflakrizi,  arabischer  Chronist  19 
Marco  Minio,  venezianischer  Gesandter 

200 
Margareta  von  Henneberg  193" 
Margarete  von  Sizilien  2  45 


224 


Personenregister 


Marian  von  Siena,  Pilger  92 
Martin  V.  95  97   102   lOr.  1062 
Martoni,  Pilger  92 
Maximilian  I.,  Kaiser  193 
Medici  Cosimo  109- 
Medici  Lorenzo  109^ 
Melek-el-Kamel,  Sultan  7  KP  18 
Melek-el-Mansiir,  Sultan  IS 
Melek-el-Moaddem,  Sultan  30 
Mergenthai,  Pilger  128 
Mocenigo  Leonhard,  Pilger  97 
Mocenigo  Thomas,  Pilger  97 
Mohanimed-el-Mochner,  Scheich  119 
Morosini,  Pilger  1(53 
Moudjir-ed-dyn.     arabischer    Chronist 

1281 
Murad  IL,  Sultan   111 
Muzaler,  Sultan  1 1 

JVassir,  Sultan  2  37—41   49 
Nikodemus,  Archimandrit  113 
Nikolaus  V.  119  192 
Nikolaus,  Markgraf  von  Este,  Pilger  92 

Oliver,  Pilger  30 
Omar,  Kalife  27  118 
Orchan,  Sultan  190 
Osman.  Sultan  190 

Perez  Philipp  von,    Konsul    135    140 

142 
Peter  IV.,  König  von  Aragonien  63  04 
Peter  I.,  König  von  Zypern  65  66 
Peter  von  Vandrey,  Baumeister  119 
Philipp  IV.,  König  von  Frankreich  39 
Philipp  der  Gute,  Herzog  von  Burgund 

92   119—123   128   177   193 
Philipp  von  Hagen.  Pilger  164 
Pius  II.  129 
Poloner,  Pilger  79  ^ 
„Priester  Johannes"  35 


Qansu  Guri,  Sultan  12  133  —  144  196 

197  199  211 
Quat  Bei,  Sultan  124—127  148  190 

Radziwill  Nikolaus,  Pilger  198,  199 
Ricoldus,  Dominikaner  8 
Robert,  König  von  Neapel  2  43  57  79 
Rochechouart,  Bischof  93 
Rokneddin,  Sultan  58 

Sabathytanco,  Pilgerführer  175^ 

Saladin  7  27—29 

Sanutus  Marinus  14 

Sanzia,  Königin  von  Neapel   2    43  57 

79  93 •'^  192 
S  wulf,  Pilger  55 
Sciaban,  Sultan  82 
Selim  I.,  Sultan  190—199 
Soliman,  Sultan  199—217 
Sophia,  Gründerin  des  Marienhospitals 

auf  dem  Sion  75  146  181 

Theodorich,  Pilger  30 

Tholmar,  Pilger  29 

Trevisan    Dominikus,     venezianischer 

Gesandter  142  143 
Trevisan  Jakob,  Pilger  97 
Tucher,  Pilger  132 
Tuman,  Sultan  197 

Urban  V.  47  64  88  140 

Urban  VI.  83 

Uzbek  Jbn  Tatach,   Atabeg   124—127 

Veniero,  Doge  94 

Walther,  Bischof  von  Salisbury  29 
Wilbrand,  Pilger  29 
Wilhelm  von  Boldensele,  Pilger  34  ^ 
Wilhelm  von  Thüringen,  Landgraf  171 

Zacharias,  Erzbischof  41 
Zen    Peter,   venezianischer  Gesandter 
203  207 


Berichtigungen : 

S.      2  Z.  27:   das  statt  daß. 

S.    88  Z.     5  von  unten:    Cicilia  statt  Cilicia. 


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